Keiner mochte George Washington, niemand wollte sich länger mit ihm beschäftigen. Als der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am späten Nachmittag des 23. November 2001 in die Online-Enzyklopädie Wikipedia einzog, kam er gerade mal mit zehn Zeilen Text. Und er kam ohne Todesdatum, ein Untoter im kollektiven Wikipedia-Gedächtnis. Erschöpfend beantwortet wurde hingegen die Frage, wie viele Sorten Kryptonite es gibt, das ist jenes Element, das Superman töten kann. Es sind 14. Sagt das schon alles? Ist Wikipedia nur ein virtueller Käfig voller Wirrköpfe und Narren?

Wikipedia ist eine Enzyklopädie im Internet. Aber im Gegensatz zum Brockhaus oder zu anderen klassischen Enzyklopädien kann an Wikipedia jeder mitschreiben. Es gibt keine Filter, keine Experten, niemanden, der in Fachfragen ein letztes Wort hätte. Jeder Internet-Nutzer darf bei Wikipedia Artikel schreiben oder vorhandene ändern. Den Eintrag zu George Washington in der englischen Ausgabe hatte der Benutzer mit dem Netznamen 129.128.91.xxx geschrieben. Es war sein elfter Beitrag. Zwei Tage zuvor hatte er sein Debüt mit einem Dreizeiler über Esoterik gegeben.

Der Brockhaus-Artikel über George Washington wurde von einem deutschen Professor für Amerikanistik geschrieben; auch er blieb anonym, denn der Brockhaus ist der Brockhaus und kein Autorenprojekt. Der Artikel wurde 1996 für die 20. Auflage von einem Fachredakteur redigiert und für die neue Auflage von 2005 erneut von einem Amerikanistikprofessor durchgesehen. Der Artikel ist eineinhalb Spalten lang – das Wissen der Welt muss eben auch in ein Bücherregal passen.

Der Wikipedia-Autor 129.128.91.xxx hat seinen Artikel über Washington nie wieder besucht. Auch sonst interessierte sich lange keiner für den Eintrag. Erst im Januar 2002 kamen kleine Ergänzungen hinzu: ein Verweis darauf, dass Washington zuerst mit dem deutschen Wort "Landes Vater" bezeichnet wurde, bevor man ihn "Father of Our Country" nannte. Im Juli ließ ein Wikipedianer namens Danny George Washington dann endlich sterben. Zusammen mit dem Todesdatum ergänzte er eine übersichtlich formatierte Infobox. Ein gewisser Blue erstellte kurz darauf so etwas wie eine Gliederung, und ein GABaker fügte ausführlicheres historisches Material bei. Danny führte mittlerweile über 23800 Redigaturen in der englischen Wikipedia aus. 129.128.91.xxx hat die Wikipedia-Welt nach eineinhalb Monaten und 38 Einträgen verlassen.

Heute schreibt dieser, morgen jener; was gestern wahr war, muss es heute nicht mehr sein, und übermorgen gilt wieder etwas anderes. Es gibt keine Verpflichtung bei Wikipedia, keine Büros, keine Bezahlung, nur eine stetig anschwellende Zahl anonymer Mitarbeiter. Eigentlich ist es das Rezept für totales Chaos. Kann so ein ernst zu nehmendes Lexikon entstehen?

Die englische Version von Wikipedia verfügt mittlerweile über 1,35 Millionen Artikel; der Internet-Ranking-Service Alexa, der die am häufigsten aufgerufenen Web-Seiten im Internet auflistet, führt Wikipedia auf Platz 17. Wer bei Google die Begriffe "Beirut", "al-Qaida" oder "Terror" sucht, erhält als ersten Eintrag immer den Wikipedia-Artikel zum jeweiligen Suchwort. Es gibt Wikipedia mittlerweile in 230 Sprachen, die deutsche ist nach der englischen Ausgabe mit über 457000 Artikeln die zweitgrößte. Wikipedia regiert die Welt des Wissens. Wie ist das geschehen?

Der Artikel "George Washington" wuchs in den folgenden Jahren langsam heran. Es gab Streit über angebliche antisemitische Äußerungen Washingtons und eine Diskussion über seine konkrete Todesursache. Nach dem Eintrag eines Spaßvogels lebte er elf Tage lang als "der erste Pinguin der Vereinigten Staaten" in Wikipedia. Bis zum Juli 2006 war der Artikel auf 16 Seiten, 19 Bilder, 35 Fußnoten und 39 Quellenverweise angewachsen, am Ende wurde er von der Wikipedia-Gemeinde als herausragender Artikel nominiert.

Und dann zerstörte der Kultmoderator Steven Colbert in einem New Yorker Fernsehstudio den mühsam erworbenen guten Ruf. Vor 1,2 Millionen Zuschauern, die seinen satirischen Colbert Report eingeschaltet hatten, lobte er Wikipedia für ihre "Wikiality" – für ihre zum Teil selbst geschaffene Realität. Als Beweis tippte er unter den Absatz, der Washingtons Sklavenhaltung schildert: "Zusammengefasst, George Washington besaß keine Sklaven." Nachdem der Artikel daraufhin über Stunden begeistert von Vandalen heimgesucht wurde, denen Colbert das stimulierende Stichwort geliefert hatte, wurde der Zugang schließlich gesperrt. Die Höchststrafe war verhängt worden.

