50 Moderne Klassiker Nur für Verlierer

Der Weltmeister der millionenfachen Verbreitung von Intimität Frank Sinatra und sein Werk «Only the Lonely»

Von Billie Holiday, einem seiner Vorbilder, gibt es einen schmalen Song mit dem Titel Me, Myself and I. Frank Sinatra, den sie später The Voice nannten, war keine Dreifaltigkeit, sondern eine ganze Volksversammlung: ein Großmaul, ein Gangster, ein Säufer, ein lebenslang den kindlichen Liebesdefiziten hinterherhetzender Macho, der die Frauen, die ihm in Massen zu Füßen lagen, wegwarf wie Gebrauchsartikel. Ein Mann außer sich – nur nicht vor dem Mikrofon. Da war er ganz bei sich. Für Leonard Bernstein war er »der musikalischste Sänger des Jahrhunderts«. Die Standards des Great American Songbook erzählte er, als wären sie ein Stück von ihm. Ein Schauspieler lügt im Leben und sagt die Wahrheit in der Rolle. Zumindest für Sinatra galt das, vor allem, wenn er den Verlierer gab. Den Part hatte er früh drauf, als Maßnahme gegen die Eifersucht jener GIs, die nicht verstehen wollten, weshalb sich ihre Bräute diesem spillerigen Armee-Drückeberger mit den abstehenden Ohren an den Hals schmissen.

Die vollkommenste Sammlung von torch songs versammelte Sinatra, knappe zwanzig Jahre und ein paar schmerzliche Niederlagen später, 1958 auf einem Album, zu dem der Arrangeur Nelson Riddle tief in die Saiten griff. For Losers Only sollte es ursprünglich heißen (loser hatten Konjunktur damals, von James Dean über Chet Baker bis Malcolm Lowrys betrunkenem Konsul), dann bekam es den Titel Only the Lonely, mit einem Porträt von Sinatra in der Maske des traurigen Clowns auf dem Cover. Kitsch, ohne Frage, und das ließe sich auch von den Songtexten sagen und gar von den Arrangements, Riddles präpostmodern spätromantischen Moll-Orgien. Und von Sinatras Gesang – wenn der nur nicht so völlig jenseits solch oberlehrerhafter Kategorie gelegen hätte. Sinatra glaubte an seine Texte. Noch die banalsten zog er so nah ans Ich heran, dass sich die Herz-Schmerz-Heuler in tief melancholische Abgesänge verwandelten, gerichtet an den einzelnen Zuhörer, jeden, der je einem, nein: dem Glück nachgetrauert hatte. Sinatra war immer Weltmeister in der millionenfachen Verbreitung von Intimität. Only the Lonely ist die vollkommene Musik für Schallplatte – undenkbar, sie im Konzertsaal mit anderen zu teilen.

Wer sich von der geballten Attacke auf das Sentimentale im Menschen erholt, wird schnell erkennen, mit welch artistischem Raffinement dieser Sänger arbeitet. Und dass dies kaum wahrzunehmen ist, gehört zur Virtuosität dazu. Seine unvergleichliche Intonation, bei der er die Töne immer leicht daneben liegend anpeilt; die Kunst, den Atem über die natürlichen Zäsuren hinaus zu spannen; die Verlagerung kleiner Akzente von der Musik auf die Sprache auf die Musik; die Nuancierung der Stimmfarbe. Hohe Kunst, gegen den Schlag des Herzens und den Gang des Atems gesetzt. Von keinem, sagte Miles Davis, habe er so viel gelernt. Only the Lonely war eine seiner Lieblingsplatten. Peter Rüedi

Capitol CDP 7 48471 2

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