China »Einmischung ist von Übel«
Helmut Schmidt über den Aufstieg Chinas – und über die unerbetenen Ratschläge westlicher Besserwisser. Ein Gespräch
Herr Schmidt, wie ist ein Land von der Größe Chinas wirksam zu steuern?
China ist einerseits schwer zu steuern, weil die chinesischen Provinzen viel selbstständiger gegenüber Peking sind als etwa die Bundesländer gegenüber Berlin. Die chinesische Führung erfährt in der Regel, was in denjenigen Provinzen geschieht, die vor der Haustür Pekings liegen; aber viele Provinzen liegen viel zu weit weg. Im Grunde ist Parteichef Hu Jintao heute noch in derselben Lage wie schon der Kaiser von China vor Hunderten von Jahren. Andererseits ist China einfach zu steuern, denn die Provinzgouverneure und die Parteisekretäre werden von Peking ernannt. Wenn also ein Gouverneur über die Stränge schlägt, wird er ausgetauscht. Deshalb wird ein Gouverneur nicht leicht aus der Reihe tanzen, weil er sonst nicht nach Peking befördert wird oder seinen Job verliert.
Sind die Chinesen gut beraten, erst wirtschaftliche Reformen durchzuführen und dann Demokratie einzuführen? In westlichen Köpfen ist ja verankert, dass das eine ohne das andere nicht möglich ist.
In meinem Kopf geht das in Asien ganz gut.
Warum?
Weil es nicht nur in China sehr gut funktioniert, sondern ebenso auch schon vorher in Südkorea oder auf Taiwan, in Singapur oder Hongkong. Bei denen, die alles gleichzeitig versuchen, kann alles schief gehen. Schauen Sie nach Russland am Ende der 1980er Jahre. Ich halte nichts davon, mit westlicher Überheblichkeit von außereuropäischen Staaten mit ganz anderer Geschichte und kultureller Prägung Demokratie zu verlangen. Wer China vor 30 Jahren erlebt hat und es mit dem heutigen China vergleicht, der wird einen beträchtlichen Zuwachs an Spielräumen, auch an Freiheiten und Rechten des einzelnen Bürgers, beobachten. Zu dieser Entwicklung haben vielerlei Faktoren beigetragen. An der Spitze wohl die ökonomische Öffnung in Richtung auf den Markt, auf privates Eigentum, private Betriebe und Unternehmen und auf das Ausland. Sodann die in der chinesischen Geschichte niemals vorher stattgefundene Berührung mit anderen Kulturen durch Millionen chinesischer Auslandsstudenten, die zurückgekehrt sind, durch weitere Millionen chinesischer Auslandsreisender, durch die enorme Verbreitung des Fernsehens und von Beteiligungen am Internet. Dieser Prozess wird sich fortsetzen. Er wird allerdings kaum jemals in eine Staatsform des englischen Westminster-Typus einmünden.
Dann brauchte man mit politischen Reformen gar nicht anzufangen?
Politische Reform ist ein anderes Stichwort als Demokratie. Politische Reform muss man schrittweise einführen, wenn man eine Revolution vermeiden will. Man muss stetig ein bisschen reformieren. Einen kleinen Schritt, nächstes Jahr wieder zwei kleine Schritte, übernächstes Jahr wieder einen halben, auch mal einen Schritt zurück, damit niemand übermütig wird. Also etwa so, wie die Chinesen es machen. Aber eine einmalige »Einführung der Demokratie« wird in China kaum jemals funktionieren, so wenig wie in Russland, im Mittleren Osten, in Ägypten oder in Algerien. Ich weiß nicht, woher einem Deutschen die Vorstellung kommt, dass die ganze Welt an einer Regierungsform genesen soll, die in Deutschland noch nicht einmal 100 Jahre auf dem Buckel hat. Wir tun so, als ob wir schon immer demokratisch gewesen wären.
Warum wird es in diesen Ländern nicht funktionieren?
Das gehört nicht in ihre kulturelle Tradition. Es gibt ja auch in Europa demokratische Traditionen erst aus der Zeit nach dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück 1648. In Frankreich eigentlich erst seit der Revolution und mit großen Rückschlägen. England war etwas eher dran. Deutschland hat bis 1919 gebraucht. Es hat der Katastrophe durch Adolf Hitler bedurft, um demokratischen Parlamentarismus in Deutschland wirksam einzuführen. Bis 1933 habe ich persönlich nie das Wort Demokratie gehört. Da war ich 14 Jahre alt. Dann habe ich in den nächsten zwölf Jahren nur Negatives über Demokratie gehört. Ich habe gewusst, dass nicht alles stimmt, was die Nazis sagen, aber was Demokratie wirklich ist, was sie sein kann, von ihren Schwächen und Stärken hatte ich keine Ahnung.
