InternetDie anarchische Wiki-WeltSeite 4/11

Damals, Anfang der neunziger Jahre, war das Netz ein Land ohne Straßen- und Verkehrschilder. Jeder rumpelte irgendwie in der Gegend herum, selten fand man, was man suchte. Wales begann darüber nachzudenken, wie man das Netz ordnen und indexieren könne. Yahoo hatte 1995 mit großem finanziellem Aufwand den ersten Versuch gemacht: Kategorien festgelegt und das Netz nach Seiten sortiert, die dazu passten. Es war das Prinzip des Telefonbuches.

Wales bezweifelte, dass man auf diese bürokratische Weise die Interessen der Nutzer ausreichend befriedigen könne. Und er erinnerte sich an einen Text, den er als Student gelesen hatte, Friedrich Hayeks Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft aus dem Jahr 1945, in dem der Ökonom argumentiert, dass eine zentralisierte Gesellschaft nie so effizient sei wie eine dezentralisierte. Denn das Wissen des Einzelnen sei immer unvollkommen. Wahrheit könne nur entstehen, wenn die Menschen ihr Wissen zusammenführten. Für Wales stand fest: Auch das Ordnen des Netzes muss dezentralisiert werden. Es war das Prinzip des Bienenschwarms.

Auf die Idee waren natürlich auch andere gekommen. Web-Ringe waren entstanden, thematisch ähnliche Web-Seiten, die von Internet-Nutzern selbst nach persönlichem Interesse erstellt und permanent – und kostenlos – erweitert wurden.

Wales machte sich die Idee zu Eigen und gründete mit zwei Partnern 1996 das Portal Bomis. Bomis-Nutzer konnten kostenlos Ringe im Netz bauen. Sie taten es mit Vorliebe um die Themen Unterhaltung, Sport, Science-Fiction und "Babes". Das Netz schien ausschließlich aus Star Trek- Fans und Playboy- Lesern zu bestehen. Wales verdiente viel Geld mit Werbung und einem Bomis-Premium-Angebot, das aus noch mehr nackten "Babes" bestand.

In den Foren war Jimmy Wales eines Tages auf den Philosophiestudenten Larry Sanger gestoßen. Sanger war zwei Jahre jünger, sein Fachgebiet war die Wahrheit. Ihn interessierte die Frage, wie Wissen entsteht. Wales glaubte an die Definition von Ayn Rand, für die Wahrheit immer kontextabhängig ist, Sanger wehrte sich gegen die Definition, dass alles Wissen relativ sei. Zu einer Einigung kamen die beiden nie.

Larry Sanger war im Gegensatz zu Jimmy Wales in einem streng akademischen Umfeld groß geworden. Sein Vater war Meeresbiologe, Sanger selbst kam am besten in einem klar organisierten Umfeld zurecht. Fehlte das, war er schnell frustriert und zog sich zurück. Auch von den Philosophie-Foren war Sanger nach kurzer Zeit enttäuscht. Sie erschienen ihm als eitles Spiel, Sanger aber suchte Erkenntnis, und so startete er sein eigenes Forum, die Association for Systematic Philosophy. Die Teilnehmer mussten Experten sein. Doch trotz aller Strenge erfüllten sich auch hier Sangers Erwartungen nicht. Wie in der Schule verlor er das Interesse und zog sich enttäuscht zurück.

Allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz hatten sich Sanger und Wales angefreundet. Beide interessierten sich für Computer, beide konnten sich für Monate in einem Thema verlieren, und so besuchte Sanger Wales einige Male in Chicago. Anfang 2000 schlug er Wales eine Art News-Blog im Netz vor. Wales reagierte mit einer Gegenidee. Er wollte eine freie Online-Enzyklopädie aufbauen.

Leserkommentare
  1. Der einzig echte und wirkliche Vater des Wikipedia-Projekts war - natürlich - Douglas Adams mit seiner Version eines vom Leser geschriebenen Buches: "Per Anhalter durch die Galaxis". Und schon dort findet sich folgender Kommentar:

    "In vielen Gebieten des östlichen Spiralarms der Galaxis hat der ANHALTER die ENCYCLOPEDIA GALACTICA längst als Standard-Nachschlagewerk abgelöst, denn obwohl er viele Artikel enthält, die unrichtig oder zumindest wahnsinnig ungenau sind, ist er dem älteren und viel umfangreicheren Werk in zweierlei Hinsich überlegen:

    Erstens ist er ein bißchen billiger, und zweitens stehen auf seiner Schutzhülle in großen, freundlichen Buchstaben die Worte: KEINE PANIK!"

    Die Wikipedia wird aufgrund der ersten Ursache weiterhin Erfolg haben; aber auch die ENCYCLOPEDIA GALACTICA (= der Brockhaus) ist deshalb nicht ausgestorben...

