George Bamby wartete mit seiner Kamera vor dem Hotel. Es war sein erster Tag in Baden-Baden während der Fußballweltmeisterschaft 2006, einige englische Spielerfrauen machten nach dem Frühstück einen Einkaufsbummel, und der Paparazzi-Tross folgte. Nur Bamby lauerte vor dem Hotel. Er wusste, die Frau, auf die er wartete, war auf ihrem Zimmer geblieben, der Sichtschutz war vor das Fenster gezogen. Victoria Beckham BILD

Für die Paparazzi-Agentur Big Pictures fliegt George Bamby um die Erde, immer auf der Jagd nach einem Exklusivfoto, er ist der Schatten von Michael Douglas, Madonna und Heather McCartney, doch für ihn gibt es nur eine Königin: Victoria Beckham. Wayne Rooneys Freundin am Pool bringt ein paar hundert Pfund, Rod Stewart in der Badehose 4000, die Königin im Bikini aber bringt 40.000 Pfund. Bamby blickte durch den Sucher. Er hatte sich ein neues Teleobjektiv besorgt, aus einer Meile Entfernung kriegt er ein Motiv gestochen scharf.

Und dann trat sie plötzlich heraus. Sie trug ein rotes Shirt, darauf stand »England Rocks«, darunter trug sie winzige weiße Hot Pants, dazu eine gigantische Sonnenbrille. Ihre braun-gold schimmernden Beine endeten in körperverletzend hohen Stilettos.

Bamby drückte ab.

Am nächsten Tag war er um 10.000 Pfund reicher, sein Foto war auf der Titelseite der News Of The World , es war in der Sun , der Daily Mail und dem Mirror , es erschien in Asien und Amerika.

Victoria Beckham hatte es wieder mal geschafft. In den Tagen darauf sollte man sie mit gewohnt gelangweilter Miene, das Gesicht hinter einer XL-Sonnenbrille verborgen, auf den Tribünen der Fußballstadien sitzen sehen, neben sich ihr Sohn Brooklyn in einem Muskel-Shirt der englischen Nationalmannschaft, neben sich ihr Sohn Romeo, dem sie die blonden Engelslocken mit Schleifchen zusammengebunden hatte. Man würde lesen, dass Victoria sich fünfmal am Tag umzog, dass sie ihren Söhnen im Real-Markt im Nachbardorf Plastikfußbälle kaufte, dass sie zwischen zwei Spielen nach London flog, um sich für 3000 Euro die Haare verlängern zu lassen. Es war wie immer – es verging kaum ein Tag ohne sie.

Victoria Beckham ist wohl die meist fotografierte Frau Europas. Wenn die britische Boulevardpresse früher nicht wusste, was sie auf dem Titel drucken sollte, nahm sie Diana. Heute ist es Victoria. Neue Bilder von ihr heben selbst die Auflage der seriösen Zeitungen. Die Beckhams sind die neue Königsfamilie der britischen working class, ihre Untertanen können sich nicht satt sehen an ihnen. Victoria regiert den Modegeschmack der Massen. Wohl im Alleingang hat sie die Trends zu verspiegelten Piloten-Sonnenbrillen und Mikroröcken, zu zentimeterlangen Acrylnägeln und Bräunungscremes der Marke St.Tropez verbrochen. »Sie weiß, dass sie uns braucht«, sagt George Bamby. »Ohne uns wäre sie nichts als eine Fußballergattin, die einmal in einer erfolgreichen Mädchenband gesungen hat.«

Für George Bamby ist Victoria Beckham ein Segen, für die meisten Modedesigner ein Albtraum. Eine Frau mit einem großen Kopf auf einem zu dürren kleinen Körper, verpackt in Designer-Outfits in der Kleidergröße einer Siebenjährigen. Sie hat sich selbst in eine Form gebracht, die man wohl unrealistisch nennen kann. Während ihre Beine immer knochiger und ihre Röcke immer mikroskopischer wurden, nahm ihr Busen zu, und ihre Haare wuchsen ins Rapunzelhafte. Mrs. Beckham kombiniert Versace-Pumps zu Versace-Kleid und Versace-Sonnenbrille, und wenn ihr kalt wird, wirft sie noch einen Versace-Poncho darüber. Sie ordert Laufsteg-Looks gleich im Paket. Als ihr eines Tages am Flughafen Heathrow ihr Gepäck abhanden kam, notierte die Presse genüsslich: vier Louis-Vuitton-Koffer mit Kleidung im Wert von 35000 Euro, darunter 14 Paar Schuhe von Victoria und 16 Paar Schuhe ihres Sohnes Brooklyn. Im Übrigen seien weitere vier Koffer wohlbehalten bei ihr angekommen.

