Autobiografien – die ja ohnehin ein heikles Genre sind – zerfallen, grob eingeteilt, in zwei Klassen, Mischformen nicht ausgeschlossen. In die eine Gruppe gehört jener Typ von Lebensbericht, in dem der Autor ausbreitet, was er sein ganzes bisheriges Leben lang erlebt und getan hat – also nicht selten ein starkes Stück Selbstrechtfertigung. In jene andere Gruppe gehören die Erinnerungen daran, wie jemand das geworden ist, was er ist – also ein Versuch der Selbsterklärung. (Das Parallelstück dazu ist der ins Fiktionale gehobene Bildungsroman.) Die Erinnerungen des gerade verstorbenen Joachim Fest, die – sei es freier Entscheidung oder dem Zwang der Umstände folgend – ohnedies im Wesentlichen seine jungen Jahre umfassen, stellen sich selbst als »eine Art bürgerlicher Entwicklungsgeschichte in unbürgerlicher Zeit« vor. Die Unterzeile des Titels könnte auch heißen: Eine Jugend in Deutschlands dunkelster Zeit. Diese Memoiren erweisen sich aber nicht nur als Bildungsgeschichte, sondern geradezu als Erziehungsroman, dessen Hauptfigur nicht eigentlich der Autor ist, sondern sein Vater, der mit seiner atemberaubend geradlinigen Persönlichkeit die »stumme Erziehung« des jungen Joachim Fest, seiner Brüder und Schwestern und – geht es um die politisch-moralischen Maßstäbe – am Ende auch quelquefaçon der Mutter prägte. So könnte das Buch mit vollem Recht auch überschrieben sein: Der Vater. Es macht geradezu die Bewegung dieses Erinnerungsbandes aus, dass sich der Autor so vorbehaltlos in das Licht und damit auch in den Schatten seines Vaters stellt. Die Familie Fest im Jahre 1942, mit Vater Johannes, der Mutter und den fünf Kindern, ganz rechts der junge Joachim Fest. BILD

Der Vater Johannes Fest, in seiner letzten beruflichen Stellung Rektor einer Schule in Berlin-Lichtenberg, wird als Person mit vier Bestimmungen vorgestellt, die nicht zueinander zu passen schienen, die aber trotz der ihnen innewohnenden Spannungen eine kraftvolle Persönlichkeit formten: militanter Republikaner der Weimarer Zeit (Angehöriger des »Reichsbanners«!), überzeugter Preuße, strenger Katholik und bekennender Bildungsbürger. Alle diese Charakterzüge haben je und zusammen zu seiner Unnachgiebigkeit gegenüber dem NS-Regime beigetragen. Und während man von des Vaters Mahnung liest: »Vergesst mir bloß die Ironie nicht! Sie ist das Eintrittsbillett ins Menschliche«, denkt man unweigerlich an den alten Preußen Fontane – und siehe da, drei Seiten später spricht der Vater über den auch von ihm bewunderten märkischen Schriftsteller: »Der ist von der Familie.« Schon hier wird mancher Leser denken: Einen solchen Vater hätte ich auch gerne gehabt.

