Theater

Dem strengen Kasten wachsen kühne Flügel

Fünf Premieren und ein Neubau – Potsdam eröffnet sein Schauspielhaus, erdacht hat es der große Architekt Gottfried Böhm.

Von wegen großer Auftritt. Ein Frank Gehry hätte er sein können, ein Norman Foster, einer dieser glamourösen Weltenbauer. Doch selbst als er den Pritzker-Preis bekam, die international wichtigste Auszeichnung für Architekten, blieb er verhalten und mied das Rampenlicht. Gottfried Böhm ist kein Mensch für große Bühnen; er baut sie nur.

Er baut sie seit über 60 Jahren, furiose Kirchenbühnen, verwinkelte Stadtbühnen, natürlich auch Bühnenbühnen, solche fürs Theater. Wie kaum ein anderer deutscher Architekt versteht er sich aufs Zusammenführen und Einsammeln, auf eine Kunst des Öffentlichen. Nur fehlt dafür in jüngster Zeit das Geld; die Kommunen, Böhms treueste Auftraggeber, überlassen Öffentliches nun meist privaten Investoren. Umso erstaunlicher, dass er nun doch noch einmal an einer großen Premiere planen durfte – Bühne frei für Potsdam!

Ausgerechnet Potsdam. Die Stadt musste lange auf ein neues Theater warten, ziemlich genau so lange, wie Böhm Architekt ist. Die letzten Bomben des Kriegs hatten die alte Bühne zertrümmert, im April 45, und seither vagabundierten die Schauspieler von einem Notquartier zum nächsten. Bis schließlich der DDR-Ministerrat 1985 einen Neubau beschloss. Der war auch schon zur Hälfte aufgeführt, da kam die Wende – und das halb vollendete Werk, recht stämmig und bieder, musste fort vom stolzen Alten Markt. Also Abriss, wieder Notquartier, wieder Ausharren, diesmal in der »Blechbüchse«, einer Art Lagerschuppen mitten im Zentrum.

Der Beton verliert seine Schwere, wölbt sich, züngelt und leckt

Nun aber hat das Warten ein Ende, endlich wird an diesem Wochenende eröffnet, mit einem fulminanten Fünf-Premieren-Programm – alles ist neu. Und ist doch recht vertraut, denn ein wenig abgeschoben und provisorisch wirkt das Hans Otto Theater noch immer. Es steht nicht dort, wo man es erwarten würde, nicht in der Altstadt und nicht im Park. Es liegt fernab im Niemandsland, unten am Fluss.

Bis 1989 hatte dort das Militär das Sagen, erst bauten die Preußen ihre Kasernen, Lager- und Reithallen, später nistete sich die Volksarmee ein. Dann verfielen die Bauten, doch zum Glück zogen Maler, Tänzer, Musiker ein, und rasch galt das Quartier als ein Ort der Off-Kultur. Und weil mittlerweile selbst ein Konzern wie Volkswagen gern ein bisschen off ist, hat er dort seine Design-Abteilung angesiedelt; auch ein Computergigant durfte einen der alten Speicher beziehen.

Mitten in diesem merkwürdigen Gemisch aus High-Kommerz und Low-Kultur steht nun das Theater von Gottfried Böhm – eingequetscht zwischen zwei Denkmälern, einem alten Gasometer und einem Fabrikturm, der so wehrhaft aussieht, als käme er direkt aus dem Mittelalter. Was machte Böhm aus der zwittrigen Lage? Einen Zwitter.

Abweisend die Stadtseite: ohne Zeichen, ohne Geste, der Eingang ist kaum zu finden, wird an den Rand gedrängt von einer kalten, glatten Verwaltungskiste – als säßen auch hier Auto- und Computermenschen. Schon meint man, beim Gasometer ginge es hinein, doch da ist nur der Bühneneingang. Ganz links hingegen, ein wenig zurückspringend, öffnet sich das gläserne Foyer. Nur wer dort hineinschlüpft (oder den Bau umwandert), entdeckt das andere Gesicht dieses Theater, er sieht, wie sich das Haus weit hinausstreckt auf eine Halbinsel, mit Blick auf den Tiefen See und das waldige Ufer gegenüber. Erst hier beginnt das Irrationale, das Ausschweifende, erst hier wird Böhms Architektur großes Theater.

Plötzlich wachsen dem strengen Kasten die kühnsten Flügel, was eben noch roter Brüstungsstreifen war, befreit sich aus der Horizontalen, strebt mächtig gen Himmel, wölbt sich, züngelt und leckt. Der Beton verliert seine Schwere, rauscht in drei weichen, hohen Wellen halb über das Theater, spottet allen Erfahrungen und Naturgesetzen. Ist ganz Spiel.

Das muss man wohl wörtlich verstehen, als dialektische Erzählung: Das Theater will Teil der Stadt sein, mit seiner Vorderfront fügt es sich ein ins Raster, ins übliche Ordnungsdenken, denn es braucht ja den Rückhalt der Verwaltung, der Planung, des Betriebs. Es muss funktionieren. Allerdings nur, um sich rücklings aus allen Funktionen zu lösen, um frei zu sein fürs Fantastische, um abzuheben in eine eigene Erzählung.

