Andreas Bernstorff kann Geschichten erzählen, die stinken zum Himmel. Sie handeln von rostigen Fässern, aus denen schleimige Flüssigkeiten sickern, von Dämpfen, die Luftröhre und Lunge verätzen, und von skrupellosen Geschäftleuten, die sich mit giftigem Dreck eine goldene Nase verdient haben. Und sie spielen alle in Afrika, so wie die Geschichte von dem italienischen Händler, der 2000 undichte Fässer mit chlorhaltigen Lösemitteln im nigerianischen Hafen Koko abstellen ließ. Anwohner kamen mit dem Gift in Berührung. Sie husteten, spuckten Blut und bekamen Nasenbluten. Als der Fall öffentlich wurde, zog die nigerianische Regierung ihren Botschafter in Rom ab, setzte ein italienisches Frachtschiff fest und zwang so Italien, den Giftmüll abzuholen. Illegal entsorgter Abfall in Abidjan, Elfenbeinküste BILD

Dieser Fall aus dem Jahr 1988 galt bislang als größter bekannt gewordener Giftmüllskandal in Afrika. Jetzt gibt es einen größeren. Wieder husten Menschen, wieder erbrechen sie sich und bekommen Nasenbluten. Und wieder haben skrupellose Geschäftsleute den giftigen Dreck einfach abgekippt, ohne sich für die Folgen zu interessieren.

Rund 30.000 Menschen mussten sich in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste, wegen Vergiftungserscheinungen behandeln lassen, sieben sind gestorben. »Ich dachte, so etwas gehört der Vergangenheit an. Aber dieser Fall toppt die Koko-Geschichte«, sagt Bernstorff, der früher für Greenpeace arbeitete und heute diverse Umwelt- und Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit berät. BILD

Begonnen hat der Skandal Mitte August, als mehr als 500 Tonnen Giftmüll an Bord des Containerschiffes Probo Koala im Hafen Abidjan angelandet wurden. Das zu einer griechischen Firma gehörende Schiff war von dem niederländischen Unternehmen Trafigura Beheer BV gechartert worden. Die Firma zeigt sich in einem Statement nun »besorgt« über die »Berichte zu der gesundheitlichen Situation der Bewohner Abidjan«, behauptet aber, internationale Konventionen beachtet und den Müll ordnungsgemäß an die ivorische Entsorgungsfirma Tommy weitergegeben zu haben: »Die Papiere waren korrekt.«

Bei der inzwischen an mehreren Stellen der Stadt aufgetauchten, schwarzen, schleimigen Masse, die chlorhaltige Lösemittel und Schwefelwasserstoffe enthält, handelt es sich offenbar um Reste aus der Tankreinigung. Nach Ansicht von Experten hätten die Abfälle niemals Europa verlassen dürfen. »Dafür darf grundsätzlich keine Genehmigung erteilt werden«, sagt Michael Dreyer, Experte für Chemikaliensicherheit bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Nach Ansicht Bernstorffs hat die niederländische Firma gleich gegen mehrere internationale Konventionen verstoßen, die als Folge der Giftmüllskandale in den achtziger Jahren vor allem auf Bestreben der Entwicklungsländer und gegen den Widerstand vieler Industriestaaten auf den Weg gebracht worden sind.

»Die eine ist die so genannte Baseler Konvention«, sagt Bernstorff, der bei der Aushandlung des Konventionstextes mitgewirkt hat. Die Konvention von 1989 war 1995 noch einmal verschärft worden. Nach ihr ist es ausnahmslos verboten, Giftmüll in Entwicklungsländer zu exportieren. Das gilt für die EU seit 1998.

Den afrikanischen Ländern reichte die Baseler Konvention jedoch nicht. Afrika trotzte der EU 1990 außerdem im Abkommen von Lomé die Verpflichtung ab, absolut keinen Müll nach Afrika zu transportieren. Und 1991 gab es dann noch die Konvention von Bamako, in der die afrikanischen Staaten selbst den Abfallimport unter Strafe stellten. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Das Abladen von giftigen Chemikalien im großen Stil konnte mit Hilfe dieser Konventionen weitgehend eingedämmt werden. Eine Dunkelziffer gebe es freilich immer, sagt Dreyer: »Dass jemand in Somalia durch Bestechung eines Warlords seinen Giftmüll loswird, kann man natürlich nicht ausschließen.«

Die meisten giftigen Chemikalien, die die afrikanischen Länder heute entsorgen müssen, sind allerdings Altlasten. Dass sie existieren, weiß man, nur wo sie liegen, ist noch nicht vollständig geklärt. Giftige Überraschungen gibt es immer wieder. Im Jahr 2004 wurden nach dem großen Tsunami zum Beispiel aus den Küstengewässern vor Somalia mehrere große Giftbehälter an Land gespült. Nach wie vor lagern nach Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 50.000 Tonnen Pestizide und Insektizide auf dem Kontinent. In Fässern oder Säcken gammeln DDT, Lindan, Chlordan, Dieldrin oder Heptachlor irgendwo vor sich hin.

