Herr Schmidt, wie ist ein Land von der Größe Chinas wirksam zu steuern?

China ist einerseits schwer zu steuern, weil die chinesischen Provinzen viel selbstständiger gegenüber Peking sind als etwa die Bundesländer gegenüber Berlin. Die chinesische Führung erfährt in der Regel, was in denjenigen Provinzen geschieht, die vor der Haustür Pekings liegen; aber viele Provinzen liegen viel zu weit weg. Im Grunde ist Parteichef Hu Jintao heute noch in derselben Lage wie schon der Kaiser von China vor Hunderten von Jahren. Andererseits ist China einfach zu steuern, denn die Provinzgouverneure und die Parteisekretäre werden von Peking ernannt. Wenn also ein Gouverneur über die Stränge schlägt, wird er ausgetauscht. Deshalb wird ein Gouverneur nicht leicht aus der Reihe tanzen, weil er sonst nicht nach Peking befördert wird oder seinen Job verliert.

Sind die Chinesen gut beraten, erst wirtschaftliche Reformen durchzuführen und dann Demokratie einzuführen? In westlichen Köpfen ist ja verankert, dass das eine ohne das andere nicht möglich ist.Helmut Schmidt und Mao Zedong, Peking 1975 BILD

In meinem Kopf geht das in Asien ganz gut.

Warum?

Weil es nicht nur in China sehr gut funktioniert, sondern ebenso auch schon vorher in Südkorea oder auf Taiwan, in Singapur oder Hongkong. Bei denen, die alles gleichzeitig versuchen, kann alles schief gehen. Schauen Sie nach Russland am Ende der 1980er Jahre. Ich halte nichts davon, mit westlicher Überheblichkeit von außereuropäischen Staaten mit ganz anderer Geschichte und kultureller Prägung Demokratie zu verlangen. Wer China vor 30 Jahren erlebt hat und es mit dem heutigen China vergleicht, der wird einen beträchtlichen Zuwachs an Spielräumen, auch an Freiheiten und Rechten des einzelnen Bürgers, beobachten. Zu dieser Entwicklung haben vielerlei Faktoren beigetragen. An der Spitze wohl die ökonomische Öffnung in Richtung auf den Markt, auf privates Eigentum, private Betriebe und Unternehmen und auf das Ausland. Sodann die in der chinesischen Geschichte niemals vorher stattgefundene Berührung mit anderen Kulturen durch Millionen chinesischer Auslandsstudenten, die zurückgekehrt sind, durch weitere Millionen chinesischer Auslandsreisender, durch die enorme Verbreitung des Fernsehens und von Beteiligungen am Internet. Dieser Prozess wird sich fortsetzen. Er wird allerdings kaum jemals in eine Staatsform des englischen Westminster-Typus einmünden.

Dann brauchte man mit politischen Reformen gar nicht anzufangen?