Ich habe einen Traum Oliver Stone

Der Filmregisseur, -autor und -produzent erzählt davon, wie Träume sein Leben bestimmt haben

Als ich 19 Jahre alt war, schrieb ich ein Buch, das ich erst 30 Jahre später zu Ende brachte. Es heißt Night Dream und handelt von einem jungen Mann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er war ein Einzelkind, einsam, seine Eltern geschieden. Er verließ Amerika und reiste zwei Jahre lang in der Welt umher. Dann zog er als Soldat in den Vietnamkrieg. Der junge Mann war ich, mein Vorbild war Goethes Werther. Ich hatte viel gelesen, war aber kein professioneller Schreiber. Es war nur das Bedürfnis, zu schreiben, ermutigt durch den überragenden Glauben an mich selbst.

Mein Buch geriet ziemlich ziellos und war schließlich mehr als 1000 Seiten lang. Es wurde abgelehnt, von einem Verleger in New York, der mir sehr wichtig war. Ich dachte, mein Leben sei zu Ende, und warf die Hälfte des Manuskripts in den East River. Als die Seiten den Fluss hinunterschwammen, schwor ich mir, kein Schriftsteller zu werden und es auch nie wieder zu versuchen. Bis heute weiß ich nicht, warum ich nur eine Hälfte wegwarf. Ein Teil von mir hielt offenbar noch daran fest.

Dann meldete ich mich freiwillig zur Armee, so wie ich es geschrieben hatte. Ich wollte aus meinem eigenen Leben verschwinden. Ich war damals überzeugter Antikommunist und wollte ausdrücklich nach Vietnam, an die Front. Ich begab mich sehenden Auges in den Kampf, aber der Krieg hatte bis dahin nur in meiner Vorstellung stattgefunden. Der wirkliche Krieg war etwas ganz anderes.

Jahre vergingen. Ich wurde 50. Das Buch, besser gesagt: der Rest davon, lag im Regal und fing an mich zu nerven. Eines Tages zog ich es heraus, und plötzlich gefiel mir die Schönheit der Sprache. Es mag Leute geben, die sich darüber lustig machen. Doch war es eine tiefgehende Erfahrung, mich selbst als 19-Jährigen zu erleben; heute würde man sich vielleicht einfach ein Video ansehen. Ich wollte das Buch retten. Also nahm ich mir ein Jahr Pause und schrieb es zu Ende.

Die Kraft, zu träumen, hat mich in meine größten Abenteuer katapultiert, hat mich dazu bewegt, meine Möglichkeiten zu erweitern. Träume haben mich am Leben gehalten und immer wieder aufgerichtet. Die wichtigste Eigenschaft von Träumen ist für mich, dass sie Grenzen überschreiten. Gleichzeitig habe ich eine Sittenstrenge verinnerlicht, die mir sagt: Träumereien sind unnütz, man arbeitet dann nicht und verliert sich, besonders wenn man jung ist, oftmals in masturbatorischen Fantasien. Heute erinnere ich mich an mein Leben durch meine Arbeit. Ich verbinde mit Jahreszahlen den emotionalen Zustand, den ich durch meine Filme erlebt habe. So basiert meine Erinnerung auf Traumzuständen, die ich selbst erschaffen habe.

Wissenschaftler empfinden vielleicht ähnlich. Auch sie begeben sich für ihre Arbeit oft in einen tiefen, meditationsähnlichen Geisteszustand. Man versucht, arbeitend so nah wie möglich ans Träumen heranzukommen.

Zu diesem Zweck habe ich auch mit Drogen experimentiert. In The Doors gibt es eine Szene, in der die Band in der Wüste sitzt, und sie nehmen Peyote, um sich kennen zu lernen. Peyote ist ein Kaktus, der Meskalin enthält. Dazu spielt eine indianische Trommel. Ich hatte viel Zeit mit Sioux-Indianern verbracht, ihren Sonnentänzen beigewohnt und mit ihnen Peyote genommen. Wir fanden eine Methode, den Film im Rhythmus der Trommel pulsieren zu lassen. Es gab zwei Sorten Leute, die The Doors gesehen haben, solche, die den Film liebten, und andere, die ihn hassten. Ähnlich wie es Leute gibt, die halluzinogene Drogen nehmen, und andere, die das nicht ertragen.