Die Bühne und der Saal mit den fast 500 Plätzen liegen dazwischen, hier verstärken sich die Gegensätze noch. Die Hinterbühnen lassen sich weit öffnen, so weit, dass man hindurchschauen kann bis zum Gasometer. Umgekehrt darf man auch von der Bühne über die Stuhlreihen hinweg hinausschauen, bis hinüber zum anderen Seeufer, wo die Leute fröhlich baden und mit ihren Schlauchbooten herumpaddeln. Der Theatersaal hat Wände aus Glas, und so gibt es zwei Kulissen – die der wunderbaren Landschaft und jene auf der Bühne. Erst muss der eine Vorhang fallen, der zur Natur, damit der andere, der zur Kultur, sich hebt.

Solche vertrackten Wechsel erlaubt diese Architektur: Sie kann sich öffnen und schließen, kann auf- und ausblenden, kann weit werden und eng. Man darf sich hier wie in einer Manege fühlen, sitzt staunend unter der mächtigen Kuppel aus Beton. Oder wie in einem folly, einem dieser englischen Lustpavillons, die einladen zum Wandeln, zum Schauen und sich Zeigen. Da stört es kaum, dass dieser Bau im Detail ziemlich miserabel ist – billig zusammengeschraubt die Fenster, schäbig der Beton, die Akustik mit zu viel Nachhall. Selbst die drei Wellen sind nicht so elegant wie geplant, sondern recht krumpelig und unrund. 26 Millionen Euro hat das Theater gekostet, eine Winzsumme verglichen mit dem, was solche Bauten sonst verschlingen. Offenbar musste vieles unter dem Spardruck leiden.

Wie sich Böhm dieses Haus eigentlich wünschte, viel gereckter, viel stimmiger in den Proportionen, das lässt sich derzeit in Frankfurt besichtigen. Dort zeigt das Architekturmuseum eine sehr eindrückliche Ausstellung über Böhms Gesamtwerk, und natürlich darf Potsdam nicht fehlen. Das Theater hat er so wunderbar weich und verführerisch aufgezeichnet, oder besser: aufgemalt, wie viele seiner anderen Pläne. Die Kohlestifte bringen die Fassaden zum Vibrieren, lassen die Räume atmen, auf diesen Blättern hat die Architektur nichts Abgezirkeltes, nichts Kaltes.

Beglückend zu sehen, wie mit ein paar sanften Strichen noch einmal die Verheißung der Moderne zurückkehrt. Vieles erinnert an die zwanziger Jahre, an die Visionen eines Poelzig oder Taut. Es sind stolze Bauten der Gemeinschaft, winzig ziehen die Menschen darauf zu, finden zu Gruppen zusammen, durchströmen die Häuser – so hat es Böhm immer wieder gezeichnet. Die Architektur als große Verlockung, als bindende Kraft.

Viele seiner Bauten lösen das auch ein, vor allem die grandiosen Kirchen der fünfziger und sechziger Jahre. Sie stellen sich fremd und selbstbewusst in die zerstörten Städte, fahren raketengleich gen Himmel oder werden sich selbst zum Gipfel. Vor allem seine Pilgerkirche im bergischen Velbert ist ein solcher Fels in unsicherer Zeit, ein wild zerklüftetes, raffiniert gefaltetes Betonmassiv – die wirkmächtigste Nachkriegskirche in Deutschland.

Eine begehbare Reichstagskuppel? Das war eigentlich Böhms Idee

Hier ist Böhm ganz Durchformer und Raumkneter, er baut Häuser, in denen sich alles zu durchdringen scheint, ist auf der Suche nach einer neuen, unauflösbaren Einheit. Später verliert er dieses Gespür für Raum und Schwere und Licht, vielen seiner Bauten kommt das Körperliche abhanden. Sie lösen sich auf in Glas und farbiges Gestänge, sind verzappelt, nur noch Nische, Loggia, Treppenspindel. Und wenn sie doch weit aufspringen, dann werden sie mitunter brachial oder trutzig, wie etwa die Rathausfestung in Bensberg von 1967, das Museumsmonstrum in Paderborn von 1975 oder die ebenso monumentale wie hohle Züblin-Verwaltung bei Stuttgart von 1985.

Anderes blieb leider ungebaut, seine Reichstagskuppel zum Beispiel, die er schon 1988 entwarf, lange bevor Norman Foster seinen gläsernen Bienenkorb aufs Parlament setzen durfte. Schon Böhm hatte vor, das Volk über Stiegen und Stege durch den Berliner Himmel laufen zu lassen, allerdings wäre seine Kuppel viel breiter gelagert gewesen und hätte auch die Abgeordneten hinaufgeholt, raus aus dem dunklen Gemäuer, rauf auf ein Podest mit Weitblick, sichtbar für alle. Auch dieses wäre ein typischer Böhm geworden, ein Haus, das alle zusammenholt.

So bleibt am Ende: das Staunen über die hohe Zeichenkunst dieses Architekten, der mit einfachem Strich selbst banalste Bauten verzaubert. Staunen auch über das ungemein reiche und wechselvolle Leben des Gottfried Böhm, der etwas herüberrettet vom Kollektivraum der Avantgarde in die Tristesse deutscher Vorstädte. Und der selbst ein Seeufer zur großen Bühne macht.

Die Ausstellung »Felsen aus Beton und Glas« über das Werk von Gottfried Böhm im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt läuft bis zum 5. November. Der prächtige Katalog kostet 32 Euro

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    • Von Hanno Rauterberg
    • Datum 23.9.2006 - 07:05 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
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