Internet : Die anarchische Wiki-Welt

Wikipedia, die Online-Enzyklopädie, kommt ohne Experten aus. Hier kann jeder mitmachen, Artikel schreiben und vorhandene ändern. Kann daraus ein seriöses Lexikon entstehen?

Keiner mochte George Washington, niemand wollte sich länger mit ihm beschäftigen. Als der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am späten Nachmittag des 23. November 2001 in die Online-Enzyklopädie Wikipedia einzog, kam er gerade mal mit zehn Zeilen Text. Und er kam ohne Todesdatum, ein Untoter im kollektiven Wikipedia-Gedächtnis. Erschöpfend beantwortet wurde hingegen die Frage, wie viele Sorten Kryptonite es gibt, das ist jenes Element, das Superman töten kann. Es sind 14. Sagt das schon alles? Ist Wikipedia nur ein virtueller Käfig voller Wirrköpfe und Narren?

Wikipedia ist eine Enzyklopädie im Internet. Aber im Gegensatz zum Brockhaus oder zu anderen klassischen Enzyklopädien kann an Wikipedia jeder mitschreiben. Es gibt keine Filter, keine Experten, niemanden, der in Fachfragen ein letztes Wort hätte. Jeder Internet-Nutzer darf bei Wikipedia Artikel schreiben oder vorhandene ändern. Den Eintrag zu George Washington in der englischen Ausgabe hatte der Benutzer mit dem Netznamen 129.128.91.xxx geschrieben. Es war sein elfter Beitrag. Zwei Tage zuvor hatte er sein Debüt mit einem Dreizeiler über Esoterik gegeben.

Der Brockhaus-Artikel über George Washington wurde von einem deutschen Professor für Amerikanistik geschrieben; auch er blieb anonym, denn der Brockhaus ist der Brockhaus und kein Autorenprojekt. Der Artikel wurde 1996 für die 20. Auflage von einem Fachredakteur redigiert und für die neue Auflage von 2005 erneut von einem Amerikanistikprofessor durchgesehen. Der Artikel ist eineinhalb Spalten lang – das Wissen der Welt muss eben auch in ein Bücherregal passen.

Der Wikipedia-Autor 129.128.91.xxx hat seinen Artikel über Washington nie wieder besucht. Auch sonst interessierte sich lange keiner für den Eintrag. Erst im Januar 2002 kamen kleine Ergänzungen hinzu: ein Verweis darauf, dass Washington zuerst mit dem deutschen Wort "Landes Vater" bezeichnet wurde, bevor man ihn "Father of Our Country" nannte. Im Juli ließ ein Wikipedianer namens Danny George Washington dann endlich sterben. Zusammen mit dem Todesdatum ergänzte er eine übersichtlich formatierte Infobox. Ein gewisser Blue erstellte kurz darauf so etwas wie eine Gliederung, und ein GABaker fügte ausführlicheres historisches Material bei. Danny führte mittlerweile über 23800 Redigaturen in der englischen Wikipedia aus. 129.128.91.xxx hat die Wikipedia-Welt nach eineinhalb Monaten und 38 Einträgen verlassen.

Heute schreibt dieser, morgen jener; was gestern wahr war, muss es heute nicht mehr sein, und übermorgen gilt wieder etwas anderes. Es gibt keine Verpflichtung bei Wikipedia, keine Büros, keine Bezahlung, nur eine stetig anschwellende Zahl anonymer Mitarbeiter. Eigentlich ist es das Rezept für totales Chaos. Kann so ein ernst zu nehmendes Lexikon entstehen?