Do it yourself: Vom König zum Knecht
Mehrarbeit ganz ohne Streik: Wie Unternehmen ihre Kunden für sich einspannen - als Boten, Handwerker oder Erfinder
Im Café nebenan kostet der Cappuccino 2,20 Euro, und die Bedienung bringt ihn mir an den Tisch. Bei Starbucks ist er 40 Cent teurer, und den Zucker muss ich selber holen, bevor ich mir meinen Cappuccino selber serviere.
Ich bin ein Kellner. Aber ich bekomme kein Trinkgeld.
Früher gab es Bankberater, die für mich Überweisungen erledigt und Aktien gekauft haben. Heute soll ich lernen, die Computerprogramme der Finanzindustrie zu bedienen: 72 Seiten dick ist das Handbuch fürs Online-Banking bei der Deutschen Bank.
Ich bin ein Wertpapierhändler. Aber ich bekomme keine Provision.
Und dann noch die Post. »Mein Paket? Hol ich, wann ich will«, bewirbt sie ihre neuen Packstationen. Abholen? Wer von uns ist hier eigentlich der Postbote? Werdet ihr nicht dafür bezahlt, dass ihr mir mein Paket bringt ?
Im Frühjahr stritt halb Deutschland über 18 Minuten; so viel länger sollten Angestellte im öffentlichen Dienst künftig arbeiten, forderten die Ministerpräsidenten der Länder. »Sauerei« und »Gehaltsklau«, schimpften die Demonstranten, und die Gewerkschaft ver.di rechnete vor, warum die geplante Zusatzarbeit »Tausende von Jobs« bedrohe. Seltsam nur: Gegen den alltäglichen Minuten-Diebstahl protestiert niemand. Obwohl wir alle jeden Tag ein wenig mehr arbeiten. Ohne Lohn.
»Dahinter steckt ein System«, sagt Günter Voß, Industriesoziologe an der Technischen Universität Chemnitz. »Betriebe versuchen ganz bewusst, Kunden für sich arbeiten zu lassen« – und weiten diesen Ansatz derzeit massiv aus. In der Managementliteratur werden Verbraucher schon unverblümt als »Teil-Arbeitskräfte« bezeichnet. Von »Kunden als Innovatoren« spricht Eric von Hippel vom Massachusetts Institute of Technology. Und das Münchner Software-Unternehmen Hyve sieht in der engen Zusammenarbeit »einen zusätzlichen Weg, wertvolle Informationen und vorhandenes Wissen der Endkunden direkt abzugreifen«. Es ist die Folge eines sich ständig erhöhenden Kosten- und Rationalisierungsdrucks: Welches Unternehmen braucht eigentlich noch ein Heer bezahlter Mitarbeiter, wenn die eigene Kundschaft freiwillig und dankbar mitarbeitet – und zwar kostenlos?
Das Outsourcing zum Kunden hat begonnen. Er wird vom König zum Knecht.
Die Wege zur Knechtschaft sind vielfältig. Am Bahn-Automaten verkaufen wir uns Fahrkarten, wir buchen unsere Flugtickets im Internet, bevor wir uns am Check-in-Center des Flughafens unsere Gepäckaufkleber selbst ausdrucken und die Koffer aufgeben. Stets sind es nur wenige Augenblicke, ein paar Handgriffe – die uns aber früher jemand abnahm. Jetzt spendieren wir unser kostbarstes Gut: Zeit. Wir machen sie zur Arbeitszeit, die mit keiner Gewerkschaft ausgehandelt wird. Die keine Stechuhr misst und für die auch keine Sozialbeiträge entrichtet werden.
»McDonaldisierung der Gesellschaft« nannte es der US-Soziologe George Ritzer, als er das Phänomen Anfang der neunziger Jahre zum ersten Mal entdeckte. Damals ahnte er, dass große Teile unseres Alltags bald einem Fast-Food-Restaurant ähneln würden, in dem die Kunden alles selber machen: Wir bestellen am Tresen, zapfen die Getränke, bringen alles an den Tisch und räumen hinterher brav ab. Wären Becher und Hamburger-Schachteln nicht aus Pappe, würden wir sie wahrscheinlich auch noch abspülen.
