Oper Kein Weg zurück in die Gemütlichkeit

Der Hass der Opernliebhaber auf provokante Regisseure wächst. Werktreue ist das Gebot der Stunde. Heraus kommt meist nur Langeweile.

Neulich in Innsbruck saß sie wieder neben mir, die Stimme des verbitterten Opernliebhabers. Sie habe diese überflüssigen Regiezutaten satt, flüsterte die ältere Dame, sie wünsche sich einen Don Giovanni ohne sexuelle Schweinereien, ohne Gewalt, ohne das Hässliche, und setzte giftig hinzu: »Inzwischen gefallen mir konzertante Opernaufführungen am besten.«

Die Dame ist mit ihrem Unmut nicht allein. Man vernimmt ihn in jeder Garderobenschlange zwischen Hamburg und Basel, Hannover und Berlin. Er richtet sich gegen das »Regietheater«, gegen den »Inszenierungsquatsch« oder die schwer erträgliche »modernistische« Musik in den Spielplänen. Bei den Salzburger Festspielen war in diesem Sommer die Produktion Zaide/Adama eines der raren experimentellen Opernprojekte, Mozart wurde darin mit zeitgenössischer Musik zusammengespannt. Prompt ging bei der Uraufführung jedes Mal ein Aufstöhnen durchs Parkett, wenn eine Passage mit zeitgenössischen Klängen begann. Die Festspielklientel wollte Mozart pur hören, unbelästigt von nervigen Gegenwartstönen.

Die Autorin und ZDF-Bücherfee Elke Heidenreich hat vor einigen Wochen in der FAZ anlässlich eines Besuches der altehrwürdigen Opernfestspiele von Glyndebourne eine regelrechte Hass-Suada auf den modernen Opernbetrieb niedergehen lassen. Sie wetterte gegen die »Interpretationswut« und die »Seziererei« auf den Bühnen und gegen das »gnostische« Kritikergemäkel, das nichts dazu beitrage, die Begeisterung für die Oper zu schüren; gegen die selbst auferlegte Zerquältheit der Opernszene (»Wehe, neue Musik zeigt Tonalität«) und gegen die »halbgebildeten Intellektuellen«, die mit verkniffenem Mund im Publikum säßen und sich – im Gegensatz zu den lebenslustigen Italienern und Engländern – vor der Hingabe an die Musik fürchteten. Und hat der Dirigent Christian Thielemann vor Beginn der Bayreuther Festspiele nicht ins gleiche Horn gestoßen, als er in einem Interview erklärte, er wolle von Brüchen und Kontroversen in Wagners Werken nichts mehr hören? »Lasst uns doch einfach mal genießen.«

Da hat sich etwas zusammengebraut: ein Aufstand der Unzufriedenen, ein Opernkonservatismus, der viel aggressiver und fordernder auftritt als das Murren der Abonnenten, das es immer gab. »Eurotrash« ist ein beliebter Kampfbegriff dieser Bewegung. Eurotrash ist, wenn Opernfiguren in Alltagsklamotten über die Bühne laufen, wenn Peter Konwitschny den Lohengrin in ein Klassenzimmer verlegt oder Christoph Marthaler Janáčeks Katja Kabánova vor Blümchentapeten spielen lässt. Konservative Amerikaner haben den Begriff für die vermeintlichen Scheußlichkeiten erfunden, die ihnen auf den deutschsprachigen Opernbühnen begegneten. Nun wird auch hierzulande kräftig über den Eurotrash geschimpft, was auf eine Verschiebung der Maßstäbe schließen lässt: Ist plötzlich Amerika das gelobte Opernland? Ist die New Yorker Met, wo auf gediegenen Mäzenatengeschmack stets Rücksicht genommen wird und die Ausstattungen immer prächtig ausfallen, die unbefleckte Gegenwelt zum Euroschmuddel?

Der Groll der Konservativen hält sich nicht mehr mit der Kritik an einzelnen Regisseuren oder Lesarten auf, er richtet sich gegen den modernen Opernbetrieb überhaupt. Die Bereitschaft schwindet, sich in jeder Premiere wieder auf neue Erfahrungen mit den im Grunde doch wohlbekannten Werken einzulassen. Die Skepsis wächst, was »Interpretation« überhaupt noch bringen soll. Der Oper als Kunstform der unmittelbaren Emotionalität stehe zu viel Intellektualität letztlich nur im Weg. »Wir haben uns angewöhnt, alles auseinanderzunehmen und misstrauisch zu beäugen und zu hinterfragen, und wir haben verlernt, zu fühlen, zu genießen, unser Herz zu öffnen«, schreibt Elke Heidenreich. Das soll wohl heißen: Erst wenn in der Oper weniger gedacht wird, kann mehr empfunden werden. Dabei haben uns die Klugen unter den Opernregisseuren und Dramaturgen in den letzten 30 Jahren das Gegenteil immer wieder bewiesen: dass präzises Denken den Werken ungeahnte emotionale Kräfte erschließt und das Fühlen revolutioniert.

