Software Krise mit der Kiste
Computerbenutzer verzweifeln an ihren Geräten. Die Entwickler verstehen nicht, warum. Das kostet Jahr für Jahr Milliarden. Eine Ursachenforschung
Zum Beispiel das Bahnhofsklo in Siegburg. Gegen Geld öffnet sich die Schranke. Der Gast findet sein Plätzchen, verrichtet, wozu er gekommen, will spülen – und stutzt. Nirgends ein Knopf. Keine Kette. Nicht einmal ein Gummidrücker am Boden. Wenn er schließlich peinlich berührt durch die Tür enteilt, hört er das ersehnte Rauschen in der Toilette. Ein Sensor im Türrahmen macht’s möglich. Aber dem Besucher hat es keiner gesagt, und ein Schild gibt es auch nicht.
56 Prozent aller Menschen, die mit Computerprogrammen zu tun haben, erhalten nicht die notwendigen Bedienungshinweise. So stellte es die Standish Group fest, ein amerikanisches IT-Beratungsunternehmen. Dabei sind diese Hinweise durchaus vorhanden, nur findet sie der Benutzer nicht und steht belämmert da.
Macht nichts, könnte man sagen, der Mensch lernt. Mancher allerdings langsamer als der andere. Was auf dem Klo in Siegburg verzeihlich erscheint, kostet an anderen Orten millionenfach Zeit, Geld und Kunden. Es schädigt die Wirtschaft und behindert öffentliche Verwaltungen.
Wenn Mitarbeiter der Agentur für Arbeit das Arbeitslosengeld II berechnen wollen, müssen sie in jedem fünften Fall ein Zusatzprogramm nutzen. Die eigentliche Software schafft das nämlich nicht. Jedes Mal kostet das etwa 15 Minuten zusätzlich, und durch Gesetzesänderungen kommen laufend weitere »Umwege« hinzu.
27 Prozent aller Kaufversuche im Internet werden abgebrochen, weil die Käufer nicht finden, was sie suchen, obwohl der Anbieter das Produkt im Sortiment führt. So fand es das amerikanische Beratungsunternehmen Cymfony heraus. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft berichtet, dass 40 Prozent den Kaufprozess vorzeitig beenden, weil die Bestellabwicklung zu kompliziert ist oder die Technik ausfällt.
Am Anfang aller Katastrophen steht ein Mangel an Nachdenken
Ähnliches gilt wohl beim Online-Banking oder beim Buchen von Reisen, aber auch bei vielen Geschäfts- und Verwaltungsprogrammen. Verlässliche Zahlen darüber, wie hoch die resultierenden Ausfälle und Mehrkosten in Euro und Cent zu beziffern sind, gibt es nicht. Doch die Summen müssen enorm sein, sagt Heidi Krömker, Professorin für Medienproduktion an der Technischen Universität Ilmenau. »Wenn tausend Mitarbeiter Tag für Tag fünf Minuten vertun, weil die Telefonanlage Gespräche verliert, kommen schnell Millionenbeträge zusammen.« Zahlen gibt es wenige. Zuletzt hatte die Standish Group im Jahr 1998 geschätzt, dass Unternehmen und Behörden weltweit bis zu 75 Milliarden Dollar für gescheiterte Entwicklungen ausgegeben hatten.
Am Anfang solch finanzieller Katastrophen steht ein Mangel an Nachdenken. Mensch und Maschine passen nicht so einfach zueinander, wie manche Entwickler glauben. Für Menschen bedeutet eine Handlung, eine Geste, ein Wort je nach Situation etwas anderes. Computer denken hingegen vollkommen digital. Ja/nein, an/aus, schwarz/weiß. Wer mehr will, muss großen technischen Aufwand treiben. Das Problem ist so alt wie die Informatik selbst, wird aber umso größer, je mehr Computer in unseren Alltag einziehen – inzwischen eben sogar bis ins Klo.
