Im Jahr 1903 folgte Aloys Alzheimer dem Psychiater Emil Kraepelin nach München. Er bat seine Kollegen, ihn weiter über das Befinden von Auguste Deter zu informieren. Er erfuhr, dass ihr Zustand sich stetig verschlimmerte. Kurz vor ihrem Tod kauerte sie nur noch im Bett, musste gefüttert werden und schrie stundenlang. Sie starb am 8. April an einer Blutvergiftung. Alzheimer erhielt die Akte der Patientin und ihr Gehirn.

Neugierig sezierte er es in der Hoffnung, es würde ihm endlich den Beweis für seine Theorie liefern, dass auch psychische Krankheiten eine organische Grundlage haben. Diesen Gedanken lehnten die meisten seiner Kollegen rundweg ab. Sie führten psychische Erkrankungen auf traumatische Erlebnisse in der Kindheit zurück. Zunächst glaubte Alzheimer, dass Verdickungen an den Hirngefäßen zu den Krankheitssymptomen führten. Im Gehirn seiner Patientin fand er jedoch Eiweißablagerungen, so genannte Plaques, zwischen den Nervenzellen. Auch andere Wissenschaftler hatten diese bereits im Hirngewebe gefunden, ohne jedoch deren Bedeutung zu erkennen. Alzheimer entdeckte auch erstmals Neurofibrillen in den Nervenzellen, verklebte Faserbündel des Tauproteins, die typisch sind für die Erkrankung.

Mit seinen Studienergebnissen im Gepäck fuhr er zu jener Novembertagung nach Tübingen. Und kehrte sehr enttäuscht zurück. Das Krankheitsbild galt als Rarität, der nicht viel Bedeutung beigemessen wurde. »Damals erkrankten Menschen praktisch nie an Alzheimer. Sie wurden ja nicht alt«, sagt der Psychiater Maurer. Alzheimer publizierte noch eine Studie mit vier weiteren Fällen, dann wandte er sich resigniert anderen Aufgaben zu. Erst sein Chef Kraepelin bezeichnete diese frühe Form der Demenz als Alzheimersche Krankheit, als er 1910 eine neue Auflage seines Lehrbuchs für Psychiatrie herausgab. »Hätte Kraepelin geahnt, wie bekannt die Krankheit einmal würde, hätte er sie vermutlich nach sich selbst benannt«, sagt Maurer. Damals wollte er seinem lieben Kollegen zu einem kleinen Karriereschub verhelfen.

Zunächst geriet das Leiden in Vergessenheit. »Bis in die sechziger Jahre hielten Ärzte an der Vorstellung fest, dass die bei jüngeren Menschen auftretende Alzheimer-Demenz und die senile Form unterschiedliche Erkrankungen seien«, sagt Maurer. Erst dann einigten sie sich, dass es sich um die gleiche Erkrankung handelte – und beobachteten, dass immer mehr Menschen darunter litten. Als die Schauspielerin Rita Hayworth in den siebziger Jahren an Alzheimer erkrankte, wurde die Erkrankung weltbekannt. Mehrmals wurde die Schauspielerin umherirrend aufgefunden und von 1981 an unter die Vormundschaft ihrer Tochter gestellt. »Die Forschung ging dann wieder richtig los«, sagt der Frankfurter Psychiater. Stiftungen wurden gegründet, um nach Therapien gegen die Krankheit zu suchen.

Heute sind etwa 20 Millionen Menschen weltweit an Alzheimer erkrankt. Noch können Wissenschaftler die Krankheit nur um wenige Monate hinauszögern. Bis eine wirksame Therapie gefunden ist, wird Doktor Alzheimers letzter Kontakt mit Auguste Deter weiterhin typisch für viele Patientengespräche sein: »Guten Tag, Frau Deter.« – »Ach, machen Sie doch, dass Sie fortkommen; ich – kann das nicht – sprechen.«

Hundert Jahre nach Alzheimers Präsentation des ungewöhnlichen Falls im Hörsaal der Psychiatrischen Klinik der Uni Tübingen findet dort die Tagung Altern und Alzheimer – Alzheimer: 100 Years and Beyond statt. Vom 2. bis 5. November werden Politiker, Theologen, Schriftsteller und die Koryphäen der Forschung über die Alzheimersche Krankheit referieren. Die Veranstalter haben sich dabei folgende Besonderheiten ausgedacht: Zunächst werden Pioniere der Forschung über ihre eigenen Entdeckungen berichten, ohne jedoch spätere Erkenntnisse in ihre Vorträge einflechten zu dürfen. Schritt für Schritt soll auf diese Weise die Historie der Alzheimerforschung dargestellt werden. Danach erst können dann andere Experten frei über künftige Durchbrüche der Wissenschaft spekulieren. (Weitere Informationen unter www.alz100.de )

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