Patient Kind (4) Der Streit um den Piks

Ärzte halten Impfungen für unverzichtbar, Kritiker warnen vor Nebenwirkungen. Wer hat Recht?

Zum ersten Mal begegnet werdenden Eltern das Thema im Geburtsvorbereitungskurs. Die Impfentscheidungen steht auf dem grünen Heftchen, das die Hebamme mit ein paar warmen Worten auslegt. Verfasst hat es der homöopathische Arzt Friedrich Graf aus Plön, der gleich im ersten Satz zur Sache kommt: »Impfungen sind Körperverletzungen, für die Sie als Eltern oder Selbstbetroffene eine Einwilligung geben müssen.« Wenn sie weiterlesen, erfahren Eltern von Dr. Graf, dass Impfungen »definitiv krank machen«, zur »Entwicklung neuer Seuchen« beitragen, ein »gesellschaftliches Massenexperiment« sind und nebenbei ein »Riesengeschäft« für die Pharmabranche. Am Ende verabschiedet sich der Homöopath mit einem aufmunternden: »Entscheiden Sie selbst!«

Das müssen die besorgten Eltern spätestens zwei Monate nach der Geburt, wenn ihnen die Kinderärztin das Gegenteil erzählt: Unverantwortlich handele, wer sein Kind nicht impfen lasse. Warnend wird die Gefährlichkeit von Haemophilus influenza Typb (Hib) oder des Wundstarrkrampfs beschworen. »Der Tetanus-Erreger lauert in jedem Blumentopf«, sagt die Schulmedizinerin und droht, Kinder ohne Impfung in Zukunft nicht mehr zu behandeln. Spätestens jetzt geht Müttern und Vätern die tiefere Bedeutung des Begriffs »Dilemma« auf.

Die Impfentscheidung stürzt junge Eltern in schwere Konflikte. Regelrechte Glaubenskriege toben um die Frage, welche Impfung wann notwendig sei. Wer Freunde befragt, Bücher zurate zieht oder im Internet recherchiert, steigert meist nur seine Verwirrung. Denn während die einen schlimme Krankheiten für ein ungeimpftes Kind in Aussicht stellen, warnen die anderen ebenso vehement vor bösen Folgeschäden des Impfens. Den verunsicherten Eltern scheint die Wahl zwischen Pest und Cholera zu bleiben.

Mit Statistik alleine ist der Streit kaum aufzulösen. Denn das Risiko von Impfnebenwirkungen lässt sich nur abschätzen anhand gemeldeter Verdachtsfälle (siehe Grafik folgende Seite). Und auch diese Zahlen sind bei Impfgegnern umstritten. Wissenschaftlichen Studien glauben sie ohnehin nur, wenn sie impfkritisch ausfallen – die anderen seien ja von der Pharmaindustrie gesponsert. Es geht also um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und um die Frage, aus welcher Perspektive man diese beurteilt. Drei Sichtweisen lassen sich unterscheiden.

Erstens: Wer der Schulmedizin vertraut, folgt den offiziellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Das tut in Deutschland die überwiegende Mehrzahl, wie die hohen Durchimpfungsraten zeigen. Diese nehmen nicht etwa ab, wie gerne behauptet wird, sondern liegen bundesweit bei allen empfohlenen Impfungen mittlerweile bei rund neunzig Prozent, lediglich beim Schutz gegen Hepatitis B sind sie etwas niedriger. Zweitens: Wer, wie manche Vertreter der Alternativmedizin, jeglichen »unnatürlichen« Eingriff ablehnt, schlägt sich zum Häuflein der »harten« Impfverweigerer. Dazu zählen neben Friedrich Graf aus Plön schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Deutschen. Und dann gibt es drittens noch die »Impfskeptiker«, die nicht grundsätzlich dafür oder dagegen sind, sondern jede einzelne Impfung hinterfragen. Vor allem für sie seien im Folgenden fünf Perspektiven präsentiert, die zur Entscheidungsfindung beitragen können.

