Theater Fürchtet euch nicht!

Das Theater riecht nach Angst. Aber es redet von Hoffnung. Eine Vorschau auf die neue Saison.

Angst ist der Schlüssel. Wer das Aroma der neuen Theatersaison aus ihren Spielplänen erwittern will, stößt andauernd auf den Geruch der Angst. »Fürchtet euch nicht!« lautet das Saisonmotto der Münchner Kammerspiele. »We are not afraid«, so pfeift das Theater Augsburg aus dem Wald. »Das latente Klima von Angst beherrscht uns im Alltag doch schon viel mehr, als wir es wahrhaben wollen«, hört man aus dem Theater Basel.

Bei genauerer Betrachtung allerdings weist das Theater eine interessante Zweiteilung auf: Auf den Bühnen wird die Angst dargestellt, in den Foyers wird um Lösungen, Licht und Hoffnung gerungen. Die Stücke selbst, zumal die neuen, sind schwer und schwarz, aber um den Spielbetrieb herum hat sich ein reichhaltiges Abfederungs-, Trost- und Diskursgeschehen angelagert. Fast scheint es, als sei nicht die Bühne, sondern das Foyer, in welchem über die Vorstellung diskutiert wird, das Herz des deutschen Theaters.

So kommt zweierlei zusammen: eine Angstlähmung (auf der Bühne) und eine Emil und die Detektive- hafte Betriebsamkeit (in der PR-Abteilung und in der Dramaturgie). Die Schauspieler spielen vor, wie wir beraubt werden. Die PR-Texte suggerieren, dass es möglich sei, den Dieb gemeinsam zu halten.

Doch der Reihe nach. Tauchen wir erst mal ein in die Stoffe, die auf die Bühnen drängen. Was kommt uns da entgegen? Der Wahnsinn, die Globalisierung, der Identitätsverlust, der Terror. Und vor allem: eine erstaunliche Anzahl lebender Toter. Aus dem Angebot:

In den Kammerspielen München hat im Januar 2007 ein Stück namens Die Panik Premiere (Autor: Rafael Spregelburd). Eine melodramatische, trashige Geschichte um eine Familie, die an das Bankschließfach des verstorbenen Vaters herankommen möchte. Plötzlich drängen sich Tote ins Spiel. Im Programmheft steht: »Spregelburd wirft mit Panik Funken in ein Zwischenreich der Angst: Die Toten fürchten sich vor dem Moment, in dem sie ihr Tot-Sein erkennen, die Lebenden fürchten sich einfach vor allem.«

Dieselbe Bühne, am 29. September 2006: Engel wird uraufgeführt, ein Stück von Anja Hilling. Zeiten und Räume schieben sich ineinander, ein Stück als Kaleidoskop der Begegnungen. Im Programmheft steht:

»Ein Tätowierer hat den Totschlag einer Frau beobachtet, die er plötzlich in einer Bar trifft, und ein Ehemann trauert um seine verstorbene Frau, die nach drei Jahren vor seiner Tür steht…«

Schauspiel Köln, Frühjahr 2007: Vier Menschen, ein Stück von Navid Kermani. »Vier Menschen sprechen darüber, wie sie sterben möchten, sterben werden, gestorben sind. Bei diesem Projekt geht es um den Tod und also um das Leben, um unsere Sehnsüchte und also um die Wirklichkeit.«

Burgtheater Wien, 7. Oktober 2006: Ende und Anfang von Roland Schimmelpfennig. Gescheiterte Menschen arbeiten auf Hartz-IV-Basis in einem Labor für Tierversuche. Eine leuchtende Maus, die selbst Licht produzieren kann, führt sie durch den Hades, und Frankie, ein Untoter, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, lehrt sie das Glücklichsein.

