DIE ZEIT: Herr Kerner, welche Bilanz ziehen Sie für Ihr bisheriges Jahr 2006?

Johannes B. Kerner: Es war geprägt von einem Fußballsommer. Ein herrliches Erlebnis, auch ein herrliches Fernseherlebnis.

ZEIT: Und Sie waren das Werbegesicht zum Börsengang der Fluglinie Air Berlin. Sie sind dafür scharf kritisiert worden, auch von Ihrem Arbeitgeber.

Kerner: Das haben Sie gut beobachtet.

ZEIT: Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Affäre gewonnen?

Kerner: Affäre würde ich das nicht nennen, ich möchte lieber Angelegenheit sagen. Also, bitte schön: Da ist ein Kumpel von mir, der Vorstandsvorsitzende von Air Berlin, und der hat mich Anfang des Jahres aus dem Skiurlaub angerufen und gefragt: "Kannst du dir das vorstellen?" Und ich habe gesagt: "Warum denn nicht?" Dann haben wir am 1. Februar den Vertrag geschlossen.

ZEIT: Wie viel Geld haben Sie für den Werbevertrag bekommen?

Kerner: Erstaunt es Sie sehr, dass ich diese Frage nicht beantworte?

ZEIT: Und nie ist Ihnen der Gedanke gekommen, dass es als Journalist problematisch sein könnte, für einen Börsengang zu werben?

Kerner: Ich frage vor solchen Entscheidungen immer einige Leute aus meinem Umfeld, zum Beispiel meinen Anwalt, den Chefredakteur meiner Talksendung und meine Frau. Und natürlich habe ich vorher die Verantwortlichen im ZDF informiert, zu dem Zeitpunkt war ich vertraglich verpflichtet, sie über werbliche Aktivitäten zu informieren. Ab nächstem Jahr ist das genehmigungspflichtig für mich.

ZEIT: Sie selbst sahen in dem Fall kein Problem?

Kerner: Nein.

ZEIT: Und niemand warnte Sie?

Kerner: Niemand! Kein Mensch sah darin ein Problem!

ZEIT:Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, hat Sie aber öffentlich kritisiert mit dem sehr eindeutigen Satz: "Wer wirbt, ist kein Journalist."

Kerner: Ich achte seine Meinung.

ZEIT: Sehen Sie nicht die moralische Ebene der Diskussion?

Kerner: Darüber können wir gerne streiten. Aber lassen Sie mich vorher noch etwas anderes sagen. Nachdem bei mir der erste Schock vorbei war, habe ich mich hingesetzt und überlegt: Wie funktioniert so etwas? So viel Gegenwind habe ich ja in meiner Karriere noch nie bekommen. Heute habe ich da meine eigene Analyse.

ZEIT: Und die lautet?

Kerner: Es gehört eine gute Portion böser Wille dazu. Eine Sau muss ja durchs Dorf getrieben werden. Franz Beckenbauer hat einmal gesagt: "Wenn etwas Schlimmes passiert, kannst du nur hoffen, dass ein Krieg ausbricht." In meinem Fall ist keiner ausgebrochen. Es war sicher für manche besonders reizvoll, dem netten Herrn Kerner eins mitzugeben – das dann auch noch in Kombination mit dem erfolgreichen Unternehmer Hunold! Zwei dicke Mücken mit einer Klappe! Da konnte man mal so richtig draufsemmeln.

ZEIT: Wen meinen Sie mit "man"?

Kerner: Die Richtigen werden sich angesprochen fühlen.

ZEIT: Der Redaktionsleiter Ihrer Sendung ist der Bruder des Unterhaltungschefs von Bild

Kerner: …sein Bruder ist sogar stellvertretender Chefredakteur bei Bild, aber wie auch immer. Schuld an der ganzen Air-Berlin-Angelegenheit ist die Bild am Sonntag, die schrieb: "Experten warnen vor Kerner-Aktie." Bei der Berichterstattung musste, typisch Boulevardpresse, der Eindruck entstehen, es sei ungefähr so gelaufen: Eine Frau hat jeden Tag, und zwar seit 40 Jahren und bis in die Nacht hinein, nach Feierabend Schals gestrickt, die sie auf Floh- und Wochenmärkten verkauft hat. Den so nach 40 Jahren auf 5000 Euro angewachsenen Gesamterlös investiert sie nun in die Air-Berlin-Aktie – und schwupps ist das Geld komplett futsch. Was ja vollkommener Unsinn ist.

ZEIT: Es reicht doch schon, wenn Rentner, die Ihre Sendung gern sehen, durch die Werbung dem netten Herrn Kerner glauben, diese Aktie sei sicher, und einiges an Ersparnissen verlieren. Haben Sie bei dieser Vorstellung keine Skrupel?

Kerner: Aber ich bitte Sie! Die Leute sind doch nicht mehr so doof wie vor dem Absturz der Telekom-Aktie. Aus diesen konstruierten Fällen, die es nie gegeben hat, so viel Wind entstehen zu lassen, ist bemerkenswert. Heute ist der Kurs, der zwischenzeitlich unter dem Ausgabekurs lag, bei über zwölf Euro. Bisher hat noch niemand angerufen und mit mir über den theoretischen Gewinn gesprochen, den die Leute jetzt gemacht haben. Vielleicht könnte das mal jemand schreiben! Heute könnte ich mich hinstellen und sagen: Seht ihr, nichts da mit Verlusten, es wird Gewinn gemacht.

ZEIT: Herr Kerner, es geht vor allem um die moralische Frage, ob ein Journalist, der für einen öffentlich-rechtlichen Sender arbeitet wie Sie, werben sollte. Gerade in einer Zeit, in der Grenzen zwischen neutraler Berichterstattung und PR immer öfter verschwimmen.

Kerner: In meinem Fall verschwimmt nichts. Meine Werbetätigkeit ist klar als solche deklariert. Meine journalistische Tätigkeit eindeutig als Programm.

ZEIT: Sie profitieren heute als Werbefigur von der Seriosität eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Kerner: Vielleicht wäre es besser, Sie stellten Fragen und nicht Behauptungen auf.

ZEIT: Sie lenken zum zweiten Mal ab von dieser Frage.

Kerner: Es langweilt mich zunehmend.

ZEIT: Aber uns interessiert es. Also: Profitieren Sie von der Seriosität Ihres Senders?

Kerner: Es ist geradezu umgekehrt, der Sender profitiert von der erfolgreichen Sendung und deren Moderator.

ZEIT: Journalisten und Werbung – das geht zusammen?

Kerner: Zusammen nicht, getrennt. Spätestens seit Hajo Friedrichs: Ja.

ZEIT: Sie haben kein moralisches Problem damit, Werbung zu machen?

Kerner: Richtig, ich halte das nicht für verwerflich, weil ich nicht auf irgendeine Art abhängig bin.

ZEIT: Sie verstehen sich auch weiterhin als Journalist?

Kerner: Diese Tatsache werden die vernünftigen Kräfte auch in der Redaktion der ZEIT nicht in Zweifel ziehen.

ZEIT: Versuchen wir es mit einem anderen Beispiel. Sie machen auch Werbung für ein Tafelwasser. Als während der Olympischen Winterspiele einige Sportler mit Hämoglobin gedopt waren und durch das Trinken von riesigen Mengen Wasser ihre Blutwerte gesenkt haben, gingen Sie auf Sendung mit einem lustigen Selbstversuch: Sie haben einen Tag lang Wasser getrunken und sich dabei filmen lassen. Der Werbeträger für Wasser trinkt Wasser.

Kerner: Dazu sage ich Ihnen ganz ehrlich: Um das eine Prozent von Menschen in Deutschland, die ausschließlich böse Gedanken haben, also Menschen wie Sie, kann ich mich nicht kümmern.

ZEIT: Können Sie in Ihren Sendungen noch unschuldig Wasser trinken? Verstehen Sie das Problem nicht, das durch Vermischung von Journalismus und Werbung entsteht?

Kerner: Nicht in der lachhaften Zuspitzung, die Sie formulieren. Werbung ist ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft, auch Ihre Gehälter werden übrigens davon bezahlt.

ZEIT: Aber es steht in der ZEIT nicht unter Artikeln: Dieser Text wurde Ihnen präsentiert von Mineralwasser XYZ.

Kerner: Sie meinen, ehrlicherweise sollte man das einführen? Interessanter Vorschlag.

ZEIT: Herr Kerner, warum machen Sie eigentlich Werbung?

Kerner: Diese Frage habe ich schon zu oft beantwortet.

ZEIT: Geld allein kann es nicht sein. Sie verdienen sicher mehr als genug.

Kerner: Woher wissen Sie denn, was für mich genug ist?

ZEIT: Was verdienen Sie denn genau? Die Bundeskanzlerin, um nur ein Beispiel zu nennen, bekommt 15000 Euro im Monat – ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Kerner: Die Bundeskanzlerin sollte wohl mehr bekommen.

