Bildung Erziehung ist Glückssache

Ein guter Rat ans Bürgertum: Spielt endlich mit den Schmuddelkindern!

Wegschauen fällt leicht, wenn es um die Bildungsverlierer in Deutschland geht. Die großstädtischen Hauptschulen mit ihrem Problemcocktail aus desolaten Familienverhältnissen, Ghettostrukturen und täglichem Überlebenskampf auf Schulhof und Straße liegen in anderen Stadtteilen als die Horte des Lernens, in denen die wohlbehüteten Kinder von Professoren, Rechtsanwälten, Ärzten und Journalisten aufwachsen.

Deshalb braucht es immer einen Aufschrei wie den Brandbrief der Lehrer der Berliner Rütli-Schule, bedarf es eines NPD-Wahlerfolgs, eines Gewaltexzesses oder einer Rede des Bundespräsidenten am symbolisch ausgewählten sozialen Brennpunkt, um den öffentlichen Blick auf die Belange der jungen Deklassierten zu lenken. Und wenn das gelingt, so ist dieser Blick oft geprägt von einer folgenlosen Elendsfaszination, gar von der klammheimlichen Erleichterung, dass die eigenen Kinder es besser getroffen haben. Echte Lobbyisten der Bildungs-Unterklasse sind selten.

In Deutschland leben 14 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Eine Million von ihnen besucht zurzeit die Hauptschule, 80000 im Jahr brechen sie ab. Zweieinhalb Millionen Jugendliche unter 18 Jahren werden in materiellen Verhältnissen groß, die nach offizieller Lesart als »Armut« bezeichnet werden. Irgendwo zwischen dem harten Kern der Schulabbrecher von 80000 und den zweieinhalb Millionen liegt die Zahl der Sorgenkinder – wobei Armut natürlich nicht gleichbedeutend ist mit schlechter Erziehung. Aber sie ist eine Gefahr im Mix mit anderen Faktoren: mit Dauerarbeitslosigkeit, einer verfestigten Sozialhilfe-Mentalität, mangelnden Deutschkenntnissen, Gewalt in der Familie, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Wir haben es mit wenigstens anderthalb Millionen Kindern und Jugendlichen zu tun, die zu Hause nicht lernen, was es heißt, sich anzustrengen, sich an Regeln zu halten oder sich an den eigenen Erfolgen zu freuen. Notgedrungen wird der Staat da zum Ausfallbürgen: nicht für mehr finanzielle Transferleistungen, sondern für Maßstäbe.

Es geht nicht anders, denn einer demokratischen Gesellschaft kann es nicht egal sein, ob zehn Prozent ihrer jungen Leute außerhalb stehen: außerhalb des Arbeitsmarktes, außerhalb des politischen Gespräches unter den Bürgern, außerhalb des kulturellen Geschehens. Eine Offensive im Namen derer, die nicht einfach deshalb Bildungs-Lumpenproletariat werden dürfen, weil ihre Eltern sie aufgegeben haben, wird drei Dinge bewirken müssen: eine ideelle wie materielle Stärkung der Hauptschulen; die Beseitigung mancher Mittelschicht-Tabus und Sentimentalitäten, die pragmatischen Verbesserungen im Erziehungsalltag im Wege stehen; die Mobilisierung von Privatleuten mit Verantwortungsgefühl.

Erstens: Schulen stärken. Es ist die Frage, ob der Bundespräsident dafür der Richtige ist – aber jemand, eine Persönlichkeit von großem öffentlichem Gewicht, muss die Hauptschulen zu seiner Angelegenheit machen. Am Beginn einer solchen Offensive für Problemkinder muss eine glasklare Bestandsaufnahme stehen: Wo, in welchen Bundesländern, werden kostenfreie, verbindliche Kindergartenjahre geplant? Wo gibt es Sprachstandsuntersuchungen vor dem Schuleintritt? Was passiert eigentlich mit den Kindern, deren Deutsch für mangelhaft befunden wird? Welche Grundschulen bieten bereits Elternkurse an, und wie bewegen sie die Eltern zur Teilnahme? Welche Hauptschulen kooperieren heute schon mit der Wirtschaft und vermitteln ihre Schüler direkt in Praktika oder Ausbildungspatenschaften?

Ein solcher Katalog der guten Praxis würde zeigen, was möglich ist – und Nachzügler anspornen. Als handfeste Unterstützung der Hauptschulen empfiehlt sich zum einen eine Bevorzugung aller Ganztagsschulprogramme, zum anderen eine Art »Risikostrukturausgleich« für soziale Brennpunkte. Betrachten die Pädagogen dort bisher »schwierige« Schüler oft als Störung ihrer eigentlichen Arbeit, so müssten sie doch in die Lage versetzt werden, die zu Hause versäumte Erziehung eines Kindes zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Aufgabe zu machen.