In der Welt der Selbermacher geht es ums große Geld, auch wenn es nur nach Kleinkram aussieht. Ikea zum Beispiel hat sein ganzes Geschäftsmodell darauf ausgerichtet, Kunden möglichst umfassend für sich einzuspannen: Artikelnummern aufschreiben, Pakete aus dem Regal wuchten, den Einkauf ins Auto laden, daheim die Treppen zur Wohnung hochschleppen, alles aufbauen und hinterher die Pappkartons entsorgen. Und am besten noch in den Kundenclub Ikea Family eintreten. Es gibt ja nichts Schöneres als eine Familie. Wo man füreinander da ist. Sich manchmal sogar aufopfert, ohne penibel auf Euro und Cent zu achten.
Wer trotzdem nachrechnet, kommt auf erstaunliche Summen: Rund vier Millionen Billy-Regale verkauft Ikea im Jahr. Veranschlagt man pro Stück auch nur 30 Minuten fürs Zusammenbauen, bei einem Stundenlohn von acht Euro, ergibt das eine Summe von jährlich 16 Millionen Euro – allein für das Aufstellen von Billy-Bücherregalen. Es ist Arbeitslohn, der nie gezahlt wird. »Unternehmen senken auf diese Weise ihre Kosten«, sagt Wissenschaftler Voß. »Nur wenn die Kunden Glück haben, werden sie daran beteiligt – zum Beispiel durch niedrigere Preise.« Das stimmt auch: Wer sich seine neue Ikea-Küche aufbauen lässt, bezahlt ein paar hundert Euro extra. Andererseits gilt der Selbstabholer-Kaffee bei Starbucks nicht gerade als Preisschlager.
Mag ja sein, dass sich Deutschland gerade zur Dienstleistungsgesellschaft wandelt. Bislang allerdings funktioniert nur eine Form von Bedienung reibungslos: die Selbstbedienung.
Immer anspruchsvollere Tätigkeiten werden heute auf die Kundschaft abgewälzt. Microsoft will seine Software XNA Game Studio Express angeblich bald unter die Leute bringen – in der Hoffnung, dass irgendjemand neue Videospiele für die Xbox-360-Konsole entwickelt. Die Bild - Zeitung schickt ihre Leser samt Handykamera auf Prominenten-Fotosafari, adelt die Als-ob-Fotografen zu »Leser-Reportern« und verteilt dafür » Bild - Presseausweise«.
Auch in vielen BMWs steckt eine Technik, die nicht die Experten des Autoherstellers erfunden haben. Seit etwa einem Jahr können BMW-Kunden beim Kauf eines neuen Fahrzeugs das Telematiksystem »Map to Mobile« ordern, das ihnen den Standort ihres Fahrzeugs aufs Handy funkt.
Erdacht hat das System ein Kunde, der als Außendienstler viel mit dem Auto unterwegs ist. Ihn und ein gutes Dutzend andere hatte BMW zu einem Workshop nach München eingeladen. Für die Technikfreaks war die Privataudienz bei den BMW-Ingenieuren vermutlich eine Ehre. Für den Autobauer war es ein Erfolg, »ein ebenso interessantes wie nützliches Experimentierfeld«, wie Jörg Reimann sagt, der Leiter der Abteilung Marketing Innovations. Er spricht von »Premiumansprüchen« und »Lead-Usern«, also von solchen Kunden, die dem Markt voraus sind und von sich aus das Bedürfnis haben, Probleme zu lösen.
Wer von BMW eine solche Lösung haben will, muss zahlen. 175 Euro kostet Map to Mobile pro Jahr. Der Erfinder hat für seine Idee kein Geld bekommen, und mit ihm reden darf man auch nicht: Der Autobauer hält seinen Namen geheim.