Bedauern Sie es, dass sich Demokratie nicht weltweit einführen lässt?
Ich würde einiges riskieren wollen, wenn in meinem Land die Demokratie in Gefahr geriete. Ich würde auf die Barrikaden gehen als alter Mann und den Stock schwingen. Aber um die Demokratie in einem Entwicklungsland einzuführen, würde ich keinen Cent aus der Hand geben. Die gegenwärtige Ideologie ist es, sich überall einzumischen. Entwicklungshilfe ist oft auch nur eine andere Methode der Einmischung. Das völkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung ist inzwischen in Gefahr, unterzugehen.
In China wird es sehr hoch gehalten.
Mit Recht. Das ist auch ein kluges Prinzip.
Ich bin gespannt, ob China noch für die Nichteinmischung ist, wenn es so mächtig ist wie die USA heute.
Das wird man sehen. Eine Tradition der Einmischung haben die Chinesen nicht. Vielleicht werden sie sich wieder nur mit sich beschäftigen. Ich halte jedenfalls das Prinzip der Nichteinmischung für ein fundamentales Prinzip des internationalen Zusammenlebens. Von Antje Vollmer über Joseph Beuys bis hin zu den Literaten – alle haben von uns verlangt, wir sollen uns in die undemokratischen Zustände anderer Länder einmischen. Frau Merkel fühlt sich in Moskau bemüßigt zu erklären, dass sie gegen den tschetschenischen Krieg ist, in China hat sie sich über die Menschenrechtslage beschwert. Als ob das irgendetwas ändern würde und als ob die Chinesen ehrfurchtsvoll den Blick senken, weil Frau Merkel, Herr Blair oder Herr Chirac gesagt haben, die Chinesen sollten sich besser an unsere Wertvorstellungen halten. Einmischung ist in meinen Augen von Übel.
Vor allem westliche Manager haben den Eindruck, dass die chinesische Regierung mit ihren 1,3 Milliarden Menschen ihre Strategien besser umsetzen kann als ein Bundeskanzler in Deutschland, der auf viel mehr Rücksicht nehmen muss als die chinesische Führung.
Das Regieren in einer demokratischen Gesellschaft und Staatsordnung ist sicherlich ganz etwas anderes als das Regieren in einer diktatorischen Staatsordnung. Das ist so. Ob es schwieriger ist, das weiß ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit von Mord und Totschlag innerhalb des Staates ist bei einer demokratischen Staatsordnung geringer als bei einer diktatorischen, und zwar nicht nur Mord und Totschlag durch etwaige Aufstände gegen den Diktator, sondern auch Tote durch die Regierung selbst – siehe die Hungertoten, die Mao Tse-tung verantworten muss. Schwerstfehler in einer Demokratie werden relativ schnell beseitigt. Die Schwerstfehler, die Mao Tse-tung gemacht hat oder die russische Zaren angerichtet haben, wurden gar nicht beseitigt.
Wie ist das mit den Schwerstfehlern der heutigen chinesischen Regierung?
Ich sehe keine Schwerstfehler. Es liegt aber vielleicht daran, dass ich keinen ausreichenden Überblick habe. In einer Demokratie, das ist sicher, werden Fehler schneller ausgeglichen oder revidiert; bisweilen verdeckt man sie aber auch. Mit Sicherheit haben die chinesischen Führer, als sie die Ein-Kind-Politik verordnet haben, nicht vorhergesehen, dass es zu einem Männerüberschuss kommen würde. Es wurden nämlich weibliche Föten häufiger abgetrieben. Inzwischen dürfen chinesische Ärzte aus diesem Grund das Geschlecht des Fötus den Eltern nicht mehr verraten. Zudem ist die Regierung dazu übergegangen, Eltern von Töchtern Privilegien einzuräumen. Auch Diktatoren können Vorhersehbares übersehen. Außerdem neigen manche Diktatoren dazu, Schnapsideen mit Gewalt zu verwirklichen.
Was halten Sie von der These, dass stärkerem wirtschaftlichem Wohlstand geradezu zwangsläufig demokratische Entwicklungen folgen?
Das halte ich für einen Wunschtraum. Sie können diesen schönen Satz auch umkehren und behaupten, es sei zwangsläufig, dass eine demokratische Staats- und Gesellschaftsentwicklung zu mehr Wohlstand führt. Auch da würde ich sagen – ein Wunschtraum.
Wenn man die Probleme erkannt hat, ist die Umsetzung der Lösung in Diktaturen leichter als in Demokratien?
