Als der Medienunternehmer und Netz-pionier Tim O’Reilly im Oktober 2004 vor einem reinen Fachpublikum den Begriff Web 2.0 vorstellte, war nicht abzusehen, welche Kreise er ziehen würde. Nicht einmal zwei Jahre später hat die Frage, wohin das Internet steuert, sich vom netzinternen Streitthema zum allgemeinen Debattenstoff erhitzt. Wer "Web 2.0" googelt, erhält 53 Millionen Einträge. Zum Vergleich: "Grass" und "Handke" bringen es zusammengenommen nicht einmal auf sieben Millionen.

Dabei bezeichnet Web 2.0 zunächst nur den Sachverhalt, dass – im Gegensatz zum spezialisierteren "alten" Netz – eine ständig wachsende Zahl von Menschen online agiert. Weblogs, Chatrooms und Musiktauschbörsen waren nur der Anfang, inzwischen werden dank wachsender Übertragungsraten Videos ins Netz gestellt und selbst erstellte Radioprogramme versendet, und mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia hat das kanonische Wissen Konkurrenz durch Laienautoren bekommen. Das Internet hat sich vom bloßen Verbreitungsmedium zum Marktplatz gewandelt, auf dem selbst produzierte Inhalte die Regel sind. Oft spiegeln sie bloß die Bedürfnislage der privaten Anbieter – Leute kennen lernen, sich mitteilen, reich und berühmt werden –, doch gerade die Buntheit des Angebots zieht Visionäre an.

Trendforscher lesen darin die Zukunft, die Werbeleute auf keinen Fall verpassen wollen. Medientheoretiker fragen nach den demokratisierenden Effekten der neuen Volksbewegung. Digitalunternehmer, die sich von Mittwoch nächster Woche an wieder in Berlin zur Fachmesse Popkomm treffen, führen hochauflösende Brausewörter der Innovation wie User Generated Content, Peer Production oder Folksonomies im Mund, um die Netzaktivität beschreib- und nutzbar zu machen, während verärgerte Pioniere in ihren Foren die alte Autonomie des Cyberspace beschwören. Die Diskussion ums Internet ist in Wahrheit eine Diskussion um seine sozialen und ökonomischen Folgen. Wie wird die Medienzukunft aussehen? Wer hat Platz darin und wer nicht? Und womit wird noch Geld verdient, wenn das Publikum sich selbst unterhält?

Im Kampf um Begriffe und Szenarien wiederholt sich eine Konstellation, die noch jeden medialen Umbruch begleitet hat: Während die einen in der Eroberung des Netzes durch Laien den Vorschein künftiger Revolutionen erkennen, sehen die anderen das Abendland im Trash versinken – eine Polarisierung, die durch ihre Neuauflage nicht fruchtbarer wird. In Zeiten, in denen die Wirklichkeit dem Begriff davonläuft, empfiehlt es sich, genauer hinzuschauen. Die Zukunft erscheint nicht in Flammenschrift am Horizont, sie zeichnet sich im alltäglichen Umgang mit der neuen Technik ab.

1. Das Internet ist ein Möglichkeitsraum