Mrs. Beckham ist der lebende Beweis dafür, dass ein Shopping-Budget in der Höhe des Jahresetats eines afrikanischen Kleinstaates noch keine Garantie für gute Kleidung ist. »Wenn Victoria etwas trägt, streich es von deiner Liste!«, sagt Susannah Frankel, Moderedakteurin des Independent. Und natürlich hat es schon viele getroffen: Da gab es die Dolce-&-Gabbana-Phase mit kleinem Schwarzen und kurzen Röcken (da war sie noch Posh Spice), gab es die Kapuzenpulli- und Baggy-Pants-Phase (da versuchte sie sich an einem HipHop-Album). Sie war ein unschuldiges Hippie-Mädchen mit langen, weich fallenden Röcken (da war sie die betrogene Ehefrau), und eine Zeit lang absolvierte sie die Paparazzi-Paraden in Heathrow grundsätzlich in Jeans und High Heels (da hatte sie gerade ihre Jeansmarke auf den Markt geworfen). Während sich die Modefirmen darum reißen, dass Stil-Ikonen wie Kate Moss oder Sienna Miller ihre Kleider tragen, gilt Victoria Beckham als Image-GAU. Als sie mit David im Lack-und-Leder-Partnerlook von Gucci posierte, soll der damalige Gucci-Designer Tom Ford entsetzt bei seiner Londoner PR-Abteilung angerufen haben: »Well, somebody stop her!« Doch natürlich ist Victoria Beckham nicht zu stoppen, sie ist Stammkundin.

Sie ist die Tochter eines Elektrogroßhändlers, er der Sohn eines Küchenmonteurs

Das Märchen von der Königin Victoria beginnt in einem Vorortkaff nördlich von London. Mit einem Mädchen, das mit einer geschenkten Gucci-Tüte in die Schule ging, das mit 14 immer noch keinen Busen und keinen Freund hatte, dafür aber viele Pickel und einen festen Willen: berühmt zu werden. So schreibt sie in ihrer Autobiografie Learning to Fly . Das Mädchen wurde Mitglied der erfolgreichsten Girl-Band aller Zeiten, ihr erster Hit hieß Wanna Be. Heute hat sie den reichsten Fußballer der Welt zum Mann.

Sie waren zwei verwandte Seelen, als sie sich trafen, hat Victoria Beckham einmal gesagt. Er dachte nur an Fußball, sie ans Berühmtsein, er hatte Talent und sie Ehrgeiz. Die Tochter eines Elektrogroßhändlers und der Sohn eines Küchenmonteurs heirateten im Sommer 1999 auf einem Schloss in Irland, er in einem eierschalenfarbenen Anzug und mit einer Krone, sie in einem eierschalenfarbenen Kleid und mit Diadem. Sie gaben sich das Jawort auf einem mit rotem Samt ausgeschlagenen Thron, dazu spielte ein 18-köpfiges Orchester, im Garten schnäbelten Gänse. Die Klatschpostille OK! kaufte die Fotos für 1,5 Millionen Euro und widmete dem Spektakel eine Sonderausgabe auf 146 Hochglanzseiten.

Die neue Königin hatte den Thron bestiegen. Sie lebte fortan in einer Festung, die sie Beckingham Palace nannten, und das Volk durfte aus der Boulevardpresse erfahren, dass David Victoria zu Weihnachten eine Yacht schenkte (2,4 Millionen Euro) und zum Geburtstag einen Brillanten (1,5 Millionen), nicht zu vergessen den Bentley, auf dessen Sitze sie das Familienwappen sticken ließen. Ihre Nachkommen tauften sie Brooklyn, Romeo und Cruz. Der Patenonkel der beiden Älteren ist Elton John. Wenn sie mal zu blass sind, fliegt Victoria mit ihnen nach St. Tropez. Seit Brooklyn drei ist, besitzt er einen Mini-Ferrari mit Dieselmotor und Ledersitzen (50000 Euro), seit er vier ist, seinen persönlichen Shopping-Account bei Dolce & Gabbana. Das Vermögen der Beckhams wird auf 180 Millionen Euro geschätzt.

Noch viel wertvoller aber ist das Image, das Victoria geschaffen hat, die globale Marke Beckham. Vor Victoria war David nur ein Junge, der gut Fußball spielte, der zu große Lederjacken trug und eine Frisur, die man in Manchester wahrscheinlich für drei Pfund bekam. Nun trug er Wickelröcke aus der Südsee, er ließ sich Strähnchen bleichen, Zöpfe flechten und die Fingernägel lackieren, und immer wenn er mit einer neuen Frisur auflief, konnte Victoria sicher sein, dass sie am nächsten Tag auf den Titelseiten erschien. Ließ die Aufmerksamkeit nach, plauderte sie in einer Fernsehsendung aus, dass David ihre Unterwäsche trage, oder sie ließ sich mit ihm zu Hause auf dem Sofa in Burberry-Schlafanzügen filmen und klagte: »Es heißt immer, wir würden nur über Fußball und Popmusik reden, dabei reden wir über so viele andere Sachen, oder, David? Mode und Make-up beispielsweise.«

»Victoria ist eine clevere Geschäftsfrau«, sagt der Markenexperte Andy Milligan, der ein Buch über sie geschrieben hat. »Sie überlässt nichts dem Zufall, sie hat die Marke geschickt diversifiziert.« Das gemeinsame Logo ist eine Krone, darunter haben sie ein Beckham-Parfum herausgebracht, Victoria hat Sonnenbrillen, Taschen und Jeans designt, eine Kosmetiklinie ist in Planung. Klar, dass sich um ihre Vermarktung der Spice-Girls-Erfinder Simon Fuller kümmert sowie eine Agentur für Hollywood-Stars. Gerade erst hat David trotz nahendem Karriere-Ende langfristige Werbeverträge unterschrieben.