Eine Sitzecke mit weißen Sesseln. Bilder von Franz Marc. Ein Spiegel, durch den man vom Nebenraum hereinsehen kann, ein Schreibtisch mit einem Rechner. Die Probanden sollen sich wohlfühlen. Schließlich werden nicht sie geprüft, sondern die Software. Neben der Testperson sitzt Britta Hofmann. Sie leitet das Usability-Kompetenzzentrum des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik in Bonn. Dort untersuchen Spezialisten neue Computerprogramme, Handys oder Fahrtkartenautomaten darauf, wie leicht oder schwer sie zu bedienen sind.
»Siehst dus nicht, oder verstehst dus nicht?«
Der Tester soll auf einer Internet-Seite ein Produkt suchen und spricht seine einzelnen Gedankenschritte laut aus. Die Psychologin beobachtet ihn und stellt Fragen, wenn er zögert. »Siehst du’s nicht, oder verstehst du’s nicht?«, darauf laufe es meistens hinaus, sagt Hofmann. Eine Kamera zeichnet alles auf, ein Rechner dokumentiert jeden Klick. Die Ergebnisse sind so verblüffend, dass die Programmierer, die das Experiment im Nachbarraum beobachten, vor Aufregung am liebsten gegen die Scheibe trommeln würden. »Was ihnen total logisch erscheint, können Benutzer manchmal überhaupt nicht verstehen«, sagt Hofmann.
Woher rührt diese Kluft? Beim Entwurf eines neuen Programms rede niemand mit den Menschen, die es betreffe, so Hofmann. Projektmanager und Chefs schreiben Pflichtenhefte, die aus Workflow-Plänen, Organigrammen und Arbeitsbeschreibungen schöpfen, aber nicht aus den alltäglichen Erfahrungen ihrer Mitarbeiter. Entwickler fragen nach Funktionen, die eine Software erfüllen soll, aber nicht nach der Art und Weise, wie sie im laufenden Betrieb umgesetzt werden. Einkäufer lassen sich von neuen Funktionen beeindrucken, die im Arbeitsalltag keiner braucht.
Lange versuchten Informatiker, dieses Problem mit schierer Masse zu erschlagen. Wenn man einem Programm nur genug beibrächte, müsste es irgendwann ideal funktionieren. Ein Irrtum. Als Folge wurde die Software immer komplexer. Die lästigen Folgen sind allen Anwendern des Büroprogramms Microsoft Word bekannt. Man gibt ein Datum ein und drückt die Enter-Taste. Plötzlich verwandelt sich das geschriebene »22. August 2006« in »2006-08-22«. Das Programm denkt zwar mit und will das Datumsetzen vereinfachen – tut es aber leider nach einer ungeliebten internationalen Norm. Geübte Nutzer wissen die Funktion auszuschalten oder richtig zu nutzen. Doch die Mehrheit ärgert sich und muss die »Vereinfachung« von Hand wieder korrigieren. Sie verliert bei jedem Brief ein paar Sekunden.
Wer sich mit dem Auto im Straßenverkehr bewegt, müsse doch auch in die Fahrschule, argumentieren Programmierer gegen diesen Einwand. Warum dann nicht auch das Bedienen von Programmen lernen? Britta Hofmann geht bei solchen Reden der Hut hoch. Natürlich seien Schulungen wichtig, »nur braucht man in der Fahrschule wenigstens keine Erklärung, wo man in das Auto einsteigen kann. Auf dieser Ebene bewegten sich aber immer noch die meisten Usability-Probleme bei Computern.«
Die Soziologin Christiane Funken von der Technischen Universität Berlin kennt den Fall einer Firma, die ein neues Lager gebaut und die gesamte Lagerhaltung digitalisiert hatte. Doch schon zwei Wochen nach Eröffnung meldeten sich so viele Arbeiter krank, dass die eingegangenen Aufträge nicht mehr bedient werden konnten. Warum? Früher wusste jeder Lagerarbeiter, wo welches Produkt stand, und ordnete eine Ware einem Kunden zu. Im neuen, digital verwalteten Lager waren alle Produkte mit einem Zahlencode ausgestattet. Je nach Code sollten sie auf bestimmte Lieferwagen gepackt werden – ohne dass der Arbeiter wusste, was in den Paketen steckte. »Weil die Leute sich nicht mehr mit ihrer Arbeit identifizierten, trödelten sie oder wurden krank«, sagt Funken.