I. Die Impfverweigerer

Sie fürchten vor allem unerwünschte Nebenwirkungen. Dass pro Jahr mehr als tausend Verdachtsfälle von »Impfkomplikationen« gemeldet werden, ist für sie nur die Spitze des Eisbergs. Höchstens fünf bis zehn Prozent aller Nebenwirkungen würden erfasst – aufgrund der schlechten Meldemoral der Ärzte und des Drucks der Pharmaindustrie. Dagegen machen sie auf Internet-Seiten wie www.impfkritik.de , klein-klein-aktion.de oder impfschutzverband.de mobil.

»Ich selbst bin Mutter eines heute 25-jährigen schwerstbehinderten Sohnes nach Masern-Mumps-Impfung (chronische Hirnentzündung)«, schreibt dort eine »Bärbel« und lädt alle Impfbefürworter »zu einem 24-Stunden-Besuch bei mir ein – länger halten sie es wahrscheinlich nicht aus«. Sie verweist auf ähnliche Einzelfälle und bezweifelt wie alle Impfgegner den Nutzen breitflächig propagierter Impfungen. Stattdessen wird in solchen Foren die »natürliche« Immunisierung propagiert, die beim »Durchmachen« einer Kinderkrankheit viel höher sei als nach einer Impfung.

Zur biologischen Fundierung dieser Position finden sich in dem Buch des Homöopathen Martin Hirte Impfen – Pro & Contra eine Menge Gründe für das Contra. Zahlreiche Studien belegen nach Hirtes Meinung, dass Impfungen Allergien und Autoimmunerkrankungen auslösen und dass sie für eine »Zunahme von Erkrankungen wie Diabetes oder Autismus« verantwortlich sind. Beim Laien hinterlässt die Lektüre den Eindruck geballter wissenschaftlicher Evidenz gegen das Impfen. Dabei hält Hirte selbst von der Wissenschaft nicht allzu viel; deren Erkenntnisse seien »immer nur eine Annäherung an die Wahrheit und nie der Weisheit letzter Schluss«. Dafür propagiert der Homöopath das »ökologische Gleichgewicht zwischen dem menschlichen Organismus und Krankheiten« – das klingt sanft und friedlich.

II. Das Mitglied der Stiko

Konfrontiert man Ulrich Heininger mit den Argumenten der Impfgegner, antwortet er: » If you don’t like the vaccine, try the disease « – wer die Impfung nicht mag, solle sich gut überlegen, ob er die Risiken der Krankheiten in Kauf nehmen will. Heininger ist Leiter der Abteilung für Infektiologie und Vakzinologie am Universitätskinderspital in Basel und eines von 17 Mitgliedern der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut in Berlin. Über die Impfverweigerer kann er nur den Kopf schütteln. »Wer es selbst erlebt hat, wie ein Säugling bei Keuchhusten am Beatmungsgerät auf einer Intensivstation an Hustenanfällen zu ersticken droht, der weiß, welchen Segen die Impfungen gebracht haben«, sagt Heininger. Dementsprechend liest sich sein Handbuch Kinderimpfung wie ein Gegenmittel zu impfkritischen Ratgebern à la Hirte.

Berichte über Nebenwirkungen würden selbstverständlich ernst genommen, beteuert er. Eine wirklich valide Nutzen-Risiko-Analyse, wie die Impfgegner sie fordern, ist für Deutschland mangels aussagekräftiger Daten zwar nicht möglich. Aus älteren amerikanischen Studien leitet Heininger aber eine Wahrscheinlichkeit von weniger als eins zu einer Million für Impfkomplikationen ab. Und wo es doch einmal Probleme gegeben habe, etwa 1998, als ein Rota-Virus-Impfstoff in den USA bei einem Teil der Kinder zu Darmeinstülpungen führte, habe man ihn prompt vom Markt genommen. »Es ist ja nicht so, dass man auf solche Probleme nicht reagiert«, sagt der Mediziner.

