Pferdestärke Kleine Fluchten
Über die sanfte Dünung des deutschen Nordens – ein Dreitagesritt durch Ostholstein könnte die Welt trösten.
Wer reitet, bewegt sich aus der Welt. So sehe ich es. Wer reitet, verfällt dem Vergessen. Vergisst, dass die Steuererklärung abgegeben werden müsste, vergisst die hässlichen Nebengeräusche des Lebens. Vergisst, dass es Verbrechen gibt und Ungerechtigkeit, vergisst die Menschen, samt ihrer Gemeinheit und ihrer Not. Vergisst sich selbst.
Andere trinken, um diesen Zustand zu erreichen, wieder andere erklimmen hohe Berge, berauschen sich an Musik oder starren so lange auf ihre Angel, bis sich die Entrückung einstellt. Ich reite. Beim Reiten werden die Gedanken einfacher, dann weniger, schließlich hören sie ganz auf. Der Freiraum füllt sich mit Bildern, Gerüchen, Gefühlen. Die Natur drängt sich auf und nimmt mich ganz in Anspruch. Wer reitet, sitzt im Sattel und im Augenblick, seine Konzentration gilt der Kreatur und ihrem Weg.
Am Freitag sind Anja und ich schon früh unterwegs. Wir starten in Poggensee, wo Anja einen Reiterhof mit Pferdezucht hat. Es wird ein langer Ausritt werden, einer, von dem wir nicht wiederkehren, wenn die Sonne sinkt. 100 Kilometer legen wir auf unserer Runde durch Ostholstein zurück, drei Tage lang sind wir mit den Pferden aus der Welt. Alles, was wir brauchen, tragen wir im Rucksack bei uns. Es ist ein Experiment mit vier Teilnehmern, zwei menschlichen, zwei tierischen. Die Route hat Anja festgelegt und dafür gesorgt, dass wir alle nachts irgendwo bleiben können.
Nebel steigt aus den Wiesen, und der Wald schweigt noch. Die Luft ist mild, von Stechmücken bleiben die Pferde verschont. Maisfelder ziehen vorbei, Sonnenblumenfelder, Stoppelfelder. Ganze Familien grauer Kraniche und schwarzweißer Störche gehen auf den feuchten Wiesen auf Froschfang. Die Landkarte zeigt uns, wie man sich fern der Straßen durchschlagen kann, auf jenen aufgewühlten Pfaden, die den Reiter durch seine Parallelwelt führen. Wir jagen hintereinander durch den Forst. Unter den Hufen bebt der Waldboden. Schmal und fast zugewuchert ist der Reitweg. Nach vorne gebeugt in den Steigbügeln stehen, die Mähne des Pferdes im Griff. Nichts sehen, nur spüren, wie Zweige und Blätter auf den Helm klatschen und der Tau in den Hemdkragen rinnt – was sich da einstellt, muss Glück sein. Blind vertrauen, diesem warmen Koloss aus Muskeln und Sehnen, der mit mir schnaubend durchs Unwegsame stürmt.
Natürlich sind wir in Wirklichkeit ganz langsam. Unsere Geschwindigkeit beträgt vielleicht 25 Stundenkilometer. Verglichen mit dem schnellen Leben, das ich hinter mir gelassen habe, ist das hier der Kriechgang. Ganz entkommen wir der Zivilisation mit ihren Vorschriften und Regeln aber nicht. Etwa wenn das Querfeldeinreiten verboten ist und wir auf die Autostraßen zurückgezwungen werden. Im leichten Trab geht es dann über die sanfte Dünung des deutschen Nordens, durch Kastanienalleen hinein in erwachende Orte. Von oben herab sehen wir über Zäune hinweg den ersten Kaffeetrinkern in die Tassen und blicken in die Dachrinnen der Bushäuschen. Im Vorbeireiten pflücken wir Mirabellen und unreife Birnen und müssen aufpassen, dass wir nicht an Verkehrsschildern hängen bleiben. Dann wieder hindern wir unsere Pferde daran, beherzt in die wohlfrisierten Sichtschutzhecken zu beißen.
Unsere Freibergerstuten gehören zu Anjas Herde, die an die zwanzig Tiere zählt. Sie züchtet diese zierliche Kaltblutrasse, die in der Schweiz sehr verbreitet, in Schleswig-Holstein aber eher die Ausnahme ist. Vor hundert Jahren, als die Pferde noch zum täglichen Leben gehörten, waren Freiberger Zug- und Arbeitstiere, die in der alpinen Forstwirtschaft die Lasten zogen oder vor der Kutsche gingen. Heute tragen ihre grazileren Nachfahren Freizeitreiter aus dem Alltag. Die Freiberger fühlen sich zuverlässig an und nehmen die Unwägbarkeiten des Weges und die Zumutungen des Reiters stoisch hin. Sie sind so etwas wie die Geländewagen unter den Pferden. Für Amateure wie mich sind sie eine Lebensversicherung. Es gibt feinfühlige Pferde, die beim Anblick eines Schwans davonstieben, und andere, die beim Aufflattern eines Vogelschwarms oder beim Knallen einer Plane mitsamt ihrem schreienden Reiter durchbrennen. Beim Reiten lässt oft nur eine Lappalie Euphorie in Todesangst umschlagen. Doch wo viele Pferde ihrem Fluchttrieb nachgeben, bleibt der Freiberger auch unter dem ungeübten Reiter getreulich bei der Sache.
