Die Bombe im Pariser Bücherherbst stammt von einem amerikanischen Juden litauischer Herkunft, der in Spanien lebt, mit einer Belgierin verheiratet ist und auf Französisch schreibt. Sofort nach Erscheinen von Jonathan Littells Roman Les Bienveillantes (Verlag Gallimard) überschlugen sich die französischen Magazine und zogen Vergleiche mit Tolstojs Krieg und Frieden (Nouvel Obs), mit Wassilij Grossmanns Leben und Schicksal (Express) und sogar der Orestie (Point).

Auch wenn dabei die Grenzen zwischen Kritik und Werbung verschwimmen, hat das Aufsehen einen sachlichen Grund. Der 39 Jahre alte Debütant beschreibt Weltkrieg und Holocaust aus der Täterperspektive eines deutschen SS-Mannes. Ähnliches hatte zuletzt der Franzose Robert Merle 1952 in seinem vielgerühmten Roman La mort est mon métier (Der Tod ist mein Beruf) unternommen, der auf den Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Höß beruhte. Doch seitdem kennt die französische Nachkriegsliteratur die Kriegsgräuel vor allem als Leidensgeschichte der Opfer.

Littell schreibt die fiktive Lebensbeichte eines ehemaligen SS-Offiziers, füttert sie jedoch mit derart vielen historischen Realien und Personen der Nazizeit, dass der Roman die Züge eines halbdokumentarischen Geschichtswerkes bekommt. Weit über viele literarische Weltkriegsschicksale hinaus legt der Autor mit ungeheurem erzählerischem Atem auf neunhundert eng bedruckten Seiten so etwas wie ein Epochenpanorama vor.

Meisterwerk oder Wahnsinnsprodukt? Bevor die Franzosen zum Buch greifen, wissen sie dank der vielen Interviews bereits alles über den Autor: Der gebürtige New Yorker ist Sohn eines angesehenen Newsweek- Journalisten und Spionageromanautors. Er kam als Kind nach Frankreich, begann nach seinem Baccalauréat in Paris ein Literaturstudium in Yale und übersetzte Klassiker wie Blanchot, Genet und de Sade. Danach ging er für die Hilfsorganisation »Aktion gegen den Hunger« an die Kriegsschauplätze in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan, China und Afrika. 2001 geriet er im Nordkaukasus in einen Hinterhalt, entkam verwundet und beschloss zu pausieren, um seine beiden Kinder heranwachsen zu sehen.

Seitdem arbeitete Littell an dem Epos. Als Auslöser nennt er Michael Herrs Vietnam-Buch und Claude Lanzmanns Film Shoah. Bei seinen Recherchen befragte er Hinterbliebene, besuchte russische, polnische und ukrainische Archive, studierte Analysen der Stalingrad-Schlacht und des Kaukasus-Feldzuges. Er kämpfte sich durch die Literatur zur NS-Zeit und schrieb sein Werk schließlich in 120 Tagen mit der Hand nieder.

Bei seiner Arbeit in Exjugoslawien und Ruanda, berichtet Littell, habe er immer wieder Gräueltaten erlebt, aber stets festgestellt: »Die Schlächter sprechen nie – und wenn sie es tun, sind ihre Worte hohl.« So erfand er den SS-Offizier Max Aue, einen promovierten Juristen und gebildeten Menschen, der nicht aus Lust und Perversion, sondern aus ideologischen Gründen getötet hat. Aue redet nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus dem Bedürfnis, sich im Alter zu erleichtern.

Der Titel Bienveillantes stammt von den Rachegöttinnen der griechischen Mythologie, den Furien, die man man aus Furcht bienveillantes, die Wohlwollenden, nannte. In der Vorrede schlägt Littell tatsächlich einen antikischen Ton an: »Sei froh, wenn Du in eine Zeit hineingeboren wurdest, in der man weder Deine Frau und Kinder tötet noch von Dir verlangt, die Frauen und Kinder anderer zu töten. Dann hast Du Glück gehabt, aber Du bist kein besserer Mensch als ich. Wenn Du das denkst und arrogant wirst, beginnt die Gefahr.«