Die Umsetzung von Lösungen ist in Diktaturen leichter. Aber in Diktaturen können die Regierenden oft die entscheidenden Probleme nicht rechtzeitig begreifen, weil ja keine offene Diskussion stattfinden darf.
Sind Gesellschaften, in denen die Gemeinschaft eine stärkere Rolle spielt, heute international wettbewerbsfähiger?
Das ist nicht auszuschließen. Das heißt noch nicht, dass man es wünschen sollte. Die Wettbewerbsfähigkeit ist nicht der oberste Maßstab für moralische Wertentscheidungen.
Aber sie entscheidet darüber, wie groß die eigene Stärke ist, um moralische Wertvorstellungen durchzusetzen.
Das ist einerseits richtig. Richtig ist aber auch: Wenn wir anfangen, unsere moralischen Maßstäbe und die Grundlagen unseres Rechtsdenkens von ökonomischen Zweckmäßigkeiten abhängig zu machen, dann kann die europäische Kultur verloren gehen. Vielleicht ist es ja bereits so weit. Vor allem aber ist etwas anderes nicht auszuschließen: nämlich dass Oswald Spengler und Arnold Toynbee Recht hatten mit der Annahme, dass Kulturen aufsteigen und irgendwann wieder vergehen. Vielleicht steigt Europa bereits ab. China ist bisher erstaunlicherweise jahrtausendelang davon verschont geblieben. Wenn ich mich in hundert Jahren noch einmal hier in meinem Berliner Büro mit einem deutschen Journalisten unterhalten könnte, vielleicht müsste ich dann mit tiefem Bedauern feststellen, dass es die Chinesen besser gemacht haben als wir. Das will ich nicht ausschließen.
Die Fragen stellte
Frank Sieren
Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch »Nachbar China. Helmut Schmidt im Gespräch mit Frank Sieren«
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- Datum 26.09.2006 - 03:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
- Kommentare 21
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Helmut Schmidt wäre vielleicht in einer Hinsicht ganz gerne Diktator. Wenn er den Menschen eines unwidersprochen befehlen könnte: Mit Anstand zu leben.
Helmut Schmidt sagt er sieht keine Schwerstfehler der chinesischen Machthaber.
Bzgl. den Feldern Umweltpolitik, Korruption und Ausbeutung der Arbeiter sehe ich dies anders. Dort liegen meiner Meinung nach Schwerdtfehler vor.
MFG Martin Gladis
Das sind geradezu weise Worte eines großen Staatsmannes. Ich hoffe nur, die politischen Redakteure der ´Zeit´ haben alle dieses Interview gelesen. Sie stehen üblicherweise in vorderster Front mit Mahnungen an deutsche Politiker anläßlich ihrer Reisen in nicht-demokratisch geführte Staaten. So sollen die Staatsführungen politisch und moralisch belehrt und gemaßregelt werden über den rechten Weg. Helmut Schmidts Worte zeugen von großer politischer Vernunft und Weitsicht - als Mahnung an alle moralisierenden Besserwisser.
Helmut Schmidt ist so weise, dass er eigentlich schon selbst Chinese sein koennte.
Seine Bewunderung fuer die jahrtausendealte Kultur des Reichs der Mitte kann man ja auch nur teilen! Toll, wie China immer China geblieben ist, nicht wahr, wie es immer noch so sehr vom alten, weisen Konfuzianismus gepraegt ist... Hat nicht Deng Xiaoping selbst augenzwinkernd Helmut Schmidt gegenueber zugegeben, eher Konfuzianer denn Kommunist zu sein? Der ruehrende alte Schelm! Gerade er hat der Welt ja noch 1989 am deutlichsten vorgefuehrt, wie das ewig-konfuzianische China unter seiner Fuehrung seine Probleme weise loest - auf dem Tian-An-Men-Platz. Ja, dort war es wohl jener wahrhaft chinesische Geist, der die himmlische Harmonie wiederhergestellt hat, als irgendwelche jungen Gruenschnaebel ploetzlich irgendwas wollten.
Und dann denke ich, der ich China selbstredend nicht so tief verstehe wie Herr Schmidt, manchmal: Tja, aber im Grunde ist es ja doch voellig egal, welche Maske sich Brutalitaet und Unmenschlichkeit gerade mal wieder umhaengen - die muslimische, christliche, kommunistische, konfuzianische Maske... alles egal, Unmenschlichkeit bleibt Unmenschlichkeit, in allen Kulturen und zu jeder Zeit, war vor zehn Jahren eine solche, vor hundert Jahren und war es auch schon vor tausenden von Jahren, als ein Herr Konfuzius gegen Gewalt und Unmenschlichkeit philosophierte. Was wuede der alte Weise eigentlich zum jaehrlichen AI-Bericht ueber China sagen?
