Archäologie Lust an antiker Größe

Der österreichische Chemiker Ernst Pernicka leitet auf dem Hügel von Troja die berühmteste Grabung deutscher Forscher. In drei Jahren muss er die Stätte an die Türkei übergeben.

Der sengenden Hitze schenkt er keine Aufmerksamkeit. Er hat jetzt keine Zeit. Schließlich will er jeden einzelnen Journalisten persönlich durch die Ruinen führen, ihnen die Mauern aus der späten Bronzezeit zeigen und vor allem jenen Graben, von dem seine Mannschaft ein kurzes Stück freigelegt hat – und der ihm in diesen Tagen Schlagzeilen beschert. Ein Fernsehteam ist schon vor Ort, weitere haben sich angekündigt. Sie alle wollen nicht nur Aufnahmen mit Ton, Steinen und Scherben drauf. Nein, sie brauchen ihn im Bild. Ihn ganz persönlich, den neuen Hausherrn von Troja.

Er heißt Ernst Pernicka. Seit diesem Sommer ist der Chemiker der neue Grabungsleiter auf der bekanntesten Wirkungsstätte deutscher Archäologen. Troja fiel schon 1871 in deutsche Forscherhände. Damals begann Heinrich Schliemann auf dem Hügel von Hisarlk, unweit der ägäischen Küste, mit den ersten Ausgrabungen. Und Pernicka ist der Nachfolger des im vergangenen August verstorbenen Tübingers Manfred Korfmann.

Korfmann hat gewaltige Spuren hinterlassen. Vor fünf Jahren hatte der klassische Archäologe mit seinen kühnen Behauptungen, die Stadt Troja sei einst eine Metropole monumentaler Größe gewesen, jenen Widerspruch geerntet, der schließlich den Troja-Streit auslöste.

Der gebürtige Wiener Pernicka fand sich daher im Juli dieses Jahres mit gemischten Gefühlen zum Arbeitsbeginn am Hügel Hisarlk nahe den Dardanellen ein. Schließlich ist er weder Deutscher noch Archäologe – und wurde doch zum Chef dieser prestigeträchtigen Ausgrabungsstätte ernannt. Damit der Naturwissenschaftler überhaupt den Posten dort einnehmen konnte, bedurfte es einer Gesetzesänderung in der Türkei. Die heiß begehrten Genehmigungen zum Graben sind bis vor wenigen Wochen ausschließlich klassischen Archäologen erteilt worden.

Pernicka geht den Hügel hoch, der ohne geologische Verwerfungen oder glaziales Wirken entstanden ist, eine Erhebung von Menschenhand. Jahrtausendelang wurde die Stadt immer wieder neu gebaut, Trümmer aus Lehm und gebrannten Ziegeln wurden zum Fundament der jeweils nächsten Gebäudegeneration. Troja wuchs zum Himmel. Auf halber Höhe hält Pernicka inne: »Hier ist TrojaVI.« Er zeigt auf einen vor ihm liegenden erstarrten Haufen aus verwitterten Ziegeln. Ein Brand hatte dieser Version vor rund 3300 Jahren den Garaus gemacht, und seit Schliemann und seine Nachfolger die rußschwarzen Trümmer freigelegt haben, nagt die Erosion an ihnen. Feuchtigkeit zersetzt die lehmigen Überbleibsel.

Über der Rußschicht war nach der Feuersbrunst Troja VIIa entstanden, jene Stadt vermutlich, die Homer in seiner Ilias zum Schauplatz göttlicher Kriege gemacht hat. Auch diese Epoche endete (vor rund 3180 Jahren) mit einem Brand. Dessen Ursache war womöglich ein verlorener Krieg – jenes Desaster, das Homer beim Dichten inspiriert haben könnte. All die Schichten von Troja I bis X sind allerdings so ineinander verzahnt, wie Städte halt wachsen und vergehen. Die Historie, die vor fünf Jahrtausenden begann, ist im Hügel Hisarlk kolossal durcheinander geworfen, und sie endet im Mittelalter, mit Troja als byzantinischem Bischofssitz.

Pulsierende Metropole oder kleine Burgsiedlung? Der Streit geht weiter

Pernickas Vorgänger Korfmann hatte sich das spätbronzezeitliche Troja VIIa als eine pulsierende Metropole vorgestellt, die auf 27 Hektar Fläche bis zu 10000 Menschen Heimat bot. Sein Modell einer prunkvollen westanatolischen Residenzstadt im 2.Jahrtausend vor Christus erregte Widerspruch. Der Althistoriker Frank Kolb (wie der Grabungsleiter von der Tübinger Universität) warf ihm »Irreführung der Öffentlichkeit« vor. Das Troja jener Zeit könne höchstens eine bescheidene Burgsiedlung gewesen sein, und bei dem, was Korfmann und seine Mitarbeiter die »Unterstadt« nannten, habe es sich in Wahrheit um ein paar Häuser gehandelt, die sich an die Mauern der Festung schmiegten.

Bereits in seinem ersten trojanischen Sommer ist dem studierten Chemiker Pernicka vermutlich der Nachweis für die Richtigkeit von Korfmanns Behauptungen gelungen (ZEIT Nr. 37/06). Er stieß auf einen 600Meter langen Befestigungsgraben: Beleg dafür, dass am Fuß des Hügels eine riesige Außensiedlung gewesen sein musste.