Auch der größte deutsche Geschäftssoftware-Entwickler SAP kennt solche Probleme. Deshalb schauen SAP-Mitarbeiter ihren Kunden vor der Entwicklung neuer Programme erst mal zu. »Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine Buchhalterin täglich Beträge ein- und ausbuchen muss oder der Abteilungsleiter einmal im Monat eine Übersicht über die gesamte Bilanz braucht«, sagt Matthias Harbusch, bei SAP zuständig für Usability. Nach der Beobachtung entwerfen die SAP-Leute zunächst auf dem Papier einen Plan, wie das Programm aussehen könnte. Der wird diskutiert, bis die Nutzer zufrieden sind, und erst danach wird die erste Programmzeile geschrieben. Was SAP macht, ist freilich längst nicht die Regel.
Entwickler müssten sich an Regeln halten, fordert Britta Hofmann. »Alle Handlungen müssen außerdem der Systematik entsprechen, die ich auch im normalen Leben kenne«, nennt sie als Beispiel. Sprich: Niemand schreibt zuerst die Straße und dann den Namen, wenn er seine Adresse in ein Formular einträgt.
Dass immerhin das Bewusstsein für solche Probleme wächst, lässt sich am Markt für Beratungsunternehmen ablesen. Deren Umsätze sind stetig gestiegen – in Deutschland auf 6,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Der IT-Marktforscher Thomas Lünendonk sagt: »Früher gab es eine Schlacht darum, welches Programm am meisten kann.« Inzwischen sollten Programme auch leichter zu handhaben sein.
Weitere Informationen im Internet:
Mehr darüber, wie Computerprogramme nutzerfreundlich gestaltet werden können, lesen Sie auf den Seiten des Fraunhofer-Institut FIT
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- Datum 13.11.2006 - 02:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
- Kommentare 21
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>27 Prozent aller Kaufversuche im Internet werden abgebrochen, weil die Käufer nicht finden, was sie suchen>
Mmh, ich "breche" Kaufversuche oft mutwillig ab, weil ich eigentlich nur auf der Suche nach Informationen bin, die eigentlich verschleiert werden sollen.
Wie Z.B. dem Anteil der Steuern und Gebühren und Gepäckgebühren (ryanair!) und Kreditkartengebühren (easyjet! 7,50!) und Ticket Service Charges [für ein E-Ticket?! bitte?](Lufthansa!) und Kerosinzuschlägen (Condor!) an einem Flugticket.
Oder einfach nur die Höhe der Versandkosten (amazon marketplace).
Und den Preis eines Gutes bekommt man eben oft erst dann heraus, wenn man soweit klickt bis man seine Zahlungsdetails eingeben muss. Vorher nicht. Das gilt sicher auch als Abbruch.
Das ist ein sehr guter Artikel, den sogar ich verstanden habe!
Das ist ein Beweis fuer die Qualtaet ihres Artikels und diesen Beweis, lieber Karsten Polke-Majewski, sollten Sie sich nicht zerreden lassen!
Ich hoffe instaendig, dass Sie bald ein Buch schreiben!
Das werde ich mir sofort kaufen!
Ich bin zwar oft ironisch, aber das mit der Bahnhofstoilette hat mich echt zum Lachen gebracht!
Ich bin sehr erzuernt ueber Sie:
sie schreiben, als sollten Arbeitsplaetze erhalten werden, indem Computer doch nicht alles koennen!