Die Argumente von Heidenreich bis Thielemann suggerieren, der Weg zum wahren Opernglück wäre wieder frei, würde man die unseligen Entwicklungen der Moderne rückgängig machen: Das ewige Reflektieren! Die Seziererei! Das intellektuelle Palaver! Als müsste man einfach nur den überkomplizierten Befragungs- und Chiffrierapparat abschalten, durch den die Stücke immer wieder gedreht werden, und alles wäre gut. Als brauchte der Opernbesucher nur aus dem verwirrenden Spiegelkabinett der Reflexionsebenen und Subtexte, in das er von den Regisseuren wider Willen gesperrt wird, herauszutreten, und die Werke würden sich in ihrer unverstellten Schönheit offenbaren – bruchlos und werktreu, in einer überirdischen »Anmut des Seins«, wie sie der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht Anfang des Jahres in einem Mozart-Gedenkartikel für das Œuvre des Salzburger Götterlieblings imaginiert hat. Auch er gehört zu jenen, die vom Bemühen »zur interpretatorischen und inszenatorischen Aktualisierung« nichts halten. Deren bedürften Mozarts Werke nicht, »weil ihre Schönheit bei aller Komplexität so einfach und arglos ist, wie wir uns den Himmel auf Erden wünschen«.

Dabei sind es gar nicht die Regisseure, die die Stücke für den konservativen Abonnentengenuss verderben. Es sind die Stücke selbst, die nicht in die vorgefertigten Goldrahmen passen: Sie erweisen sich als bedrohlicher, sperriger, ambivalenter, als es der bürgerliche Connaisseur wahrhaben will. Mozarts Così fan tutte ist eben kein arglos anmutiges Engelsgeflatter von verwirrten Liebenden – das hat uns die Schule des Hörens und Sehens in der Moderne gelehrt – sondern ein sarkastisches Lehrstück über das Scheitern von Beziehungen. In Webers Freischütz wirkt bei aller Trachtenjanker-Gemütlichkeit höchst Unbehagliches: dumpfdeutsche Enge, Gewaltbereitschaft, Obrigkeitsgläubigkeit, die ätzende Chorhäme des »He, he, he, was traf er denn?«. Und die Triumphszene in Verdis Aida erschöpft sich nicht in goldblitzendem Trompetengeschmetter und einem dekorativen Statistenaufmarsch, sie handelt auch von der Demütigung der Besiegten durch einen rigiden Staatsapparat, in dem die Priester als Blutrichter auftreten. Hans Neuenfels hat das 1981 in seiner legendären Frankfurter Aida drastisch gezeigt und eine Art Urskandal des »Regietheaters« ausgelöst. Mit mangelnder Werktreue brauchte ihm keiner zu kommen: Verdi war sich sehr bewusst, wie viel Kritik an Nationalismus und religiösem Fundamentalismus hinter der ägyptischen Kulisse seiner Aida verborgen ist. Überhaupt meinen ja viele nur die lieb gewonnenen Klischees der Aufführungsgeschichte, wenn sie auf Werktreue pochen.

Man möchte eben das Vertraute wiedererkennen. Während draußen die eisigen Stürme der Globalisierung und der Terrorangst alle Gewissheiten durcheinander wirbeln, könnte der Opernbesuch ein behaglicher Abend in dem mit Antiquitäten herrlich eingerichteten Kaminzimmer sein – wenn da nicht immer die Regie-Rollkommandos mit ihren Äxten auftauchten. Als diskursmüder Krieger nimmt der Operngänger vor dem großen Vorhang Platz: Hier soll sich das Herz öffnen, die Welt draußen bleiben, und die Filzpantoffeln sollen da stehen, wo sie immer standen. Nur: In die alte Gemütlichkeit führt kein Weg mehr zurück. Der Impuls der Mäßigung bei den Inszenierungen, der Vermeidung von Regieeinfällen und Besinnung auf das Buchstäbliche läuft ins Leere. Daraus allein erwächst noch keine ästhetische Alternative. Konservative Regie mag als Vorstellung etwas Verlockendes haben; umgesetzt in konkretes Theater, mündet sie regelmäßig in die Langeweile. Das konnte man beispielsweise in diesem Sommer wieder im neuen Bayreuther Ring von Tankred Dorst und Christian Thielemann studieren, der als Abkehr von den Zumutungen des Regietheaters und Rückkehr zum mythischen Kern der Tetralogie angekündigt worden war. Dezidiert unpolitisch und unpsychologisch wollte er sich geben, vorbei sollte es sein mit der Bedeutungsübermacht des Szenischen gegenüber der Musik. Aber am Ende blieben von den vier Abenden nur ein paar schön geformte Klänge aus dem Orchestergraben in Erinnerung.

