Natalia Wagner, 41, Sozialarbeiterin in Frankfurt am Main

Kein Wort Deutsch sprach Natalia Wagner, als sie 1995 im Ankunftslager für Spätaussiedler ankam. Meine Vorstellungen von Deutschland waren rosarot, sagt sie heute. Aber der Empfang war ernüchternd: Niemand wollte den Dialekt ihres russlanddeutschen Mannes verstehen. Sie fühlte sich isoliert. Wenn ihr in der Stadt jemand entgegenkam, wechselte sie die Straßenseite. Ich hatte Angst, der könnte mich etwas fragen, und ich kann nichts antworten.

Zehn Jahre danach hilft Natalia Wagner selbst Spätaussiedlern beim Ankommen in Deutschland. Stolz führt sie durch die Räume des Vereins Deutsche Jugend aus Russland (DJR) im Frankfurter Stadtteil Preungesheim. Aushänge kündigen Tanzkurse an, Sprachkurse, Nachhilfe.

Eine Band probt, ein Lehrer hilft beim Verfassen von Aufsätzen und Referaten. In der Kunst-AG haben die Jugendlichen ihre alte und ihre neue Heimat gemalt: die nüchternen Bankentürme Frankfurts und die goldenen Zwiebeltürme der orthodoxen Kirchen.

Einen Schonraum nennt Wagner den Treffpunkt. Die Menschen, die neu in Deutschland sind, brauchen jemanden, der sie versteht, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt.

Häufig muss sie den Neuankömmlingen erst einmal das deutsche Bildungssystem erklären. Die hören Hauptschule und denken: Das ist die Haupt-Schule, die wichtigste Schule, da muss ich hin!. Was tun, wenn ein Mädchen mit 19 Jahren nach Deutschland kommt? In eine normale Schule kann die junge Frau nicht mehr gehen. Aber solange sie kein Deutsch spricht, bekommt sie auch keinen Ausbildungsplatz und keine Arbeit. Natalia Wagner vermittelt ihr einen Platz in einem Projekt der Otto-Benecke-Stiftung, die Zuwanderern ermöglicht, einen deutschen Schulabschluss zu bekommen.

Sie selbst hat damals jeden Sprachkurs gemacht, den sie finden konnte - an der Volkshochschule, in der Kirchengemeinde, Deutsch für Mutter und Kind. Nach anderthalb Jahren fühlte sie sich fit für ein Studium. Die Caritas hatte ihr sehr geholfen während der Zeit im Aussiedlerwohnheim. So etwas wollte sie auch tun und entschied sich für Sozialarbeit. Seit ihrem Abschluss 2001 leitet Wagner den Klub in Frankfurt. Für die etwa 1500 Spätaussiedler, die jedes Jahr neu an den Main kommen, ist sie die wichtigste Ansprechpartnerin.