Allerdings pflegt er eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise als die Impfkritiker. Während für diese der Einzelfall zählt, hat Heininger die Gesamtstatistik im Auge. Dass 2005 insgesamt 25 Todesfälle nach einer Impfung gemeldet wurden, darunter viele bei Säuglingen und Kleinkindern, ist für ihn nicht auffällig. »Etwa eines von 2000 Lebendgeborenen stirbt vor seinem ersten Geburtstag plötzlich und unerwartet, die meisten davon im Alter von zwei bis sechs Monaten«, sagt er. Da just in diesem Alter allerdings auch drei Impfungen stattfänden, bleibe es aus rein statistischen Gründen nicht aus, »dass auch einmal ein Kind kurz nach einer Impfung stirbt«.

Um einen »ursächlichen Zusammenhang« zu konstruieren, brauche es »eine plausible biologische Erklärung und eine auffällige Häufung gleichartiger Fälle«. Da seien alle Behauptungen, etwa dass Impfungen zu Diabetes mellitus führten oder Autismus begünstigten, »wissenschaftlich zweifelsfrei widerlegt«. Und was die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle angehe: »In den allermeisten Fällen beruht der Zusammenhang mit einer Impfung auf purer zeitlicher Koinzidenz.«

III. Die Eltern

Wochenlang haben Vivienne Schumacher und ihr Partner Kai nach der Geburt ihrer Tochter einschlägige Bücher gewälzt und die Impffrage diskutiert. Am Ende war ihnen klar: »Egal wie du dich entscheidest, es kann das Falsche sein.« Die von der Stiko empfohlene Sechsfachimpfung im dritten Monat (gegen Tetanus, Diphterie, Polio, Keuchhusten, Hib und Hepatitis B) erschien ihnen zu geballt. »Das kindliche Immunsystem muss sich doch erst entwickeln«, hatten sie aus der Lektüre einschlägiger Ratgeber gelernt. Daher entschlossen sie sich für gezielte Einzelimpfungen: nach einem Jahr gegen Tetanus, später eine gegen Polio.

Der Homöopath Martin Hirte schlägt in seinem »alternativen Impfplan« vor, diese Grundimmunisierung je nach Bedarf mit weiteren Impfungen zu verstärken. Doch Vivienne und Kai haben im Selbststudium gelernt, dass auch dieses Vorgehen seine Tücken hat. »In jeder Einzelimpfung stecken diverse Zusatzstoffe. Und die können ebenso Nebenwirkungen auslösen, wie die Impfantigene selbst.« Tatsächlich enthält jede Impfdosis Konservierungsstoffe und Adjuvantien, um die Immunantwort des Körpers zu verstärken. Wer seinem Kind also lauter Einzelimpfungen verabreicht, beschert ihm zwar weniger Impfantigene auf einmal, belastet es aber im Endeffekt mit mehr Begleitstoffen wie Formaldehyd, Antibiotika oder Aluminium.

»Ich bin immer noch hin- und hergerissen, ob wir das Richtige gemacht haben«, sagt Vivienne Schumacher. Erschwerend komme hinzu, dass das Ganze auch eine »gesellschaftliche Dimension« habe. Impfungen sollen ja nicht nur Einzelne schützen, sondern auch eine »Herdenimmuniät« bewirken – also die gesamte Bevölkerung gegen bestimmte Erreger immunisieren und damit die jeweiligen Krankheiten eliminieren (wie es Finnland mit den Masern vorgemacht hat). Davon profitieren indirekt natürlich auch jene, die ihr Kind aus persönlichen Erwägungen heraus nicht impfen lassen. »Da wird man dann schon mal als Impfschmarotzer beschimpft«, hat Kai erfahren.