Einmischung ist boese, ja, wirklich! Hoffentlich hoeren die maechtigen Maenner in Peking auf diesen Rat ihres weisen Freundes Schmidt und gehen mal gleich mit gutem Beispiel voran, indem sie endlich das Volk auf Taiwan und seine demokratisch gewaehlte Regierung mit Kriegsdrohungen verschonen und seine freien Entscheidungen respektiert. Aber das wird einer so grossen, weisen Nation wie den Chinesen und seinen augenzwinkernden Fuehrern sicher nicht schwer fallen.
Troll5II ist offensichtlich ein Gutmensch. Gibt es die immer noch? Der Ton klingt nach dem ehemaligen SPD-Generalsekretär Benneter...aber ist ja egal.
Wie hieß es doch mal? Strauß bleibt Strauß und Schmidt bleibt Kanzler.
Die Minderheit sieht den Horizont:
Helmut Schmidt sieht ihn.
Viele Amerikaner auch.
Noch mehr Chinesen.
Die Mehrheit spielt im Sandkasten (mehr fuer dumme Leute geschafft als Kinder):
Einige Chinesen.
Eine Minderheit der Amerikaner (obwohl die Mehrheit der Zeitungsleute und viel zu viele Senatoren).
Beinah alle Deutsche, besonders ihre Eliten.
Und koennte man nicht weiter denken..........., zB an:
Was die Welt braucht, ist Verstaendnis, dass es Unterschiede gibt. Dass sie jetzt groesser (geworden oder geblieben) sind zwischen Amerika und Europa (besonders diesem Land) als Asien.
Die Gross-Mehrheit der Deutschen (einschliesslich und besonders bei den Universitaeten, deren heutige (und gesterne auch!) Lehrkraefte oft Unten nicht von Oben unterscheiden koennen und immer wieder ueber Zwirnsfaeden stolpern WOLLEN, wie die Leser der Zeit es bescheinigen) haben andere Ziele fuer ihr Leben und das ihrer Kinder als in Amerika und in Asien.
Als eine Teilloesung koennte man sich wuenschen, "dort" hinzugehen und zu leben, wo es einem gefaellt. Was Chavez versteht und von Castro gelernt hat. Aber nicht Deutschland....; man braucht nur die vielen Artikel ueber Aus- und Einwanderung zu lesen und die Reaktionen darauf, die neulich in der ZEIT erschienen sind.
Was sich Europaer ueberlegen sollten, wenn sie an Hartz denken, an "neue" Rollen, den Amerikaner etwas vorzumachen, ohne bereit zu sein, sich von ihnen zu verabscheiden.....
Nicht wie Herr Joffe, den Amerikanern ein RICHTIGES Benehmen vorzuschlagen, sondern die Deutschen davon abzugewoehnen, sich auf andere zu verlassen. "Was koennt/wollt Ihr fuer andere tun?" Besondetrs fuer Israel und die Palestinenzer, denen Ihr mehr schuldet als die ganze andere Welt zusammen! Waere das nicht eine bessere und wichtigere Unterhaltung, die vielleicht sogar in Deutschland Folgen bringen wuerden/koennten..... nicht nur Schwaetzerei?
Ich bin auch nicht so realitätsfremd zu meinen, dass wir auf einer Insel sitzen und ohne Rückwirkung auf die eigene Situation wirtschaftliche Macht ausüben können, um die Welt zu verbessern.
Ich hatte auch nicht den Export von Waren im Kopf, vielmehr den Export von Arbeitsplätzen durch grosse Konzerne, die auf diese Weise nicht nur unzulängliche Sozialabsicherung der dortigen Arbeitnehmer ausnutzen sondern zusätzlich durch ihre Investitionen Regime stützen, die es mit der Achtung der Menschenrechte nicht so genau nehmen.
Die Rückwirkung genau dieses Verhaltens auf unser eigenes Land sind der Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommen.
Nebenbei: Anstand zeigt sich übrigens darin, wie man in einem solchen Forum miteinander umgeht .
Ich finde es schade, dass ein kluger Mensch wie Helmut Schmidt behauptet, dass Demokratie und Meinungsfreiheit nicht zur fernöstlichen kulturellen Tradition passen. Das ist eine offizielle Lesarte, die ich auch schon von in Amerika lebenden Chinesen gehört haben. Das heisst also, dass 1.3 Milliarden Menschen nicht reif genug sind für Parlamente, unzensierte Zeitungen und eine unabhängige Justiz?
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