Ich habe in meinem Leben viele bewusstseinserweiternde Substanzen genommen, Ayahuasca zum Beispiel, das von den Indianern im Amazonasgebiet aus einer Liane hergestellt wird und eine der mächtigsten Drogen ist, die ich kenne; auch Pilze und LSD, unter Aufsicht und allein. Drogen halfen mir, mich von mir selbst zu befreien. Aber das ist kein Dauerzustand. Zwar habe ich dabei jedes Mal etwas über mich selbst herausgefunden, aber die Erkenntnis war nie von langer Dauer. Ich konnte die Gedanken nicht festhalten. Es waren immer nur Ausnahmezustände. Da merkte ich, dass ich keine Drogen mehr nehmen wollte. Ich suchte nach einem Weg, meine eigene Droge zu werden, jeden Tag, in jedem Augenblick meiner Existenz. So wurde der Buddhismus zur zentralen spirituellen Erfahrung in meinem Leben.

In der buddhistischen Praxis geht es darum, die Momente der Erleuchtung zu einem Teil des täglichen Lebens zu machen. Ich fand darin eine Wahrheit, die mir weniger flüchtig erschien. Dafür wurde die Wahrnehmung aufregender. Ich will nicht sagen, ich sei der größte Buddhist, ich habe kein Gelübde abgelegt. Aber ich versuche mich zu nähern. Ich lese, denke, fühle und meditiere.

Buddhismus ist eine östliche Lehre. Und wir leben im Westen, in einer wettbewerbsorientierten kapitalistischen Welt. Man muss die Lehre nicht nur in eine andere Sprache, sondern auch in eine andere Auffassung übersetzen. Wenn wir irgendwie in unserer Gesellschaft mitspielen möchten, müssen wir entsprechende Verhaltensweisen entwickeln. Wir brauchen Zeitpläne, Prozeduren, Schablonen. Der wahre Buddhist dagegen lebt nur im Augenblick, für ihn gibt es keinen Zeitplan. Im Westen ist es äußerst schwierig, den Augenblick zu würdigen.

Als ich jung war, wuchs ich in einer ausgesprochen männlichen Umgebung auf. Männer mussten Männer sein. Ich war jung und zornig, wollte möglichst alle Tabus brechen, war arrogant, nicht an anderen Menschen interessiert. In meinen Träumen gab es oft eine Vaterfigur, autoritär, angsteinflößend. Mächtige Menschen ziehen mich an und machen mir gleichzeitig Angst. Ich glaube, ich bin deshalb grundsätzlich rebellisch gegen Autoritäten. Aber mit zunehmendem Alter lässt das nach. Als ich jung war, empfand ich in Gegenwart bedeutender Männer oft Nervosität. Aber meine neurotischen Muster haben sich geändert. Ich habe versucht, mich zu ändern. Durch den Buddhismus wird man aufmerksamer und kennt seine Reaktionen besser. Selbst wenn man nur ein Prozent seiner selbst erkennt, verändert sich dadurch schon ein Verhaltensmuster. In den vergangenen Jahren habe ich es geschafft, geduldiger zu werden. Möglicherweise handelt es sich auch um eine Begleiterscheinung des Alters.

Träume sind zu etwas nütze – vielleicht nicht immer in der Art, wie wir uns das wünschen. Man sollte gut bedenken was man träumt; es könnte wahr werden. Vielleicht wünscht man sich, ein berühmter Schriftsteller zu werden und ahnt nichts von der enormen Anstrengung, die das bedeuten kann. Aus dir selbst diesen Menschen zu formen kostet vielleicht deine ganze Kraft, und am Ende bist du gar nicht mehr du selbst. Träume bringen dich unter Umständen an einen Punkt, wo du gar nicht hinwillst. Aber wenn der Traum ehrlich ist und aus dir selbst kommt, dann wird er dich zu etwas Besonderem führen. Sogar wenn er nicht in Erfüllung geht.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Oliver Stone, 60, Filmregisseur, -autor und -produzent, wurde in New York geboren. Er diente freiwillig in Vietnam, studierte dann am Institut für Film und Fernsehen der New York University. Als Regisseur setzte er sich mit der jüngeren amerikanischen Geschichte auseinander (»Platoon«, »JFK«, »Nixon«). Er wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. Nächste Woche startet sein Film »World Trade Center« in Deutschland. Hier erzählt Oliver Stone davon, wie Träume sein Leben bestimmt haben

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    • Quelle DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39
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