Kuba Die Wohnzimmer-Revolution
Boris Coloma war der letzte Presseattaché der kubanischen Botschaft in Ost-Berlin. Heute will er von Deutschland aus den Widerstand gegen Kubas Regime organisieren. Was ist von ihm zu halten?
An einem Herbstabend kurz vor Mitternacht macht sich Boris Coloma auf, ein Bier zu trinken und Kuba zu retten. Er verließ seine Heimat vor 15 Jahren und beantragte Asyl in Deutschland. Seitdem ist seine einzige Möglichkeit, auf die Karibikinsel zurückzukehren, ein Besuch der kubanischen Kneipe Bodeguita del Medio, einen halben Kilometer von seiner Berliner Wohnung entfernt. Er setzt sich an einen leeren Tisch, ein Stück weiter sitzt ein anderer Kubaner. Sie nicken sich zu. Coloma bestellt Berliner Pilsener. Über der Bar hängt ein Bild von Che Guevara. Colomas weiches Gesicht verschwimmt, als befinde er sich in einem Traum.
»Hab ich schon erzählt«, beginnt er, »dass ich auch Che Guevara getroffen habe?« Es ist, als würde es stiller, trotz der Musik. »Es war 1960, ich war sieben Jahre alt. Haydée Santamaría, eine der wenigen Frauen der Revolution, nahm mich in die kubanische Nationalbank mit, die Che leitete. Ich erinnere mich gut, überall bärtige Männer im Drillich, mit Pistolen. Dann der Che, er hob mich hoch, lachte. Er nannte mich Borito, Borislein.« Der Kubaner am Nebentisch blickt nicht auf, er starrt in sein Bier. »20 Jahre später war ich bei Haydées Beerdigung in Havanna. Sie hatte Selbstmord begangen. Auch Fidel war da, ich ertrug es nicht, ihn zu sehen. Er hat die Revolution verraten. Das war der Moment, an dem ich innerlich mit ihm gebrochen habe.«
Noch mehr Kubaner kommen herein, grüßen, setzen sich an den Nebentisch. Sie sind laut. Coloma wirkt in sich versunken, als höre er nichts. Er ist Deutscher, dem Pass nach, aber im Herzen Kubaner, Sohn eines Helden der Revolution. Er arbeitete als Dolmetscher für Castro, dann als Presseattaché der Botschaft in Ost-Berlin. Seine Lebensgeschichte, wie er sie erzählt, lässt sich in weiten Teilen nicht überprüfen. Nur für seine Zeit in Berlin gibt es Zeugen. Seine Geschichte ist auch die Geschichte des sozialistischen Inselstaats. Coloma wünscht sich ein freies Kuba. In der Bodeguita will er Unterstützer finden.
Er ist ein kleiner, untersetzter Mann, ein wenig unscheinbar. Vor einem knappen Jahr wurde er arbeitslos, zuvor hat er als Übersetzer und Dolmetscher fürs Fernsehen gearbeitet. Seit Fidel Castro geschwächt ist von einer Darmoperation, hoffen Exilkubaner weltweit auf ein Ende von Castros Regime. Coloma will einen Verein gründen, die kubanische Opposition in Deutschland hinter sich versammeln. Einige tausend Kubaner leben hier, die meisten kamen im Austausch von Arbeitskräften mit der DDR. Sie sind nicht organisiert, anders als die Exilanten in Miami und Spanien. Aber warten sie auf einen wie Coloma?
In seinem Wohnzimmer sitzen ein paar Stunden zuvor zwei Männer, zwei Frauen. Sie sind Deutsche, Mitglieder seines noch nicht eingetragenen Vereins »Kuba – Demokratische Zukunft«. Eine der Frauen ist Colomas Freundin, mit der er zusammenlebt, sie arbeitet in einem Immobilienbüro. Die Berliner Behörden haben den Antrag auf Vereinsgründung gerade wieder zurückgeschickt, wegen eines Formfehlers.
Seinen Namen tragen auf Kuba Straßen und Zuckerfabriken
»Vielleicht sind wir zu naiv«, sagt Colomas Freund Bernd. Er ist 62, arbeitet in einem Copyshop, um die Rente aufzubessern. Wie alle hier verbindet ihn die Erfahrung des DDR-Sozialismus mit Kuba. Auch dieses Regime soll gewaltfrei enden. Damals sind sie überrollt worden, jetzt greifen sie in die Geschichte ein. Coloma ist im Verein der einzige Kubaner. »Die anderen haben Angst, dass das Regime sie nicht mehr einreisen lässt. Mich lassen sie ohnehin nicht rein.«
Boris Luis Santa Coloma – diesen Namen tragen in Kuba Straßen, Zuckerfabriken. Es ist der Name des Sohnes und des Vaters, ein Erbe, das es unmöglich war auszuschlagen. Boris Coloma, der Ältere, stürmte mit Fidel Castro 1953 die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Der Angriff scheiterte, erst sechs Jahre später siegte die Revolution. Viele Moncada-Kämpfer wurden gefangen und ermordet. Colomas Vater starb, 24 Jahre alt. Castro entkam.