Je begeisterter die Fans, desto einfacher ist die Zusammenarbeit. Der dänische Spielwarenkonzern Lego hat vor drei Jahren eine eigene Abteilung gegründet, deren Mitarbeiter »eng mit den Internet-Communities in Europa und Amerika arbeiten«, wie Mads Nipper erklärt, der Marketing- und Designchef des Unternehmens. Wichtig sei, dass es zum Dialog komme: »Fans können ihre Ideen an die richtige Stelle leiten, und wir wissen, welche Fans wir in die Produktentwicklung mit einbeziehen können.«
Auch Holger Matthes wurde von Lego rekrutiert. Er ist Technischer Redakteur aus der Nähe von Stuttgart, Anfang dreißig und den bunten Bauklötzchen regelrecht verfallen. Gerade erst hat er die Dresdner Frauenkirche nachgebaut: 1,45 Meter hoch, samt Innenausbau, Treppenhäusern und Gewölbe. »Da stecken Legosteine für 4000 Euro drin«, sagt Matthes, »und locker 300 Arbeitsstunden.«
In einer Internet-Community wurde Lego auf Matthes aufmerksam und fragte ihn im Frühjahr, ob er bei der Entwicklung eines neuen Produktes mitmachen wolle. Er wollte – und bekam wenig später eine Plastiktüte voller Steine. Die Aufgabe für ihn und neun weitere Fans: Baut neue Lokomotiven, möglichst viele verschiedene Modelle, aber stets mit denselben Steinen. Es folgten einige Monate Entwicklungsarbeit, in denen man laut Matthes immer wieder »quasi auf Kommando kreativ« sein musste, Zeitvorgaben inklusive. Matthes & Co. lösten die Aufgabe, das Ergebnis kommt nächstes Frühjahr auf den Markt. »Designed by Lego-Fans« wird auf der Schachtel stehen und die Namen der zehn Helfer. Ladenpreis: um die 100 Euro.
»Das war ganz schön viel Arbeit«, sagt Matthes im Nachhinein, »und Geld haben wir auch nicht bekommen. Aber es macht mich schon stolz, sagen zu können, bei diesem Produkt habe ich mitgearbeitet.« Es ist eine selbstlose und zukunftsweisende Einstellung. »Wir haben derzeit etwa 120 fest angestellte Designer, die bei uns im Haus arbeiten«, sagt Lego-Manager Nipper. »Künftig ist es denkbar, dass einige tausend Fans als Amateurdesigner für uns arbeiten und neue Linien und Produkte entwickeln.«
Im Jahrhundert der Amateure verschmelzen Frei- und Arbeitszeit. Wenn wir wieder einmal versuchen, einen abgestürzten Computer zum Laufen zu kriegen oder neue Software zu installieren, kümmern wir uns nur scheinbar um unseren eigenen Kram. In Wahrheit ist unser Verhalten bereits einkalkuliert. In der High-Tech-Industrie ist es schon seit Jahren üblich, halb fertige Ware zu verkaufen. »Bananenprodukte« nennen das Ingenieure: »Die reifen beim Kunden.«
So verbringen wir klaglos Stunden vor der Maschine, stellen ein und um, Klick hier, Klick da, Neustart, alles von vorne. Um später, vollends verzweifelt, in speziellen Internet-Foren den Rat von Menschen zu suchen, die genauso ratlos sind wie wir.
Das erinnert stark an eine Selbsthilfegruppe. Nur dass bei einer Selbsthilfegruppe jeder Teilnehmer versucht, seine eigenen Probleme zu lösen. Stattdessen lassen wir uns dazu bringen, die Probleme anderer Leute zu lösen.
Auch die Angst vor Fehlern treibt die Unternehmen an. Wer seine Kunden so früh wie möglich mit einbezieht, produziert nicht mehr am Bedarf vorbei, so hoffen sie. Das gilt erst recht in einer Zeit, in der eindeutige Massengeschmäcke kaum noch erkennbar sind, sondern viele kleine Trends nebeneinander herlaufen. In der Mode ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt – und wo sich Kunden selbst verwirklichen, sollen sie sich auch gefälligst selber beraten.
Das Mittel dazu heißt Maßkonfektion, und es macht Verbraucher zu Co-Designern ihrer eigenen Kleidung. Bei Herrenanzügen von C&A funktioniert es ebenso wie bei jenen Damenschuhen, die Claudia Kieserling in ihrem »Selve«-Laden in München verkauft. Ihre Kundinnen suchen sich alles Wesentliche in Katalogen zusammen: Pumps oder Stiefel, spitz oder rund, High Heels oder flacher Absatz? Musterkataloge mit Farben und Materialien liegen aus, Leder, Stoffe und Fell zum Anfassen. Gefertigt wird dann in einer Fabrik in Italien. Wer hier einkauft, schafft kein wirklich neues Produkt, sondern setzt bloß ein Puzzle neu zusammen. Aber auch das kostet Zeit. Es könne »schon mal eine Stunde dauern, bis ein Auftrag fertig ist«, sagt Kieserling.
Kundin Ama Walton mag das, weil ihre Größe nie ausverkauft ist. »Zudem trage ich einen eigens kreierten Schuh«, sagt sie, »keinen Gucci-Stiefel, den jede trägt.« Die Kundin bekommt Schuhe mit persönlicher Note – die Unternehmerin Kieserling rund 200 Euro pro Paar und die Sicherheit, am Ende der Saison keine Ladenhüter wegwerfen zu müssen.