Theaterfiguren wirken wie Notausgang-Piktogramme

Wer noch nicht im Hades sitzt, sitzt wenigstens in dessen Vorzimmer. Die typischen Theaterfiguren der Gegenwart sind keine Akteure, sondern Ausgelieferte. Worauf warten sie? Vielleicht auf die Liebe, vor allem aber auf das Ende. Nachts ist es anders von Sabine Harbeke wird am 6. Oktober 2006 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Im Spielplan steht: »Der Warteraum eines Krankenhauses. Ein Ort der zufälligen und der absichtlichen Begegnungen. Nachts. Ein Zeitpunkt zwischen heute und morgen. Ein Reigen beginnt. Acht Menschen – acht Vergangenheiten, die in eine leere, unbefriedigende Gegenwart gemündet sind. Übernächtigt und gereizt verquicken sie sich miteinander.«

Hinter vielen neuen Stücke steckt, so scheint es, weniger eine Fabel, die dringend auf die Bühne müsste, als vielmehr eine dunkle Gemütswolke, die abregnen möchte. Weniger um Figuren geht es als um die Situationen, in die sie geraten sind. Nicht eine »unerhörte Begebenheit« wird gespielt, sondern eine aussichtslose Lage.

Immer wieder begegnen uns Locked-Room-Situationen, man könnte sie auch, in Erinnerung an einen Film von John Huston, Key-Largo-Szenen nennen. Leute sind in einem Hotel/Wartesaal/Seminarraum/Flughafen/Krankenzimmer zusammengesperrt, für eine Nacht oder für die Ewigkeit – als Geiseln des Terrors, der Globalisierung, der Technik. Sie erinnern an die eckigen, um ihr Leben rennenden Männchen auf Notausgang-Schildern – Elemente eines szenischen Piktogramms, nur dazu da, eine Situation zu bebildern. Man hat die Männchen notdürftig mit »Herkunft« gepolstert und mit Sprache umhüllt. Man sieht sie im flachen Profil. Sie fliehen in Zeitlupe und suchen den Ausgang.

Die mysteriöseste und wirkungsvollste Gewalt, unter der die Menschen zu leiden haben, ist dabei – wenn die Theatermacher Recht haben – die Gewalt, die »wir«, in der Masse, paarweise oder allein, gegen uns selbst richten.

»Sie tätowieren sich, erschlagen sich oder wollen vom anderen verletzt werden, weil sie sich der Liebe nicht gewiss sein können, nur des Schmerzes – als letztem Rest realer Erfahrung.« So steht es in der Inhaltsangabe zu Engel von Anja Hilling. Und in Matei Visniecs Die Geschichte von den Pandabären (ab sofort im Theater Dresden) liegen zwei miteinander im Bett und verlieren sich, zwischen Wahnsinn und Alltag, in der gemeinsamen Hitze: »Schließlich schlüpfen die beiden Liebenden aus ihren Körpern und steigen auf zu einem absoluten Flug.«

Der Mensch als Paar hat es schon schwer genug, aber der Mensch in der Menge ist völlig verloren. In den Berliner Sophiensælen hat Ende September Andreas Liebmanns Stück Wann stören wir uns endlich Premiere, da wird man sehen, warum. Aus dem Programmheft:

»Begegnungen in einer Stadt. Die Versuche, Beziehungen aufzunehmen, sind frequenzgeschädigt. Die Menschen sind durcheinander strömenden und auseinander reißenden Impulsen ausgesetzt. Orte, in denen Begegnungen stattfinden, lösen sich auf, bis die Menschen keinen Ort mehr haben. Sie entwickeln sich zur Fließexistenz. Orte ziehen durch sie hindurch wie Züge durch einen Bahnhof.«

So erklärt sich wohl auch die Vorliebe der Theaterautoren für Flughäfen – sie sind die Orte der Auflösung schlechthin. Jedoch, es gibt Hoffnung. Im Programm des Freien Theaters Düsseldorf wird ein Gastspiel der International WOW Company folgendermaßen angekündigt:

»Die Welt verändert sich – die alten Grenzen und Markierungen von Nationen und Kulturen sind in Auflösung begriffen, und die neue Weltordnung formiert sich dynamisch unkontrollierbar. Die neuen Wirklichkeiten lassen sich nicht fassen. Wirklich nicht? Das in New York ansässige Schauspielensemble um den Regisseur Josh Fox unternimmt seit einigen Jahren immer wieder aufwühlende und expressive Versuche, die aktuellen politischen Umwälzungen theatralisch umzusetzen.«

Hier erleben wir, in einem kurzen Programmhefttext, die ganze Dramaturgie des Katastrophenfilms: Chaos steht bevor, aber wenn gute Leute kommen und uns leiten, können wir noch etwas ausrichten. Lasst uns also die guten Leute suchen und den Untergang abwenden. Ebenfalls am Forum Freies Theater Düsseldorf hatte kürzlich ein Stück der Gruppe Matthaei & Konsorten Premiere, Vom richtigen Leben 2 – Portraits der Menge:

