Formel Eins Tschö, Schumi

Von Nordrhein-Westfalen aus eroberte er die Formel 1. Erinnerungen an Michael Schumacher

Von Kerpen ist er losgekommen, von der Kartbahn nicht. Als ihn die ersten PS-Fans in seinem niederrheinischen Garten besuchen und mit ihm grillen wollten, da wusste er, es war Zeit für Monaco. Aber die Kartbahn wurde er nicht los, er nahm sie mit. Wann immer sich ihm die Mikrofone entgegenbohrten, es um die Frage ging, ob es das Gefühl im Hintern sei, das ihn so schnell mache, dann kam er gerne auf seine Wiege zu sprechen: die Kartbahn. Ein gutes Umfeld sei das gewesen, meinte der Meister über seine Lehrjahre. Vater Rolf wirkte als Platzwart auf dem Gelände, Mutter Elisabeth drehte die Bratwürste, und zwischendrin der Sohn, der knatternd um die Kurven schoss. Stundenlang hätte man ihm zuhören können, wenn er auf seine Wurzeln zu sprechen kam. In all den Jahren ist der Weltmeister auch ein guter Erzähler gewesen.

Mit Gegenfragen war bei ihm zu rechnen, manchmal waren sie streng. Zum Beispiel damals an der Rennstrecke von Jerez. Schumacher, gerade zum ersten Mal Weltmeister geworden, stocherte in seinem spanischen Salat, einmal mehr ging es um das Gefühl im Hintern. War es dies, was ihn eine Sekunde schneller machte als den Teamkollegen? »So schwer ist das nicht zu begreifen«, erklärte er. »Ich frage Sie, was machen Sie?« – »Schreiben.« – »Nein, ich meine, welche Stufe haben Sie erreicht?« – »Nun, ich bin Redakteur.« – »Richtig, und warum sind Sie kein Chefredakteur?«

Danach hatte er einen Moment zufrieden aus dem Fenster seines Wohnmobils geblickt. »Sehen Sie, bei uns ist das nicht viel anders. Es ist das gewisse Quäntchen.« Und weil er schon mal dabei war, kam er auch auf das Geld zu sprechen, auf die zwanzig Millionen Dollar, die er dem Vernehmen nach damals verdiente. Überbezahlt? Das fand er nicht. Eine Sekunde pro Runde schneller zu sein als die anderen, das koste in der Formel 1 sechzig Millionen Dollar. »Gemessen daran, bin ich eine billige Sekunde.«

Für Ferrari mochte dieser schnöde Aspekt im Vordergrund stehen, Motorsport-Deutschland dagegen empfand sehr viel tiefer. Wer, wenn nicht er, gab dem Sonntag mehr als 15 Jahre lang Struktur? Zeit für die Schumi-Messe! Beinbruchbedingt hat er mal gefehlt, sonst war er doch immer da. Persönliche Ausfälle, etwa ein Tritt in eine Werbetonne, waren bei ihm nicht zu beobachten, obgleich solche Tonnen links und rechts einer Rennstrecke reichlich vorhanden sind. Man hat ihm nach Dienstschluss im Fahrerlager eine Gasse gebahnt, durch die ist er gegangen und nach Hause gefahren, zu Corinna, den Söhnen, den Hunden.

Wo er war, da war oben. Diese Gewissheit konnte die Seele verlässlich laben. Mit seinem Erscheinen in Maranello kam endlich Ordnung in die rote Garage. Plötzlich wusste man, wo die Sechskantschlüssel lagen, die man brauchte, um einem müden Boliden Beine zu machen. Glückes genug, auch für jemanden wie Jean Todt, den Rennleiter. Vor lauter Kummer hatte er sich die Fingernägel über Jahre blutig gekaut, sie deshalb gar getapet. Mit Michael Schumacher kaute er sie noch hastiger, aber jetzt war schiere Freude der Grund. Und nun soll das alles vorbei sein, für Todt und für uns?

Als Helmut Kohls Regentschaft endete, als der polnische Papst starb, erlebten viele junge Menschen dies als grausame Zäsur. Ein anderer in diesem Amt? Unvorstellbar. Mit dem angekündigten Abschied des Kerpeners liegt wieder Schwermut über den Straßen und Plätzen. Zehntausende sind es, die sich seit vergangenem Sonntag im Internet auf die Seite »Michael, please stay in Formula 1!« klicken. Sie versuchen ihre Trauer in Worte zu fassen. Den einen – »Ohne dich guck ich nicht mehr F1« – gelingt das, anderen bedauerlicherweise weniger: »Bleibt doch mal auf dem Teppich, es ist nur ein Sportler.«

Zuletzt wollte der Weltmeister aus Deutschland nicht mehr ohne eigene Fitnesshalle verreisen. Auf einem großen Lkw rollte sie mit, Schumacher wollte, dass sie möglichst dicht bei seinem Motorhome geparkt wurde. Wenn er selber nicht unter den Geräten hing, dann war jedenfalls sein Schäferhund zur Stelle, schnüffelte durch die Ecken und bellte laut, wenn sich der Reporter dem ganzen Eisen zu sehr näherte. Sind hier die Gründe der Demission zu suchen?

Rennen machen müde, all die Titel und Weltmeisterschaften bleiben nicht im Overall stecken. Als sich Schumacher im März 2000 nahe der Rennstrecke von Barcelona für die ZEIT- Seite »Ich habe einen Traum« porträtieren ließ, war der Fotograf schnell ganz begeistert. Auf Kommando schloss der Rennfahrer die Augen, so blieb es wohl über zehn Minuten. »Sie machen das sehr professionell«, meinte der Mann mit der Kamera schließlich anerkennend. In diesem Moment öffnete der Kerpener erstaunt die Augen. »Ich bin doch nur müde.«

Des Weltmeisters Traum damals? »Ein Haus an einer Klippe, mit Fahrstuhl nach unten, Schlafzimmer, die Tür zum Wasser. Leise hinausschwimmen, und keiner guckt mir dabei zu…«

Leise sein. Für sich sein. Daheim sein. Schumacher erwähnte bei dieser Gelegenheit seine Versuche, sich mit Maskeraden in der Öffentlichkeit zu tarnen. Dass er sich eine Perücke mit langen schwarzen Haaren gekauft hatte, in einem Auto mit abgedunkelten Scheiben herumgefahren war und seine Fans ihn trotzdem erkannt hatten. »Ich fand mich plötzlich selber ziemlich lächerlich.«

Auch das noch: Selbstdistanz. Ein ironischer Blick auf das eigene Tun und den Irrwitz der Welt, die sich um einen dreht. Etwas wie menschliche Reife. Das konnte nicht lange gut gehen in einer Sportart, die großes Können, aber eben auch jugendliches Draufgängertum voraussetzt. Wer siegen will, darf nicht neben sich stehen. Das entscheidende Quäntchen Hintern verträgt keine ironische Ablenkung.

Noch drei Rennen. Dann ist er ein Privatmann. Es gibt schon welche, die sagen, sie hätten den 37-Jährigen gerade eben in der Nähe der Kartbahn von Kerpen gesehen. Sie seien sich aber nicht ganz sicher. Und wenn, dann war es ganz bestimmt nur kurz.

 
Leser-Kommentare
  1. Ist das irgendwie wichtig?

    Ich dachte, die "Zeit" sei kein Sportblatt!

    Ich verstehe das nicht!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service