Was ist wahr, und was ist nicht wahr? Wer in der Sklavenfrage sichergehen wollte und den Brockhaus aus dem Regal zog, stutzte auch hier. Dort ist George Washington zwar wahrhaftig tot, mit Sklaven kommt er jedoch nicht in Berührung. Sie werden im Brockhaus schlicht nicht erwähnt. Das Thema ist offenbar zu unwichtig im Vergleich zum politischen Wirken des George Washington. Bei Wikipedia ist das anders. Dort gibt es immer irgendjemanden, der auch weniger Wichtiges oder Abseitiges interessant findet und darüber schreibt. Es ist ja genug Platz vorhanden.

Wikipedia hat das Archivieren von Wissen demokratisiert. Aber was bedeutet das für das Wissen und für die Wahrheit? Die beiden Gründungsväter von Wikipedia, Jimmy Wales, 40, und Larry Sanger, 38, hatten darüber von Anfang an sehr unterschiedliche Auffassungen.

Jimmy Wales sitzt in einem kleinen Appartement in Evanston, einem ruhigen Uni-Städtchen am Michigan-See, eine halbe Stunde von Chicago entfernt. Seine fünfjährige Tochter Kira nimmt hier an einem Sommercamp für begabte Kinder teil, deshalb ist die ganze Familie den Juli über von St. Petersburg in Florida nach Evanston gezogen. Wales sitzt in kurzen Hosen, dicken grauen Wollsocken und einem T-Shirt auf dem Sofa, beantwortet E-Mails und trinkt Kaffee. Sein Bart bedeckt das halbe Gesicht, seine Augen sind gerötet. Er sieht aus, als sei er gerade aus einem Zelt gekrochen. Und tatsächlich hat er wenig geschlafen. Erst sehr spät in der Nacht ist er von Necker Island zurückgekommen, der Privatinsel Richard Bransons, des Besitzers von Virgin Airlines. Branson hatte Wales, die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, dazu Peter Gabriel, Jimmy Carter und Desmond Tutu eingeladen, um darüber nachzudenken, wie man Afrika helfen könne. Hin zur Rettung der Welt ging es im Privatjet Bransons, zurück per Linienflug. Das fühlt sich dann wie auf einem Zeltplatz an.

Auch Larry Sanger ist müde. Er telefoniert in seinem Haus in den Bergen von Santa Cruz, schaut durch dicke, runde Brillengläser und ringt um Konzentration. Er ist gerade Vater geworden. Viel haben sich Wales und Sanger heute nicht mehr zu sagen. Wikipedia hat sie entzweit.

Jimmy Wales wurde 1966 in Huntsville, Alabama, geboren. Der Vater besaß einen Gemischtwarenladen, die Mutter leitete eine eigene kleine Schule. Huntsville war das Südstaaten-Städtchen, in dem seit den fünfziger Jahren unter der Leitung von Wernher von Braun die Saturn-Raketen und das Apollo-Programm entwickelt wurden. Als die Nasa Anfang der sechziger Jahre das Marshall Space Flight Center eröffnete, wurde Huntsville als Raketenstadt berühmt. Schon mit vier Jahren begann Wales zu lesen. Mit Vorliebe in der World Book Encyclopedia, die seine Mutter 1968 von einem Handlungsreisenden gekauft hatte.

Bis zum 13. Lebensjahr wurde Wales von seiner Mutter unterrichtet. In ihrer kleinen Schule saßen Kinder aller Altersstufen zusammen, es gab viel Zeit zur freien Verfügung, und die Kinder halfen sich gegenseitig. Eine unorthodoxe Lehrmethode, die den Behörden nicht gefiel. Sie machten der Schule das Leben schwer, obwohl die Leistungen der Schüler gut waren. Seitdem ist Jimmy Wales nicht gut auf den Staat, seine Behörden und jegliche Art von Bevormundung zu sprechen. Tochter Kira wird – in den USA ist das homeschooling erlaubt – daher zu Hause unterrichtet.

Den Highschool-Abschluss machte Wales ebenfalls auf einer Privatschule. Im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen besaßen sie 1979 nämlich schon Computer. Danach studierte er Finanzwissenschaften, begann zweimal eine Promotion, brach jedoch jedes Mal ab und fing 1994 als Optionshändler in Chicago an. Seitdem ist Geld keine seiner Hauptsorgen mehr.

Wie jeder echte nerd – der amerikanische Ausdruck für den bleichen, nicht gerade beliebten, aber intelligenten Eigenbrötler in einer Klasse – trug auch Wales früh eine Brille. Und durch die starrte er nach der Highschool immer begeisterter auf den Computer. Er hatte das use-net entdeckt, die allererste Form eines Diskussionsforums im Netz. Zwei Studenten der Duke-Universität hatten es 1979 erdacht. Es gab diverse Themengruppen, und Wales schrieb regelmäßig im Philosophie-Forum. Er interessierte sich für den Objektivismus der Schriftstellerin Ayn Rand. Mit 20 hatte er ihre Bücher zu lesen begonnen und war wie sie davon überzeugt, dass allein der Gebrauch der Vernunft den Menschen weiterbringe und unabhängig mache. Wie aber wird man vernünftig?