Boris Coloma, der Sohn, springt von seinem Stuhl auf, holt ein Buch. Er blättert in der Castro-Biografie von Tad Szulc. Auf Seite 226 ist sein Vater zum ersten Mal erwähnt. Schergen des Diktators Batista folterten ihn. Coloma zitiert die Details ohne Rührung. »Castro war feige, er ließ alle im Stich. Mein Vater war ebenfalls entkommen, er kehrte zu seinen kämpfenden Kameraden zurück. Das hat mir ein alter Moncada-Soldat erzählt. Kein Biograf hat das je geschrieben. Es wäre schön, wenn Sie das erwähnen.«
Zwei Wochen vor dem Sturm auf die Kaserne, am 11. Juli 1953, wurde Boris Coloma geboren. Seine Mutter war nicht verheiratet, eine Liebschaft des Vaters. Sie half in Castros Anwaltskanzlei. Sie starb voriges Jahr auf Kuba, am Ende habe sie Castro verabscheut. Diese Geschichte ist voller Helden, aber sie ist nicht gerecht.
Waren Sie als Sohn des berühmten Boris Coloma ein Günstling des Regimes? »Ich wuchs auf im Sinne der Revolution. Dass ich 1973, gleich nach der Schule, als Übersetzer an die Botschaft in Ost-Berlin geschickt wurde, war eine politische Entscheidung.« Wie war die DDR damals? »Beeindruckend. Im Gegensatz zu Kuba waren die Läden voll, die Schulen sehr gut.«
Nach zwei Jahren in Ost-Berlin kehrt Boris Coloma 1977 in die Karibik zurück. Er wird Übersetzer im Außenministerium, später unterstellt man ihn Castro. »Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, wir verstanden uns. Über meinen Vater redeten wir nie.«
1980 begleitet er Castro nach Moskau. Der máximo líder habe sich dort schlecht behandelt gefühlt, über die Russen geschimpft. Im selben Jahr bezeichnet er bei einem Geheimtreffen mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, bei dem Coloma dolmetscht, den Sozialismus als gescheitert. Nach außen hin hält er die Staatsdoktrin aufrecht. Coloma ist entsetzt über diese »Heuchelei«.
Er springt auf, holt noch ein Buch. Diesmal ist es ein Bildband, viele Seiten sind lose. Er legt ihn auf den Couchtisch: Honecker im Tropenanzug, in der Hand ein junges Krokodil, die Schnauze verschnürt. Rechts Castro im Kampfanzug, links Coloma im weißen Hemd, mit jungem ernstem Gesicht, darin Willensstärke oder strikte Überzeugung, eine Härte, die heute abhanden gekommen ist. »Als der Fotograf blitzte, begann das Krokodil zu zappeln. Honecker erschrak.« Coloma lacht. »Die DDR hat immerhin versucht, den Lebensstandard ihrer Bürger zu erhöhen. In Kuba geht es nur um den Erhalt des Systems.«
Er hat an Angela Merkel geschrieben – und wartet auf Antwort
1985 reist er wieder nach Ost-Berlin, er wird Presseattaché der Botschaft, berichtet nach Havanna über Innenpolitik. Die wirtschaftlichen Probleme des Landes sind nun offensichtlich. Selbst im Politbüro sei hinter vorgehaltener Hand Kritik geübt worden. Coloma sagt, man habe ihm verboten, seine Beobachtungen nach Kuba zu melden. »Zwei Monate vor dem Fall der Mauer kam Fidels Bruder Raúl nach Berlin. Die Protestler standen mit Kerzen auf der Straße. Er schnauzte jeden an, der etwas Kritisches sagte. Er ist reformunfähig.« Coloma lächelt, er freut sich über jedes Argument gegen Castros Regime.
Im Januar 1990 wird er von Havanna aufgefordert, den Zusammenbruch der DDR zu erklären. Er schreibt, die marode Wirtschaft sei schuld. Sofort sei er zurückbeordert worden. Statt als Dolmetscher habe man ihm Arbeit als Bauer angeboten, »Umerziehungslager«. Freunde in der DDR hätten Geld gesammelt für ein Flugticket. Es sei ihm gelungen, als Tourist auszureisen. In Berlin besorgt ihm sein Freund Bernd eine kleine Wohnung, das Asylbewerberheim bleibt ihm erspart. 1998 wird er deutscher Staatsbürger.
