Der historische Moment war wenig feierlich. Als der junge Nervenarzt Aloys Alzheimer vor hundert Jahren zum ersten Mal von den Symptomen seiner Patientin Auguste Deter berichtete, interessierte sich niemand für den Fall. Nach seinem Vortrag wurde keine einzige Frage gestellt, sein Auftritt auf der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte in Tübingen ging völlig unter. Die erste Beschreibung der später nach Alzheimer benannten Demenz wurde nur als kuriose Randerscheinung registriert. Niemand im Hörsaal ahnte, dass eines Tages Millionen Menschen an dieser Krankheit leiden würden.

Erst Jahrzehnte später, als die Menschen älter und immer mehr von ihnen dement wurden, erinnerte man sich an die Entdeckung der Alzheimerschen Krankheit. Dank der Beobachtungen des Nervenarztes kennen Ärzte heute den genauen Verlauf der Erkrankung. Sogar die typischen Hirnveränderungen wie Eiweißablagerungen und verklebte Faserbündel in den Nervenzellen hat Alzheimer bereits bei seiner Patientin gefunden.

Der Nervenarzt war im Jahr 1901 zufällig auf die Akte von Auguste Deter gestoßen. Am Vortag war die Frau in seine Klinik, die Städtische Anstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt am Main, eingeliefert worden. Wort für Wort hatte Alzheimers Assistent die Äußerungen der Patientin dokumentiert: »Wie heißen Sie?« – »Auguste.« – »Familienname?« – »Auguste.« – »Wie heißt Ihr Mann?« – »Ich glaube, Auguste.« Alzheimer wurde neugierig und beschloss, die verwirrte Frau regelmäßig zu untersuchen. Schon seit Jahren hatte er Erkrankungen des Gehirns erforscht, bereits 1898 den »Greisenblödsinn« als häufigste neuropsychiatrische Erkrankung bezeichnet.

Dennoch war Auguste Deter etwas Besonderes für ihn. »Sie war im Vergleich zu anderen Patienten noch sehr jung und ihr Krankheitsverlauf sehr dramatisch«, sagt Hans Förstl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München. Das habe Alzheimer fasziniert. Die verwirrte Frau war im Alter von 51 Jahren in die Anstalt eingeliefert worden, von ihrem verzweifelten Ehemann Karl Deter. Er berichtete, dass seine Frau sehr misstrauisch geworden war. Sie behauptete plötzlich, er ginge heimlich mit der Nachbarin spazieren. Später lief sie unruhig in der Wohnung umher, klingelte bei den Nachbarn, versteckte Gegenstände und fühlte sich verfolgt. Bald konnte sie kein Essen mehr kochen.

In der Klinik verschrieb Alzheimer ihr warme Bäder. »Das war damals die Standardtherapie«, sagt Konrad Maurer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt am Main. Das sollte die Patienten der Irrenanstalt beruhigen, eingesperrt wurden sie nicht. »Alzheimer lehnte jede Art von Zwangsmaßnahmen ab«, sagt Maurer. Auguste Deter war in einem großen Saal mit anderen Patienten untergebracht.

Anfangs besuchte Alzheimer sie fast täglich. »Nehmen Sie es mir nicht übel«, bat die verwirrte Frau oft, trug ihr Bettzeug umher und griff anderen Patienten ins Gesicht. »Ich habe mich sozusagen verloren«, sagte sie. Einen Monat nach der Klinikeinweisung hatte sie ihren Namen vergessen. »Wie heißen Sie?« – »Mai.« Akribisch notierte er seine Gespräche mit ihr.