Die meisten Foren waren völlig chaotisch. Jeder Beitrag wurde ungefiltert an die Teilnehmer geschickt. Es kam zu persönlichen Angriffen und verbalen Ausfällen. Anstatt zu diskutieren, wurde gepöbelt. Mit der Vernunft war es schnell vorbei.

1992 gründete Jimmy Wales ein eigenes Forum, in dem er sich als Moderator dazwischenschaltete. Alle Beiträge gingen zuerst an ihn, auf diese Weise wollte Wales Provokationen vermeiden. Ansonsten hatte Wales keine Regeln, und dennoch fanden die Teilnehmer nie zu einem Konsens.

Es waren diese Foren, die Wales früh die diffizile Psychologie der Massen lehrte. Vor allem lehrte sie ihn, wie schwierig es ist, allein durch Argumente Autorität zu erlangen, und wie schnell jegliche Art von ordnendem Eingreifen angezweifelt wird. Der Zensurverdacht machte jegliches Bemühen um Qualität zunichte.

Damals, Anfang der neunziger Jahre, war das Netz ein Land ohne Straßen- und Verkehrschilder. Jeder rumpelte irgendwie in der Gegend herum, selten fand man, was man suchte. Wales begann darüber nachzudenken, wie man das Netz ordnen und indexieren könne. Yahoo hatte 1995 mit großem finanziellem Aufwand den ersten Versuch gemacht: Kategorien festgelegt und das Netz nach Seiten sortiert, die dazu passten. Es war das Prinzip des Telefonbuches.

Wales bezweifelte, dass man auf diese bürokratische Weise die Interessen der Nutzer ausreichend befriedigen könne. Und er erinnerte sich an einen Text, den er als Student gelesen hatte, Friedrich Hayeks Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft aus dem Jahr 1945, in dem der Ökonom argumentiert, dass eine zentralisierte Gesellschaft nie so effizient sei wie eine dezentralisierte. Denn das Wissen des Einzelnen sei immer unvollkommen. Wahrheit könne nur entstehen, wenn die Menschen ihr Wissen zusammenführten. Für Wales stand fest: Auch das Ordnen des Netzes muss dezentralisiert werden. Es war das Prinzip des Bienenschwarms.

Auf die Idee waren natürlich auch andere gekommen. Web-Ringe waren entstanden, thematisch ähnliche Web-Seiten, die von Internet-Nutzern selbst nach persönlichem Interesse erstellt und permanent – und kostenlos – erweitert wurden.

Wales machte sich die Idee zu Eigen und gründete mit zwei Partnern 1996 das Portal Bomis. Bomis-Nutzer konnten kostenlos Ringe im Netz bauen. Sie taten es mit Vorliebe um die Themen Unterhaltung, Sport, Science-Fiction und "Babes". Das Netz schien ausschließlich aus Star Trek- Fans und Playboy- Lesern zu bestehen. Wales verdiente viel Geld mit Werbung und einem Bomis-Premium-Angebot, das aus noch mehr nackten "Babes" bestand.

In den Foren war Jimmy Wales eines Tages auf den Philosophiestudenten Larry Sanger gestoßen. Sanger war zwei Jahre jünger, sein Fachgebiet war die Wahrheit. Ihn interessierte die Frage, wie Wissen entsteht. Wales glaubte an die Definition von Ayn Rand, für die Wahrheit immer kontextabhängig ist, Sanger wehrte sich gegen die Definition, dass alles Wissen relativ sei. Zu einer Einigung kamen die beiden nie.

Larry Sanger war im Gegensatz zu Jimmy Wales in einem streng akademischen Umfeld groß geworden. Sein Vater war Meeresbiologe, Sanger selbst kam am besten in einem klar organisierten Umfeld zurecht. Fehlte das, war er schnell frustriert und zog sich zurück. Auch von den Philosophie-Foren war Sanger nach kurzer Zeit enttäuscht. Sie erschienen ihm als eitles Spiel, Sanger aber suchte Erkenntnis, und so startete er sein eigenes Forum, die Association for Systematic Philosophy. Die Teilnehmer mussten Experten sein. Doch trotz aller Strenge erfüllten sich auch hier Sangers Erwartungen nicht. Wie in der Schule verlor er das Interesse und zog sich enttäuscht zurück.

Allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz hatten sich Sanger und Wales angefreundet. Beide interessierten sich für Computer, beide konnten sich für Monate in einem Thema verlieren, und so besuchte Sanger Wales einige Male in Chicago. Anfang 2000 schlug er Wales eine Art News-Blog im Netz vor. Wales reagierte mit einer Gegenidee. Er wollte eine freie Online-Enzyklopädie aufbauen.

Auch diese Idee hatten schon andere, aber keiner hatte sie bis dahin umgesetzt. Wales war in großer Eile. Sanger sollte Nupedia aufbauen, die erste freie Online-Enzyklopädie, die Erlöse aus Bomis sollten das Projekt finanzieren. Im Februar 2000 zog Sanger nach San Diego, wo Wales mittlerweile mit seiner Frau wohnte, im März wurde Nupedia ins Netz gestellt, im Juni promovierte Sanger zum Doktor der Philosophie.

Wales ließ Sanger alle Freiheiten. Er stellte nur eine Bedingung, er wollte, dass das Projekt offen für jeden war. Sanger hielt sich daran – so gut es ihm möglich war. Er ließ zwar den Zugang offen, aber dahinter baute er sieben Expertenkontrollen. Nupedia war besser gesichert als das Weiße Haus.