Diesen Gegensatz zwischen individuellen und epidemiologischen Erwägungen kennen viele Eltern. Tatsächlich wird die Sechsfachimpfung (zu der neuerdings noch eine Impfung gegen Pneumokokken hinzukommen soll) auch deshalb im dritten Lebensmonat empfohlen, weil sich die Bevölkerung im Rahmen der vorgeschriebenen Kinderuntersuchungen (U3 bis U7) am leichtesten erreichen lässt. Später kommen die Leute einfach nicht mehr regelmäßig genug zum Arzt.

Doch Eltern geht es nicht um Epidemiologie, sondern um das Wohl des eigenen Kindes. Und da tritt neben die Statistik ein psychologisches Moment, das stärker ist als alle Rationalität: Oft stellt die Entscheidung für eine Impfung aus Elternsicht ein aktiv eingegangenes Risiko dar. Die Ansteckung mit einer Krankheit erscheint dagegen als passiv zu erleidendes Schicksal. Und das lässt sich für viele leichter ertragen als die Vorstellung, selbst zum Schaden seines Kindes beigetragen zu haben.

IV. Der Kinderarzt

»Im Prinzip« halte er sich an die Empfehlungen der Stiko. Doch es gäbe da »Aspekte, bei denen ich skeptisch bleibe«, gesteht Albrecht Römhild. Sich selbst nennt der Kinderarzt einen »kritischen Impfbefürworter«, bei seiner alternativ eingestellten Klientel in Hamburg-Ottensen gilt er als Hardliner, weil er Eltern vor die Tür setzt, wenn sie sich trotz ausführlicher Gespräche weigern, den Nachwuchs impfen zu lassen.

»Ich habe früher in der Klinik selbst noch Kinder gesehen, bei denen das Hib-Bakterium, die Haemophilus influenza, eine Kehlkopfdeckelentzündung verursacht hat. Grauenhaft. Seit es die Impfung gibt, sind die verschwunden.« Wenn Eltern ihren Schutzbefohlenen sämtliche Impfungen vorenthielten, grenze das für ihn an »Kindesmisshandlung«. Da wird der freundliche Kinderarzt plötzlich unmissverständlich: »Außerdem habe ich keine Lust, mit einem Tetanus-Todesfall in meiner Praxis in der Zeitung zu stehen.«

Doch zugleich findet Römhild, dass manche Stiko-Empfehlungen durchaus diskutabel sind. Die Notwendigkeit einer Hepatitis-B-Impfung für alle gesunden Säuglinge beispielsweise leuchtet ihm nicht völlig ein, schließlich stecken sich an der Krankheit vorwiegend Jugendliche (beim ungeschützten Geschlechtsverkehr) oder Drogenabhängige (beim Spritzentausch) an. Die gern zitierte Geschichte von einer Hepatitis-Ansteckung über die Zahnbürste im Kinderladen, hält er für »nicht hinreichend bewiesen«. Er plädiert daher für eine Impfung um den zehnten Geburtstag – oder früher, wenn Kinder in »belastete Gebiete« reisen.

Besonders kritisch stünden viele Eltern den neuerdings propagierten Impfungen gegen Pneumokokken und Meningokokken gegenüber. »Diese Impfungen sind zurzeit bei meinem Patientenklientel kaum vermittelbar, da die Belege noch nicht überzeugend genug sind«, sagt Römhild. Auch eine Windpocken-Erkrankung im Kindesalter hielten die meisten Eltern schlicht für zu harmlos, um dagegen zu impfen. Dann rät Römhild, wenigstens vor der Pubertät – wenn die Windpocken richtig gefährlich werden – überprüfen zu lassen, ob die Erkrankung durchgemacht wurde.