Ich wuerde gerne zuhause sitzen und den Computer meine Arbeit machen lassen!
Was soll dieser Fluch zur Arbeit?
Ich finde es zuhause viel schoener!
Dann kann ich mich viel besser um die Probleme dieser Welt kummrn!
Ich bin ein grosser Freund des Wortes "erzürnt" und finde es sollte öfter verwendet werden! Gleichzeitig hat mich ihr Beitrag, mit dem ich mich durchaus identifizieren kann an einige Gedankengänge erinnert die vor nicht allzu langer Zeit in mir vor sich gingen.
Irgendwann in ferner Vergangenheit, meiner mittleren bi späten Jugend habe ich mal über des seinerzeit noch unvorstellbar ferne, exotische "Jahr 2000" phantasiert.
Wir alle brauchen kaum noch zu arbeiten dachte ich. Vielleicht noch so vier Stunden am Tag. Der Rest wird alles von Computern verrichtet, meinte ich.
Unlängst, am Ende eines weiteren langen Tages, kam mir diese Vortstellung wieder in den den Sinn. Wie falsch ich doch lag, schämte ich mich irgendwie.
Am Ende hatte ich aber vielleicht doch irgendwie recht. Die, die ihre täglichen vier Stunden nicht ableisten, die ganzen Arbeitslosen, Vorruheständler, usw., die rauben mir diese extra Freizeit.
Dafür kann ich mir aber eine bessere Klasse Auto leisten, und auch ein Trip auf die Seychellen ist keine zu grosse Herausforderung für mich.
Dafür kompensiert der Arbeitslose mit ÖPNR und Urlaub auf Santa Balkonia.
Ein geteiltes Los würde wohl für uns beide auf einen Opel und Urlaub Rimini hinauslaufen, oder so, mal ganz grob geschätzt.
Es gibt sicherlich viele Beispiele für gelungene wie für schlechte Software, genauso wie in allen anderen Bereichen auch. Auch unter Softwareentwicklern gibt es sowohl sehr talentierte als auch eher schludrige Exemplare. Was jedoch oft völlig unterschätzt wird, ist die Komplexität heutiger Software, von der der normale Benutzer keine Vorstellung hat.
Ein kleines Beispiel: Die Firma, für die ich arbeite, entwickelt Softwarelösungen für die Reiseindustrie. Das Hauptprodukt bietet im Prinzip folgende Funktionen: Flüge suchen, Hotels suchen und das Ganze buchen - im Prinzip ganz einfach. Schaut man sich aber den Quellcode (also das geschrieben Programm) an, dann bekommt man einen anderen Eindruck. Um den gesamten Code auszudrucken, bräuchte man (bei 30 Zeilen pro Seite und beidseitigem Druck) ca. 35.000 Blatt Papier. Das sind 70 Packungen à 500 Blatt, oder ein Stapel von über 3 Metern Höhe. Dabei handelt es sich nur um die von uns entwickelte Software. Es wird auch Software von Drittanbietern benötigt. Zählt man diese dazu, wird der Stapel bedeutend höher, nämlich ca. 10 bis 20 Meter. Dann muss man noch berücksichtigen, dass die Software auf Rechnern läuft, die ihrerseits noch andere Software benötigen, etwa ein Betriebssystem, das eine Wissenschaft für sich darstellt.
Es lässt sich darüber streiten, ob Software unbedingt so komplex sein muss. Durch geschicktere Lösungen ließe sich sicherlich einiges einsparen, aber an den Größenordnungen ändert das nichts. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Pflege einer solch komplexen Software schwierig sein kann. Meldet der Kunde einen Fehler, kann es mitunter Wochen dauern, bis die Ursache gefunden ist. Zwar wurden in den verganenen Jahrzehnten Methoden und Werkzeuge entwickelt, um dieses Prolems Herr zu werden, aber in der Praxis hat man damit zu kämpfen, dass kleine Änderungen an einem Ende völlig unvorhergesehene Folgen an einem anderen Ende haben können, was angesichts der enormen Komplexität kaum verwunderlich ist.