Der erste Artikel – Atonalität von Christoph Hust –, der es durch die Kontrolle schaffte, brauchte sieben Monate. Nach einem Jahr gab es 20 Artikel. Nupedia wollte einfach nicht wachsen. Sanger überlegte, wie er Nupedia retten könnte, kostengünstig, denn Wales wollte nicht mehr Geld ausgeben. Dass die Lösung, die er schließlich fand, gleichzeitig das Todesurteil für Nupedia sein würde, wusste er damals noch nicht.

Im Januar 2001 erzählte ein Freund Sanger von einer Software, die der Programmierer Ward Cunningham erfunden hatte. Es war das Programm für eine Web-Seite, die es jedem Benutzer im Netz ermöglichte, auf sie zuzugreifen und an ihr zu arbeiten. Zusätzlich speicherte das Programm alle alten Versionen der Seite ab, sodass jeder Veränderungsschritt nachvollzogen und jede Version mit einer älteren verglichen werden kann. Er hatte die Software Wiki genannt, das hawaiianische Wort für schnell.

War das nicht genau das, was Nupedia brauchte? Sanger schrieb noch am gleichen Abend ein Exposé für Wales. Cunningham hatte die Wiki-Software unter der Open-Source-Lizenz veröffentlicht, sie war für jeden zugänglich und kostete nichts. So etwas hatte Wales gesucht. Am 10. Januar 2001 ging die erste Wiki-Seite auf Nupedia online.

Die Nupedia-Experten waren entsetzt. Sie befürchteten, dass sich nun Wildwuchs ausbreiten würde. Auf der Wiki-Seite mussten ja keine ganzen Artikel mehr geschrieben werden. Jeder konnte einfach einen Anfang machen, irgendwer würde schon weiterschreiben. Jeder konnte einen Fehler machen, irgendwer würde ihn schon beheben. Damit wollten die Nupedia-Leute nichts zu tun haben. Also entschieden Wales und Sanger, die Wiki-Seiten unter einer eigenen Domain zu eröffnen. Am 15. Januar 2001 ging Wikipedia online.

Weder Sanger noch Wales nahmen es übermäßig ernst. Wales tummelte sich vor allem in der Waffenabteilung, ergänzte ein bisschen zu den Artikeln Shotgun, gun safety, M16A, M16 rifle, Gun politics. Nach einem Monat hatte Wikipedia 600 Artikel, nach fünf Monaten 3900, nach einem Jahr waren es 20000, und Google katapultierte sie immer schneller in das Bewusstsein von jedem, der einen Internet-Anschluss besaß. Sowohl Sanger als auch Wales hatte diese Lawine völlig unerwartet erwischt.

Zur gleichen Zeit begann man bei Brockhaus in Mannheim und Leipzig darüber nachzudenken, ob man den Großen Brockhaus in einer neuen, einer 21. Auflage herausbringen sollte. Es wurde gerechnet. Bis zu 70 Fachredakteure und über 700 wissenschaftliche Autoren brauchte so ein Projekt, für das ein zweistelliger Millionenbetrag aufgewendet werden musste. Die Klassifizierung des Wissens musste völlig neu überarbeitet werden. 98 Hauptgebiete waren durchzusehen, es musste über neue Stichwörter entschieden werden und über die Streichung von alten. Es wurden Facharbeitsgruppen von vier bis fünf Redakteuren gebildet, Vorschläge für neue Stichwörter wurden erarbeitet und vorgestellt. Vier Monate wurde diskutiert, überdacht und gekämpft. Dann war klar, der Rapper Eminem kommt rein, der Begriff "Abwrackaktion" fliegt raus.

Vor allem über die Neugewichtung des Wissens musste befunden werden, denn ohne Gewichtung gibt es keine Vergleichbarkeit von Wissen. An der Länge eines Brockhaus-Artikels soll man seine allgemeine Bedeutung für ein – deutschsprachiges – Publikum ablesen können. Und so entschied sich die Redaktion, Begriffe wie Fortschritt, Massenmedien, Rationalisierung oder Technikfolgenabschätzung von ehemals Schlüsselartikeln auf normale Artikel zurückzustufen. Themen, die an Bedeutung gewannen, waren Alzheimer, Doping, Essstörungen, Wellness, Internet und Terrorismus. Und der ganze Themenbereich Afrika und Lateinamerika wurde ausgebaut. Zum Schluss war der neue Brockhaus von 17539 auf 24500 Seiten gewachsen. George Washington blieb übrigens der Alte. Er erhielt jedoch ein neues Bild, und es wurde ihm eine Originalpassage seiner Abschiedsbotschaft beigefügt.

Was gehört in eine Enzyklopädie? Die Voraussetzungen, unter denen Sanger diese Frage für Wikipedia klären musste, waren gänzlich andere. Er begann mit einem Artikel What Wikipedia is not. Demnach sollte Wikipedia kein Diskussionsforum sein, kein Wörterbuch, kein Ort, an dem man seine akademische Forschung veröffentlichen kann, keine Fan-Seite. Und natürlich wurde über jeden Ausschluss heftig diskutiert. Manche verließen das Projekt im Streit.