Es gab eine Zeit, in der begannen die Opernhäuser sich nicht mehr wohlzufühlen in ihrem Plüsch und ihrer Repertoire-Enge. Damals hatte Pierre Boulez vorgeschlagen, sie in die Luft zu sprengen. Die Bühnen öffneten sich für neu Gesehenes und nie Gehörtes, und die ganze Kunstgattung erlebte einen ungeahnten Aufschwung. »In einem Zeitalter, das mehr und mehr durch das Miteinanderverflochtensein der Dinge gekennzeichnet ist, wird die Oper zum Medium erster Wahl«, schrieb der Regisseur Peter Sellars vor zwölf Jahren. »Als multilinguale, multikulturelle, multimediale, diachronische, dialogische, dialektische und irgendwie trotz allem merkwürdig ergötzliche Kunstform scheint die Oper die Möglichkeit zu bieten, das Simultane, das Konfuse, das bloße Nebeneinander, das bitter Tragische und den puren Schwachsinn dessen zu reproduzieren und zu evozieren, was die Textur der jüngeren Vergangenheit ist.« Von solchem Anspruch ist inzwischen nicht mehr viel zu spüren. Heute scheint vor allem der Rückzug auf das Bewährte und Altbekannte eine verlockende Option für die Intendanten zu sein.

Man muss nur in den Spielplänen der kommenden Opernsaison blättern und wird darin viel Mutlosigkeit entdecken. Zaghafter werden die Versuche, das Repertoire zu erweitern und unbekannte Werke auszugraben, von der beklagenswerten Nichtpräsenz zeitgenössischer Musik ganz zu schweigen. Die Theaterleitungen überlegen sich jedes Regiewagnis dreimal, bevor sie es auf die Bühne lassen, und jedes halbwegs ambitionierte Projekt wird vor allem an den kleineren Theatern mit viel Operette abgesichert. Zu groß sind die Geldnöte und der Erfolgsdruck. Natürlich gibt es Ausnahmen: Bühnen, in denen nach wie vor darauf beharrt wird, dass Oper als Kunstform sich auf unsere Gegenwart beziehen muss. Aber der Trend weist in eine andere Richtung: zurück zum schönen, kulinarischen Abend im Museum der Meisterwerke. Macht sich da der Einfluss des neuen Konservatismus schon bemerkbar? Elke Heidenreich hat in ihrem Artikel verzückt daran erinnert, dass es früher während der Opernaufführungen zu erotischen Ausschweifungen kam, und geseufzt: »Ach, wäre das schön.« Die Herrschaften haben damals in den Logen auch opulent gespeist. Aber was auf der Bühne zu hören und zu sehen war, hat sie dann nur nebenbei interessiert.

Audio: www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Bravo! Sie sprechen mir aus tiefster Seele. Ich darf vielleicht noch ergänzen, dass diejenigen, die Sie kritisieren, sich durch die unqualifizierten Äußerungen des Bundespräsidenten zum Regiethater von vor mehr als einem Jahr ermutigt fühlen müssen.
    In Ahnlehnung an Stendhal, der die Romane der französischen Restaurationszeit nach 1815 in Romane des Salons und Kammerzofenromane unterschied, möchte ich anregen, Äußerungen à la Heidenreich in Zukunft als "Kammerzofenfeuilleton" zu bezeichnen.

