Menschen wandern: Seit Jahrtausenden begeben sie sich auf die Suche nach dem besseren Leben. Sie fliehen vor Hunger und Gewalt und hoffen auf neuen Wohlstand – wenn nicht für sich selbst, dann doch wenigstens für ihre Kinder. Dafür bringen sie enorme Opfer und nehmen in Kauf, dass ihnen von den Einheimischen in den Zielländern Ablehnung, mitunter gar Hass entgegenschlägt. BILD

Lange nicht haben so viele das bessere Leben gesucht wie heute. Das ist kein Wunder, ist doch nicht nur die Bevölkerung in den armen Ländern rapide gewachsen, sondern auch der ökonomische Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden der Welt. Rund um den Globus leben heute rund 200 Millionen Menschen dauerhaft in einem fremden Land, vor allem in den Industrienationen. In 50 Jahren hat sich ihre Zahl nahezu verdoppelt. Größter Magnet sind die USA, die rund ein Fünftel der Migranten beherbergen.

Zwar zählt die Welt immer weniger Menschen, die nach Kriegen und Katastrophen über die Grenzen flüchten – zuletzt sogar die wenigsten seit einem Vierteljahrhundert. Doch die Ströme der Wanderer aus wirtschaftlichen Motiven, sozusagen auf der Flucht vor Armut und Chancenlosigkeit, schwellen umso mehr an. Auch das Geschäft der Schlepper nimmt zu, und es globalisiert sich: Regionale Ringe kooperieren miteinander, um die Illegalen in dem einen Land auf die Reise zu schicken und in dem anderen einzuschleusen. Relativ viele Frauen begeben sich Studien zufolge in die Hände der Schlepper – nicht bloß Prostituierte aus Osteuropa, sondern auch Putzfrauen von den Philippinen. Eine Karte der großen Wanderungs- bewegungen. Klicken Sie auf das Bild BILD

In der Regel sind es aber gar nicht die Ungelernten, die sich aufmachen, sondern die Studierten und die Facharbeiter. Sie können hoffen, dass sich der Umzug lohnt, und sie haben eher das Geld für die Reise, die Visagebühren oder den gefälschten Pass. Ob polnische Lehrer, die in Großbritannien auf dem Bau arbeiten, oder mexikanische Fachkräfte, die in Kalifornien Wein ernten – sie sind bereit, für mehr Geld weit unten anzufangen.

Die Zugereisten sind auf vielfältige Weise hungrig. Genau das macht sie in den Augen vieler Bewohner der Industrieländer so bedrohlich. Gleichwohl belegen viele Studien, dass die Einwanderung den reichen Nationen nützt. Ob die Auswanderung den armen Ländern ebenfalls nützt, ist weniger klar. Immerhin überweisen die Migranten heute mindestens 230 Milliarden Dollar jährlich in die Heimat, dreimal so viel wie Ende der neunziger Jahre. Das allermeiste davon geht in Entwicklungsländer. Für Bangladesch machen die Zahlungen fast ein Drittel des Devisenaufkommens aus. Doch die schönen Dollar und Euro haben ihren Preis: Zu Hause fehlen die Leistungsträger. Während kanadische Ärzte in die USA abwandern, öffnet sich Kanada für südafrikanische Mediziner. Kein Problem. Südafrika holt sich dann eben teuer ausgebildete Fachkräfte aus Mosambik. BILD

Und Deutschland? Wenn die Migration ein Zeichen für die wirtschaftlichen Aussichten eines Landes ist, sieht es schlecht aus. Es wandern mehr Deutsche aus als aus dem Ausland zurückkommen. Fast die Hälfte der Reisewilligen ist unter 30, und viele werden die alte Heimat so schnell nicht wiedersehen. Gerade junge Forscher. Gerade junge Fachkräfte. Gleichzeitig meldet die deutsche Wirtschaft 18000 freie Ingenieursstellen.

Beim Zuzug hoch qualifizierter Ausländer ist Deutschland ebenfalls abgeschlagen unter den Industrieländern. Zwar ist fast jeder fünfte Bewohner und sogar fast jedes dritte Kind im Land ein Erbe der Migration, aber erst seit kurzem versuchen die Deutschen, Zuwanderungspolitik unter ökonomischen Erwägungen zu betreiben. Dabei hat etwa das Green-Card-Programm nicht die erhoffte Flut von Computer-Indern ausgelöst. Vergangenes Jahr kamen nicht mal tausend so genannte Spitzenkräfte ins Land. Gründe gibt es viele: Befristungen, hohe Hürden für Familien, harte Bedingungen für einwandernde Jungunternehmer. Deutsche Arbeitgeber fordern ein Punktesystem für Zuwanderer wie in den USA, um die Bestmöglichen zu bekommen. Aber die Deutschen lernen auch, dass ihr Land nicht so attraktiv wirkt, wie sie vielleicht dachten. BILD