Aus den Mailing-Listen hatten Sanger und Wales gelernt, dass in einer Anarchie Meinungsverschiedenheiten schnell sehr hitzig werden. Also legten sie die Regel fest, dass Artikel von einem neutralen Standpunkt aus geschrieben sein und sich auf die reinen Fakten beschränken müssen. Meinungsverschiedenheiten sollten auf den Diskussionsseiten, die zu jedem Artikel gehörten, ausgetragen werden.

Sanger stellte noch einige weitere Regeln auf (die Zwischenüberschriften in Kapitälchen, jeder Artikel soll mit einem ganzen Satz beginnen), und dann war er auch schon an die Grenzen der Gemeinschaft gelangt. Wikipedia war so schnell gewachsen, dass es unmöglich wurde, zu irgendeiner Regel noch einen Konsens zu finden. Wikipedia hatte nach einem halben Jahr 60 Mitglieder. Nach einem Jahr waren es schon 352.

Sanger war klar, ganz ohne Autorität ging es nicht. Doch mit dem Zustrom von neuen Mitgliedern Mitte 2001 wurde seine Autorität immer stärker infrage gestellt. Sanger wollte Effizienz, Qualität und Konzentration auf die Enzyklopädie. Seine Gegner wollten Freiheit. Sanger wollte ein perfektes Lexikon, seine Gegner die perfekte Gemeinschaft.

Jimmy Wales hielt sich während der ganzen Debatte zurück. Sanger dagegen stand mitten auf dem Kampffeld, und er nahm die Schlacht bitterernst. Er sah mit an, wie Akademiker, die er sehr schätzte, Wikipedia über endlose Diskussionen frustriert verließen, denn die Gemeinschaft honorierte Engagement, nicht intellektuelle Reputation. Auf diese Weise konnte ein 20-jähriger Anarchist einem promovierten 40Jährigen den letzten Nerv rauben.

Als ein Benutzer sogar den Vandalismus auf Wikipedia zu archivieren begann, löschte Sanger kurzerhand das ganze Archiv. Ohne Diskussion. Die Gegner liefen Sturm. Ein endloser Kleinkrieg entbrannte. Am 1. November 2001 stellte Sanger in einem Essay Is Wikipedia an Experiment in Anarchy? die Vertrauensfrage. Am 1. Dezember teilte Bomis ihm mit, dass er sich nach einem neuen Job umsehen solle. Am 1. März 2002 verließ Sanger Wikipedia, gab fortan Geigenunterricht und später Collegekurse in Philosophie. Seit dem vergangenen Sommer arbeitet er im Silicon Valley an einem Projekt, das die bessere Wikipedia werden will.

Ja, so war das alles. Wales steht von seinem Sofa in Evanston auf. Eine Socke fällt aus seinem Hosenbein. Tochter Kira ist mit dem Sohn der Chefredakteurin der Oxford Dictionaries zum Spielen verabredet. Seine Frau hat Frühstück gemacht, jetzt sucht sie nach dem Kindersitz. Draußen sind es 40 Grad, und die Klimaanlage in der Wohnung funktioniert nicht. Wales lächelt abwesend. Er wirkt, als könne ihn nicht mehr viel aus der Ruhe bringen.

Seit Sanger Wikipedia verlassen hat, ist Jimmy Wales der einzige Kopf der Online-Enzyklopädie. Mittlerweile hält er überall auf der Welt Vorträge, bis Mitte nächsten Jahres ist er ausgebucht. Im Mai 2006 ernannte das Time magazine Wales zu einem der 100 einflussreichsten Menschen.

Wales ist von San Diego nach St. Petersburg, Florida, gezogen, weil dort die Immobilienpreise niedriger sind und man fast keine Steuern zahlt. Dort hat er Mitte 2003 die Wikimedia Foundation gegründet hat, eine spendenfinanzierte Stiftung, deren größtes Projekt Wikipedia ist. Die meisten Spenden haben Taschengeldgröße. Im März spendete ein deutscher Anonymus einen Euro mit der Notiz "Danke für die Klausurvorbereitung".

Fünf bezahlte Mitarbeiter hat die Stiftung, die drei Büroräume sind mit Kartons, eingedellten Metallschreibtischen und alten Bürostühlen voll gestellt. Der blaue Teppichboden hat schon viel Kaffee und Cola schlucken müssen.

Wer wissen will, wer Wikipedia wirklich macht, muss sich die Wikipedia-Statistik ansehen. Hier werden sie gezählt (2,14 Millionen registrierte ehrenamtliche Mitarbeiter) nach Interessensgebiet, Fertigkeiten oder Lieblingsschriftsteller sortiert. Auch nach der Anzahl der Redigaturen werden sie hier geführt, wie stolze Sportler bei Olympia. Mit ihrem wirklichen Namen erscheinen die wenigsten. So erfährt man auf der Benutzerseite von Zephyrad, einem Jack-Kerouac-Fan, lediglich, dass er aus Nevada kommt, an einem Dienstag geboren wurde, Ukulele spielt und Linkshänder ist. Wikipedia ist ein Jahrmarkt der merkwürdigsten Eitelkeiten.

