EIN KIND schaut aus dem Auto und träumt sich weg. Ist das Ich dieses Tagtraums war? Oder erfunden? BILD

Das berühmte Bild von René Magritte Ceci n’est pas une pipe will sagen: Das ist nur das Bild einer Tabakspfeife, nicht die Pfeife selber. Auf die Literatur angewendet: Vorgänge und Personen in einem Roman oder in einem Theaterstück sind fiktive Personen und Vorgänge. Der alte Streit um Maxim Billers Roman Esra und der neue um Elfriede Jelineks Stück Ulrike Maria Stuart zeigen jedoch, dass diese Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit in Vergessenheit geraten ist. Sie ist kompliziert und gleichzeitig so einfach.

Meine persönliche Fiktionalisierungsgeschichte nahm auf der Rückbank eines mit Freizeitgeräten und urlaubswilligen Personen überladenen R4 ihren Anfang. Im präklimatisierten Zeitalter bei 34 Grad im Schatten, 120 Stundenkilometern, nur sieben Jahren Lebensalter und einer starken Affinität zur Reisekrankheit war Realitätsflucht keine Krankheit, sondern eine Form lebensrettender Selbstverteidigung. Ich blickte aus dem Fenster in die südfranzösische Landschaft, stellte einen Hebel im Kopf von »alltagstauglich« auf »Tagtraum« und begann zu fantasieren. Die Geschichten, die ich mir ausdachte, wurden von einer Heldin dominiert, die zufälligerweise genauso hieß und aussah wie ich und dazu sämtliche Fähigkeiten besaß, die ich mir für mich selber wünschte. Als Nebenfiguren fungierten außer diversen Fabelwesen meine Eltern – meist in der schmachvollen Rolle von Irrenden, die ihr Kind am Schluss um Verzeihung bitten müssen. Weiterhin gab es ein in »gut« und »böse« unterteiltes Sortiment von Klassenkameraden. Der Aufbau der Handlung war aristotelisch, das ending immer happy. Dank der Personalunion von Autorin und Rezipientin kam es dabei niemals zu verwirrenden Missverständnissen über den Wirklichkeitsgehalt erzählender Prosa.

Etwa zwanzig Jahre später sitze ich auf einem harten Plastikstuhl hinter einem Plastiktisch, ein Glas Wasser zur Rechten, das Licht eines Scheinwerfers im Gesicht. Hinter der blendenden Helligkeit lauern unzählige Augenpaare, die auf die Beantwortung verschiedener Fragen warten. Ob und inwieweit die Geschichte meines Romans als autobiografisch bezeichnet werden könne? Ob der Ich-Erzähler (männlich, 35-jährig, kokainabhängig) mit meiner Person (weiblich, damals 27-jährig, nicht kokainabhängig) identisch sei, zumal wir beide Jura mit einer Spezialisierung im Völkerrecht studiert hätten? Woher ich all das wisse, was in dem Buch stehe? Welches konkrete Ereignis sich dahinter verberge? Und welche der anderen Figuren real existierten?

Es ist mein Romandebüt, und ich bin schlecht präpariert. Die Wahrheit ist: Alle diese Fragen habe ich mir selbst zuvor nicht gestellt. Nach meinen erzählerischen Anfängen auf der Autorückbank ist das Verfahren der Fiktionserzeugung für mich eine intuitive Angelegenheit geblieben. Man nehme: Menschen, Ereignisse, Ideen, Gedanken, welche die Autorin stark beeindruckt haben. Man erschaffe eine künstliche Welt, die der echten einigermaßen ähnlich sieht, erhitze sämtliche Zutaten auf höchster Stufe der Einbildungskraft, streiche das Ganze durch ein Sieb und kleide es in Sprache. Je nach Geschmack mit etwas Humor, Melancholie oder Defätismus garnieren und frisch servieren.

Das Leben des Autors ist ein Steinbruch, der Material liefert

Das Leben eines Schriftstellers, erkläre ich dem Publikum, gleicht einem Steinbruch, in dem er das Material für seine Geschichten abbaut. Manche Figuren und Orte besitzen Vorbilder in der so genannten Realität, andere nicht; wieder andere sind mosaikartige Zusammenschnitte aus Wirklichkeitsfragmenten, nach Belieben mit Erfundenem durchmischt. Der Grad der Verfremdung folgt dabei keinen anderen Gesetzen außer jenen des inhaltlichen und formalen Gestaltungswillens und variiert von Fall zu Fall. Mit Autobiografie hat diese Methode nicht das Geringste zu tun. Eine Erzählung zu schreiben, die eins zu eins ein tatsächliches Ereignis spiegelt, wäre für mich todlangweilig; das vollständige Erfinden einer Geschichte, die nichts mit mir zu tun hat, hingegen ohne Sinn.