Sudan Krieg im toten Winkel
Wie ein Konflikt zwischen Bauern und Viehhirten in Darfur zur Katastrophe eskalierte
Seit Tagen bombardieren die MiG-29-Bomber der sudanesischen Armee die Dörfer in Darfur. Eine neue Militäroffensive der sudanesischen Regierung ist im Gang – mit tödlichen Folgen nicht nur für die Opfer der Bombenangriffe, sondern womöglich auch für Hunderttausende in Flüchtlingslagern, die nicht mehr versorgt werden.
Könnte man sich hierzulande eine Vorstellung von dem Horror machen, von den Massakern, Vergewaltigungen, Vertreibungen und all den Gräueltaten, die die Menschen in Darfur seit dreieinhalb Jahren erleiden, dann würde die Debatte ganz anders verlaufen. So aber folgt sie dem bekannten Abwehrreflex: Schon wieder eine Friedensmission? Unsere Bundeswehr ist doch ohnehin schon heillos überfordert. Kosovo, Afghanistan, Kongo, Libanon, nun auch noch Darfur – will das kein Ende nehmen?
Wer so denkt, dem ist vermutlich schon das Häuflein deutscher Militärbeobachter zu viel, die derzeit im Sudan im Einsatz sind. Aber diesmal ist die Gefahr gering, dass unsere Soldaten auch noch in die Steppe von Darfur geschickt werden. Der UN-Einsatz wird, wenn er überhaupt zustande kommt, voraussichtlich von afrikanischen und asiatischen Blauhelmen durchgeführt werden, ein Kontingent von 17500 Soldaten ist geplant, dazu eine Truppe von 3500 Polizisten. Sie sollen Anfang 2007 die Interventionstruppe der Afrikanischen Union (AU) ablösen, der es in Ermangelung von Finanzmitteln, Transportgerät, militärischer Schlagkraft und eines robusten Mandats nicht gelungen ist, das Blutvergießen in Darfur zu beenden. Im Gegenteil, die Lage hat sich unterdessen dramatisch verschlechtert. Nach wie vor werden Tausende und Abertausende von Menschen vertrieben, das Flüchtlingsheer von zwei Millionen Menschen schwillt stetig an. Die berüchtigten arabischen Reitermilizen, Dschandschawid genannt, morden, foltern, rauben und vergewaltigen ungestört weiter. Und was die sudanesische Regierung vom Rettungsplan der Vereinten Nationen hält, hat sie durch den massiven Einsatz ihrer russischen Düsenjäger dokumentiert. Die Vetomacht Russland hat der Resolution 1706, in der schließlich die Entsendung der Blauhelme beschlossen wurde, nicht zugestimmt. Man möchte sich das Exportgeschäft mit Rüstungsgütern nicht verderben…
Dieser Konflikt passt nicht ins Raster vom »Kampf der Kulturen«
Die sudanesische Regierung und ihre Schlächter müssen also vorerst keine Angst haben, dass ihnen das Handwerk gelegt wird, zumal der jüngste Beschluss des UN-Sicherheitsrates nicht gerade von großer Willensstärke der internationalen Gemeinschaft zeugt. Neben Russland hat sich auch China der Stimme enthalten, der wichtigste Partner im florierenden Ölgeschäft des Sudans. Außerdem wurde die Friedensmission von der Zustimmung des größten Kriegstreibers abhängig gemacht, des islamistischen Regimes in Khartum. Es geißelt jede fremde Einmischung als neokolonialen Akt. Der Sudan werde ein »Friedhof für internationale Interventionen«, droht Präsident Omar al-Baschir. Er scheint vergessen zu haben, dass im Süden seines Landes eine UN-Beobachtertruppe den mit den dortigen Rebellen vereinbarten Friedensvertrag überwacht, und zwar recht geräuschlos und erfolgreich. Ebendiese Mission namens Unmis soll nun auf Darfur ausgedehnt werden. Wie das vonstatten gehen soll, weiß niemand. Womöglich hätte sich dieses Dilemma vermeiden lassen, wenn die Amerikaner und Europäer ihren guten Vorsatz, den Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Afrika zu unterstützen, wirklich ernst nehmen würden. Aber sie sind der wackligen AU-Mission nur halbherzig beigesprungen. Der Vertreibungskrieg im Sahel ist zweifellos der derzeit verheerendste Konflikt, doch in Washington, Brüssel, Paris und Berlin ist man vollends von den Krisen im Nahen und Mittleren Osten absorbiert.
Paradoxerweise hat gerade der Friedensvertrag mit den Rebellen im Süden, der nach 21 Jahren Bürgerkrieg im Januar 2005 besiegelt wurde, den Terror im Westen verschärft. Denn seither konnte Khartum seine Militärmacht auf Darfur konzentrieren. Zugleich verstärkten auch die Rebellen ihre Attacken; die wichtigsten Bündnisse, die Sudanesische Befreiungsarmee (SLA) und die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM), hatten vergeblich auf einen gleichwertigen Deal für ihre marginalisierte Region spekuliert: mehr Autonomie, gerechtere Verteilung der Öleinnahmen. Aber Friedensverhandlungen in Abuja, Nigeria, führten im Mai dieses Jahres nur zu einer windelweichen Übereinkunft, die die Rebellenchefs sogleich verwarfen. Nur einer unterschrieb, Minni Minnawi, der Führer einer SLA-Fraktion; dafür darf er fortan Präsidentenberater in Khartum spielen.
