Nachdem unser nobelster Preisträger den unheiligen SS-Waffenrock einer staunenden, dennoch Grass-gläubigen Menge vorgewiesen hatte, vollzog sich nicht allein ein Auflagenwunder, es erhob sich auch die Stimme der Ungnade einer zu späten Geburt. »Grass ist eine Schande für das Schriftstellertum!« – also sprach Peter Handke als oberster Sittenwächter ästhetischer Religiosität. Zwar hatte man stets vermutet, Schriftstellerei sei ein individuelles Geschäft, nun werden, dank Handke, die Autoren unter einem fatalen Begriff zwangsvereinigt.

Als Leser von Victor Klemperers LTI – Sprache des Tausendjährigen Reiches , gruseln mich die entsprechenden Assoziationen: nämlich »Rassenschande« und »Deutschtum«. Als habe Grass der reinen Rasse der Schriftsteller durch sein spätes, geschäftstüchtiges Geständnis unauslöschlichen Tort angetan. Aber, so fragt das Kurzzeitgedächtnis, was war dann eigentlich Peterchens Irrfahrt zum Grabe des Kriegsverbrechers Milošević? Um dort selbstredend seinem »Schriftstellertum« ein Ruhmesblatt hinzuzufügen? Handkes Werbekampagne in Serbien wies ihn als ausgepichten Promotor seiner selbst aus, der sich eifrig mit einem Clan von Politkriminellen solidarisiert hat – natürlich »auf ewig«, auch wenn solche Ewigkeit kaum länger als einige Monate vorhält. Handkes O-Ton aus seinem Glashaus über Grassens angebliche Unkenntnis: Der habe all das »gewusst und nicht demgemäß gehandelt. Das ist ein ewiger Makel eines empörenden Menschen.«

Wer, außer Handke, ist denn wirklich empört? Die Zwiebel- Käufer doch wohl nicht. Ach, ich fürchte, hier spricht namens einer fiktiven Tümlichkeit (Dümmlichkeit?) der vom Erfolg eines anderen Verfassers tief Gekränkte: Sein Verdikt ähnelt dem altägyptischen Totengericht, dem strafenden Wort Gottes oder analogen Bekunden von Islamisten. Und Handke weiterhin: »Ich finde vor allem die Sprache, mit der er (Grass) das betreibt, völlig verfehlt.« Weil es eben nicht die Sprache Handkes ist, was verschärfend hinzukommt. Doppelte Schande! Wäre Grass doch wenigstens ein Handke-Epigone, man hätte ihm ja »auf ewig« verzeihen können.

Im Übrigen handelt es sich um einen Taifun im Fingerhut, also als Kontrastprogramm den gegenwärtigen Problemen durchaus angemessen. »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Größte im deutschen Land?« Wer nichts zu sagen hat, der trete hervor und quassele.

Der Schriftsteller Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, veröffentlichte zuletzt »Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast«