In amerikanischen Kriminalfilmen sieht man gelegentlich folgende Szene: Der Polizeichef und der Bürgermeister nachts in dessen Büro. Die beiden streiten über den richtigen Umgang mit einer gefährlichen Situation. Plötzlich platzt dem Polizeichef der Kragen, er richtet seinen Zeigefinger auf den Bürgermeister, weist dann mit einer vagen Handbewegung auf die dunklen Straßen der Stadt und ruft: "Verdammt, Sie haben ja keine Ahnung, was dort draußen los ist!"

Ähnlich wie der Polizeichef scheinen sich momentan die deutschen Erzieher zu fühlen. Menschen auf verlorenem Posten, allein gelassen im Kampf gegen eine Flut von Unrat, die aus den Vorstädten gegen die Mauern der Bürgerhäuser schwappt. So hilflos scheint man in den Familien den eigenen Kindern ausgesetzt zu sein, dass man sich keinen anderen Rat weiß, als die Super-Nanny von RTL ins Haus zu rufen und sich als Preis dafür von einem Millionenpublikum ins Gekröse schauen zu lassen. So ausweglos scheint die Situation in den Klassenräumen zu sein, dass ganze Lehrerkollegien SOS-Rufe in die Welt funken, in der Hoffnung, von dort möge Hilfe kommen.

In Österreich zog man angesichts des Falls Natascha Kampusch bereits das gesamte öffentliche Schulwesen in Zweifel. Da habe man auf der einen Seite eine Frau, die acht Jahre lang eingesperrt und ohne Kontakt zur Schule gewesen, aber eloquent und gebildet sei, während es andererseits eine steigende Zahl von Schulabgängern gebe, die nahezu kommunikationsunfähig seien. Grund genug, die herrschende schulische Erziehung gründlich infrage zu stellen.

Je verzwickter die Lage, desto eher ist man bereit, auch den abwegigsten Lösungsvorschlägen Gehör zu schenken. Zum medialen Verblödungszusammenhang gehören die Glücksversprechen einer Kaste von schlaudummen Heilsbringern. Mal heißen sie Julius Hackethal, mal Peter Hartz, mal Eva Herman. Mal sollen wir "fleischlos glücklich" werden, mal auf Kupferplatten schlafen, mal unsere Krankheiten im Eigenurin ertränken. Je simpler die Thesen, desto heftiger der Wellenschlag.

Der neueste Katastrophenmanager heißt Bernhard Bueb, war dreißig Jahre lang Leiter der Internatsschule Schloss Salem und präsentiert ein Traktat, mit dem er den Geist der 68er endgültig aus den deutschen Klassenzimmern exorzieren will: Lob der Disziplin heißt sein Werk, das schon kurz nach Erscheinen einen kollektiven Erlösungsseufzer unter den ratlosen Erziehern hervorgerufen hat. Und auch die Journaille schlägt mit den Flügeln vor Begeisterung angesichts des "erfrischenden Tabubruchs". Kaum eine Zeitung, kaum ein Sender, in der Bueb seine schmalen Thesen nicht immer wieder aufs Neue zum Besten geben darf. Flankiert von Bild, FAZ und Spiegel, soll "Deutschlands strengster Lehrer" in den Schulen für "Recht und Ordnung" sorgen. Gerade noch wurde anlässlich der Fußball-WM der angeblich entspannte Patriotismus gefeiert – in dessen Gefolge die NPD nun im Osten ihre Wahlsiege feiert –, schon sollen die Hacken zusammengeschlagen werden.