Das spiegelt sich auch in den Artikeln wider. Jeder ist stolz auf sein Spezialwissen, und so entstehen Miniaturartikel wie der über Fioravanti, einen Cola-ähnlichen Softdrink aus Ecuador, über "Music for Cats" oder einer, der die Währungen auflistet, die auf dem Dezimalsystem basieren. Und wer kein Spezialist ist, der hat wenigstens eine Meinung. So entstehen oft endlose edit-wars, Redigatur-Kriege, in denen zwei oder mehrere Benutzer abwechselnd die Änderungen des anderen Benutzers an einem Artikel rückgängig machen, einfach weil sie anderer Ansicht sind.

So streiten sich Wikipedianer zum Beispiel bis aufs Messer über den Regisseur Werner Herzog, geboren 1942 in Deutschland, Sohn einer deutschen Mutter und eines jugoslawischen Vaters. Was macht das aus ihm? Einen Kroaten oder einen Serben? Sie liefern sich Wortgefechte über die richtige Schreibweise von Istanbul oder über die Frage, ob es Gdańsk oder Danzig heißt. Die Frage, ob Britney Spears auf die Liste der Jungfrauen gehört, hat sich mittlerweile erledigt. Sie ist Mutter geworden, und selbst auf Wikipedia glaubt keiner an die unbefleckte Empfängnis. Aber: Ist Europa wirklich ein Kontinent?

Trotzdem, es gibt Wikipedia immer noch. Denn in den vier Jahren seit Sangers Ausscheiden hat Wikipedia es geschafft, sich Struktur und Regeln zu geben. Es gibt Administratoren, Bürokraten, Stewards, die alle in unterschiedlichen Ecken aufräumen und ordnen. Das Arbitration Committee, eine Art oberstes Gericht, greift in Fällen von extremem Vandalismus und edit-wars ein. Gibt es nun doch eine Instanz, die über richtig und falsch entscheidet?

Raul654 wurde Ende 2003 ins Arbitration Committee gewählt. Er ist 23 Jahre alt und promoviert in Computertechnik an der Universität Delaware. Wie entscheidet ein Computerwissenschaftler, wer Recht hat in einem Streit um den Zusammenhang von angereichertem Uran oder dem Golfkrieg-Syndrom? Er entscheidet gar nicht. Das Committee sieht sich die umkämpften Artikel oft gar nicht an. Raul654 und das Committee richten ausschließlich über Verhalten und nicht über Inhalte. Sie sind eine soziale Kontrolle, keine Qualitätskontrolle. Raul654 und seine Freunde sind dazu da, die Gemeinschaft zu schützen, nicht die Wahrheit. Und ist die Gemeinschaft stark, werden auch die Artikel besser. Das ist die Wiki-Ideologie. Darin haben auch Sangers ehemalige Anarcho-Gegner Platz.

Über 200 Artikel hat das Arbitration Committee schon verhandelt. Früher hat Raul654 sich noch die Mühe gemacht, nachzuschauen, wie die Beschuldigten sich vor dem Disput auf Wikipedia verhalten haben. Früher haben die Verhandlungen Monate gedauert. Heute gibt er keinem mehr Bewährung. Denn die Vandalen kämen nach der Bewährung ohnehin wieder und verhielten sich genauso wie zuvor. Man kann Menschen nicht ändern, glaubt Raul654 mittlerweile.

Einen inhaltlichen Beitrag hat er schon lange nicht mehr geschrieben. Er ist zu sehr mit Verfahrensfragen und Aufräumen beschäftigt. Das war am Anfang anders. Aber mit der Größe wachsen auch die Unordnung und die Bürokratie.

Den kleineren Wiki-Müll sammeln zurzeit täglich 783 Administratoren auf der englischen Wikipedia ein. Sie geben George Washington seine Sklaven zurück oder verbannen Vandalen wie den Wiederholungstäter CuteKitten, der Artikel komplett löscht und durch das große Foto eines Kätzchens ersetzt. Sollte jemand das Foto löschen, droht er, eine Katze zu töten. Sie sortieren unbrauchbare Artikel aus, korrigieren Tippfehler, verbessern den Stil. Den meisten Müll entdecken sie, aber nie allen. Für die deutsche Wikipedia hat Ulrich Fuchs im Zeitraum vom 9. November bis 23. November 2004 etwa vierzig Artikel systematisch "vandalisiert", um zu beobachten, wie Wikipedia darauf reagiert. Der Vandalismus wurde zwar im Großen und Ganzen schnell behoben, in zwölf Artikeln wurden die eingefügten Fehler jedoch auch nach zwei Wochen nicht bemerkt.

Raul654 denkt permanent übers Aussteigen nach. Wikipedia hat für ihn viel von seiner ursprünglichen Atmosphäre verloren. Es ist von einem kleinen Dorf zu einer Großstadt geworden, in der jeder mit seiner eigenen Clique abhängt. Das Einzige, was noch so ist wie früher, ist die Geschlechtertrennung – Wikipedia ist zu 80 Prozent eine Männerveranstaltung.

Aber am Ende bleibt Raul654 doch immer. Im richtigen Leben heißt er Marc Pellegrini, auf Wikipedia hat er einen Status zu verlieren. Auf seiner Benutzerseite stapeln sich die Anerkennungen der Gemeinde. Der bronzene Stern für unermüdliche Mitarbeit, der schwarze Stern für die besten Bilder und der goldene für Fleiß und Sorgfalt. Warum soll er gehen?