Diese Chemikalien wurden einst von den reichen Ländern geliefert. »Der Giftmüll entstand durch Missmanagement oder dadurch, dass die Mittel wegen ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung verboten wurden oder einfach nicht mehr gegen die Schädlinge wirkten«, sagt Mark Davis, der bei der FAO das Altpestizidprogramm koordiniert. Bis der Abfall beseitigt sei, werde noch dauern. »Dieses Problem ist aber erkannt, und wir wissen, wie wir es angehen müssen«.

Dies gilt jedoch nicht für andere Bereiche des globalen Müllhandels. Vor allem die Entsorgung von Elektroschrott und ausrangierten Schiffen ist zu einem lohnenden Geschäft geworden.

Computer, Handys, Drucker – der Müllberg, der in Entwicklungsländern entsorgt wird, wächst. Zwar seien die Hersteller inzwischen verpflichtet, die Geräte zurückzunehmen, aber das echte Recycling »ist sicher teurer als eine graue Entsorgung«, sagt der GTZ-Experte Dreyer. Der Trick geht so: Alte Computer werden nicht als Müll, sondern als Nutzware deklariert, die zur Reparatur oder zur Wiederverwendung für den Export vor allem in Westafrika und Asien fertig gemacht werden.

Allein in der nigerianischen Hauptstadt Lagos kommen nach Recherchen der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Basel Action Network jeden Monat rund 500 mit alten Computern, Handys oder Bildschirmen gefüllte Container an. Drei Viertel der Elektroteile seien reiner Elektroschrott, der auf Müllkippen lande und dort verbrannt werde, schreibt die Organisation in einer Studie. Wieder entsteht dabei hochgiftiger Müll, der Blei, Quecksilber und Cadmium enthält. »Das ist ein zunehmendes Problem, um das wir uns schnellstens kümmern müssen«, mahnt Dreyer.

Auch Asien wird von Schrott aus den Büros und Wohnzimmern der hoch industrialisierten Länder überschwemmt. Asiatische Entwicklungsländer sind überdies wichtige Abnehmer für ausrangierte Frachter und Tanker. Seitdem der Stahlpreis in die Höhe geschnellt ist, ist der Handel mit schrottreifen Schiffen zu einem lukrativen Geschäft geworden – vor allem für jene, die die Rostkähne loswerden wollen. »Alte Schiffe werden nach Stahlpreis verkauft. Wenn sie einen Standardfrachter mit 10.000 Tonnen Stahl verkaufen, dann können sie schon mal vier Millionen Dollar einstecken«, so Bernstorff.

Nach Angaben von Greenpeace werden Jahr für Jahr bis zu 800 Schiffe abgewrackt. Die meisten in China und Indien, sehr viele aber auch in Bangladesch, Pakistan oder in der Türkei. »Kein Hochseeschiff der Welt wird in irgendeinem Industriestaat verschrottet«, sagt Andreas Bernstorff.

Warum das so ist, wird beispielsweise in Alang im Nordwesten Indien deutlich. 45.000 Wanderarbeiter zerlegen am Strand mit Hilfe von Schneidbrennern die ausrangierten Kolosse. Die Arbeiter atmen bleihaltige Dämpfe ein, die bei der Verbrennung der Farben entstehen. Außerdem stecken die Schiffe, die meist noch aus den siebziger Jahren stammen, voller Asbest.

Nach einer aktuellen Studie der indischen Regierung leidet jeder sechste Arbeiter in Alang an Asbestose. Ihre Folge ist zunächst Atemnot und Husten, schließlich Invalidität und Lungenkrebs. Und am Ende der Tod.

Aus dem Archiv
Gift für die Armen In den Entwicklungsländern rotten tausende Tonnen Altpestizide vor sich hin (ZEIT 35/2003) »