Religion Roms neue Kühle

Benedikt XVI. betrachtet den Islam skeptischer als sein Vorgänger. Beim Dialog der Religionen sieht er ihn in der Bringschuld

Nach einer Schrecksekunde haben die vatikanische Politik und Diplomatie wieder Tritt gefasst. Die Aufregung um die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. kam in einem denkbar ungünstigen Augenblick – am vergangenen Freitag haben ein neuer »Ministerpräsident« des Vatikans, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, und ein neuer »Außenminister« ihre Ämter angetreten. Bertone hat gleich an seinem ersten vollen Arbeitstag eine fein austarierte Einordnung und Entschärfung der päpstlichen Äußerungen vorgetragen. Benedikt XVI. selbst hat am Sonntag persönlich die Wirkung seiner Worte bedauert. Er hat sich nicht entschuldigt und nichts zurückgenommen, er hat aber auch nicht professoral darauf beharrt, dass man ihm eben genauer hätte zuhören sollen. Bertone schickt die Nuntien, die Botschafter des Heiligen Stuhls, in den muslimischen Ländern zu einer Dialog-Offensive, er weist zugleich auf die Manipulationen hin, mit denen die Papst-Vorlesung samt des Zitats von Kaiser Manuel II. skandalisiert wurden. Für einen Moment schien die geopolitische Alarmanlage um Benedikt XVI. herum abgeschaltet gewesen zu sein. Das Frühwarnsystem, das er als Intellektueller und Gelehrtenpapst womöglich besonders braucht. Jetzt funktioniert es wieder.

Ganz überraschend kam der Zusammenstoß zwischen dem Papst und Teilen der muslimischen Welt nicht. Joseph Ratzinger hat ein skeptisches Bild vom Islam – nicht nur was das Gewaltproblem und das Verhältnis von Glaube und Vernunft betrifft, die in Regensburg im Vordergrund standen. Ratzinger hat auch seine Zweifel daran, ob der Islam eine normale Religion in einer freien, pluralistischen Gesellschaft werden kann.

Der Islam, hat er 1996 als Kardinal und oberster katholischer Glaubenshüter seinem Interviewer Peter Seewald gesagt, könne »zwar solche Teilfreiheiten, wie unsere Verfassung sie gibt, schon ausnutzen, aber es kann nicht sein Zielpunkt sein, dass er sagt: Ja, jetzt sind wir auch Körperschaft des öffentlichen Rechts, jetzt sind wir genauso präsent wie die Katholiken und die Protestanten. Da ist er immer noch nicht an seinem eigentlichen Punkt angelangt, da ist noch ein Entfremdungspunkt. Der Islam hat eine ganz andere Totalität der Lebensordnung, er umgreift einfach alles, und seine Lebensordnung ist eine andere als die unsere.«

Die neue Kühle hat sich sofort bemerkbar gemacht, seit Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde. Er hat sich nicht dazu bringen lassen, den Islam blankoscheckartig als eine Religion des Friedens zu bezeichnen, als er einmal spontan auf diese Frage angesprochen wurde. Die Rede von den drei »abrahamitischen« Religionen Judentum, Christentum und Islam, die unter Johannes Paul II. gang und gäbe war, ist unter seinem Nachfolger seltener geworden. Dafür fällt öfter das Stichwort »Wechselseitigkeit« – mit der Religionsausübung von Muslimen in den westlichen Ländern, auch etwa mit dem Tragen des Kopftuchs, hat der Heilige Stuhl keine Probleme, er stellt aber die Frage, wie es eigentlich um die Glaubensfreiheit und die Rechte von Christen in islamischen Ländern steht. Der Chef der Vatikan-Behörde, die für den interreligiösen Dialog zuständig ist, ein Islam-Spezialist, wurde abgelöst und als Nuntius nach Kairo geschickt; das »Dialog-Ministerium« selbst wurde mit dem päpstlichen Kultur-Rat zusammengelegt. Eine kleine bürokratische Reform, in der zugleich eine theologische und kirchenpolitische Pointe stecken mag: Wenn der Religions-Dialog als Kulturen-Dialog definiert und angelegt wird, dann kommt er der Kirche weniger nahe, sie öffnet sich weniger und setzt weniger aufs Spiel, als wenn Glaubensfragen zur Diskussion gestellt werden.

Als Benedikt XVI. im August 2005 beim Weltjugendtag in Köln eine muslimische Delegation empfing, hat er nach einigen freundlichen Vorbemerkungen gleich vom Terrorismus zu reden angefangen. »Sie tragen«, wandte er sich an seine Zuhörer, »eine große Verantwortung in der Erziehung der nachwachsenden Generationen.« Der Papst bezog aber auch das Christentum in die Verirrungs-Geschichte der religiösen Gewalt mit ein, er sprach im Namen eines »Wir« der Gläubigen aller Glaubensfamilien: »Wie viele Seiten der Geschichte verzeichnen Schlachten und Kriege, die auf der einen wie auf der anderen Seite unter Anrufung des Namens Gottes begonnen wurden, als ob die Bekämpfung des Feindes und die Tötung des Gegners etwas sein könnte, das Gott gefällt! Die Erinnerung an diese traurigen Ereignisse müsste uns mit Scham erfüllen, denn wir wissen sehr wohl, was für Grausamkeiten im Namen der Religion begangen wurden. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns davor bewahren, die gleichen Fehler zu wiederholen.« Es ist dieses »Wir«, das Element der Solidarität und Selbstkritik, das in Regensburg gefehlt hat.

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