Die Argumente der Impfgegner sind für ihn meist »nicht nachvollziehbar«. Die Behauptung, das »Durchmachen« einer Krankheit verstärke den Immunschutz, sei in vielen Fällen nicht belegt. Und wenn Eltern von den großen Entwicklungssprüngen schwärmten, die ihre Kinder nach einer Krankheit zeigten, so weiß der Familienvater von seinen eigenen Kindern, dass diese damit nur die natürliche Entwicklung aufholen, die sie ohne Krankheit gezeigt hätten. Manchmal seien die ständigen Diskussionen mit Impfgegnern »etwas ermüdend«, gibt Römhild zu; aber als Arzt sei er fest vom »Nutzen von Impfungen für das Wohl unserer Gesellschaft« überzeugt.

V. Der Gutachter

Zehn Jahre lang arbeitete Klaus Hartmann im Referat für Arzneimittelsicherheit im Paul-Ehrlich-Institut, also in jener Bundesbehörde, die für die Zulassung und Überwachung von Impfstoffen zuständig ist. Dann gründete er seine eigene Praxis für Impfstoffsicherheit und Impfschadensforschung. Heute tritt er als Gutachter bei Gericht auf und berät Menschen, die sich als Opfer von Impfkomplikationen fühlen. Angestoßen wurde der Berufswechsel durch einen Patienten, der kurz nach einer Impfung die Symptome einer Parkinson-Erkrankung entwickelt hatte. »Die Vorgutachten lehnten einen Zusammenhang kategorisch mit der Begründung ab, ein Morbus Parkinson sei nach Impfungen unbekannt und in der Fachliteratur nirgendwo beschrieben«, erzählt Hartmann. Das habe ihm ein grundsätzliches Problem klargemacht: »Da kein Arzt einen Zusammenhang für möglich hält, werden solche Fallberichte auch nicht gemeldet. Damit bleibt natürlich alles beim Alten.«

Pro Jahr gehen bei den Versorgungsämtern einige hundert Anträge auf Schadensersatz nach einer Impfkomplikation ein. Dass davon nur fünf bis zehn Prozent anerkannt werden, hält Hartmann für »keinesfalls gerechtfertigt«. Aus seiner Sicht gibt es durchaus Anzeichen, dass Impfungen »ganz selten« zu neurologischen Komplikationen führen, dass sie »Entzündungen an Nerven oder auch im Gehirn auslösen«. Wie häufig, vermag auch er nicht zu sagen. »Da sollte man sich mit Zahlen ganz schwer zurückhalten. Alles was unter einer Wahrscheinlichkeit von 1:10000 liegt, geht in den Studien unter. Und das derzeitige Meldesystem erlaubt einfach keine aussagekräftigen Schlüsse.«

Ist er also ein Impfverweigerer? »Nein, nein«, wehrt Hartmann ab. »Meine drei Kinder sind geimpft, ich bin geimpft, ich habe mit der Methode an sich überhaupt kein Problem. Ich weise nur darauf hin, dass die Sicherheit der Produkte nicht wirklich gut dokumentiert ist.« Wenn die Stiko gebetsmühlenartig wiederhole, wie sicher Impfstoffe seien, dann sei das »ein bisschen zu vollmundig«. Aber auch die Impfverweigerer würden »viel Unsinn erzählen«. Deren Vorwürfe, etwa dass Impfungen für steigende Allergiezahlen verantwortlich seien, sieht er »in keinster Weise belegt«.

Er empfiehlt Eltern, Nutzen und Risiken für jedes Impfantigen individuell abzuwägen. Bei der Hepatitis B falle diese Abwägung recht eindeutig aus. »Deren Ansteckungsrisiko geht im ersten Lebensjahr gegen Null.« Auch Impfungen gegen Pneumo-, Meningokokken und Windpocken hält Hartmann nicht für notwendig. Er empfiehlt eine Fünffachimpfung im ersten Lebensjahr (Tetanus, Diphterie, Polio, Hib und Keuchhusten) sowie später die Mumps-Masern-Röteln-Impfung.