Durchs Gelände reiten heißt, ganz mit dem Pferd beschäftigt zu sein und die Welt aus der animalischen Perspektive zu sehen. Die Gefahr lauert an jeder Ecke. Wachhunde warten hinter Gartenzäunen und werfen sich wütend in den Maschendraht, wenn wir ihr Revier passieren. Kreissägen stimmen ihr hässliches Lied an. Wir reiten an Baggern vorbei, die bedrohlich ihre Schaufeln schwenken, und an monströsen Landmaschinen, die sich uns brüllend in den Weg stellen. Wir überqueren auf einer Brücke gelassenen Schritts die A24, während Lkw unter uns durchbrausen. In der üppigen Sommerlandschaft passieren wir tausend Koppeln, auf denen Pferde neugierig heranstürmen und versuchen, ihre von uns fremdbestimmten Artgenossen zum Wettrennen anzustiften. Als unvermittelt eine Gruppe junger Wallache über die Weide auf uns zudonnert, bricht mir der Schweiß aus. Erst kurz bevor der Zaun splittert, kommen die Tiere zum Stehen. Unsere Stuten bleiben unbeeindruckt. Man könnte meinen, Kaltblut kommt von kaltblütig.
Beim Anblick von grellroten tischgroßen Schüsseln, die in rascher Fahrt auf uns zurollen, ist es allerdings klüger abzusteigen. Es sind sieben Konferenzfahrräder, und auf jedem sitzen sechs Personen im Kreis, als hielten sie eine Besprechung ab. Unten treten sie nach Kräften in die Pedale, während einer den Lenker hält. Lachend und kreischend ziehen die außerirdischen Gefährte an uns vorüber.
Die erste Nacht verbringen wir in Güster, einem 1200-Seelen-Ort, dem der Kiesabbau reizende Seen beschert hat. In Burmester’s Gasthof halten wir Einkehr und gönnen uns ein Weißbier. Auch unseren Freibergern spendieren wir eines in ihren Eimer, Alpenbewohner vertragen was. Zu den Stammgästen des Lokals gehören die »Freunde des Islandpferdes« wie die »Freunde des ungarischen Hirtenhundes«, verrät die Wirtin. Unsere Pferde dürfen wir über Nacht neben dem Gasthof auf eine von Apfelbäumen beschattete Schafwiese stellen, wo sie unter den vorwurfsvollen Blicken der Heidschnucken im stillen Wettkampf miteinander die abgefallenen Äpfel vertilgen. Friede umgibt die großen, malmenden Geschöpfe. Ihr Anblick könnte die Welt trösten.
Das Wirtshaus hat keine Fremdenzimmer, deshalb hat Anja bei einem älteren Ehepaar angefragt, das die Kinderzimmer der erwachsenen Söhne nun privat an Wanderer vermietet. Wir gehen früh schlafen und essen unser Frühstücksei am anderen Morgen in einem düsteren, mit künstlichen Pflanzen bestückten Wohnzimmer. Beklommen sitzen wir als Fremde in den intimen Räumen von Menschen, von denen wir nicht mehr wissen als nur den Namen. Über den Tisch mit den frischen Semmeln und der selbst gemachten Erdbeermarmelade hinweg blicken wir auf das Modell eines gewaltigen deutschen Kriegsschiffs. Es ist die Bismarck, die angestrahlt in einer Vitrine steht, vom Hausherrn persönlich in »mühsamer Kleinarbeit« zusammengesetzt. An der Wand hängen Fotos von Überlebenden des Schlachtschiffs, das am 27. Mai 1941 auf seiner einzigen Feindfahrt im Atlantik versank. Fast 2000 Mann hat es mit sich gerissen. Grau steht der Riese vor uns in seinem Glassarg, die einzigen Farbtupfer sind zwei rote Hakenkreuzflaggen an Bug und Heck des Modells. »Oh«, meint die Hausfrau verschämt, als sie meinen Blick bemerkt, sie habe ihrem Mann geraten, die Symbole abzumontieren, der aber bestehe auf Originaltreue.
Den halben Tag verbringen wir auf einsamen Waldwegen in Richtung Ratzeburg. Laut wiehern die Pferde, als wir sie über die Sandstrecke rennen lassen. Uns tut sich das Herz auf, und der Wind pfeift uns um die Ohren. Lange reiten wir schweigend Schritt, Trab, Galopp. Kein Geplapper, keine Musik, kein Handyklingeln. Die Stille ist Unterhaltung genug. Kilometerweit begegnet uns keine Menschenseele. Nur der Geruch von Pilzen und moderndem Holz. Der Herbst setzt sich in die Bäume. Der Wald tropft, Nebel liegt in den Lichtungen, und in der kühlen Luft dampfen die Pferde.