  2. So was ähnliches wollte ich auch grade sagen. Und zwar als jemand, der von Hause aus Rock- und Pop-Hörer ist und nur gelegentlich ins Sprech- oder Musiktheater geht. Gerade dann gilt: Fürs Theater braucht man halt ein funktionierendes Gehirn. Mich strengen die meisten Stücke unheimlich an, und das ist gut so.
    Die, die Leichtverdauliches auf der Bühne fordern, haben die ganze Kunst nicht verstanden, die nur aus Erneuerung und Experiment bestehen kann - und Experimente dürfen, ja sie müssen manchmal auch scheitern. Immer nur das liebgewonnene Vertraute zu wiederholen, ist nicht die Kultur, in der sich die konservativen Herr- und Damenschaften so gerne sonnen - es ist hohle und banale Brachialverehrung und wird den meisten Werken gar nicht gerecht. Also auch hier die Forderung: Lieber eine grausig gegen die Wand gefahrene moderne Inszenierung, über die ich richtig herzlich vom Leder ziehen kann, als werktreue Ödnis - die das schlimmste Ärgernis überhaupt auf dem Theater ist.

  3. @schiral: Da haben Sie sich aber den falschen Kandidaten ausgesucht! Konwitschny mag zwar manchmal provokant erscheinen (!), doch das was er tut, ist in der Regel sehr fundiert - ein wirklich begabter Regisseur! Ich habe von ihm in Hamburg die "Meistersinger" und Bergs "Lulu" gesehen und wuerde beide Produktionen als herausragend bezeichnen. Die "Meistersinger" koennte man vielleicht sogar als Referenz ansehen, denn ich kann mir schwer vorstellen, dass irgendein anderer Regisseur das Festwiesen-Finale mit soviel Witz und Esprit hinbekommt oder den Beckmesser so gnadenlos typisieren kann wie Konwitschny - und den Kommentar zum politischen Missverstaendnis und Missbrauch dieser Oper so kompakt und treffend plaziert.

    @rjotp: Entschuldigung, aber da haben Sie sich meines Erachtens ein paar Eigentore geschossen. Sie beziehen sich auf Wieland Wagner, doch gerade der wurde von konservativen Wagnerianern in einem Masse angefeindet, dass es an ein Wunder grenzt, dass er nicht einem Attentat zum Opfer fiel. Man hat in den fruehen 50er Jahren sogar versucht, seine Produktionen gerichtlich zu unterbinden! Die Reduktion der Symbole bei R. Wagner, die Sie mit dem fehlenden Speer so ankreiden, geht uebrigens genau auf Wieland W. zurueck. Das entsprechende Interview mit ihm sollte meines Erachtens im Buch "Leben mit Wagner" von Joachim Kaiser nachzulesen sein. Da beschreibt Wieland W. ausdruecklich, warum gewisse, im Libretto der Oper explizit erwaehnte Dinge in seinen Inszenierungen nicht auf der Buehne auftauchen.
    Ach ja, der (von Ihnen gelobte) "Jahrhundertring". Dass konservative Wagnerianer versuchten, die Premiere der "Goetterdaemmerung" durch lautes "Buh" zum Abbruch zu zwingen ist Ihnen doch sicherlich bewusst, oder?

    Es ist doch eigentlich ganz einfach: in jeder Kunstform bringt das Losloesen von der vorgegebenen Form auch Dilletantismus mit sich. Schauen Sie sich zeitgenoessische Musik, Malerei oder Bildhauerei an - neben dem Genialen, Ueberragenden, werden Sie stets auch das Dilletantische finden, das durch ein treues Stammpublikum, das alles mit der Aufschrift "neu" automatisch verehrt und sektiererische Zuege besitzt, abgesichert wird. Habe ich gerade vor zwei Wochen wieder selbst erlebt (ich interessiere mich sehr fuer neue Musik). Warum sollte das in der Oper anders sein? Es gibt exzellente Produktionen des sog. "Regiethearters", aber sicherlich auch Mist. Das Publikum mit seinem kritischen Verstand sollte hier sortieren helfen.
    Genau das geht aber nicht, wenn wir jetzt a la Heidenreich das Kommando "zurueck zum Pluesch" ausgeben, Bruennhilde wieder mit Fluegelhelm und Brustpanzer auf die Buehne schicken und dies unter dem Vorwand der "Werktreue" als Standard definieren. Wagner (Richard!) selbst war uebrigens von der Inszenierung seiner Werke nicht ganz ueberzeugt...

  4. 1) Opernkonservativismus und angeblich diagnostizierte Rückkehr selbst der Jugend zu konservativen Werten passt doch hervorragend zusammen.

    2) Reflexion und der tatsächliche Inszenierungsquatsch haben rein gar nichts miteinander zu tun. Auch ich errege mich seit nunmehr über zehn Jahren über den Mumpitz, der in deutschen Opernhäusern verbrochen wird - und ich bin erst 30. Es geht nämlich nicht um Reflexion, sondern die sinnentleerte Provokation an sich in ihrer Funktion als Marketing-Instrument. Und das hat ausgedient, glücklicherweise.

