Roman Roman Nr. 22
John Updike hat schon wieder ein Buch fertig. Darin befinden sich zweifelhafte Figuren, etwas Sex und viel altersbedingter Ekel.
An einer Hand abzuzählen sind die Jahre seit 1958, in denen John Updike keine Romane (insgesamt 22), keinen Gedichtband (7), keine Kurzgeschichten- (15) oder Essay-Sammlung (8), kein Kinderbuch (5), keine Memoiren (1) und auch kein Drama (1) vorgelegt hätte. Wie ein bissiger Zeitgenosse über den englischen Historiker Edward Gibbon zu sagen pflegte: »Always scribbling, Mr. Gibbon« – immer am Kritzeln.
Kritzeleien sind es natürlich nicht, mit denen John Updike, der demnächst 75 Jahre alt werden wird, sein Publikum in aller Welt mit Beobachtungen über das zeitgenössische Amerika, über die seelischen und vor allem sexuellen Nöte des Mittelstands, über dessen Abstieg und einen zunehmend von ihm beklagten kulturellen Verfall überrascht, amüsiert und bisweilen auch verärgert. Updike gehört zu den wenigen Schriftstellern der Literaturgeschichte, denen kein hässlicher Satz (wie der vorangegangene) gelingen will. Er scheint das absolute Gehör für die Schönheiten und die Musikalität seiner Muttersprache zu besitzen.
Darüber hinaus hat er die Sensibilität eines soziologisch versierten Anthropologen, dem beim Geräusch einer zuklappenden Chevrolet-Tür sofort die ewige Bemühung der Autoindustrie einfällt, der mobilitätsversessenen Kundschaft die Schönheit von Autostaus im Großstadtverkehr einzureden. Die frappant ansteigenden Scheidungsraten in den Vereinigten Staaten finden in Updikes Werken einen getreuen Chronisten – wie auch die Fixierung nicht nur seines Publikums auf oralen Sex. Nichts ist ihm fremd, weniges stößt ihm bitter auf – mit einer Ausnahme, Gottes Abwesenheit. Die ehelichen Untreuen von Updikes Heldinnen und Helden wirken auf seine Leser inzwischen wie Widerspiegelungen der ganz anderen, der großen Untreue – derjenigen Gottes, der einer ganzen Nation, die sich in religiösen Erweckungsbewegungen nach himmlischen Zeichen sehnt, genau dieses Zeichen vorenthält.
Updikes jüngstes Werk »Terrorist« erzählt von einem begabten Schulabgänger halbarabischer Herkunft. Der muslimische Vater hat sich frühzeitig aus dem Staub gemacht, die Mutter schlägt sich recht und schlecht als dilettierende Künstlerin durchs Vorstadtleben einer heruntergekommenen Industriestadt in New Jersey. Ihr Sohn Ahmed verlässt vier Jahre nach dem 11. September 2001 die Highschool – er ist ein hübscher 18-Jähriger mit schweren Identitätsproblemen (gibt es irgendeinen zeitgenössischen Roman, dessen Helden keine hätten?). Er wird kurz vor seinem Eintritt ins Leben der Erwachsenen von Jack Levy, einem Berufsberater der Highschool, ermahnt, erst etwas Anständiges zu studieren. Das will er aber nicht; denn er hat seinen Lebensinhalt schon gefunden – den Koran. Und noch etwas: Ahmed will Lastwagenfahrer werden, weil man mit Lastwagen ganz große Bomben transportieren kann. Jack Levy, der längst den Glauben seiner Väter aufgegeben hat, versucht den Updikeschen Ansatz: Er verführt Ahmeds Mutter, um mit ihr über ihren Sohn zu diskutieren. Sie wirft den Lebensberater in der Mitte des Romans aus dem Bett, in das er natürlich nur geraten war, weil das zum bekannten Pflichtprogramm seines Erfinders zählt. Ahmed aber scheint verloren.
Der Sohn, der als keuscher Jungfundamentalist geschildert wird (hatten die Terroristen nicht alle sexuelle Probleme?), schließt sich einer Gruppe libanesisch-amerikanischer Möbelhändler als Lkw-Fahrer an. Einige von ihnen, inklusive eines nervösen Imams, entpuppen sich als Terroristen, die den frommen Jüngling zum Selbstmordattentat überreden. Er ist nur allzu bereit.
Selbstverständlich ist die Gruppe von der CIA unterwandert, und wie ein Deus ex Machina erscheint kurz vor Ahmeds Einfahrt mitsamt Bombenladung in den Holland-Tunnel, der New Jersey mit Manhattan verbindet, der arme Jack Levy. Zusammen mit Ahmed unterquert er den Hudson River und wird Zeuge einer Kehre: Ahmed schafft es einfach nicht, den Auslöser seines Bombengefährts in der Mitte des Flusses zu zünden, weil vor ihm ein Auto fährt, aus dessen Heckscheibe ihm zwei kleine Kinder fröhlich zuwinken. Ende der – unwahrscheinlichen – Story.
Es handelt sich um eine klassische Kolportage. Des Dichters Versuch, in die Seele eines gläubigen Menschen einzudringen, der sich in die dunklen Suren des Korans vertieft und von gewissenlosen Erwachsenen verführt wird, ist nicht einmal vordergründig gelungen. Religiöser Wahnsinn wird sich wohl niemals einem literarischen Zugriff erschließen – es sei denn, der Dichter hieße Dostojewski. Nein, dieser Roman Updikes ist zweifellos einer seiner schwächeren – was freilich nicht verhindert, dass wir bitterböse Einsichten in ganz andere Phänomene des amerikanischen Alltags lesen können. Mit erbarmungslos satirischem Zugriff schildert er über mehrere Seiten hinweg die übergewichtige Frau Jack Levys, die es kaum schafft, aus ihrem Fernsehstuhl aufzustehen, um die Fernbedienung, die ihren Händen entglitten war, aufzuheben. In solchen Passagen, aber auch in der boshaften Schilderung des verpfuschten Lebens Jack Levys zeigt sich ein altersbedingter Ekel des Autors – des Mannes, der einen unvergesslichen schönen Essay über Modiglianis Aktgemälde verfasst hat und der nun angesichts der Fettleibigkeit, dieser neuen amerikanischen Volkskrankheit, an der Hässlichkeit der Welt zu verzweifeln scheint.
Mit unverhohlenem Abscheu stellt Updike ein paar Nebenfiguren aus dem Leben Ahmeds vor: einen schwarzen Schläger und Drogenhändler, eine schwarze Jungprostituierte (Schwarze und Juden haben in Updikes Romanen meistens kein Glück). In ihre Porträts fließt eine gallige, vorurteilssatte Abneigung ein, die auf biografische Ursachenforschung verzichtet. Gewiss, der Autor ist versiert genug, um einen hübschen Spannungsbogen herzustellen – freilich erstreckt er sich über eine Romanbevölkerung, die klischeehafter nicht sein könnte. Fast scheint es, als ob der
War on Terrorism
ein weiteres Opfer gefordert hätte, den genialen Psychologen John Updike selbst. Das Lachen ist ihm vergangen, seine feine Ironie ist zur Verachtung geronnen: Im Happy End des »Terroristen« ist der Verzicht auf Wahrheit beschlossen, und was bleibt, ist die Ahnung des Lesers, dass das nächste Buch Updikes nur noch ein Thema haben könnte – Hoffnungslosigkeit, diesmal ohne Sex.
Lesen!
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- Datum 28.01.2009 - 09:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
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