Kunden zum Mitmachen zu dressieren ist eine hohe Kunst. Aber auch dafür haben Manager längst einen Begriff gefunden – consumer education. Auf Deutsch: Warum ein Produkt den Kunden anpassen, wenn man Kunden auch dem Produkt anpassen kann? Manche von uns zahlen sogar für einen Aufenthalt in Erziehungslagern wie der eBay University. Auf den Seminaren dieser »Universität« lernt man, seinen Trödel vom Dachboden im Online-Auktionshaus zu verkaufen und erfolgreich zu handeln. Kostenpunkt: 40 Euro aufwärts. Im Gegenzug darf man sich hinterher »geprüftes Mitglied« nennen. Welch eine Ehre.
eBay knüpft damit an eine Tradition an, die bereits in grauer Vorzeit im Lebensmittelhandel begründet wurde. Die PR-Strategen der Supermärkte konnten uns immer wieder erfolgreich weismachen, freiwillige Gratis-Mehrarbeit wäre eine tolle Sache. Erst verschwand die Ladentheke, und seitdem hetzen wir selbst durch die Regalreihen auf der Suche nach einem Glas Gurken (»Shopping-Erlebnis«). Dann wurden uns runde Plastik-Pfandchips gegeben, damit wir die benutzten Einkaufswagen wieder zum Laden zurückbringen (»Aktion sicherer Parkplatz«). Und irgendwann fanden wir auch nichts mehr dabei, Obst und Gemüse selbst abzuwiegen (»Freiheit«).
Als Nächstes sollen wir uns selber abkassieren – an vollautomatischen Kassen, wie sie derzeit im ganzen Land getestet werden.
Die technologische Revolution ist natürlich kein Mittel, um Kassenpersonal zu sparen. Vielmehr dient sie einem höheren Zweck, nämlich dem »Ausdruck für die Autonomie des Konsumenten«. Das jedenfalls behauptet die Firma NCR, die solche Kassen herstellt. Als Beleg dient eine Umfrage, deren Ergebnisse NCR im Frühjahr unter der Überschrift »Selbstbedienung spart Zeit und macht Spaß« veröffentlichte. Seltsam nur, dass gar nicht untersucht wurde, ob Selbstbedienung tatsächlich Zeit spart. Das wurde nämlich vorausgesetzt. Sinngemäß wurde bloß gefragt, ob sich Kunden für Selbstbedienung entscheiden würden, wenn sie damit Zeit sparen könnten. Man hätte freilich auch ganz anders fragen können. Etwa: Glauben Sie ernsthaft, an der Kasse schneller zu sein als eine bestens trainierte Aldi-Verkäuferin?
Wir sind Kassierer, Designer, Schuster, Software-Entwickler, Kellner, Postboten – und ziemlich oft die Dummen. Aber: Wir haben Macht. »Unternehmen müssen sehr aufpassen, dass sie nicht zu weit gehen«, sagt Industriesoziologe Voß. »Wenn die Kunden das Gefühl bekommen, ausgenutzt zu werden, verhalten sie sich nicht mehr loyal. Im schlimmsten Fall spielen sie die Unternehmen gegeneinander aus.«
Die Grenze ist schnell überschritten, auch das gehört zur Wahrheit. In etlichen Supermärkten werden Obst und Gemüse mittlerweile wieder von einer Verkäuferin an der Kasse abgewogen. Wie früher. Das dürfte aber nicht an der Rückkehr zur Service-Kultur liegen, sondern an kaufmännischem Kalkül. Weil einige von uns gewogen und das Preisschild ausgedruckt haben – um hinterher noch heimlich ein paar Tomaten zusätzlich in die Tüte zu packen. Eine Form von Selbstbedienung, die ganz und gar nicht im Sinne der Handelsketten war. Man könnte diese Tomaten als Diebesgut bezeichnen. Oder als Arbeitslohn.
Mitarbeit:
Kathrin Burger
Aktuelles aus der Wirtschaft »
Analysen und Hintergründe »




Es handelt sich wieder um eine --- für DE so typische --- Neiddebatte: anstatt sich darüber zu freuen, dass man durch neuartige Konzepte Zeit, Geld und Nerven spart und dazu vielleicht noch bessere Ware oder Dienstleistungen bekommt, ärgert man sich darüber, dass _AUCH_ Unternehmen davon profitieren.