Wer will, kann in dieser Empfehlung den kleinsten gemeinsamen Nenner sehen, auf den sich wohl informierte Skeptiker wie Klaus Hartmann und kritische Befürworter wie Albrecht Römhild einigen können. Und in noch etwas sind sie derselben Meinung: »Nicht für alle Kinder ist dasselbe Vorgehen richtig«. Bei Frühgeborenen, Kindern mit Immunschwäche oder Entwicklungsstörungen ist Vorsicht geboten. Da reiche es nicht, einen Impftermin mit der Sprechstundenhilfe auszumachen. Zuvor solle man sich ausführlich beraten und Laborwerte bestimmen lassen.

»Eine Impfung ist keine Banalität«, sagt Klaus Hartmann. »Sie soll möglichst jahrzehntelang schützen, und dazu müssen eine ganze Menge immunologischer Prozesse ablaufen. Die sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.«

In diesem Punkt, wenigstens in diesem einen einzigen Punkt, dürften sich sogar harte Impfverweigerer und Stiko-Mitglieder einig sein.

Patient Kind:Sind Impfungen gefährlich? Ist mein Sohn nur lebhaft oder schon ein Fall für den Psychologen? Und was macht Kinder wirklich krank?
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Leser-Kommentare
    • hefe60
    • 03.10.2006 um 23:40 Uhr
    1. @ ama

    Gestatten Sie nach dem Studium der von Ihnen genannten Links bitte eine Frage: Sind sie in irgendeinem Sinne religiös gläubig?

    • hefe60
    • 04.10.2006 um 19:19 Uhr

    Hätten Sie die Links-Inhalte von ama gelesen, wäre Ihnen vielleicht bezüglich meiner Frage ein Licht aufgegangen.

    Manche Leute führen regelrechte (Glaubens-)Feldzüge - auch wenn es ums Impfen geht (siehe kidmed oder Lanka); ama ganz offenkundig gegen die "religiöse Sekte" der Anthroposophen. Steiner tituliert er als Guru und in seinem relativ kurzen Vorwort fallen mindestens 15 mal die Termini Lüge, Lügen, Lügner, Wahrheit.

    Wie sagte schon der Kybernet(h)iker Heinz von Foerster treffend:
    "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners."

    Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich stehe den Anthropososphen in keinster Weise nahe, wer aber so geifernd, herablassend und bis ins kleinste irrelevante Detail (siehe z.B. die Sache mit dem ORF oder Demeter) "berichtend" im Netz auftritt, so wie offenkundig ama das tut, der erinnert eher an einen Glaubensfundamentalisten, als an einen Menschen, der mit Argumenten zu überzeugen sucht. Eher an einen Christenfundi, dem die Sekte der Anthroposophen ein Dorn im Auge ist, als an einen wissenschaftlich orientierten Menschen/Mediziner.

    • Crest
    • 26.09.2006 um 13:19 Uhr

    Anfang der 50er Jahre, kurz bevor der erste Impfstoff eingeführt wurde, registrierte man jährlich in den USA mehr als 20.000 Fälle von Kinderlähmung.

    Schauen Sie sich hierzu bitte die Bilder der endlosen Reihen von eisernen Lungen an, mit deren Hilfe die armen Geschöpfe z.T. nur überleben konnten. (Vor dem Hintergrund dieser Bilder können wir uns dann immer noch über "gefälschte Statistiken" unterhalten.) Am häufigsten betroffen war die Altersgruppe der Fünf- bis Neunjährigen (daher nebenbei bemerkt der Name der Krankheit).

    Die Häufigkeit der Kinderlähmung ging in der Folgezeit - nach Einführung der Schutzimpfungen - von 10 je 100000 der Bevölkerung auf 0,02 bis 0,001 je 100000 in den achtziger Jahren zurück.

    Paradoxerweise waren die größere Hygiene, moderne Abwassersysteme u.a ein Grund für die Epedemien. (Bei "Montezumas-Rache" haben wir es übrigens mit vergleichbaren Phänomenen/Kausalketten zu tun.)