Zweitens: Mittelschicht-Tabus brechen. Wenn die Schule, und damit das staatliche Bildungswesen, einen Großteil der Erziehungsaufgaben versagender Eltern übernehmen muss, wird das manche Empfindlichkeit der liberalen Mittelschicht reizen. Es gibt in der Klasse der Meinungsbildner einen eigenartigen double standard: Den eigenen Kindern würde man den stundenlangen Konsum von RTL2 oder das hemmungslose Ballern am Computer niemals gestatten. Trotzdem verteidigen viele Wissenschaftler oder Journalisten Fernsehen und Computer immer noch als emanzipatorische Medien. Das sind sie ja auch – in Maßen genossen, zu Hause diskutiert, ergänzt durch Sport und kulturelle Anregungen. Im Konsummodus der Unterschicht aber – stundenlang, unreflektiert gebraucht – erweisen sich diese Medien, darin sind sich Hirnforscher, Psychologen und Pädagogen mittlerweile weitgehend einig, als schädlich. Also muss über sie auch aufgeklärt werden wie über potenziell zerstörerische Drogen.

Drittens: Verantwortungsvolle Privatleute mobilisieren. Nichts ist wichtiger für 10-, für 15-Jährige als Erwachsene, die sich wirklich und wahrhaftig für sie interessieren – und die sie als Vorbilder respektieren. Geradezu segensreich wirkt der Handwerksmeister, der auch nach dem Schulpraktikum »seine« Schüler gelegentlich nach den Noten fragt – und sie ausschimpft, wenn sie faulenzen. Lehrer können die notwendige persönliche Zuwendung für jeden Einzelnen nur in den seltensten Fällen aufbringen. Sie brauchen zivilgesellschaftliche Unterstützung. Manche Städte – ein Beispiel ist Augsburg – haben gute Erfahrungen mit so genannten Sozialpaten gemacht: mit Bürgern, die – ehrenamtlich, aber in Zusammenarbeit mit den Sozialbehörden – anderen Bürgern Schritt für Schritt aus der Armut helfen. Analog dazu könnten »Erziehungspaten« möglichst früh Mitverantwortung für ein Kind, für eine Familie übernehmen, könnten vorlesen, bei den Hausaufgaben helfen, aber auch den Anspruch an die Eltern richten, gefälligst ordentlich für ihre eigenen Kinder zu sorgen.

Wer soll das tun? Wir leben in einem Land, in dem es mehr als zwanzig Millionen Rentner gibt – und ein bis zwei Millionen Jugendliche, die Hilfe brauchten. Nicht jeder Ruheständler wird helfen wollen, nicht jeder wird es können. Viele kümmern sich um die eigenen Enkel, aber manche hätten schon anzubieten, was bei der Arbeit mit den Jugendlichen so verzweifelt gebraucht wird: Zeit, Autorität, Erfahrung.

Die Sorgenkinder sind buchstäblich unsere Kinder. Das ist ein unschön instrumentelles Argument, aber es stimmt: Angesichts der Zurückhaltung der gut Ausgebildeten in puncto Familiengründung wird es über kurz oder lang von existenzieller Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft sein, wie viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen es auf die Universitäten schaffen.

 
Leser-Kommentare
  1. sollten gleichgestellt werden- fianzielle Mittel sollten gleichwertig verteilt werden und ebenso dafuer gesorgt werden dass die Qualitaet der Lehrer gleich gestellt ist.Moeglicher Weise muss man ihnen auch eine Art Bonus zahlen damit sie an Schulen lehren wo es Probleme gibt.
    Man kann nicht zum Nulltarif und ausschliesslich Freiwillige zaehlen und warten um das Niveau an sogenannten Problem-Schulen zu heben.In USA gibt es sogenannte 'BIG BROTHER and SISTER' Vereine wo sich junge Maenner und Frauen um Kinder kuemmern denen ein Elternteil fehlen oder die vernachlaessigt werden.Aber selbst mit diesen Einrichtungen kann man das Problem der 'Schmuddelkinder' nicht loesen da viele Probleme in der Familie bestehen bleiben.

  2. Die Praxis zeigt, dass Erziehung in der Unterschicht und gerade der Problemkinder nicht stattfindet. Zur Erziehung gehören Lehren von Basistechniken wie Ruhig Sitzen, Zuhören, Schuhe Binden, Schneuzen, Anziehen, Zähne Putzen, Körperpflege, Kommunikation, regelmäßiges Essen usw. Hier mangelt es gerade den Problemkindern, weil ihr Elternhaus diese Techniken auch nicht beherrscht. Zu verlangen, dass nun die Schule und damit die Lehrer hier in die Bresche springt, wird wohl nicht möglich sein. Unterricht in sog. Problemvierteln besteht ja zum großen Teil aus Disziplinarmaßnahmen und Erklärungen, wobei die Wissensvermittlung zu kurz kommt und somit auch die Bedürfnisse der Kinder sog. besser gestellter Eltern, damit ist eine Trennung der Kinder aus Unterschicht und Mittelstand vorprogrammiert. Eine Lösung des Problems sehe ich nur darin, dass die Kinder der Unterschicht ihrem Milieu entzogen werden und z. B. in einem Internat erzogen werden. Ist dafür das Geld da?

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