    Bezüglich Fehler im "Anhalter" vgl. insbesondere den Aufsatz über den Gefräßigen Plapperkäfer von Traal...;-)

  2. 2. @etiam

    "...was viele mitteilungswillige Hochqualifizierte auch gerne umsonst erledigen."

    Das ist jetzt aber Ironie, oder?

    Gut gegenübergestellt ist in Ihrem Kommentar die unterschiedliche Praxis von juristischen und naturwissenschaftlichen Autoren; aber eine wesentliche Grundlage dafür scheinen Sie nicht zu kennen:

    In den Naturwissenschaften gilt "publish or perish" (auf Deutsch: publizieren oder verrecken). Der juristische Bereich dagegen ist viel stärker von dem Gedanken durchdrungen, dass das Bereitstellen von Information eine Dienstleistung ist, die entsprechend bezahlt werden sollte: kein Anwalt arbeitet für Gotteslohn (auch wenn die RVG-Sätze manchmal nicht weit davon entfernt sind...;-)).

    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass zahlreiche Naturwissenschaftler es begrüßen würden, wenn diese Praxis auch in ihren Fakultäten Einzug halten würde...

    • lucolg
    • 15. September 2006 14:56 Uhr

    Schöner Artikel, aber leider sehr viel wurde einfach kopiert aus http://www.theatlantic.co... und übersetzt. Dass die Autorin ihre Quellen dabei nicht einmal angibt, finde ich umso störender.

  3. Ein interessanter Vergleich von Wikipedia und dem "Hitchikers Guide to the Galaxy" auf h[ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    • etiam
    • 14. September 2006 9:34 Uhr

    Ein Aspekt ist - bei einem professionellen Autor nicht verwunderlich - viel zu wenig zur Sprache gekommen. Bei Wikipedia geht es auch um die Frage, inwieweit für Zusammenfassen und Neueditieren vorhandenen Wissens in Zukunft noch Geld gezahlt werden wird. Dies lässt sich sehr schön schon heute in der Praxis verschiedener Disziplinen erkennen. Während der durchschnittliche juristische Hochschullehrer nicht auf die Idee käme einen Pfurz zu lassen ohne dafür noch Geld einzustreichen, funktionieren die beiden forschungsintensivsten Bereiche, Biomedizin und Physik, nach genau dem gegenteiligen Prinzip - wer hier als Autor seine Ergebnisse in einer Fachzeitschrift veröffentlichen will, zahlt dafür häufig noch eine "page charge". Die inhaltliche Revision eines Artikels erledigt im "peer review" Verfahren ein Kollege (peer) - natürlich unentgeldlich. Die Verlage verkaufen schließlich das "gekaufte" geistige Eigentum anderer an die selbe scientific community die es hervorbrachte und verlangen nochmals Geld dafür. So wie in diesen Wissenschaftsbereichen dieser antiquierte "Zoll" auf Wissenstransfer nicht mehr als gottgegeben hingenommen wird und es daher immer mehr freie internetbasierte Open-Access-Journals gibt, so gilt das selbe für außerwissenschaftlichen Wissenstransfer. Wikipedia schafft hier den grundherrlichen Zoll von Verlagen und professionellen bezahlten Schreibern ab, für etwas monopolartig Geld zu verlangen, was viele mitteilungswillige Hochqualifizierte auch gerne umsonst erledigen. Wer ein Auge auf viele, gerade naturwissenschaftliche Artikel wirft, findet ein erstaunliches Niveau vor. Auch wenn heute die Validität noch ein Problem ist, so wird in Zukunft sich - ähnlich dem "peer review Verfahren" auch hier eine Lösung finden - schon heute ist die Information in Wikipedia (von den weltanschaulichen Themen abgesehen) ziemlich valide.
    Wenn ich an meinen letzten (naturwissenschaftlichen) Buchbeitrag denke, für den ich vom Verlag einen nicht mal feuchten weil elektronischen Händedruck und 30% Autorenrabatt bekommen habe, frage ich mich ob der Buchpreis von vielen hundert Dollar allein fürs Editieren, Drucken und Vermarkten tatsächlich gerechtfertigt ist (ich hab noch nicht mal kostenfrei ein Exemplar bekommen!!). Diese Wegelagerei bei Wissen ist ähnlich kontraproduktiv, wie die Rolle des voraufklärerischen Klerus - eine zweite Aufklärung durch Wikipedia und eine zweite Säkularisierung mit Enteignung der alten Zolleintreiber wird höchste Zeit.
    Auch wenn die Wegelagerer mit dem neuen Urheberschutzrecht massgebliche Teile der Legislative auf ihre Seite gezogen haben, Großinquisitor und Hexenverbrennung konnten die Aufklärung auch nicht verhindern.

    • thtbln
    • 12. September 2006 16:55 Uhr

    Der Artikel bietet viele interessante Informationen, übernimmt allerdings auch des Nachfragens würdige Begriffe und Formulierungen.