Nun eskaliert der Konflikt wieder, und die Regierung des Sudans möchte die AU-Truppe so schnell wie möglich loswerden. Bis dato hatte sie die 7000 Grünhelme geduldet, denn sie waren völlig harmlos und mitunter sogar recht nützlich: Die sudanesischen Jagdflieger konnten sich zum Beispiel mit der weißen Farbe und dem Emblem der AU-Mission tarnen. Seit Tagen verlegt das Regime starke Armeeverbände nach Darfur. Es will den bisher mit Dschandschawid-Milizen geführten Krieg endlich selbst entscheiden. Und es will dabei keine Zeugen mehr haben. Für die Menschen im Kampfgebiet bedeutet das die Hölle, und es gilt mehr denn je der traurige Befund von Jan Egeland. Darfur, erklärte der Nothilfe-Koordinator der Vereinten Nationen, sei »die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt«. Aber die Welt hat diese Katastrophe verdrängt, und dafür gibt es einen simplen Grund: Die Region hat derzeit keine geostrategische Bedeutung. Hinzu kommt, dass der Konflikt nicht in das globale Alarmraster vom »Krieg der Kulturen« passt, denn sowohl Opfer als auch Täter sind Muslime.
Oft wird bei der Ursachenforschung der Bruderzwist von Kain und Abel zitiert – als ob es sich bei dem Konflikt um eine alttestamentarische Unabänderlichkeit handelte. Diese grobe Vereinfachung ist nicht falsch. Denn die Bewohner der kargen, glutheißen Wüsten und Halbwüsten von Darfur konkurrieren seit Menschengedenken um knappe Naturgüter, um Wasser, Weiden und Ackerboden, um Brennholz, Baumaterial und Wild. Die Konfrontationslinie verläuft meist zwischen wandernden Viehhaltern und sesshaften Ackerbauern, zwischen arabischstämmigen Nomaden und schwarzafrikanischen Farmern von den Völkern der Fur, Massalit und Zaghawa. Das hohe Bevölkerungswachstum, die beschleunigte Versteppung und periodische Dürren haben die Verteilungskonflikte verschärft, und weil sie unterdessen mit massenhaft verbreiteten Schnellfeuerwaffen ausgetragen werden, ist der Blutzoll so hoch, dass traditionelle Schlichtungsinstrumente nicht mehr wirken.
Überdies wurden die Randregionen von der Zentralregierung jahrzehntelang vernachlässigt, und so wuchsen die Armut und der Zorn der besonders benachteiligten schwarzafrikanischen Darfuri. Ihre Führer beschuldigen das islamistische Regime, ihren Lebensraum durch systematische Vertreibungen zu »arabisieren«. Im Januar 2003 entluden sich die Spannungen in einem bewaffneten Aufstand. Seither berichten Menschenrechtsorganisationen von »ethnischen Säuberungen« und von einem »schleichenden Völkermord«. Sie präsentieren Aussagen von Überlebenden und Satellitenbilder, auf denen unzählige niedergebrannte Dörfer zu erkennen sind. Doch gerade am Vorwurf des Völkermordes entzündete sich eine neuerliche Debatte. Handelt es sich hier tatsächlich um Genozid? Und sind Schätzungen der über die Zahl der Toten – sie schwanken zwischen 200000 und 500000 – nicht unzuverlässig?
Das Regime in Khartum droht mit Gewalt gegen die Blauhelme der UN
In den USA traut man den sudanesischen Machthabern und einstigen Gastgebern von Osama bin Laden jedes Verbrechen zu. Ex-Außenminister Colin Powell hatte als einer der Ersten den Vorwurf des Genozids erhoben. Eine mit namhaften Experten besetzte UN-Kommission dokumentierte im Januar 2005 zahllose Verbrechen gegen die Menschlichkeit, verübt von arabischen Milizen, aber auch von Rebellen. Weil sie jedoch nur von »genozidalen Absichten« sprach, warnten Menschenrechtler, hier werde wieder ein Völkermord verharmlost. Dahinter steckte der Vorwurf, die Vereinten Nationen hätten nach 1994 nichts aus ihrem Versagen in Ruanda gelernt. Fakt ist: Die von der Kommission aufgelisteten Verbrechen sind schlimm genug, um ein Eingreifen zu rechtfertigen.
Das will das Regime in Khartum mit allen Mitteln verhindern. Es nennt die geplante UN-Intervention einen »Brückenkopf«, um eine islamische Regierung zu entfernen, und ihre Reiterhorden schwören sich bereits auf den Heiligen Krieg ein. Wenn die sudanesischen Führer der Friedensmission nicht zustimmen, haben alle zusammen und jeder einzelne zu verantworten, was der Bevölkerung in Darfur angetan wird, warnte UN-Generalsekretär Kofi Annan. Aber solche Mahnungen stacheln Fundamentalisten vom Schlage eines Omar al-Baschir nur auf. »Wir haben unsere Rechenaufgaben gemacht, Freunde«, tönt der Präsident des Sudans. »Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Konfrontation für uns tausendmal besser ist.«
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- Datum 18.09.2006 - 13:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.09.2006 Nr. 38
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