Über das Kopftuch muslimischer Frauen schien alles gesagt zu sein. Acht Jahre ist es her, dass das Land Baden-Württemberg der Lehramtskandidatin Fereshda Ludin ob ihrer verhüllten Haartracht die Einstellung in den öffentlichen Dienst verwehrte. In den folgenden Jahren tobte ein heftiger Streit um die angebliche Gefahr einer islamistischen Machtergreifung durch Deutschlands Gerichtssäle, Talkshows und Feuilletons. Politisch ist der Fall entschieden, fast alle Bundesländer haben Kopftuchverbote erlassen. Juristisch geht die Auseinandersetzung mit dem Erfolg einer Klägerin gegen die neue Landeskleiderordnung gerade in die nächste Runde.

Im Rückblick verwundert an dieser Debatte vor allem eines: wie wenig Aufmerksamkeit den Köpfen unter den Tüchern gewidmet wurde, um die allein es offenbar ging. Am Donnerstag dieser Woche legt die Konrad-Adenauer-Stiftung die erste umfassende Untersuchung über Denken und Einstellungen muslimischer Kopftuchträgerinnen in Deutschland vor. Wer sie liest, der muss sich fragen, aus welchen Quellen die Verfechter des Verbots ihre angeblichen Erkenntnisse eigentlich geschöpft haben. Denn, siehe da, die multikulturelle Gesellschaft ist homogener als bislang vermutet. Die befragten Frauen denken und empfinden kaum anders als durchschnittliche Deutsche.

Bislang stand praktisch alles, was man über hiesige Kopftuchträgerinnen wissen konnte, in einer mittlerweile sieben Jahre alten Doktorarbeit der Bremer Professorin Yasemin Karakasoglu, die auch Grundlage einer knappen Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht war. Sie hält das Kopftuch für harmlos. Ihre Widersacher hat diese Arbeit wenig beeindruckt; zum einen stützte sie sich lediglich auf Gespräche mit 26 kopftuchtragenden Jungakademikerinnen; zum anderen scheute sich die Autorin nicht, sich öffentlich mit konservativen Muslimen an einen Tisch zu setzen, was ihr alsbald als islamistische Voreingenommenheit ausgelegt wurde.

Einwänden dieser Art ist die Untersuchung der CDU-nahen Adenauer-Stiftung nicht ausgesetzt. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, einer der Autoren, hat sich als empirisch arbeitender Integrationsforscher einen Namen gemacht. Und die Arbeit, die er zusammen mit seinem Kollegen Frank Jessen nun vorlegt, ist fast in jeder Hinsicht so repräsentativ, wie eine Studie über eine Gruppe unbekannter Größe und Zusammensetzung es nur sein kann. 315 Frauen aus verschiedenen Teilen Deutschlands haben die Autoren durch türkischsprachige Mitarbeiter befragen lassen – gebildete und weniger gebildete, deutsche Staatsbürgerinnen und Türkinnen, Ältere und Junge, Hausfrauen und Berufstätige.

Es lohnt, sich vor der Lektüre der nüchternen Arbeit noch einmal die schrillen Töne des Kopftuchstreits in Erinnerung zu rufen. Eine »Flagge der islamistischen Kreuzzügler« soll dies Stück Stoff der feministischen Journalistin Alice Schwarzer zufolge sein, ein Symbol der »Fanatiker, die den Rechtsstaat abschaffen, die Scharia einführen wollen«. Ganz ähnlich argumentiert Deutschlands prominenteste Kopftuchgegnerin, die ehemalige Baden-Württembergische Kultusministerin Annette Schavan, die als Bundesforschungsministerin im Prinzip den Befunden einer empirischen Sozialwissenschaft verpflichtet sein müsste. Das Kopftuch, behauptet sie, sei ein »Symbol für politischen Islamismus, für kulturelle Abgrenzung«. Und es möge doch, bitte schön, »niemand so tun, als würden junge Mädchen bis heute nicht gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen«.

Wäre das Kopftuch ein islamistisches Symbol, dann sollte man unter seinen Trägerinnen eine nennenswerte Zahl von Islamistinnen erwarten, von Frauen, die hierzulande die Demokratie abschaffen und einen Gottesstaat nach iranischem oder talibanischem Vorbild einführen wollen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. 90 Prozent der Befragten wünschen sich eine durchs Volk gewählte Regierung. Und dabei sind jene unter ihnen noch nicht einmal mitgezählt, die wie mancher christliche Wähler auf eine Regierung von Gottes Gnaden hoffen, die aber aus einer demokratischen Wahl hervorgehen soll. Zieht man zum Vergleich repräsentative Umfragen unter Deutschen heran, erweisen sich die Kopftuchträgerinnen keinesfalls als schlechtere Demokratinnen.