    Impfen kann man mit abgetöteten Viren oder mit Lebendviren. Beides hat Vor- und Nachteile und unterschiedliche Länder haben hier auch unterschiedliche Entscheidungen getroffen.

    Abgeschwächte Lebendviren können wieder stärker virulent werden. Ein Risiko, das in der Natur der "Sache" liegt. Bei über 250 Millionen Impfdosen in den USA von 1973 bis 1985 gab es somit etwas mehr als 30 Fälle erkrankter Kinder und rund 70 Fälle erkrankter Anghöriger (die sich am Kind anstecken konnten, ohne dass das Kind selbst erkrankte). Die Hälfte der erkrankten Kinder (also rund 15) litten an einer Immunschwäche.

    Natürlich mag man sich fragen, ob man letzteres nicht vorher austesten kann. Vielleicht kann man es mittlerweile. Aber auch dann wäre das Risiko nicht auf Null gedrückt.

    Kann man, soll man nun auf die Impfung verzichten?

    In einem Fall hat man es bisher getan: bei der Pockenschutzimpfung. Nachdem sie ausgerottet worden ist! (Pocken sind als Wirt auf den Menschen angewisen und Alo Maolin - auch das sind Wege zum Ruhm - war 1977 der letzte Mensch, der auf natürlichem Weg an Pocken erkrankte.)

    Interessant die Strategie, wie man diese gemeingefährliche Krankheit ausrotten konnte: Man machte systematisch erkrankte Personen ausfindig (auch für Geld) und impfte alle Menschen in der unmittelbaren Umgebung der Menschen.

    Aber auch für den jetzt möglichen Wegfall der Pockenschutzimpfung ist ein Preis zu zahlen: die Menschheit verliert ihre Immunität, und das Virus könnte durch einen unbekannten Herd, durch Terrorismus oder einen Unfall wieder freigesetzt werden. (Der deutsche Staat hält für einen solchen Fall flächendeckend Impfdosen in der Hinterhand).

    Ein Wort an die ZEIT-Redakteure: Ich verstehe ja, dass manche Themen hin und wieder nach journalistischer Aufbereitung lechzen. Aber wir spielen hier mit dem Feuer. Die Lage ist eigentlich zu ernst, als dass hier jeder Scharlatanerie ein Forum geboten werden darf.

    Herzlichst Crest

  1. Nachdem durch das Beispiel der Kinderlähmung in den USA und der Zurückdrängung durch Impfkampanien der Nachweis der Sinnhaftigkeit von Impfungen durch @crest geführt wurde, werden Sie leider albern und behaupten andere würde keine Argumente liefern!

    Ich liefere Ihnen trotzdem noch eins!

    Die von Ihnen gepriesene Hygiene und Sauberkeit, das a- septische Aufwachsen von Säuglingen und Kleinkindern hindert nachgewiesenermaßen das Immunsystem am "Training". Als Folge davon sind diese dann weniger Widerstandsfähig und singnifikant anfälliger für Infektionen. Manche Kinder haben zu allem Überfluss noch "das Glück" nicht geimpft zu sein.

  2. es ist sicher gut, bei allen Argumenten zu fragen, von wem sie kommen, ob sie unabhängig bestätigt worden sind, welchen Interessen damit gedient wird und so weiter.

    Irgendwann schlägt aber kritisches Hinterfragen in paranoiden Unsinn um, wenn jeder Studie und jedem Beleg schon deswegen das Mißtrauen ausgesprochen wird, weil sie Ihrer Meinung widerspricht, und man sich auf die prinzipielle Unsicherheit jedes Wissens an sich berufen muß. Kann es das denn überhaupt geben, eine Studie, die es schafft, Ihren Kriterien (völlig unabhängig... und vor allem völlig "zweifelsfrei") zu entsprechen? Schwer vorstellbar.

