Zum ersten Mal begegnet werdenden Eltern das Thema im Geburtsvorbereitungskurs. Die Impfentscheidungen steht auf dem grünen Heftchen, das die Hebamme mit ein paar warmen Worten auslegt. Verfasst hat es der homöopathische Arzt Friedrich Graf aus Plön, der gleich im ersten Satz zur Sache kommt: »Impfungen sind Körperverletzungen, für die Sie als Eltern oder Selbstbetroffene eine Einwilligung geben müssen.« Wenn sie weiterlesen, erfahren Eltern von Dr. Graf, dass Impfungen »definitiv krank machen«, zur »Entwicklung neuer Seuchen« beitragen, ein »gesellschaftliches Massenexperiment« sind und nebenbei ein »Riesengeschäft« für die Pharmabranche. Am Ende verabschiedet sich der Homöopath mit einem aufmunternden: »Entscheiden Sie selbst!« BILD

Das müssen die besorgten Eltern spätestens zwei Monate nach der Geburt, wenn ihnen die Kinderärztin das Gegenteil erzählt: Unverantwortlich handele, wer sein Kind nicht impfen lasse. Warnend wird die Gefährlichkeit von Haemophilus influenza Typb (Hib) oder des Wundstarrkrampfs beschworen. »Der Tetanus-Erreger lauert in jedem Blumentopf«, sagt die Schulmedizinerin und droht, Kinder ohne Impfung in Zukunft nicht mehr zu behandeln. Spätestens jetzt geht Müttern und Vätern die tiefere Bedeutung des Begriffs »Dilemma« auf.

Die Impfentscheidung stürzt junge Eltern in schwere Konflikte. Regelrechte Glaubenskriege toben um die Frage, welche Impfung wann notwendig sei. Wer Freunde befragt, Bücher zurate zieht oder im Internet recherchiert, steigert meist nur seine Verwirrung. Denn während die einen schlimme Krankheiten für ein ungeimpftes Kind in Aussicht stellen, warnen die anderen ebenso vehement vor bösen Folgeschäden des Impfens. Den verunsicherten Eltern scheint die Wahl zwischen Pest und Cholera zu bleiben.

Mit Statistik alleine ist der Streit kaum aufzulösen. Denn das Risiko von Impfnebenwirkungen lässt sich nur abschätzen anhand gemeldeter Verdachtsfälle (siehe Grafik folgende Seite). Und auch diese Zahlen sind bei Impfgegnern umstritten. Wissenschaftlichen Studien glauben sie ohnehin nur, wenn sie impfkritisch ausfallen – die anderen seien ja von der Pharmaindustrie gesponsert. Es geht also um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und um die Frage, aus welcher Perspektive man diese beurteilt. Drei Sichtweisen lassen sich unterscheiden.

Erstens: Wer der Schulmedizin vertraut, folgt den offiziellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Das tut in Deutschland die überwiegende Mehrzahl, wie die hohen Durchimpfungsraten zeigen. Diese nehmen nicht etwa ab, wie gerne behauptet wird, sondern liegen bundesweit bei allen empfohlenen Impfungen mittlerweile bei rund neunzig Prozent, lediglich beim Schutz gegen Hepatitis B sind sie etwas niedriger. Zweitens: Wer, wie manche Vertreter der Alternativmedizin, jeglichen »unnatürlichen« Eingriff ablehnt, schlägt sich zum Häuflein der »harten« Impfverweigerer. Dazu zählen neben Friedrich Graf aus Plön schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Deutschen. Und dann gibt es drittens noch die »Impfskeptiker«, die nicht grundsätzlich dafür oder dagegen sind, sondern jede einzelne Impfung hinterfragen. Vor allem für sie seien im Folgenden fünf Perspektiven präsentiert, die zur Entscheidungsfindung beitragen können.

I. Die Impfverweigerer BILD

Sie fürchten vor allem unerwünschte Nebenwirkungen. Dass pro Jahr mehr als tausend Verdachtsfälle von »Impfkomplikationen« gemeldet werden, ist für sie nur die Spitze des Eisbergs. Höchstens fünf bis zehn Prozent aller Nebenwirkungen würden erfasst – aufgrund der schlechten Meldemoral der Ärzte und des Drucks der Pharmaindustrie. Dagegen machen sie auf Internet-Seiten wie www.impfkritik.de , klein-klein-aktion.de oder impfschutzverband.de mobil.