Hier liegt meiner Ansicht nach ein weiteres Problem. Software ist ständigen Änderungen unterworfen, es gibt immer wieder Patches, verbesserte Versionen mit neuen Funktionen oder ganze neue Anwendungen, die auf alter Software basierend entwickelt werden. In den meisten Fällen sind Funktionen, die in der nächsten oder übernächsten Version eines Programms auftauchen, anfangs überhaupt nicht abzusehen und daher auch nicht im Grundgerüst, der Softwarearchitektur, berücksichtigt. Man muss also nachträglich an der Architektur viel herumbasteln. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, kann man eine Parellele zu echten Architekten ziehen, die Häuer bauen. Soll z.B. ein Einfamilienhaus gebaut werden, muss der Bauplatz geeignet gewählt und ein ausreichend solides Fundament gelegt werden. Steht das Haus einmal, sind nur noch marginale Änderungen möglich, die zudem auf ihre Folgen hin untersucht werden müssen. Soll etwa eine Wand eingerissen werden, muss der Architekt, nachdem er ob der mangelnden Voraussicht des Bauherrn den Kopf geschüttelt hat, zunächst aufwändige Berechnungen durchführen. Niemand würde auf die Idee kommen, ein bestehendes Einfamilienhaus um ein Stockwerk zu vergrößern. Genau das passiert aber mit Software. Neue Funktionen stellen neue Stockwerke dar, irgendwann muss an der Architektur herumgeschraubt werden, was der Verlegung des Treppenhauses gleichkommt, am Schluss hat man es mit einem regelrechten Wolkenkratzer zu tun, dem man nachträglich ein solideres Fundament verpassen muss. Will man dann noch verschiedene Softwaresysteme miteinander vernetzen, müssen in schwindelerregender Höhe zwischen den Wolkenkratzern Brücken gebaut werden. Jeder Stararchitekt vergangener Tage würde sich bei dem Gedanken im Grabe umdrehen.
Fazit: Mit fehlerhafter Software müssen wir leben (sofern wir nicht bereit sind, dafür viel mehr Geld auszugeben als bisher).
@ berndgoldschmidt: Sie schreiben: "Aber jede exakt gleiche Abfolge von Befehlen ausgehend vom selben Startzustand sollte wieder das selbe Ergebnis bewirken. Aber das will der Mensch ja auch. Sonst ginge die Vorhersagbarkeit flöten. Und das wäre eine wirkliche Usability-Katastrophe."
Meines Erachtens ist diese bereits eingetreten. Das Problem liegt in dem Fall in der Bestimmung vom "selben Startzustand" - der ist nämlich bei höheren Windowssystemen nie wieder herzustellen (ausser per Backup, d.h. um den Preis von neueren Daten). Schliesslich aktualisiert der Virenscanner artig jeden Tag seine Kennlisten; Windows selbst telefoniert auch hier und da nach Hause und "pacht" so vor sich hin, und alle möglichen Programme spielen in der Registry fröhliche Versteckspielchen. Und hin und wieder spielt dann ein Programm verrückt, was es "bis gestern" noch gut getan hat. Gründe? Unerfindlich, ausser für echte Profis - und manchmal sogar für die.
FabianBannasch hat geschrieben: "Oftmals machen sich die Entwickler viele Gedanken, die Funktionen moderner Technik genau dort einzubauen, wo man sie braucht und intuitiv suchen würde. Es mangelt manchmal nur an etwas Lesebereitschaft."
