Stil »Ich trage nie Krawatte«

Warum interessieren sich Männer für Mode? Ein Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist über Stil und Geschmack

Die Zeit : Was tragen Sie, Herr Obrist?

Hans Ulrich Obrist : Mein Anzug hier ist von Zucca.

Zeit : Blaue Baumwolle, eher robust als schick.

Obrist : Zucca ist ein japanischer Modemacher, ein Schüler von Issey Miyake – und seine Linie Zucca Travail ist Arbeitskleidung.

Zeit : Tragen Sie jemals Krawatte?

Obrist : No tie, no cry.

Zeit : Oder anders gefragt – wie können selbst Männer einen guten Geschmack entwickeln?

Obrist : Ich bin da optimistisch: Man kann alles lernen.

Zeit : Wie haben Sie Ihren Geschmack entwickelt?

Obrist : Einfach durchs Schauen.

Zeit : Ihre modischen Vorbilder?

Obrist : Die Männer im Omnibus nach Clapham – die Normalität, die Selbstverständlichkeit, die Alltäglichkeit.

Zeit : Welcher Mann ist besonders gut angezogen?

Obrist : Henry VIII. – weil er Schicht über Schicht über Schicht gelegt hat, ein perfektes Outfit.

Zeit : Was ist, in der Mode oder in der Kunst, das männliche Ideal unserer Zeit?

Obrist : Zwischen cadavre equis und exquisite corpse.

Zeit : Einfacher gefragt – hat die Mode die Männer befreit? Oder spielen sie nun einfach das gleiche Spiel wie die Frauen?

Obrist : Dazu müssten sie schon Röcke tragen.

Zeit : Bedeutet denn Mode eher Freiheit oder Abhängigkeit?

Obrist : Vielleicht ist Differenz das bessere Wort – darum geht es in der heutigen globalisierten Welt, in der Mode wie auch in der Kunst. Von dem französischen Theoretiker Edouard Glissant stammt die Idee, dass die homogenisierenden Kräfte der Globalisierung zu einem Verschwinden der Differenz führen. Für die Mode bedeutet das: Die Brand, also die Modemarke, kann auch ein Gefängnis sein. Die jüngere Generation von Modemachern antwortet darauf heute mit einer Art No-Logo-Attitüde.

Zeit : Geht es dabei um Unabhängigkeit oder Stil?

Obrist : Das lässt sich heute nicht so leicht trennen. Alles dreht sich dabei um die Frage, die Rem Koolhaas aufgeworfen hat: Was ist eine Marke? Gerade die Modelabels haben in den letzten Jahren die ungewöhnlichsten Strategien entwickelt, aus dem Dilemma von Bekanntheit und Berechenbarkeit herauszufinden. Nehmen Sie jemanden wie Miuccia Prada, die immer wieder all das infrage stellt, was ihre Marke ausmacht, und die sich ganz bewusst dagegen entschieden hat, dass ihre Läden auf der ganzen Welt gleich aussehen, indem sie sie von Architekten wie Rem Koolhaas oder Herzog & de Meuron gestalten lässt.

Zeit : Was für eine Rolle spielt Mode im Kontext des globalisierten Kommunizierens?

Obrist : Im besten Fall kann Mode das befördern, was Edouard Glissant Mondialisation nennt – im Gegensatz zur Globalisierung, die zum Verschwinden von Differenz führt. Glissant sagt, dass es ein differenzenverstärkendes System des globalisierten Dialogs geben muss.

Zeit : Gibt es einen Unterschied zwischen Mode und Stil?

Obrist : Stil ist die persönliche Umsetzung der Mode – Stil und Mode, das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Idee und Leben. Das Problem der Mode: Mode ist oft Veränderung ohne Grund. Die Frage des Stils ist auch die Frage, ob es heute noch so etwas wie eine gemeinschaftsstiftende Bewegung gibt, die auf individuelle Haltungen übergreift. Heute gibt es eher Allianzen. Aber die Idee der Bewegung mit Manifestos fehlt in der Gegenwart.

Zeit : Wie kam das?

Obrist : Seit Pop in den sechziger Jahren entstanden ist, gibt es eine Orgie der Repetition. Ein Revival jagt das andere, und die Intervalle werden immer kleiner. In der Mode gibt es jetzt schon das erste Neunziger-Jahre-Revival. In der Kunst findet man einen Widerstand angesichts der immer kürzeren Intervalle – gleichzeitig kann man dort einen Widerstand gegen das Virtuelle beobachten und eine Rückkehr des Politischen.

Zeit : Was genau ist eigentlich Stil?