Warum engagiert er sich erst jetzt? »Ich hätte nie geglaubt, ich könnte überhaupt etwas tun.«
Coloma kauert an der Wand, über ein Blatt Papier gebeugt, auf das er Notizen gekritzelt hat. Immer noch hat er einen starken Akzent. Lange Sätze sind ihm zu sperrig. »Die europäische Politik ist viel zu freundlich zu Castro«, sagt er. Er hat sich in einem Brief an Angela Merkel gewandt. Er will, dass kubanische Konten in Europa eingefroren werden. Dass Abgeordnete nach Kuba reisen, Regimekritiker treffen. Noch ist da keine Antwort. Aber dem deutschen Außenminister hat er beim Tag der offenen Tür im Auswärtigen Amt eine Erklärung abgerungen. Er sei nicht der Auffassung, dass die Wende in Kuba begonnen habe, sagte Frank-Walter Steinmeier.
»Aber die Wende hat begonnen!«
Im August besucht Coloma in Berlin eine Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung, er geht häufig zu solchen Veranstaltungen. Die Gastgeber wissen oft nicht, wie sie ihn einordnen sollen, wen er vertritt. Er trifft als Letzter ein, der Raum ist voller dunkler Anzüge. Er trägt T-Shirt, Cordjackett. Er setzt sich auf den einzigen freien Platz. Da ist kein Namensschild. Auf dem Podium sitzen zwei Exilkubaner, der eine aus Miami, der andere aus Puerto Rico. Sie vertreten die wichtigste Oppositionellengruppe Kubas, Movimiento Cristiano Liberación. Sie stellen einen Plan vor, nach dem sie Kuba umkrempeln wollen. Jeder Schritt ist bereits festgelegt, Wahlen, Verfassungsreform. Vielleicht hat sich Boris Coloma zu viel Zeit gelassen.
Es gibt eine Live-Schaltung nach Kuba. Lange kracht es in den Lautsprechern, dann ertönt die Stimme von Oswaldo Payá, einem bekannten Oppositionellen. Coloma hält ein digitales Aufnahmegerät hoch. Später meldet er sich, sagt: »Nach Internet-Umfragen sind 90 Prozent der Kubaner nicht einverstanden mit den Verhältnissen.« Er vergisst, seinen Namen zu nennen, auch den des Vereins. Die Exilkubaner geben ein Radiointerview. Coloma stellt sich neben sie, hört zu. Als jemand am anderen Ende des Raums laut redet, winkt er: »Pssssst!«
Der Kubaner aus Miami ist ein alter Herr mit Anzug, Weste. Coloma hat ihn vor kurzem in Miami kennen gelernt, eine deutsche Fernsehanstalt hatte den Berliner eingeladen. Coloma gab ein Interview über seine Erlebnisse mit Castro. Jetzt haben sie ihm mitgeteilt, der Film solle erst gezeigt werden, wenn der Diktator stirbt. Das ärgert Coloma. Castro ist sein Schicksal, solange dieser lebt.
Glaubt der Funktionär aus Miami, dass Coloma eine Rolle spielen wird im neuen Kuba?
»Natürlich.«
»Wir sind Freunde«, sagt Coloma.
In der Bodeguita del Medio ist er lange allein. Einer der Kubaner kommt herüber. Er schimpft über Angela Merkel. In der DDR hatte er einen Job, jetzt ist er arbeitslos. »Hab ich dir schon erzählt«, beginnt Coloma, »dass ich einen Verein gründe? Ich will mich einsetzen für unsere Sache.«
Der Mann guckt irritiert.
»Ich bin kein Politiker«, sagt er.
»Bist du für oder gegen Castro?«
»Ich bin fürs Vaterland.«
Anfang Oktober wird der Verein »Kuba – Demokratische Zukunft« der Welt endlich mitteilen, dass er existiert. Der Raum für die Pressekonferenz ist reserviert, 70 Personen, Büfett. Coloma wird die Website des Vereins vorstellen. Er hofft, sie verschafft ihm ein Auskommen, Geld von Sponsoren, Stiftungen. Er will endlich nach Kuba zurück.
Es ist weit nach Mitternacht, als Coloma aufbricht. »Wir Kubaner…«, sagt er, zum ersten Mal benutzt er die Worte, »wir Kubaner hier sind der Schlüssel zur Zukunft.« Er geht zur Tür, ohne Eile. Er wird wieder nur in Berlin ankommen.
- Datum 22.09.2006 - 08:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
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