Ich glaube, das ist ein ganz typischer Irrtum eines Technikfreundes. "Wo man sie braucht und suchen würde", ist ganz eindeutig eine hochindividuelle Angelegenheit. Ich brauche meine Menupunkte im Mobiltelefon nicht da, wo sie sind, deshalb ist das Ding alles andere als leicht bedienbar. Auch bei Software habe ich meine Wünsche; allerdings bin ich - wie viele meiner Kollegen - inzwischen ausreichend MS-indoktriniert, um bestimmte Dinge immer an derselben Stelle zu vermuten. Die wenigen Programme, die von der MS-Setzung abweichen, fallen mir aber auch schon mal positiv auf: Weil ich die Dinge finde, ohne mich erst lange damit quälen zu müssen, mich zu erinnern, wo um alles im Computer MS diese Funktion nun versteckt hat.
Kuste hat geschrieben: "Auf einer Dienstreise in Japan kam es bei meinem Notebook zu einem Systemtotalausfall. Notgedrungen musste ich mir ein japanisches Windows installieren. Ohne auch nur ein Schriftzeichen entziffern zu können, war es möglich sich zurecht zu finden. Spricht eigentlich für die Softwareentwickler, einen so hohen Wiedererkennungswert eingebaut zu haben."
Ging mir - fast - genauso, als ich für eine Weile vor einem japanischen MS-Windows gesessen habe. Nur die Fehlermeldungen waren doch etwas kryptisch. Und ich konnte letztlich nur das tun, was extrem eingeschliffen war. Schon die Umstellung der Tatastatur von Hiragana (der Standardeinstellung) zu Katakane (um meinen Namen zu screiben) oder Romaji ("normaler Schrift") war anfangs nicht so trivial. Und haetten Sie sich zugetraut, mal so eben umzustellen, ob "versteckter Text" oder "Kommentare" mitgedruckt oder nicht mitgedruckt werden sollten? Das mache ich nicht oft genug, um es im japanischen MS-Word auf Anhieb zu finden.
Die so oft gelobte "Intuition" ist IMHO nichts als eine gelungene Konditionierung. Aber manche Leute lassen sich nicht so leicht konditionieren. Das muss kein böser Wille sein (und es hilft nichts, ihn zu unterstellen); sie können sich noch so sehr bemühen, sie finden einfach den Zugang nicht. Technik, die sich dem Menschen anpasst, erkennt man daran, dass auch diese Leute sich damit anfreunden können. Die andere Technik ist eben nur für einen Teil der Menschen da, die andern bleiben ausgeschlossen. Das wäre nicht weiter schlimm - wenn nicht die, die sie so "intuitiv" finden, von den anderen erwarten würden, sich gefälligst damit herumzuquälen...
Ich schreibe inzwischen selbst Software. Nix tolles, aber so ein wenig beiher. Und ich habe dadurch viel über das gelernt, was hinter dem (der?) "GUI" steckt. Und dass man Software, anders als freiheit79 impliziert, sehr wohl so schreiben kann, dass man sie später aus- und umbauen kann. Und ja, das geht auch noch, wenn das Programm ein paar GB Umfang erreicht. Was bei einem Haus schwer zu erreichen wäre, ist bei Software nur eine Frage der richtigen Technik - und der Zeit. Vielleicht ist deshalb OpenSource-Software oftmals eine gute Option: Die wird unter geringerem Zeitdruck erzeugt und ist auf Ergänzbarkeit und Verständlichkeit angelegt; schliesslich sollen andere den Code auch noch begreifen. Und wer sich mal angesehen hat, was er vor 6 Monaten so zusammengeschustert hat, weiss, wie kompliziert es sein kann, sich an die damaligen Ideen zu erinnern - je nach verwendeter Programmiersprache allerdings mehr (angeblich Perl) oder weniger (wohl bei Python). Da gilt, wie in jedem Handwerk: Wer von Anfang an sauber und kontrolliert arbeitet, erreicht am Ende mehr als der, der loslegt und möglichst schnell Ergebnisse sehen will. Die anfangs investierte Zeit merkt man später, nur umgekehrt: Wer sie sich genommen hat, kann sie sich dann sparen; wer zu eilig war, muss nacharbeiten.