Obrist : Im Grunde ist es das Gegenteil der Idee, dass das Branding ein Gefängnis ist. Mode hat heute mehr mit der Produktion als mit der Repräsentation von Realität zu tun. Das ist ein Schritt aus dem gesellschaftlichen Gefüge, das Mode früher war. Der Anzug als Zeichen, dass man einer bestimmten Schicht, einem bestimmten Beruf angehörte.

Zeit : Ist denn nicht die globale Uniform des Flughafenbewohners, Anzug und Krawatte, das modische Gefängnis der Gegenwart?

Obrist : Auch darin kann Freiheit stecken: weil man nicht auswählen muss. Das sagt zum Beispiel das Londoner Künstlerduo Gilbert und George: It is rude to choose, sagen sie und tragen seit 30 Jahren das gleiche Kostüm, immer nur klassische englische Anzüge – lediglich die Farben der Krawatten variieren.

Zeit : Wer bestimmt denn heute überhaupt den Stil der Zeit? Passiert das immer noch in Städten wie Paris oder London?

Obrist : Es sind sicher nicht mehr nur die alten Zentren, die den Zeitgeist bestimmen. Wir bewegen uns in einem polyphonen Zusammenhang, und dieser Vielklang der Zentren ist eine wirklich neue Erscheinung. Es gibt heute eben fünfzig oder hundert Städte der Mode. In Island zum Beispiel gibt es die Marke »66«, die eigentlich Kleidung gegen extreme Wetterbedingungen herstellt – und plötzlich entsteht um diese Marke so ein Hype, der die Kleidung neu definiert und in anderen Zusammenhängen präsentiert.

Zeit : Auch eine Folge der globalisierten Welt.

Obrist : Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte findet heute eine Trennung statt zwischen dem Ort, wo Mode produziert wird, und dem, wo Mode mediatisiert wird. Die kreativen Zentren sind heute Orte wie Reykjavík oder etwa Istanbul, das der Architekt und Modemacher Hussein Challayan auf einmal für sich entdeckt, wo er seine Inspiration findet. Das sind also die Inspirationsorte. Die Handelszentren sind aber natürlich immer noch Mailand, Paris, New York, London.

Zeit : Warum interessieren Sie sich eigentlich so besonders für die Modeszene?

Obrist : Ich bin kein Modeexperte, aber arbeite vom Kunstkontext aus viel mit Architektur und Design. Ich halte es mit dem deutschen Theoretiker Alexander Dorner, dessen Texte so etwas wie eine Toolbox für mich sind: Dorner sagte, dass wir die Kräfte, die in der bildenden Kunst effektiv sind, nur dann ganz verstehen können, wenn wir die Kräfte verstehen, die in den anderen Disziplinen am Werk sind. Ich bin immer interessiert an neuen Architekten und Designern und mache Recherchen in diesen Bereichen.

Zeit : Und Sie machen auch den Ausstellungsort, an dem Sie arbeiten, zu einem Ort der Recherche.

Obrist : Wir versuchen hier an der Serpentine Gallery verschiedene Menschen aus verschiedenen Kunstbereichen zusammenzubringen, das ist richtig. Der Modekontext kommt nur einmal im Jahr vor – bei der Summer Party, die immer von einem Modeschöpfer organisiert wird. In diesem Jahr war das Stefano Pilati von Yves Saint Laurent. Es war interessant zu sehen, wie viele verschiedene Disziplinen dabei zusammenkommen. Die Schriftsteller Salman Rushdie und Zadie Smith waren da, die Künstler Thomas Demand, Douglas Gordon und Matthew Barney, Architekten, Filmstars.

Zeit : Warum wird es eigentlich immer so theoretisch, wenn Männer über Mode reden?

Obrist : Dazu kann ich nur sagen: Martin Margiela macht die Mode, die sich am meisten selbst reflektiert – das Recyclen von gefundenen Readymades. Seine Samplings involvieren geografische und kulturelle Verschiebungen. Und Martin Margiela ist eben ein Mann. Beantwortet das Ihre Frage?

Das Gespräch führte Georg Diez

Der Schweizer Hans Ulrich Obrist, 38, gehört zu den international gefragtesten Kuratoren. Seine Ausstellungen – zum Beispiel in der Londoner Serpentine Gallery – bewegen sich oft im Spannungsfeld von Kunst und Mode

 
Leser-Kommentare
  1. Herr Diez ? Ich sehe ja ein, dass auch Leute wie Obrist und solche Themen mal dran kommen muessen, aber war's das wert ?

    Ich jedenfalls werde meine Anzuege genau wie immer bei Ladage & Oehlke kaufen und dabei nicht ueber einen E. Glissant und seine "homogenisierte Mondialisation" ( ich glaube, mein Schwein pfeifft ) nachdenken. Auch werde ich wohl nicht im Spannungsfeld zwischen Kultur und Mode schweben.

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