    Daß eine Impfung einen Effekt auf das Immunsystem hat, läßt sich unproblematisch feststellen, einfach indem man den Antikörperstatus feststellt. Ich hatte keine Hepatitis-B-Antikörper, dann bin ich geimpft worden, und seitdem habe ich welche. Daß eine Impfung vor Erkrankungen schützt, läßt sich aus den epidemiologischen Daten eben schon folgern, unter anderem deshalb, weil eine andere Erklärung für diesen zeitlichen Verlauf nicht in Sicht ist. Die "Lebensumstände" haben sich eben nicht Mitte der 60er schlagartig so verändert, daß sie einen Erkrankungsrückgang wie den nach Einführung der Masernimpfung erklären könnten.

    Um "völlig zweifelsfrei" geht es aber auch gar nicht. Es reicht, wenn viel viel mehr dafür spricht, daß eine Impfung mein Chance/Risiko Verhältnis verbessert, als dagegen.

    Auch der Sicherheitsgurt im Auto ist ja nicht "völlig zweifelsfrei" nützlich (er könnte mich im Auto festhalten und ich verbrenne dann etc., diese Argumente gab es ja bei Einführung der Gurtpflicht tatsächlich). Vielleicht liegt der Rückgang der Verkehrstodesfälle ja auch an der besseren Beschilderung der Straßen, bessserem Fahrunterricht oder einfach einer Änderung der allgemeinen Lebensumstände. Mir persönlich reichen die Argumente allerdings, um den Gurt anzulegen.

    Die andere Frage wäre dann, wo diese kritische Intelligenz bleibt, wenn es um den Standpunkt der Impfgegner geht. Fragen Sie da auch danach, wo die Studien sind, die "zweifelsfrei" belegen, daß ungeimpfte Kinder einer geringeren (oder mindestens nicht erhöhten) Gefahr ausgesetzt sind? Fragen Sie die Impfgegner, wieviele Bücher sie verkaufen, ob sie eigene Praxen haben und Patienten/Fans anwerben wollen, wieviel sie für gehaltene Vorträge bekommen? Wäre es nicht für viele "impfkritische" Autoren einfach ein finanzieller Verlust, wenn die Debatte aufhören würde? Mal abgesehen von der urmenschlichen, persönlichen Befriedigung, sich selbst als heldenhaften Kämpfer für die Wahrheit zu sehen (die natürlich von mächtigen, bösen Gegnern wie Pharmaindustrie und Regierungen unterdrückt wird).

    Ich nehme einfach an, daß Sie den Impfgegnern gegenüber genauso kritisch sind wie den Impfbefürwortern, und auch die fragen, woher sie denn ihre Daten haben, ob diese "unabhängig" erhoben worden sind, und ob sie damit "zweifelsfreie" Ergebnisse begründen können. Manchmal gibt es aber auch Diskussionsteilnehmer, bei denen man sich fragt, wie sie angesichts ihrer Skepsis nach allen Seiten ausgerechnet den "Impfgegnern" und ihren Argumentationen ein derartiges Vertrauen entgegenbringen können.

    besten Gruß

    • hefe60
    • 27.09.2006 um 23:38 Uhr

    ...für diesen Artikel.

  3. Aus vielen Diskussionen mit Eltern, die Ihre Kinder nicht impfen lasse,n habe ich die Erfahrung gewonnen:
    Der Eindruck zählt, nicht das Argument, das Bild und nicht die Rede. Es herrscht die sinnliche Wahrnehmung, nicht die Sprache oder das Denken. Zusammenhänge und Begründungen langweilen eher.

  4. Leider hat ihr Kommentar bei mir einen nachteiligen, von der normalen Körperfunktion abweichenden Zustand (pathologischer Zustand)hervorgerufen. Das ist Körperverletzung und es ist keine Impfung dagegen verfügbar.

    Das Impfen eines Kindes mit Einwilligung der Eltern ist jedoch keine Körperverletzung. Das persönliche Risiko an einer Epedemie zu erkranken wird immmer größer je weniger sich impfen lassen.

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