Nein, automatisch unwartbar wird diese Software sicher nicht - nur die Konzeption wartbarer Software wird eben tatsächlich deutlich schwerer, je umfangreicher das Projekt.
Und was den Termindruck angeht - ja, in diese Krise hat die Softwarebranche sich selbst manövriert. Es scheint eine weit verbreitete Ansicht unter ITler, und da schließe ich mich nicht ganz aus, zu sein, man müsse den Kunden nur erst einmal dazu bringen, das Projekt zu beginnen, selbst wenn der Liefertermin nur mit göttlichem Beistand zu erreichen ist. Das rächt sich inzwischen insofern, als man erst wieder aus dem Muster unrealistischer Terminvorgaben ausbrechen muss. Denn derzeit bekommt eben einfach der günstigste Anbieter den Auftrag, egal wie wahnsinnig die Terminvorgabe ist. Ein unterhaltsames Buch zu diesem Thema ist "Der Termin" von TomDeMarco.
Und nicht zuletzt gibt es, wie BGrabe richtig bemerkt, auch Probleme auf der Managementebene. Gute Führungskräfte sind im IT-Bereich (ich befürchte allerdings nicht nur dort) nicht all zu reichlich gesät.
Letztlich ist eine Entwicklung zu besserer Software sicherlich möglich - diese wird aber m.E. erfordern, dass der Kunde, also insbesondere der tatsächliche spätere Anwender, stärker in die Entwicklung eingebunden wird, beiderseitig Abstand von unrealistischen Terminvorgaben genommen wird und gerade bei größeren Projekten auch Risikomanagement betrieben wird.
Um die von freiheit79 (völlig zurecht) angesprochen Problematik aufzunehmen, hier eine kleine launige Darstellung, die zeigt mit welchen Problemen Software-Ingenieure kämpfen müssen:
"Das Projekt ist der Bau eines Einfamilienhauses mit zwei Stockwerken und Keller mit einer Grundfläche von 100 Quadratmetern. Als Baumaterial werden Ziegelsteine verwendet. Der Architekt kalkuliert wie folgt: Das letzte Bauvorhaben (eine Doppelgarage) hatte eine Grundfläche von 25 Quadratmetern. Verbraucht wurden 1000 Ziegel. Die Baukosten betrugen 10000 Mark, was einen Preis von zehn Mark pro Ziegel bedeutet. Das neue Haus hat die vierfache Grundfläche und die doppelte Höhe - dies bedeutet 8000 Ziegel oder 80000 Mark Baukosten.
Das Angebot von 80000 Mark erhält den Zuschlag, und der Bau beginnt. Da die Maurerkolonne ausgelastet sein will, wird beschlossen, immer nur ein Zimmer zu konstruieren und gleich anschließend zu bauen. Das hat den Vorteil, dass die Planungs- und die Ausführungsgruppe immer ausgelastet sind. Weiter wird beschlossen, mit den einfachsten Sachen anzufangen, um möglichst schnell in die Bauphase einsteigen zu können. Das Schlafzimmer scheint dafür am besten geeignet zu sein.
Das Schlafzimmer wird zu schnell fertig und die Planungen für die Küche müssen unterbrochen werden. Da im Zusammenhang mit der Küche bereits am Esszimmer geplant wurde (Durchreiche zur Küche), wird dieses, um die Bauarbeiten fortführen zu können, als nächstes in Angriff genommen. Schritt drei in der Fertigstellung ist das Wohnzimmer. Als auch dieses fertig ist, stellt sich heraus, dass die Planungen für Küche und Bäder doch mehr Zeit in Anspruch nehmen, als geschätzt. Da der Bauherr auch "endlich" mal was Konkretes sehen will, wird eine Seite der Fassade komplett hochgezogen, um den Eindruck des fertigen Hauses zu vermitteln. Um das Dach montieren zu können, wird die andere Seite der Fassade ebenfalls hochgemauert. Da hier noch keine Planung vorliegt, können leider keine Fenster- und Türöffnungen berücksichtigt werden. Man ist aber überzeugt davon, diese ohne größere Probleme später herausbrechen zu können.