Wenn man bedenkt, wieviel Content hier von den Lesern selbst erzeugt wird - und es ist meist nciht der schlechteste...
Ja, genau das ist das Prinzip: der klassiche Service wird dermassen SCHLECHT gemacht (kein 2. Zustellversuch bei Paketen, inkompetentes und überforderdes "Servicepersonal" an "Hotlines" und Schaltern), dass der Kunde geradezu danach lechtzt, alles selbst erledigen zu dürfen. Ich bin für die DIVERSE Dienstleistungen auf der Suche nach TEUREREN aber SERVICEORIENTIERTEN Lösungen. Zwischenstand: Fehlanzeige... und die Wenigen, die solchen Service anbieten, haben jeden Maßstab für die Preisgestalltung verloren (Beispiel: ich kann nicht 700.- im Monat für einen Hardware-Servicevertrag bezahlen, wenn die Hardware selbst nur einen Wert von 1000.- hat).
Zu 1.: An den diversen Selbstbedienungsautomaten sparen Sie aber nur dadurch Zeit, dass die Mehrheit der Kunden diese eben noch nicht nutzt. Trotzdem passiert es mir häufig genug, dass ich auch vor Bahnticket- und Getränkerückgabeautomaten Schlange stehen muss, und das nicht zuletzt deshalb, weil die verflixten Dinger oft nicht so funktionieren, wie sie sollten!
So einen einseitigen und ärgerlich unreflektierten Artikel habe ich lange nicht in der Zeit gelesen! (Ich überlege schon ernsthaft, ob ich hier einer Parodie aufgesessen bin..!?)
Zunächst haben viele der genannten "Kunden-Ausbeutungs"-Konzepte vor allem Vorteile für den Kunden, wie bereits 'Anfaenger' geschrieben hat.
Was bin ich froh über die Fahrkartenautomaten, wo ich noch zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges schnell eine Karte ziehen kann. Oder darüber, daß ich mich notfalls Nachts um drei bequem im Internet nach Zugverbindungen umschauen kann. Anstatt wie in der guten alten Zeit, als ich noch nicht "zum Mitmachen zu dressiert" war, ein Tonband anrufen zu müssen oder zu den Öffnungszeiten am Schalter anzustehen. Abgesehen davon stehen mir diese Möglichkeiten ja immer noch offen.
Als ich das Beispiel mit Ikea gelesen habe, mußte ich beinahe laut lachen.
Tatsächlich ist Ikeas Geschäftsmodell darauf ausgerichtet, Arbeit an den Kunden abzugeben. Welch eine Erkenntnis!
Haben Sie sich denn schonmal Gedanken darüber gemacht, Herr Rohwetter, wieso Ikea so enorm erfolgreich ist?
Die meisten Kunden scheinen den Zusammenhang zwischen Eigenarbeit und niedrigen Preisen jedenfalls verstanden zu haben; ein Geheimnis macht Ikea ja nicht daraus.
Wer nicht selber schrauben mag, kauft seine Möbel eben im "herkömmlichen" Möbelhaus - fertig montiert, lackiert und zum vielfachen Preis. Weil das nämlich Arbeitsaufwand bedeutet, den jemand zahlen muß.
Der anscheinend gar nicht so unzufriedenen "Maßkonfektions"-Kundin macht es offenbar Spaß, selbst am Design ihrer Kleidung beteiligt zu sein. Wo ist das Problem? Vielleicht, daß der Händler auch Vorteile davon hat? Vielleicht hätte man die Kundin ja eindringlich darauf hinweisen müssen, wie schrecklich sie gerade verknechtet und ausgebeutet wird.
Schön, daß der Lego-Bastler Freude an seinem Hobby hat und stolz darauf ist, daß sein Name mit auf einer Legoschachtel steht.
Offenbar haben auch hier beide Seiten Vorteile voneinander.
Und wenn der Bastler keine Lust mehr hat, wird er sicher nicht von der Verbraucherverknechtungs-Mafia bedroht.
In anderen Fällen aber, wo tatsächlich Service und Qualität vermindert werden, sinken im Allgemeinen gleichzeitig die Preise.
Oder umgekehrt gesagt: Wo der Anbieter nur eine Überlebenschance hat, wenn er Billigpreise bietet, muß er eben irgendwo Kosten sparen.
