Fatima war gerade ein paar Minuten auf der Welt – und schon waren die Fliegen über sie hergefallen. Sie und ihre junge Mutter lagen auf einer Pritsche in einem kahlen, fensterlosen Raum, der Erdboden war sauber gefegt. Es handelte sich um eines von zwei Behandlungszimmern einer winzigen Klinik. Fatima wurde am 12. Juni 2006 im Flüchtlingslager Zam Zam im sudanesischen Nord-Darfur geboren. Auf 40000 Bewohner kommt hier ein Arzt. In der Klinik gab es keinen Operationssaal, nur wenige Instrumente und keine Medikamente. »Die würden sofort gestohlen«, erklärt der Arzt. Brennendes Dorf in Darfur BILD

Dies war unser zweiter Besuch in Darfur. Mein Sohn Ronan, Junior-Botschafter für Unicef, und ich hatten uns im Frühjahr 2004 ausführlich über die Situation dort informiert und dann Unicef gebeten, uns in die Flüchtlingslager zu schicken. Schon damals war die Sicherheitslage prekär. Im Oktober 2004 konnten wir das erste Mal, im Juni 2006 das zweite Mal reisen. BILD

Seit 2003 wurden fast 90 Prozent der Dörfer in Darfur von der sudanesischen Regierung und ihrer Stellvertreter-Armee, den arabischen Dschandschawid-Milizen, bombardiert und niedergebrannt. Bis zu 500000 Menschen kamen ums Leben. Überlebende marschieren über das ausgedörrte Land auf der Suche nach Sicherheit, Nahrung und Wasser. 2,5 Millionen Menschen leben in überfüllten Flüchtlingslagern – die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Zahlreiche Männer und Jungen wurden getötet. Die Überlebenden haben sich Rebellengruppen angeschlossen.

Die Flüchtlingsunterkünfte bestehen aus Plastikplanen – ausgeteilt von Helfern. Lebensmittelrationen sind so stark gekürzt, dass sie zum Überleben nicht mehr ausreichen. Sauberes Wasser ist Mangelware, es droht eine Cholera-Epidemie. Die Dschandschawid-Milizen überfallen immer wieder die Lager, vergewaltigen Frauen und Mädchen, entführen Kinder.

Die Geschichten der Frauen sind ähnlich und stets aufs neue schockierend. Sie erzählen von Söhnen, Ehemännern, Brüdern und Vätern, die gefoltert, verstümmelt und ermordet worden sind. Sie erzählen von Vergewaltigungen und zeigen die Markierungen, die man ihnen in die Haut geschnitten hat. Manche können nur noch humpeln, weil Milizionäre ihnen die Sehnen durchgeschnitten haben.

Halima, Mutter von fünf Kindern, berichtete, wie sie ihren jüngsten Sohn umklammerte, bevor er weggerissen und mit einem Bajonett aufgespießt wurde. Am Tag des Überfalls verlor sie zwei weitere Kinder und ihren Mann. »Dschandschawid«, sagte sie, »haben sie zu Tode gehackt und in den Brunnen geworfen. Erzählen Sie der Welt, was hier passiert.«

Am 5. Mai dieses Jahres war ein viel gelobtes »Friedensabkommen« für Darfur abgeschlossen worden. Mitte Juni hatte die Gewalt in Darfur jedoch nicht abgenommen. Im Gegenteil, sie war eskaliert. Denn nur eine von drei Rebellenfraktionen – und zwar jene mit dem geringsten Rückhalt in der Bevölkerung – hatte dieses Abkommen unterzeichnet. In der Region zwischen den Bergen von Dschebel Marra und den Tälern von Galap, die von Gegnern des Friedensabkommens kontrolliert werden, wurde die Stimmung immer aufgeheizter. Es war klar, dass die Situation eskalieren musste. Aufgrund der Sicherheitslage sind auch die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in Gefahr. Allein in den letzten zwei Monaten wurden zwölf Helfer getötet. Sollten sich die Helfer endgültig zurückziehen, würde die einzige Infrastruktur zur Versorgung von fast vier Millionen Vertriebenen zusammenbrechen. Weitere Hunderttausende von Toten könnten bald die Folge sein.