Theologie : »Dem Islam ist die Gewalt in die Wiege gelegt«

Ein Gespräch mit dem französischen Schriftsteller Abdelwahab Meddeb über die Quellen des Fanatismus und die überfällige Neuinterpretation des Korans.

DIE ZEIT : Herr Meddeb, warum war im Mittelalter ein friedlicher Meinungsstreit zwischen Christen und Muslimen möglich, während heute die bloße Erinnerung an diese Zeiten zum Aufruhr führt? "Wenn der Nazismus die deutsche Krankheit war, dann ist der Fundamentalismus die Krankheit des Islam." BILD

Abdelwahab Meddeb : Weil damals in der islamischen Welt eine große hochgebildete Oberschicht lebte, die den Disput förderte. Während des gesamten Mittelalters gab es in den Metropolen wie Bagdad berühmte literarische Salons, die von mäzenatischen Patriziern und Kaufleuten unterhalten wurden und die kein anderes Ziel hatten, als Christen, Juden und diverse Sekten, die in Glaubensfragen überhaupt nicht einer Meinung waren, zusammenzubringen. Der Papst irrt, wenn er von einer einzigen islamischen Doktrin spricht, denn es gab viele, über die immer wieder offen gestritten wurde. In Tunis, der Kapitale des Maghreb, hatte der Sultan fortschrittliche Theologen ausdrücklich unter den Schutz der Meinungsfreiheit gestellt und gegen Angriffe aus dem Volk verteidigt. Natürlich war die Mehrheit der einfachen Muslime ungebildet und kaum bereit, sich von der Kraft der Logik und der Argumente überzeugen zu lassen, wie es sich die Intellektuellen wünschten. Heute haben wir vergleichbare muslimische Massen, aber kaum mehr die gebildete Elite, die den Diskurs anführt.

ZEIT : Ein erkennbar historisches Zitat des Papstes wird sofort als aktuelle Kampferklärung verstanden. Woher kommt dieser gewaltige Mangel an historischem Bewusstsein unter den Muslimen?

Meddeb: Ich gebe zu bedenken, dass der Papst das Zitat nicht als historisches Exerzitium erwähnt hat, sondern als aktuelle Einschätzung des Islams. Gleichwohl müssen die Muslime erkennen, dass die vom Papst angesprochenen Aspekte ihrer Religion keine bösartige Erfindung sind, sondern in Wort und Schrift von Anbeginn an existieren. Der Islam hat viel zu lange versäumt, diese gefährliche Dimension seines Glaubens offen zu diskutieren. Es ist die Schuld der Imame und Theologen, dass sie sich nicht um Unwissenheit in ihren Gemeinden kümmern. Die protestierenden Massen zeigen, dass der offizielle Staatsislam gescheitert ist und die alte Mediatorenrolle der Geistlichen vor dem Bankrott steht. Sie haben Angst vor der Entzauberung der eigenen Mythologie und Glaubensgrundlage durch historische und wissenschaftliche Kritik. Deshalb schotten sie sich ab. In die Hände arbeiten ihnen dabei ausgerechnet westliche Stereotype, etwa die Behauptung von der Verschmelzung des Religiösen mit dem Politischen. Das sagen westliche Islamwissenschaftler, und sie stehen dabei in Einklang mit den Fundamentalisten. Ein Blick in die Chronik des Islams zeigt, dass das restlos falsch ist.

ZEIT :: Hat der Papst mit der Gewaltfrage einen wunden Punkt berührt?

Meddeb : Eigentlich nicht, weil die Theologen seit Jahrhunderten sehr präzise darüber diskutieren. Im Islam gibt es beide Seiten: diejenigen, die die Bekehrung mit dem Schwert und dabei alle Ungläubigen töten wollen. Dann gibt es die anderen, die fordern, endlich Schluss zu machen mit dem Zwang in der Religion. Beunruhigend ist, dass trotz dieser Divergenz in den Medien und im Selbstbild der Muslime nur noch die eine, gewalttätige Seite präsent ist. Nur wenn das muslimische Subjekt erkrankt, wählt es den kriegerischen Teil der Offenbarung. "Bei seiner nächsten Rede sollte der Papst die Muslime auch an den Glanz ihrer Traditionen erinnern." BILD

ZEIT : Woher stammt diese Krankheit?