Aldi ist eben erfolgreich, nicht _obwohl_, sondern _weil_ man dort die Waren direkt von der Euro-Palette nimmt und dann zum Zahlen an einer Kasse anstehen muß, wo eine schlecht bezahlte Kassiererinnen zu viele Kunden abfertigen muß. Genau deshalb sind da nämlich die Preise so günstig.
Wenn zunehmend kompetente Fachhändler durch Mediamärkte verdrängt werden in denen Beratung Glückssache ist, wenn ein Gammelfleischskandal den anderen jagt und der Kunde nirgends mehr so richtig König ist, dann findet sich die Ursache kaum in einer Verschwörung der Unternehmer.
Als Kunde bekommt man im allgemeinen genau das, was man sich (übrigens freiwillig) aussucht und wofür man bezahlt.
Geschäftsmodelle, die an den Bedürfnissen der Kunden vorbeigehen, werden sich kaum lange halten. Und das vorrangige Bedürfnis der Kunden scheint bedauerlicherweise eben gerade "billig!" zu sein.
Natürlich gibt es auch Menschen, für die es aus Geldknappheit keine Alternative zu Aldi gibt. Über die wollte hier sicher niemand urteilen. Aber eine Diskussion über Armut führt ein wenig weit ab vom Artikel - da ist immerhin von Cappuccino-Trinkern, Flugpassagieren, BMW-Fahrern, Spielekonsolen und Gucci-Stiefeln die Rede.
Auch in weniger essenziellen Bereichen als bei Lebenmitteleinkäufen stehen Menschen natürlich gelegentlich vor der Alternative, ein Billigprodukt zu kaufen oder eben ganz zu verzichten. Aber dann sollte man sich beim Kauf trotzdem darüber im Klaren sein, wie diese Preise überhaupt zustande kommen können.
Den Billiganbieter kann ich jedenfalls kaum dafür verantwortlich machen, daß mir die höherwertige Alterntive, der bessere Service oder was ich sonst eigentlich haben wollte zu teuer ist.
Unsere Wohnungseinrichtung stammt zu 80% von Ikea - und das sicher nicht aus rein ästhetischen Gründen. Ich bin bisher aber irgendwie nie auf die Idee gekommen, herumzujammern, daß ich von Ikea "verknechtet" werde.
Ich bin regelmäßig froh, daß es diesen Laden gibt. Der Deal ist dort ganz einfach: Die Möbel sind billig weil Du sie selber zusammenschrauben mußt. Wem das nicht genehm ist, kann einfach anderswo einkaufen.
Was, wenn ich nun partout keine Möbel schrauben will, aber andere Möbelhäuser sind mir zu teuer? Ist dann Ikea Schuld an der Misere? Wohl kaum.
Weiter werden im Artikel Firmen angeprangert, die von freiwilligen hobbymäßigen Leistungen ihrer Kunden profitieren. Dazu paßt auch das genannte Beispiel der Rezensionen bei Amazon, die von Benutzern geschrieben werden, die anscheinend irgendwie nicht recht bei Trost sind.
Hinter solchen Vorwürfen scheint mir eine unangebrachte Nullsummen-Logik zu stecken in der Art: "Wenn es dem einen nützt, dann muß es doch dem anderen schaden!"
Die Kunden-Rezensionen nützen doch geradezu beispielhaft beiden Seiten! Die Frage ist richtig: Was wäre Amazon ohne die Testberichte? Also für mich als Kunden bestimmt weniger attraktiv! Und weil das wahrscheinlich viele Kunden so sehen, wäre das Abschaffen der Testberichte wiederum auch für Amazon ziemlich blöd.
Wenn die Rezensionen nun allen Beteiligten nützen und die Verfasser das auch noch gerne machen -und sei es aus Geltungsbedürfnis-, wo ist dann das Problem?
Was genau sollte bei Amazon anders gemacht werden?
Der Autor hat des Rätsels Lösung in einen Halbsatz verpackt. Dort erwähnt er beiläufig daß für die Arbeit die der Kunde selbst erledigt kein Lohn UND keine Lohnnebenkosten anfallen. Nun wäre zu fragen, welcher Kunde denn bereit ist, die Kosten zu tragen welche für die zusätzliche Arbeit anfielen wenn er sie denn vom Anbieter erledigen ließe? Es ist nänmlich nicht nur bequemer seine Überweisungen online zu erledigen sondern auch deutlich billiger. Ein einfaches Beispiel mag hier helfen zumal es sehr prägnant ist. Vor 2 Jahren wollte ich meiner kleinen Tochter ein Schaukelpferd zu Weihnachten schenken. Also schaute ich bei ebay und stieß hierbei auf folgendes wirklich clevere Angebot. Ein Tischlermeister bot einen Bausatz für nicht mal 30 Euro an dessen Einzelteile aber von ihm nur roh bearbeitet worden waren. Sämtliche Feinarbeiten die recht zeitaufwendig waren hatte ich selbst zu erledigen. Hätte der Tischler dies selbst gemacht und ein fertig montiertes Schaukelpferd angeboten wäre es schlichtweg unbezahlbar gewesen. So aber war allen geholfen, dem Tischler weil er Unsatz und Gewinn hatte, mir selbst weil ich ein preiswertes Schaukelpferd bekam und beim Zusammenbau auch noch ne Menge Spaß, nicht zu vergessen natürlich eine Tochter. Einzig die Sozialkassen gingen hierbei leer aus. Denn wie schon erwähnt fällt für meine Heimwerkertätigkeit (noch) kein Beitrag an. Vielleicht hätte ich dies hier so in aller Ausführlichkeit nicht schreiben sollen denn vielleicht liest das hier ja auch die rheinische Frohnatur die gerade für Kranken-und Rentenkassen zuständig ist...
Das was hier geschildert wird, ist keine Überraschung. Erstaunlich ist nur wie lange man gebraucht hat, bis das so kommuniziert wurde.
Den meisten Selbstbedienungsläden habe ich schon vor Jahren den Rücken zugewandt. Wer sich von Werbung nicht einlullen läßt, kauft da, wo es vorteilhaft ist.
Manche Discounter, wie z.B. Aldi, sind es nach wie vor, weil der Preis hier immer noch das alles entscheidende ist.
Bei Supermärkten, Baumärkten, Elektrogroßhandel ist es längst so, dass sie deutlich teuerer sind, als eine gute Beratung mit gutem Service in kleineren Läden.
Den einzigen Vorteil den solche Läden besitzen ist ihr großes verfügbares Sortiment.
Immer dann, wenn das auschlaggebend ist, kaufe ich noch in diesen Läden. Computer z.B. sind im guten Fachhandel billiger und besser ausgestattet.
Entwickelt hat sich das aber tatsächlicc nicht aus dem Motiv heraus, die Kunden für sich einzuspannen, sondern um die Produkte günstiger an den Mann bringen zu können.
Wie das aber mal so ist, wenn man einen Markt erobert hat, die Konkurrenz erst mal weg ist, dann kann man die Differenz durch Erhöhung der Preise selbst einstecken.
Die Gewerkschaften erweisen sich hier ebenfalls als Preistreiber, können sie doch in größeren Einheiten die monetären wie nicht monetären Löhne viel einfacher durch Druck erhöhen als in kleinen Einheiten. Da Effizienz dabei keine Rolle spielt, sind Große schnell viel teuerer als Kleine, so das sich Dienstleistung wieder lohnt.
Diesen Prozess beobachte ich schon seit 20 Jahren, als in einzelnen Bereichen der Fachhandel schon wieder deutlich rentabler wurde, als der große Selbstbedienungsmarkt, da auch kleine Einheiten deutlich individueller sind, ist der Vorteil des Masseneinkaufs deutlich relativiert worden.
Ein nicht unwesentlicher Teil der aktuellen schwierigen wirtschaftlichen Lage geht auf diese Verkrustung bzw. Entwicklung zurück.
Ein anderer Teil hat etwas mit Dummheit zu tun, viele Menschen am unteren sozialen Rand kaufen viel zu teuer ein, weil die gesellschaftliche Grundausbildung das Lernen zum vernünftigen Wirtschaften nicht vorsieht.
Ein wichtiger Grund, warum es in Deutschland auch wieder reale Armut gibt, die rein durch die monetären Mittel selbst der Ärmsten nicht zu erklären ist.
Die in Kauf genommene geistige Verwahrlosung durch die Gießkannen-Alimentierung des Sozialstaates schafft erst diese Armut durch unvernünftigen und verantwortungslosen Konsum.
Hier hat sich der Sozialstaat durch den Kapitalismus bestechen lassen.
B Grabe
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren