Lebensberatung Stressfrei in 90 Minuten
Eric Dancs, 52, hilft Managern im Urlaub abzuschalten. Der Religionspädagoge und Kommunikationsberater bietet ein "Coaching für die Seele" an
Sie sind gerade in Urlaub. Und heute schon an die Arbeit gedacht?
Ja. Daran, dass meine Arbeit mir gut tut. Ich muss nicht von einem Stresspegel herunterkommen, denn mein Stress ist positiv.
Anderen Leuten geht es anders. Die bleiben immer erreichbar, wollen nicht abschalten, das macht sie krank Medizin und Wissenschaft sprechen neuerdings von Leisure Sickness. Können Sie da helfen?
Da sind erst einmal ein paar generelle Fragen nötig: Muss ich immer alle Fäden in der Hand halten? Was zum Beispiel, wenn ich im Krankenhaus wäre und nicht erreichbar, wer würde dann die Arbeit übernehmen? Stärke und Führungsstärke bestehen ja im Delegieren. Nicht darin, dass man sich selbst überall reinkniet, sondern dass man kompetente Mitarbeiter fördert und Aufgaben übergibt. Mein Angebot ist, sich von einem Neutralen Fragen stellen zu lassen, die man sich sonst nicht gefallen lassen würde.
Sie nennen Ihr Angebot Coaching für die Seele. Was bedeutet das für den Urlauber?
Es bedeutet, loslassen, frei werden, indem man die Dinge, die einen belasten, ausspricht. Meistens ist es ja ein Knäuel, das so verwoben ist, dass man den Anfang gar nicht richtig findet. Sobald man die Probleme in Worte fasst, lässt man sie schon ein Stück los. Das Coaching ist eine Hilfestellung, wie es weitergehen kann. Denn im zweiten Schritt wird ein Handlungsdiagramm erstellt: Wenn ich so und so vorgehe, hat das möglicherweise die Vor- und die Nachteile. Dann weiß der Urlauber, was er nach den Ferien tun muss. Wenn er das weiß, kann er das Paket zur Seite legen, und es belastet nicht mehr.
Wie kann so etwas konkret aussehen?
Einer Frau wurde eine finanziell interessante neue Position angeboten. Auf der einen Seite reizte sie die Herausforderung, auf der anderen Seite hatte sie ein ungutes Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte. Durch meine Fragen Wer arbeitet Ihnen zu? Wie sind die Kompetenzverteilungen? wurde ihr bewusst, dass die Rahmenbedingungen gar nicht geklärt waren.
90 Minuten zu 95 Euro. Reicht die Zeit?
In der Regel ja. Für die ersten Schritte. Es sollen ja keine Abhängigkeiten aufgebaut werden. Das Coaching soll eine Anregung sein, sich zu fragen: Was kann ich allein tun, wo brauche ich Hilfestellung? Das Gespräch kann bei einem Spaziergang, bei einer Wanderung stattfinden.
Was befähigt Sie zu dieser Aufgabe?
Ich war 15 Jahre beim kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt tätig, habe beraten, Gespräche geführt, mich sehr intensiv auch um das Thema Betriebsklima gekümmert, bis hin zum Gesprächskreis für Mobbingbetroffene.
Wer kommt denn überhaupt?
Es waren 18 Hotelgäste bei mir, 8 Männer, 10 Frauen. Meist aus dem mittleren und oberen Management, auch Freiberufler. Führungskräfte haben in der Regel keine Rückkoppelung, können sich niemand anvertrauen, das würde Unsicherheit signalisieren. Der Romantische Winkel ist ein Hotel mit Wellness-Bereich, und Frauen lassen sich eher mal verwöhnen, nach dem Motto: Ich arbeite hart, ich möchte dementsprechend auch etwas für mich tun. Dann wird ihnen das Coaching für die Seele erläutert. Frauen sind offener für dieses Angebot. Die Männer sagen erst mal: Da muss ich allein durch.
Haben Frauen mehr Stress als Männer?
Bei Frauen ist die eigene Messlatte sehr, sehr hoch. Frauen müssen immer noch besser sein als Männer. Das muss nicht den realen Anforderungen entsprechen, das kann der innere Antreiber sein: Ich will gut sein, ich will perfekt sein, ich will das alles leisten können doch perfekt ist im Endeffekt niemand.
Gibt es so ein Coaching auch anderswo?
Ich wüsste nicht. Ich war bei einer Veranstaltung im Hotel Romantischer Winkel, wurde durch den Wellness-Bereich geführt, und da stand an der Tür: Insel der Ruhe. Und ich dachte: Was ist, wenn aber noch innere Unruhe herrscht? Wenn während der Massage die Gedanken weiterkreisen, fällt es schwer zu entspannen. Die wenigsten Menschen können aber einfach einen Schalter umlegen: Ich habe jetzt Urlaub, und alles andere interessiert mich nicht mehr. Deshalb gibt es das Coaching.
Verraten Sie uns, was man tun kann, um entspannt den Urlaub zu beginnen?
Es ist sinnvoll, in einem Heft aufzuschreiben, was einen belastet, was man auf jeden Fall ändern will, und zu überlegen, wer könnte helfen. Dann schlägt man das Heft bewusst zu und legt es beiseite.
Helfen Entspannungstechniken?
Das kommt auf den Einzelnen an. Ich schlafe bei Yoga ein. Die Entspannung kann aber schon im Büro anfangen, indem man kein Chaos hinterlässt, sondern Sachen ad acta legt: Das muss ich auf jeden Fall nach dem Urlaub gleich angehen, das kann ich ein Stück nach hinten schieben. So weiß man, bei der Rückkehr ist schon ein Stück vorgearbeitet. Und dann sollte man nicht gleich am ersten Tag in Urlaub fahren, sondern sich ein, zwei Tage einstimmen. Und man sollte in Ruhe und bewusst den Koffer packen. Auf die Balance zwischen Arbeit und Privatleben kommt es ohnehin an. Es ist leider oft der Fall, dass Menschen, die sehr auf ihre Arbeit fixiert sind, auch sehr schnell aus dem Gleichgewicht geraten, wenn zum Beispiel Kritik aufkommt, wenn etwas nicht so gut geht. Dann ist der Urlaub natürlich vermiest.
Interview: Monika Putschögl
- Datum 21.08.2008 - 15:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 38/2006
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