Damit steht Pernicka wieder einmal im Rampenlicht. Zuletzt war er vor zwei Jahren ins Zentrum des öffentlichen Interesses geraten, als er die Echtheit der Himmelsscheibe von Nebra bestätigen konnte. Zu jener Zeit war er noch Professor für Archäometallurgie an der TU Freiberg. Doch die Hochschule hatte bald darauf »offenbar kein Interesse mehr an Archäologen«. Pernicka verließ Sachsen; die Universität Tübingen bot ihm, wonach er gesucht hatte: eine Professur für Naturwissenschaftliche Archäologie, und das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie, in dem er sich der naturwissenschaftlichen Beantwortung archäologischer und kulturhistorischer Fragen widmen kann, gab es quasi als Dreingabe.

Zuoberst auf dem Hügel bietet sich dem Blick endlich Weite. Hinter dem Dunst ist das Meer zu erahnen; dahinter beginnt Europa. Pernicka ist ein lebhafter Erzähler, er schildert, wie die Segelschiffe in der Antike entlang dieser Grenze zwischen zwei Kontinenten oft Halt machen mussten – so lange, bis sie mit dem Wind im Rücken gegen die Strömung ansegeln konnten. Denn aus dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer fließt das Wasser energisch südwärts ins Mittelmeer. An dieser strategisch wichtigen Stelle, am Ufer der Meerenge, florierte Troja.

Eines der wichtigsten Handelsgüter in jenem 2.Jahrtausend vor Christus: Metalle. Ihnen gilt Pernickas Hauptaugenmerk – und fänden sich in Troja nicht auch Überreste aus Bronze, wäre der Forscher kaum hier zu finden. Als sie im Juli auf eine verputzte Hauswand aus römischer Zeit stießen, freute das die Archäologen im Team. Pernicka jedoch räumt ein, dass ihn das Gemäuer kalt ließ. Lieber hätte er in die Runde gerufen: »Findet mir Metalle!«

Denn nur im Allgemeinen ist Pernicka an Archäologie interessiert. Im Besonderen faszinieren ihn die »Wege der Metalle«. Nach dem Studium forschte er eine Zeit lang am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg, wo er die Herkunft des Silbers in antiken Münzen ermittelte. Seither versucht er, an verschiedensten Wirkungsstätten, »Metalle, wo immer sie auftauchen, mit Lagerstätten in Verbindung zu bringen«. Er glaubt, dass sich anhand der Metalle Historie detailgetreu rekonstruieren lässt: »So können wir Handelswege und Handelsbeziehungen bestimmen. Wo diese bestanden, ergaben sich kulturelle Kontakte von selbst.«

Mehrere Projekte führten ihn nach Iran, in den »Ruhrpott des Altertums«. Dort vermutet er die Wiege der Metallurgie, also der Gewinnung von Metall aus Erzlagerstätten. Er betrieb Grundlagenforschung in Griechenland, in der Türkei und am Kaukasus, wo er sämtliche Kupfer- und Bleilagerstätten aufsuchte, Proben entnahm und nach Hinweisen auf frühgeschichtlichen Bergbau suchte. Auf dem Balkan ergründete er die Wege der Metalle zwischen Morgen- und Abendland, und es folgten Nebra und das Rampenlicht.

Die Festungsgräben helfen beim Festigen der Reputation

Unterdessen träumt Pernicka von einem neuen Projekt, das sich der Verbreitung der Erzgewinnung und -verarbeitung im Alpenraum widmen soll. Schließlich hat jede Legierung eine Herkunftsgeschichte zu verraten: Anhand der Isotopenzusammensetzung lässt sich ermitteln, aus welchen Gegenden die Bestandteile zusammengetragen wurden.

Davor aber ist da noch Troja. Die Festungsgräben helfen beim Festigen der Reputation. »Zu Troja sagt man nicht nein«, sagt Pernicka. Letztlich aber ist der Ort gezwungenermaßen nur eine Zwischenstation für ihn. Höchstens drei Jahre lang werden deutsche Forscher hier noch die archäologischen Geschicke bestimmen. In dieser Zeit will Pernicka »Korfmanns 18-jährige Arbeit zu einem vernünftigen, wissenschaftlich verantwortbaren Abschluss bringen« und »ein Nutzungskonzept für die Grabungsstätte und ihr Umland« entwickeln: »Maßnahmen in Sachen Fremdenverkehr« gilt es zu koordinieren, ein Troja-Museum soll her. Ein Modell des Baus existiert schon, ein türkischer Sponsor aus der Region steht bereit – lediglich das Grundstück ist noch nicht gefunden.

Spätestens 2009 übergibt die Universität Tübingen die legendäre Stadt in türkische Hände. Dann endlich kann sich Schliemanns letzter Erbe wieder seinem metallenen Steckenpferd widmen.

Der Mensch...
Ernst Pernicka ist Professor für Naturwissenschaftliche Archäologie am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen sowie Leiter des Curt-Engelhorn-Zentrums für Archäometrie in Mannheim. Einer breiten Öffentlichkeit wurde der Archäometallurg bekannt, als er das Alter der Himmelsscheibe von Nebra bestimmte und ihre Echtheit bewies.

... und seine Idee
Der gebürtige Wiener, Jahrgang 1950, spürt leidenschaftlich der Entstehung und Ausbreitung der Metallurgie nach (im Bild die Gold-Maske des Agamemnon). Er folgt den Wegen der Metalle und damit zugleich Hinweisen für kulturelle Kontakte in der Alten Welt. Archäologische Funde zeigen, dass Orient und Okzident schon vor Jahrtausenden weitreichende Handelsbeziehungen aufgenommen hatten.

 
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