Wikipedia funktioniert nach innen als Gemeinschaft. Aber funktioniert es auch nach außen als Lexikon? Der George-Washington-Artikel etwa, erklärt der Historiker Christoph Mauch, Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Washington, enthalte "Fehler und Ungenauigkeiten". Er kritisiert, dass "Kuriosa über die Beschaffenheit von Washingtons Zähnen oder seinen Besitzanteil an einem Piratenschiff mehr Platz einnehme als die Ausführungen über Washingtons Weltbild". Washingtons politische Philosophie, seine Haltung in wichtigen Rechts- und Verfassungsfragen, das ambivalente Verhältnis zu den Indianern sowie eine Reihe zentraler politischer Ereignisse werde nur peripher oder gar nicht behandelt. Die Leserinnen und Leser des Wikipedia-Eintrags erführen weder, von wem George Washington ideologisch beeinflusst war, noch mit wem er persönlich Kontakt pflegte.

Auch finde die Gründung der nach Washington benannten Hauptstadt der USA mit keinem Wort Erwähnung – ebenso wenig wie der Umstand, dass George Washington der größte Landbesitzer in der Region des heutigen Washington, D.C., war und finanziell profitierte. Auffällig sei schließlich auch, so Mauch, "dass dem Offizier Washington eine ungleich größere Passage eingeräumt wird als dem Pflanzeraristokraten (dem Erfinder einer gigantischen Dreschmaschine, dem Sklavenbesitzer, dem Experimentierer mit Naturdüngern), als der sich Washington selbst sah". Das Fazit des Experten klingt vernichtend: "Der Artikel verarbeitet die Literatur zu George Washington weitgehend unkritisch. Er ist nicht aus einem Guss geschrieben; vielmehr hat er ›Patchwork‹-Charakter. Die Sprache ist auffällig simpel. Insgesamt ist der Artikel eine Sammlung von meist korrekten, aber zum Teil willkürlich zusammengestellten Fakten, denen es an innerer Ordnung, an sachlicher Tiefe und an Kolorit fehlt."

Das Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte dagegen im Dezember 2005 eine Studie, die 42 Artikel zu wissenschaftlichen Themen aus Wikipedia und der Encyclopædia Britannica miteinander verglichen hatte. Laut dieser Studie waren die beiden Lexika in ihrer Genauigkeit – oder besser Ungenauigkeit – nicht sehr weit auseinander. So enthielten die Britannica-Artikel im Durchschnitt drei Fehler. Wikipedia-Artikel vier. Für Wikipedia war das Ganze, Fehler hin oder her, ein großer Erfolg.

Ein fehlerloses Lexikon gibt es nirgendwo. Auch bei Brockhaus nicht. Unangenehm ist es nur, wenn ein Fehler im Fernsehen entdeckt wird. Im Oktober letzten Jahres wollte Günther Jauch in Wer wird Millionär? von einem Kandidaten wissen: "Welcher Nobelpreisträger für Physik war mehrfacher Fußballnationalspieler seines Landes?" Die richtige Lösung, verriet Jauch, sei der Däne Niels Bohr. Doch der Nobelpreisträger von 1922 hatte nie in der dänischen Nationalelf gespielt. RTL hatte sich auf die 2005 erschienene CD-ROM von Brockhaus verlassen.

Hubertus Brockhaus sitzt in seinem großen Altbaubüro in Wiesbaden, durch die Fenster sieht man im Hintergrund die Weinberge sich weit den Hang hochziehen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats des Verlages Bibliographisches Institut & FA Brockhaus AG und durchaus ein wenig beunruhigt – darüber, dass die schiere Macht des Kostenlosen ein teures Referenzwerk wie den Brockhaus aus dem Markt drängen könnte. So wie es in den Neunzigern in den USA mit den gedruckten Enzyklopädien geschehen sei, nachdem die Microsoft-Encarta kostenlos auf allen neuen Computern gespeichert war. Die Demokratisierung des Wissens, wie Wikipedia sie betreibt, führt nach Meinung von Hubertus Brockhaus unweigerlich zu Ungenauigkeiten. Und wer erkenne diese Ungenauigkeiten dann noch, wenn es keine Rückversicherung mit geprüften Daten mehr gibt? Wahrheit, sagt Brockhaus, funktioniere nun einmal nicht wie eine Maschine, die sich bei einem Fehler einfach ausschaltet. "Unwahrheiten leben lange."

Soziale Netzwerkseiten wie Wikipedia verändern das Bestehende mit ungeheurer Macht. Die Straßen und Wegweiser im Netz sind gebaut, mit Google und Alta Vista kommt man mittlerweile überallhin, das Netz ist vermessen und indexiert. Doch man fühlt sich noch sehr allein darin. Im zweiten Schritt wird nun also die Sehnsucht nach Gemeinschaft gestillt, nach Dörfern und Städten im Netz. Wales hat neben Wikipedia noch einige andere Dörfer gegründet. Wiktionary, ein von Freiwilligen zusammengestelltes Wörterbuch; Wikisource, eine Sammlung von frei zugänglichen Texten; Wikinews, Nachrichten von Amateuren; und Wikibooks, freie Text- und Handbücher.

Und diese Wiki-Dörfer wachsen schneller als alles, was man vorher im Netz gesehen hat. Es sind Projekte, in denen es keine Bezahlung mehr gibt, ihre Währung ist der Spaß und das offensichtlich unersättliche Bedürfnis nach Teilhabe. Es ist eine soziale Revolution im Netz.