    Nimmt man die Wikipedia als das, was sie ist, kommt man schnell zu einigen nüchternen Erkenntnissen. Wissen ist ein sich ständig verändernes Ergebnis menschlichen Denkens und menschlicher Kommunikation. Daß Irren menschlich ist und jede Kommunikation fehleranfällig, wird zu oft vergessen oder vernachlässigt. Viele ernsthafte (seriöse) Medien betonen den Wert des von Experten bestätigten Wissens. Wer aber ist Experte? Der Wikipedia-Artikel (http://de.wikipedia.org/w...) bietet einige interessante Denkanstöße, die Übersetzungen des lateinischen "expertus" mit "erfahren" und "erprobt" führen ebenfalls weiter. Könnte nicht jeder, der etwas erfahren hat, der sich lange oder intensiv mit einem Thema beschäftigt hat oder der selbst etwas erprobt hat, ein Experte sein? Ist eine Berufsbezeichnung oder ein akademischer Grad immer Nachweis der Erfahrung oder gelungener Erprobung? Worauf gründet sich das in einer Ausbildung oder einem Studium erworbene Wissen - von wem erfährt der Erfahrene, was wichtig und richtig ist? Wieviel von dem Wissen, das wir erfahren, ist von Experten selbst erprobt - und nicht nur von den Experten früherer Generationen als begründet ("fundiert") einfach übernommen worden?

    Was bedeutet das vernichtend klingende Fazit des Experten zum Artikel über "George Washington"? Doch nur soviel, daß der Text verbesserungswürdig ist. Wer wäre würdiger, ihn zu verbessern, als ein Experte, der die Schwachstellen so klar aufzeigt, der überdies gute Quellenkenntnis ins Feld führen kann, wenn ihm andere Wikipedianer nicht so schnell glauben? Was geschähe, wenn sich die Experten der Bildungseinrichtungen und der traditionellen Horte der Wissenschaft einbrächten in den Fluß des schnellen Wissens und seine Fahrrinne für die großen Wissensdampfer vertieften?

    Wie wahr, daß Wahrheit nicht wie eine Maschine funktioniert. Die auch in Fachliteratur oder mehrfach geprüften Lexika zu findenden Ungenauigkeiten oder Fehler verdeutlichen das. In der Wikipedia können die Prozesse der Korrektur von Fehlern, der Verbesserung von Texten oder der Verzeichnung von Quellen einschließlich der Diskussion ihrer Vertrauenswürdigkeit direkt beobachtet und nachvollzogen werden. Es wird erkennbar, wie aus Informationen Wissen entsteht und wie dabei gelernt werden kann. "Wo aber fängt die Meinung an, wo hören die Fakten auf?" Ja wo? Das Geschehene (factus), die Tatsache oder das Ereignis (factum) wird selten unvermittelt erfahren oder erlebt. Es wird fast immer als Nachricht oder Erkenntnis durch Menschen übermittelt. In die Auswahl, die Art und den Umfang der Darstellung fließen unweigerlich die Meinungen der Übermittler ein. Erst recht werden Meinungen dort wirksam, wo die Fakten miteinander verknüpft und dabei bewertet und gewichtet werden.

    • Colon
    • 11. September 2006 15:38 Uhr

    Frau Kohlenberg, mir gefällt Ihr schöner Artikel zu Geschichte und Wirkung von Wikipedia im weltweiten Netz besonders gut. Ich hoffe, Sie erhalten von der ZEIT ausreichend Zeilengeld und müssen nicht umsonst schreiben. Natürlich wünsche ich Ihnen
    noch viele solcher gelungener Auftritte in der ZEITung.

    Eine Form, das sogenannte "kritische Lexikon", ist bisher im Net noch nicht aufgetaucht. Aber vielleicht haben Sie bei der Recherche im Webozean doch eines gefunden. - Das Prinzip dieser, meist auf Fachgebiete eingegrenzten Nachschlagwerke beruht auf der Sammlung und Gegenüberstellung von unterschiedlichen, aber begründeten Definitionen zu einem Begriff. So werden widersprüchliche "Wahrhaftigkeiten" nachvollziehbar.

    • Anonym
    • 11. September 2006 17:15 Uhr

    Ich würde diesen Effekt nicht so ganz von der Hand weisen, zumal ja auch die meisten Medien eher wenig demokratisch sind und eine Tendenz weg von der Demokratie aufweisen.

    Demokratisch ist Wikipedia, so wie Foren, die dem Meinungsaustausch dienen, deshalb, weil die sich ausbreitende interessengesteuerte Politik offizieller Medien damit ein Gegengewicht erhält und Information in wesentlichen Teilen wieder entkommerzialisiert werden und damit der manpipulative Karakter, insbesondere des Fernsehens, ein Nadel erhält die die heisse Luft raus läßt, so wie Wissens- und Meinungsmonopole aufbricht.

    B Grabe

Service