Und wie sehr erst nach 1933! Johannes Fest wird schon im April 1933 vom Schuldienst beurlaubt, im Oktober endgültig entlassen – absolutes Berufsverbot inklusive, bis 1945. Die Familie erlebt den Absturz in die »Poverté«, die Mutter, die auf ein schöneres bürgerliches Leben gehofft hatte, tröstet ihre Kinder – und sich selbst – grimmig: »Einen Vorzug hat die Lage: Ihr könnt niemals verwöhnt werden.« Doch während die Mutter, auch um der Familie willen, zeitweise für gewisse äußerliche Kompromisse wirbt (ein Pro-forma-Beitritt in die Partei würde doch an der inneren Haltung nichts ändern), bleibt der Vater scharfsichtig und entschieden: »Es würde alles ändern!« Die Mutter dazu: »Du denkst nicht an Mut oder Feigheit. Du hast nur deine Grundsätze im Kopf.« Und obschon dies als ein Einwand formuliert wurde, liegt dem Satz doch wider Willen eine tiefe Weisheit zugrunde. Vielleicht ist man in Stunden der moralisch-existenziellen Herausforderung wirklich schon verloren, wenn man sich selber – zweifelnd – überhaupt fragt, ob man denn mutig genug sei, anstatt sich einfach (!) und geradewegs an das Richtige zu halten. Diese Vermutung – vor allem die Haltung des Vaters Johannes Fest – erinnert geradezu an das Diktum Immanuel Kants im Ewigen Frieden, wonach es eine »offenbare Ungereimtheit« sei, wolle man – nachdem man dem moralischen Pflichtbegriff seine Autorität zugestanden hat – noch sagen, »dass man es doch nicht könne«. Vielleicht hätte Günter Grass diese Erinnerungen lesen sollen, bevor er über den »katholischen Mief« der Adenauer-Ära herzog, der spießiger gewesen sei als die DDR der SED-Diktatur. Jedenfalls hat dieses katholisch-preußisch-republikanisch-bildungsbürgerliche Mikromilieu, dieses – so Joachim Fest – »Gegenbild zu der von antibürgerlichen Affekten geprägten Welt des Regimes«, zuverlässig gegen die nationalsozialistische Ideologie immunisiert – wobei der Vater durchaus scharf die »feige« Politik der katholischen Zentrumsführer gegenüber dem Regime tadelte.

Es ist eine faszinierende Lektüre, zu verfolgen, wie dieser Immunisierungsprozess vom Vater auf die Kinder übertragen wurde. Der Vater, an jedem Gelderwerb verhindert, begegnet die Außenwelt vorwiegend in monatlichen Treffen mit zehn, zwölf alten Reichsbanner-Leuten, bringt von dort politische Informationen mit nach Hause (eines Tages hat er deutliche Hinweise auf die Vernichtungsverbrechen bekommen, es blockiert ihm die Sprache), die jüngeren Geschwister kommen früher ins Bett, die älteren dürfen beim »zweiten Abendbrottisch« die politischen Gespräche der Eltern hören. Der Vater nimmt natürlich sensibel die vielen Anfechtungen wahr, die auch die Gegner Hitlers befallen: Warum gelingt dem Hitler fast alles? Es geht ja wirklich aufwärts – sehen Sie das nicht? Irgendwann sagt der Vater verzweifelt: »Er setzt nun mal alle Richtigkeiten außer Kraft.« Außer der einen eben, an der der Vater unbeirrt festhält.

Das Bündnis der Familie »gemeinsam gegen die Welt« hält. Am eindrucksvollsten schließlich die Kulmination in einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, als dieser sich zur Luftwaffe melden will, um der Einziehung zur Waffen-SS zu entgehen. Der Vater besteht darauf, dass man diesem Regime in keiner Weise dienen dürfe, nicht einmal in der Luftwaffe. Später wird er dem Sohn sagen: »Du hattest damals nicht Unrecht. Aber ich hatte Recht.« Da kann einem der Atem stocken.