Victoria hat ihr Ziel erreicht: Die Beckhams sind Lifestyle-Ikonen, Posh & Becks gehören zu England wie Fish & Chips und Marks & Spencer. In der Fernsehdokumentation The Real Beckhams sieht man sie im Kaufhaus Harrods vor den Plastikpuppen stehen und fragen, ob die Posh-und-Becks-Variante wohl schon ausverkauft sei. Man sieht Victoria in ihrem Haus in Madrid, das sie im toskanischen Landhausstil eingerichtet hat, in der Nachbarschaft wohnt König Juan Carlos. Man sieht sie im Fond der Limousine hinter ihrem Schminkspiegel, auf dem Weg zur Queen, sie trägt ein schwarzes hochgeschlossenes Kleid, einen riesigen Hut und sagt: »Today I am Audrey Hepburn« . Victoria kaut Kaugummi, meist hat sie ihr Handy am Ohr. David schweigt, Victoria redet.

In der Erzählung von David und Victoria ist Victoria die berechnende Zicke, die ihren Mann, den schüchternen, leicht beschränkten Fußballhelden unterdrückt. Und wäre sie nicht bei den Spice Girls gelandet, glauben viele, wäre sie heute Kosmetikerin. »Victoria hat das Problem, dass sie zwar berühmt ist«, sagt Andy Milligan, »aber niemand weiß mehr so recht, wofür.«

Jeden Schicksalsschlag, jede gescheiterte Soloplatte konterte sie mit einer neuen Frisur, einem neuen Kind oder beidem. Ein Jahr nachdem die Zeitungen Davids Seitensprung mit seiner Assistentin analysiert hatten, sahen wir sie auf den Skipisten von Courchevel, im hautengen, schwarzen Skianzug von Chanel, mit passendem Stirnband, Sonnenbrille und Skiern, am Handgelenk eine Uhr von New Yorks Nobeljuwelier Jacob & Co. Das Ganze natürlich bauchfrei – nur vier Wochen nach der Geburt ihres dritten Sohnes hatte sie sich auf 50 Kilo gehungert. Victoria kennt keinen Schmerz. Nie sieht man sie in flachen Schuhen, nie sieht man sie im Mantel. Sie ist das, was die Briten high maintenance nennen, wartungsintensiv – eine Frau, deren Auftreten ein Full-Time-Job ist, deren Tage bestehen aus Anziehen, Ausziehen und Umziehen, Bräunen, Schminken und Work-out. »Wenn ich nur vor die Tür trete«, hat Victoria einmal geseufzt, »ist es wie für normale Frauen, wenn sie eine Party betreten.«

Victoria Beckham ist die Anführerin einer neuen Spezies: Frauen wie Paris Hilton, Jessica Simpson oder Cora Schumacher, berühmt hauptsächlich fürs Berühmtsein und von keinem roten Teppich herunterzuzerren. Der Aufstieg von Victoria und ihren Schwestern begann Ende der Neunziger, als celebrities die Supermodels ersetzten, den Hunger nach Inszenierung stillten und sich vor jene Kameras drängten, denen sich die echten Stars zunehmend verweigerten.

Als sie im Februar die Chanel-Show in Paris besuchte, trippelte sie barfuß in weißen Sandaletten aus dem Privatjet, am Abend marschierte sie tief dekolletiert in den Grand Palais, hinter sich die Bodyguards, auf dem Gesicht eine XL-Sonnenbrille und am Arm die Kelly-Pochette. Woran sie gerade arbeitete? An einer Sonnenbrillen- und einer Handtaschen-Kollektion. Nachdem die Wiedervereinigung der Spice Girls endgültig scheiterte, ist sie fest entschlossen, in der Mode ihr Glück zu machen. »Ich möchte, dass meine Sachen bei Fred Segal verkauft werden, meine Schuhe bei Barneys«, vertraute Victoria der Presse an. Ein Vorhaben, das man als Drohung verstehen darf.

Im Oktober erscheint Victoria Beckhams neues Buch, in dem sie ihre Modegeheimnisse verrät. Sie nahm Nachhilfe bei dem Stylisten von Kylie Minogue, trennte sich von ihren hair extensions und präsentierte ihren frisch geschnittenen Bob beim Lunch mit Christopher Bailey, dem Kreativdirektor von Burberry. Durch das Internet gellte ein Aufschrei des Entsetzens, die Firma beeilte sich, zu versichern, dass das Treffen rein privater Natur war.

Arme Victoria! Wenn es wieder nichts wird, wird sie es machen wie immer. Sie wünscht sich endlich ein Mädchen, zur Not adoptiert. Einen Namen hat sie auch schon: Namulinda. Das heißt in einer afrikanischen Stammessprache Prinzessin.