DIE ZEIT: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Alzheimer-Patienten? BILD

Hans Förstl: Ja, sehr gut. Das war ein älterer Herr, dem wir eine Reihe von Gegenständen vorlegten, die er erkennen sollte – ein Glas, eine Orange. Er hatte große Mühe. Als wir jedoch auf das Titelbild einer Zeitschrift zeigten, rief er sofort: »Das ist der Strauß!« Die Erinnerung war fest in seinem Langzeitgedächtnis verankert. Ein Patient mit der Alzheimer-Krankheit war damals noch von einigem Interesse. Inzwischen bezweifle ich, dass wir es überhaupt mit einer richtigen Krankheit zu tun haben.

ZEIT: Wie meinen Sie das? Allein in Deutschland leidet doch fast eine Million Menschen daran.

Förstl: Das stimmt. Etwa so viele Patienten leiden unter einer mittelschweren oder schweren Demenz, und meist steckt auch Alzheimer dahinter. Wir müssen uns aber klar machen, dass jeder Mensch an Alzheimer erkrankt, vorausgesetzt, er wird alt genug, um das zu erleben. Die Wahrscheinlichkeit, bis zum Alter von 100 Jahren eine Demenz zu entwickeln, beträgt fast 100 Prozent. Es stellt sich also die Frage, ob es sich nicht um den natürlichen Alterungsprozess des Menschen handelt.

ZEIT: Es heißt, ein Mensch mit Alzheimer nehme jeden Tag ein wenig Abschied vom Leben. Zunächst vergisst er nur eine Verabredung, dann erkennt er seine Kinder nicht mehr, schließlich muss er gefüttert werden. Was genau passiert im Gehirn?

Förstl: Aloys Alzheimer fielen im Gehirn der Auguste D. zwei seltsame Veränderungen auf. Zwischen den Nervenzellen lagern sich Eiweißklumpen, die so genannten Alzheimer-Plaques, ab. Das zugrunde liegende Protein ist unter anderem ein Abfallprodukt von Zelldifferenzierung und Lernen. Bei Alzheimer wird eine Form dieses Beta-Amyloids gebildet, das der Körper schlecht abbauen kann. Bei fortgeschrittener Degeneration können die Amyloid-Klumpen einen erheblichen Teil des Gehirns ausfüllen. Das Beta-Amyloid führt auf rätselhafte Weise dazu, dass im Inneren der Nervenzellen ein Transportprotein, Tau, vermehrt verklebt und sich fädig verwickelt. Vor allem im Lernapparat Hippocampus und in der Großhirnrinde sterben Nervenzellen ab.

ZEIT: Das alles spricht sehr für eine Krankheit. BILD Psychiater Hans Förstl