Leider ist damit auch die Grundfläche des Hauses festgelegt. Damit ergibt sich der Zwang, die Küche in den ersten Stock verlegen zu müssen. Statt der geplanten Durchreiche wird nun ein Speiseaufzug eingebaut, was das Projekt erheblich verteuert. Dadurch haben sich trotz beständigen Arbeitens unter Hochdruck die Bauarbeiten verzögert, so dass der Hausherr (der seine alte Wohnung gekündigt hatte) gezwungen ist, in das erst halbfertige Haus einzuziehen. Als besonders nachteilig erweist sich das Fehlen von Elektro- und Sanitäranschlüssen. Letzteres Problem wird durch Anmieten eines Toilettenwagens (Kosten 170 Mark pro Tag) vorläufig endgültig überbrückt.
Alle anderen Arbeiten werden gestoppt, um vorrangig die Elektroinstallation vorzunehmen, schon allein wegen der fehlenden Fenster. Mit Hilfe externer Kräfte (1500 Mark pro Tag) wird die Elektronik in kürzester Zeit verlegt, allerdings auf Putz, um "saubere Schnittstellen" für die noch nicht geplanten Hausteile zu schaffen. Im Alltagsbereich stellt sich als nachteilig heraus, dass das Wohnzimmer als zuerst gebauter Hausteil als einziges Zimmer zur Straße hin liegt. Damals war dies die einfachste Lösung (kurzer Transportweg der Ziegelsteine), die Haustür hierhin zu legen, so dass das Haus vom Wohnzimmer her betreten werden muss.
Dies erscheint dem Hausherrn ganz und gar unerträglich; als Lösung wird ein Teilabriss erwogen. Dagegen spricht, dass bereits 250000 Mark verbaut sind und dass der Bauherr samt Familie übergangsweise in ein Hotel ziehen müsste. Die Tür nach hinten zu versetzen, erforderte ein Loch in die Fassade zu brechen. Im Hinblick auf die unsichere Statik wird davon Abstand genommen. So wird das Haus bis zum ersten Stock von außen mit Erde aufgeschüttet. Das ursprünglich geplante Badezimmer wird zum Flur umfunktioniert - die Toilettenwagen-Lösung hat sich inzwischen etabliert. Weiterer Vorteil: auf den Fensterdurchbruch im ehemaligen Erdgeschoss kann verzichtet werden.
Das Erdgeschoss wird zum Keller, der Dachgarten als Wohnzimmer umgebaut und aus Kostengründen (und um eine endgültige Lösung nicht von vornherein zu verbauen) mit Planen abgedeckt. Kostengründe sind es auch, die das Projekt an dieser Stelle beenden. Alles weitere wird auf eine spätere Realisierungsphase verschoben.
Fazit: Der Bauherr hat zwar etwas ganz anderes bekommen, als er eigentlich wollte - aber immerhin hat er überhaupt etwas bekommen, auch wenn er statt der geplanten 80000 Mark nun immerhin ganze 440000 Mark hingelegt hat. Der Architekt hat seine Truppe ständig ausgelastet und mit Hochdruck und Überstunden gearbeitet. Wie vorgesehen, wurden 8000 Ziegelsteine verbraucht, was beweist, dass seine Schätzung im Prinzip richtig war. Seine aktualisierte "Cost-Database" weist nun einen Preis von 55 Mark pro Ziegel aus, was bei der nächsten Garage einen Angebotspreis von 55000 Mark ergibt."
von http://www.scheissprojekt...
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