Verlassen wir die notwendig arg verkürzte Darstellung, man muss solche Bücher – und dieses ganz bestimmt – ohnehin selber lesen. Kommen wir zu den Fragen, die sich unvermeidlich stellen. Die erste betrifft eine merkwürdige, bedenkliche Mystifikation, nämlich den Titel des Buches: Ich nicht. Er geht zurück auf eine Szene im Elternhaus. Der Vater diktiert seinen Söhnen einen lateinischen Satz, der ihm oft geholfen habe, weil er am seltensten geirrt habe, wenn er einzig seinem eigenen Urteil gefolgt sei: »Etiam si omnes – ego non!« (Weiter in Fests Erinnerungen: »Ist aus ›Matthäus‹, erläuterte er, ›Ölbergszene.‹«) Doch dieses »Und wenn alle – ich nicht« gibt es so gar nicht. Petrus sagt bei Matthäus: »Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen.« Bei Markus hingegen, schon eher: »Und wenn sie alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht.« ( Et si omnes scandalizati fuerint sed non ego.) Das Fatale aber an diesem vom Autor gar nicht hinterfragten Zitat ist der Umstand, dass der Satz für das blanke Gegenteil dessen steht, wofür er in Anspruch genommen wird, stammt er doch von ebenjenem Petrus, dem das feige Verleugnen unmittelbar zuvor von seinem Meister beizeiten ins Gesicht vorausgesagt wurde – und dann auch prompt trotz dieses großspurigen Gegenschwurs begangen wurde: Und dreimal krähete der Hahn… Nun können auch falsche, geradezu windschiefe Zitate in anderem Zusammenhang durchaus ihr Recht bekommen, dem Vater sei dies ungesäumt eingeräumt. Aber ob der Sohn dieses »Er nicht« des Vaters sich so umstandslos als »Ich nicht« aneignen kann? Das fragt man sich spätestens, wenn Joachim Fest sein Löcken wider den Zeitgeist der sechziger und siebziger Jahre der Bundesrepublik auf diese Haltung zurückführt. Doch des Sohnes Eigensinn war, bei allem Respekt vor unangepasster Meinung, gegen eine andere »Bedrohung« gerichtet als das Widerstehen des Vaters: hier der etablierte Journalist und Erfolgsautor in einer offenen, wenn auch bisweilen ziemlich verrückten Gesellschaft – da der mit Berufsverbot belegte Vater in einer Diktatur…

Man kann sich aufgrund dieser Erziehungsgeschichte vorstellen, weshalb Joachim Fest Hitler, ein Buch schreibend, begreifen wollte, obwohl der Vater ihn auch davon abzuhalten versuchte: Hitler und seine Herrschaft seien kein Gegenstand für einen ernsthaften Historiker, sondern ein »Gossenthema« – da komme er her, da gehöre er hin, sozusagen. Aus Fests Erinnerungen taucht eine Person auf, der »olle Katt«, die immer wieder mit gefährlichen politischen Witzen zur Hand ist: »Der Hitler lügt so, dass nicht einmal das Gegenteil davon wahr ist.« Aber wenn jemand so wie Joachim Fest schon von Kindesbeinen an über die Lügen und Verbrechensgelüste der Nazis aufgeklärt wurde, wie konnte er dann, so fragt man sich weiterhin, einem Albert Speer und dessen Schwindeleien aufsitzen, wie konnte er einem Ernst Nolte das Manuskript zum Druck in der FAZ abnehmen, das gegen allen Augenschein der Welt einreden wollte, Hitler habe seine Verbrechen nur als angstvolle Reaktion auf Stalins Untaten begangen? Irgendwie fällt da einiges trotz dieser lupenreinen Erziehungsgeschichte ins Unklare – gegen Ende auch im Buche.

So schreibt Fest zunächst: »Das zertrümmerte Land, in das ich 1947 zurückkehrte, war nicht so sehr, wie man es heute häufig sieht, eine Welt der Enge und Bewegungsnöte. Vielmehr bot es auch Freiräume und bestimmungslose Leerflächen.« Doch ganz wenige Seiten später liest man, wie schön es in Italien war, »zumal wenn man aus dem an seiner Enge nahezu erstickenden Deutschland kam…« Was nun – eng oder nicht? Und was fangen wir mit einem Satz wie diesem an: »Nicht ganz ohne Grund kann man daher den Judenhass der Deutschen und sein Vernichtungswerk als eine Art Brudermord deuten, auch wenn man sich bewusst ist, wie unendlich vieles dagegen spricht«? Wenn unendlich vieles gegen eine These spricht, kann man sie dann wirklich aufstellen? Fragen also an das eine oder andere, bisweilen grundsätzliche Clair-obscur – doch alle staunende Bewunderung angesichts dieses Porträts eines Vaters. Man hätte ihn, wenn schon nicht gehabt, so doch gerne auch in persona kennen gelernt.

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Das Buch erscheint am 22. September