»Vom richtigen Leben 2 geht davon aus, dass jenseits der ›Großen Erzählungen‹ und Utopien, deren Verlust hinreichend beklagt wurde, die Hinwendung zur ›Multitude‹, im Sinne einer vielgestaltigen Menge, neue Impulse und Kräfte für gesellschaftliche Veränderungen eröffnen kann. Welche überraschende Findigkeit in Umbruchsituationen wird in den Lebensläufen eines mir Fremden sichtbar, welches Potenzial an Widerständigkeit tritt gegenüber äußerlich unerträglichen Anforderungen zutage?«

Auf der Bühne Ohmächtige, in den Foyers Diskurs-Parties

Also: Die guten Leute sind ja wir selbst. Wir müssen uns nur zusammenschließen. Die Theater, die uns auf ihren Bühnen oft die Ohnmächtigen zeigen, bieten uns in ihren Werkräumen, Katakomben, Foyers doch eine Fülle von Glücks- und Auflehnungsangeboten – Symposien, »theatrale Interventionen«, Internet-Performances. Am schönsten hat es vielleicht das Theater Freiburg formuliert. Während einer »Theater-Diskurs-Party« sollen Fragen beantwortet werden wie »Ist es besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz?«, und das Theater will sich als »Freihandelszone des Gedankenaustausches« bewähren.

Der Mensch von heute, so hat man in den Dramaturgien erkannt, hat nicht viel. Er darbt in seinen Chatrooms, und ein gewaltiger Hunger nach Sinn und Zusammenhang wühlt in ihm. Aber er findet nirgendwo einen Ort, wo Gemeinsamkeit stattfände (man kann ja nicht immer bei Starbucks sitzen). Nun verspricht uns, die wir das stumme Beisammenhocken in großer Zahl gewohnt sind, das Theater ein Beisammensein im Namen des großen Sinns – den begehbaren Chatroom. (Am Hamburger Schauspielhaus, übrigens, stellen sie auf ganz eigene Weise Öffentlichkeit her; dort setzen sie gleich zu Beginn der Saison das örtliche Telefonbuch in Szene. Der Regisseur schreibt: »Ein Text über Hamburg – wenn man so will: von Hamburgern geschrieben –, der mir wie eine Satellitenaufnahme erscheint, wie ein Blick aus dem Flugzeug.«)

Was sollen wir tun? Arbeiten! Spielen! Lachen! Leben!

»Was sollen wir denn jetzt tun?«, fragt in aussichtsloser Lage im Kinderbuch stets das zarteste Kind, und ein anderes Kind, meistens eins mit Brille, sagt: »Reißt euch zusammen. Ich weiß, was wir tun!« So funktioniert das auch im Theater. Auf der Bühne spielen die zarten Kinder die Kapitulation, aber in den Büros sagen grimmig die Dramaturgen: Schwärmt aus, erobert eure Stadt, begreift die Welt! Wir bauen jetzt ein Zukunftslabor!

Und sie tun, als sei das Theater ein Haus ohne abschließbare Türen, als sei es rund um die Uhr besetzt mit wachen, den Abenteuern des Denkens, Erfindens, Problemlösens glücklich zugeneigten Menschen. Sie rücken gern ein bisschen zusammen und bitten uns auch noch herein.

All das ist Autosuggestion, aber vielleicht nützt sie ja. Schaut euch also die neuen Stücke an, liebe Städter, und fürchtet euch nicht. Fürchtet euch nicht vor Einsamkeit, Terror, Globalisierung – und vor allem: Fürchtet euch nicht voreinander.

We’re not afraid – so heißt übrigens eine Internet-Seite, auf der sich Menschen aus aller Welt zusammenschließen, die sich von der Angst vor dem Terror nicht verrückt machen lassen wollen. Dort heißt es: »Wir, die wir uns nicht fürchten, werden unser Leben weiterhin auf die bestmögliche Weise leben. Wir werden arbeiten, wir werden spielen, wir werden lachen, wir werden leben. Wir werden nicht einen Moment unserer Zeit, wir werden keinen Aspekt unserer Freiheit der Angst opfern.«

Wir werden arbeiten, spielen, lachen, leben. Welch herrliches Motto für die neue Saison.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service