    • Fiesko
    • 26.09.2006 um 11:20 Uhr
    5. @rjotp

    Nein, zum Teufel, Florestan als Wäschefetischist ist eben NICHT die Freilegung des Beethovenschen "Kerns", sondern eine der möglichen Charakterfärbungen dieser Figur, die der Regisseur ausleuchten wollte. Ist das denn so schwer zu begreifen? Möglich, dass es Nonsens ist, aber soll man dem Regisseur deswegen verbieten, sich solche Gedanken zu machen? Ist es nicht im Gegenteil seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, über die Dinge, die er in Szene setzt, nachzudenken und seine Gedanken dem Publikum mitzuteilen? Auf dass wir selber anfangen zu überlegen, zu diskutieren, uns zu amüsieren, uns zu ärgern? Ist das nicht ein sehr wünschenswerter Effekt?
    Im übrigen kann ich mir gleich mehrere gute Gründe denken, warum es sinnvoll und geistreich ist, Wotan ohne Speer in der Hand von seinem Speer singen zu lassen. Denken Sie mal ein bissel nach über das Stück, dann kommen Sie ganz von selbst drauf.

    • liliom
    • 22.09.2006 um 14:41 Uhr

    Das Problem liegt doch in der Rolle des Feuilletons befgründet.
    Will man als Regisseur überregionales Aufsehen erregen, muss man eine Neudeutung bieten (man denke nur an den unseligen, völlig missverstandenen "Figaro" in Salzburg in diesem Jahr). Dann fühlen sich die Herrschaften der Kritik bestens unterhalten und jubeln dementsprechend darüber.
    Doch, das sollte man bei all dem nicht vergessen, die zahlen nicht für ihren Eintritt...

  5. Claus Spahn sieht in seiner (Opern-)Publikumsbeschimpfung nur noch schwarz/weiß.Entweder akzeptiert der Besucher auch die schlimmsten Auswüchse des sog. Regietheaters, gar Eingriffe in die Musik oder er ist opernkonservativ,ja haßerfüllt.

    Unerwähnt bleibt z.B. die arrogante Haltung von Peter Konwitschny, der sich das Recht herausnimmt, die Opernhandlung abzuändern, wenn ihm z.B. die Rolle der Frau oder das Ende der Oper (HOLLÄNDER in München)mißfallen.
    Konwitschny schreckt auch vor Eingriffen in die Musik nicht zurück (Unterbrechung in den Hamburger MEISTERSINGER, Ende DON GIOVANNI Komische Oper Berlin und HOLLÄNDER in München.

    • Fiesko
    • 21.09.2006 um 20:00 Uhr

    Ich bin kein Kritiker; und ganz gewiß habe auch ich mich schon oft über in meinen Augen misslungene Inszenierungen (allerdings vor allem im Sprechtheater) echauffiert. Aber: dieses Sich-Aufregen ermöglicht es eben auch, den eigenen Blick auf das Stück vor dem Hintergrund einer anderen Interpretation zu schärfen und – unter Umständen – zu erweitern. Plötzlich kann man ganz genau sagen, warum man eine bestimmte Szene oder Person mag, gerade weil sie anders dargestellt wurde. Und natürlich, das ist eine Binsenweisheit, zeichnet sich ein gutes Stück, egal ob im Sprechtheater oder in der Oper, gerade auch dadurch aus, dass seine Handlung und Personen vielschichtig und nicht nur einer Perzeptionsebene zugänglich sind – was in den allermeisten Fällen auch schon den Urhebern bekannt und von ihnen beabsichtigt war. Soviel zur "Werktreue"... Ob die zu Beginn des Artikels erwähnte "ältere Dame" die Vielschichtigkeit einer Person wie Don Giovanni schon zur Gänze (sofern das überhaupt möglich ist) ausgelotet hat? Man darf es bezweifeln. Genügt ihr allerdings die eine eigene Sichtweise, kann sie sich ja zuhause die Schallplatte anhören.
    Darum, auch wenn man oft nicht einverstanden ist und den Spielmacher samt Schauspielern/Sängern zum Teufel wünscht: her mit den provokanten Regisseuren! Eine geschmacklose oder fehlinterpretierte Inszenierung – vorausgesetzt immer die tadellose handwerkliche Leistung als Fundament – ist immer noch sehr viel besser als eine hübsche folkloristische Darbietung für Touristen.

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