Verdient wird daran durch Werbung. Wo kann man seine Zielgruppe besser ansprechen als in thematisch vorsortierten Gemeinschaften? Im August zahlte ein Internet-Unternehmer allein für den Domain-Namen wiki.com 2,86 Millionen Dollar. Wales schätzt, dass er 40 bis 80 Millionen Dollar im Jahr mit Werbung auf Wikipedia verdienen könnte. Aber er weiß, dass das ein heikles Thema für die Wikipedianer ist. Das Geld dürfte natürlich nur für wohltätige Zwecke verwendet werden. Für seine eigenen Zwecke hat er 2004 das kommerzielle Unternehmen Wikia.com gegründet. Hier kann man Foren zu jedem Thema gründen. Und hier muss nichts lexikalisch oder neutral sein. Hier können sich Leute treffen und alles zusammentragen, was sie über Depression wissen oder Nähen oder Reproduktionsmedizin. Sie können diskutieren, fragen, erzählen. Über tausendfünfhundert solcher Gruppen gibt es schon.

Im März 2006 hat eine Investorengruppe vier Millionen Dollar in das Projekt investiert.

Die Präsenz dieser Seiten ist atemberaubend. Schon raten PR-Agenturen Firmen dazu, ihren Wikipedia-Eintrag zu beobachten. Im Mai hatte Siemens auf der deutschen Wikipedia begonnen, den eher kritischen Eintrag über Siemens-Chef Klaus Kleinfeld zu schönen. Da fiel dann ein Halbsatz über ein misslungenes Handy-Geschäft weg sowie der Link zu der Geschichte über die wegretuschierte Rolex-Uhr auf einem Pressebild Kleinfelds. Dagegen wurden seine Verdienste in den USA ausführlicher dargestellt. Die Veränderungen wurden zuerst anonym vorgenommen, nach der "Enttarnung" dann mit Siemens’ Kennung.

Der Streit darüber, was in den Artikel gehört, füllt Seiten auf Wikipedia. Ein Wikipedianer schrieb: "Das Einkommen des Herrn Kleinfeld beträgt, ich habe gerade selbst einmal im Geschäftsbericht 2005 nachgesehen, tatsächlich ca. 3.3 Millionen Euro. Das halte ich für eine wesentliche Information über diesen Menschen – zumal er seinerseits offensichtlich wenig Skrupel hat, ganze Familien unter die Hartz-IV-Grenze zu stoßen."

Und Siemens antwortete: "Wir wollen uns bei Siemens keiner Kritik verschließen, wenn sie sachlich und begründet ist – nur passt das nicht in einen Artikel mit lexikalischem Anspruch, dafür ist die Diskussionsseite sicher der bessere Ort. Bei Wikipedia sollte es sich um Fakten und nicht Meinungen drehen."

Wo aber fängt die Meinung an, wo hören die Fakten auf?

Das muss sich selbst Jimmy Wales fragen lassen. Auch er hat seinen eigenen Artikel mehrmals beschönigt. So hatte er Larry Sanger als Mitgründer von Wikipedia einfach gelöscht. Es entstand ein kleiner edit-war, denn einige Wikipedianer waren mit Wales’ Deutung der Ereignisse nicht einverstanden. Aber es geht eben darum, Geschichte zu machen. Und die, Kollektiv hin oder her, macht man lieber allein.

Wikipedia zu benutzen ist eine Bereicherung wie das Gespräch mit einem vielseitig gebildeten Menschen. Man erfährt Fakten, Klatsch und viel Meinung, so manchen Fehler und manche Halbwahrheit. Und wie bei jedem guten Gespräch sollte man auch diesem Gesprächspartner aufmerksam zuhören, denn er hat Interessantes zu erzählen. Will man die Fakten jedoch verwerten, sollte man sie vorher besser noch einmal überprüfen.

Wikipedia ist das Konversationslexikon der Neuzeit. Nichts anderes war das erste Brockhaus-Lexikon. Als Gegenmodell zu den französischen Experten-Enzyklopädien sollte es die Bürger aufklären. Die Artikel waren meinungsstark und sehr sendungsbewusst. So wie bei Wikipedia. Wikipedia regt zum Diskutieren an. Aber Verlass darauf ist nicht. Noch nicht?

Die deutsche Wikipedia will demnächst geprüfte Versionen von Artikeln einführen. Versionen, die von einem kleinen, ausgewählten Kreis aus Wikipedianern auf Korrektheit und Qualität geprüft werden. Und die dann als unveränderbar neben die gewohnte, veränderbare Wiki-Version des Artikels gestellt werden. Sollte das funktionieren, will Wales es auch in der englischen einführen. Wikipedia wird ernsthafter.

Brockhaus hingegen hat gerade sein 24-bändiges Meyers Lexikon kostenlos online gestellt. Die Software, die der Verlag benutzt, ist die von Wikipedia, sie soll Benutzer dazu animieren, Artikel zu diskutieren und Ergänzungsvorschläge zu machen. Brockhaus will eine Gemeinschaft werden. Verändern, wie auf Wikipedia, kann man die Meyers-Lexikon-Artikel allerdings nicht. Noch nicht?

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