Wenig später schreiten sie durch das Zentrum von Ratzeburg und mitten hinein ins Samstagnachmittagsverkaufsgewühl. Die alte Backsteinstadt Ratzeburg hat nur knapp 13000 Einwohner, trotzdem ist ein Abstecher in die City die Feuerprobe für zwei Vierjährige, die ausschließlich Natur gewohnt sind. So dicht ist der Verkehr, dass der Widerhall ihrer Hufeisen im Lärm untergeht. Wir wollen wissen, wie nervenstark die Tiere sind. Unser Spiegelbild in den Schaufenstern der Geschäfte zeigt uns Wesen, die aus einer anderen Epoche in die modernen Zeiten versetzt worden sind. Das Pferd ist das langsamste aller Fortbewegungsmittel, alle anderen überholen uns: Autos und Motorräder, sogar die Fahrradfahrer. Die Stuten lassen die Hast der Menschen nicht an sich heran. Gelassen ihrem eigenen Tempo folgend, tragen sie uns durchs Getümmel. Mitten im Trubel sind wir mit ihnen allein.
Wie wenig wir dazugehören, merken wir auch, als wir an den Ratzeburger See gelangen und beim Eispavillon Pelz zum Eisessen absitzen. Die Fortbewegung mit Tieren ist nicht mehr vorgesehen in der Verkehrsplanung des 21. Jahrhunderts, deshalb können wir die Pferde nirgends anbinden und auch nicht auf der Veranda Platz nehmen. Parkplätze für Autos und Motorräder gibt es hier, Fahrradständer und sogar Bootsanleger – aber keine Gelegenheit, ein Pferd einzustellen. Also essen wir unser Eis bei den Tieren stehend aus der Waffel, während die Freiberger eine Verkehrsinsel abmähen.
Am Sonntag erwischt uns der Regen. Dann kommen wir auch noch vom Weg ab und irren über eine Stunde lang im Albsfelder Tann umher. Schließlich haben wir keine Ahnung mehr, wo wir stecken. Nun sind wir wirklich aus der Welt gefallen, regelrecht verloren gegangen sogar. Doch die Abgeschiedenheit, die zu erleben wir ausgezogen sind, missfällt uns jetzt. Wir stoßen auf Bahngleise und reiten daran entlang, bis wir vor den Traktor eines Landwirts geraten, der uns die Richtung zum Weiler Marienwohlde weist. Da fängt es an zu schütten. Der Wald trieft und sprüht, vom Schirm unserer Reitkappen ergießen sich kleine Wasserfälle, und bei jedem Huftritt bringen sich Kröten in Sicherheit. Wir sind nass bis in die Schuhe, und die Pferde haben keine Lust mehr. Auch uns reicht es jetzt. Wir sehnen uns zurück in die Zivilisation, in die warme Badewanne, ins eigene Bett. Fernsehen wäre jetzt fein und in Ruhe Zeitung lesen, man weiß ja gar nicht mehr, was los ist auf der Welt. Wir kürzen unsere Route ab und traben direkt über die Donnerschleuse nach Hause.
Vor Poggensee klart es unerwartet auf, der Himmel bekommt blaue Risse, und die Sonne platzt heraus. Die Freiberger kennen sich jetzt aus und haben es plötzlich eilig. Am Nachmittag des dritten Tages langen wir auf Anjas Hof an. Wir sitzen ab und stehen wieder da, wo wir hingehören. Auf unseren eigenen Füßen.
INFORMATION
Wanderreiten in Schleswig-Holstein: Die beschriebene Tour wurde privat organisiert (Reiterhof Anja Lampe, Tel. 04543/808181). Buchen kann man einen 145 Kilometer langen individuellen Ritt auf dem eigenen Pferd durch das Herzogtum Lauenburg mit fünf Übernachtungen, Pferdeunterbringung, Kartenmaterial und Tourenbeschreibung unter Tel. 04541/802110. Unter dieser Nummer und unter www.komm-mit-pferd.de erhält man weitere Auskünfte über Reiterurlaub in Schleswig-Holstein
Veranstalter: Es gibt zahlreiche organisierte Wanderritte durch Deutschland, zum Beispiel 3-Tage-Sternritt durchs Biosphärenreservat Rhön, (Ross & Rhön (Tel. 06657/918844, www.ross-und-rhoen.de ), Federweißen-Ritt von Winzer zu Winzer entlang der Lahn, Ende Oktober (Fischerhof, Tel. 02602/18507, www.wanderreiten-reisenzupferd.de ), sieben Tage zwischen Neuruppin und Neustadt/Dosse, (Wanderreiten im Havelland, Tel. 03304/253228, www.wanderreiten-havelland.de ). Ritte in Frankreich, Italien, Polen oder Spanien bei Pferd&Reiter (Tel. 040/ 6076690, www.pferdreiter.de )
Seminar: Auskunft: Deutsche Wanderreiter-Akademie, Tel. 02602/18507, www.deutsche-wanderreiter-akademie.de
- Datum 11.02.2009 - 15:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.09.2006 Nr. 38
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