ZEIT: Es könnte ja sein, dass es auch einen Wettbewerb gibt unter Moderatoren: Wer bekommt die dicksten Verträge?

Kerner: Nein, diesen Wettbewerb gibt es nicht, zumindest ist er mir nicht bekannt.

ZEIT: Hat nicht Ihre Kollegin Sandra Maischberger gesagt: Die Jungs stehen beieinander und zeigen sich, wer den größeren Werbevertrag hat, so wie man früher mit den Jungs zusammenstand, um zu zeigen, wer den Längsten hat?

Kerner: Mir hat sie es nicht gesagt.

ZEIT: Der Berliner Zeitung haben Sie 2004 zum Thema Einkommen und Werbung gesagt: "Man muss die Tonne rausstellen, solange es regnet."

Kerner: Ja, das ist ein Spruch, den ich schon einmal gemacht habe.

ZEIT: Und er gilt heute noch?

Kerner: Dieses große afrikanische Sprichwort wird auch mich überleben.

ZEIT: Ihre Werbeverpflichtungen haben zur Folge, dass Sie selbst in Ihren eigenen Sendungen verspottet werden. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt war kurz nach Beginn der Air-Berlin-Affäre bei Ihnen zu Gast und fragte Sie zur Belustigung des Publikums: "Kommen Sie raus aus der Geschichte?" Als Sie nach kurzem Geplänkel schließlich das Thema wechseln wollten, es ging in Ihrem Gespräch ums Rauchen im Fernsehen, sagten Sie: "Wir wollten ja über Abhängigkeiten reden." Da nutzte Hildebrandt das zur Pointe "Ja, eben!", daraufhin Lacher und Applaus im Publikum.

Kerner: Wenn die Leute im Publikum sich amüsieren – wunderbar! Ist doch herrlich! Deshalb haben wir die Stelle auch gesendet und nicht herausgeschnitten.

ZEIT: Wenn nächste Woche aus irgendeinem Grund Ihr Freund Joachim Hunold ein interessanter Gast für Ihre Sendung wäre…

Kerner: …dann würde ich ihn bestimmt nicht einladen, keine Sorge. Ich werde dann seine Telefonnummer vertrauensvoll an Herrn Beckmann weiterleiten.

ZEIT: Werbung spielt in Ihrer Sendung auch auf anderer Ebene eine Rolle. In diesem Jahr hatten Sie das Ehepaar Steffi Graf und Andre Agassi zu Gast. Zu diesem Zeitpunkt war Steffi Graf in Deutschland, um Werbung für ihr Parfüm zu machen. Der Produktname wurde einmal erwähnt, am Ende des Gesprächs sind Sie aufgestanden und haben an ihr gerochen.

Kerner: Das wollte ich schon immer mal. Ich habe Andre Agassi gefragt, wie sie riecht. Da hat er gesagt: "Du musst schon selbst an ihr riechen." Daraufhin fragte er mich: "Und?" Meine Antwort: "Dazu sage ich jetzt nichts."

ZEIT: Kein Problem in Ihren Augen? Sie spielen das PR-Spiel von Frau Graf mit.

Kerner: Ich spiele kein Spiel mit, wie Sie glauben. Diese Sendung war die besteingeschaltete People-Talkshow aller Zeiten.

ZEIT: Der Erfolg rechtfertigt die Mittel?

Kerner:Honi soit qui mal y pense.

ZEIT: Auf Deutsch: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Herr Kerner, mittlerweile ist Ihr Name schon zu einem Verb geworden, mal wird über die "Kernerisierung des ZDF" gelästert, mal über die Kernerisierung des Fernsehens insgesamt. An Ihnen wird eine gesamte Entwicklung der Öffentlich-Rechtlichen personalisiert.

Kerner: Ich habe dazu schon häufig Stellung genommen, meine Ansichten dazu haben sich nicht geändert. Den Fakt, dass Kernerisierung kein Verb ist, lassen wir bei der Beantwortung jetzt mal außer Acht.

ZEIT: Es ist ein substantiviertes Verb, aber egal. Der Spiegel jedenfalls kritisiert Sie nicht. Eine Tochterfirma des Spiegels produziert Ihre Sendung.

Kerner: Tatsächlich produziert eine Spiegel-TV-Tochterfirma meine Talkshow. Dass ich nicht kritisiert werde im Spiegel, trifft nicht zu. Wenn es Ihnen zu wenig war, können Sie gerne beim Spiegel ein Kritik-Manuskript einreichen.

ZEIT: Wie ist aus Ihrer Sicht das Feindbild Kerner entstanden?

Kerner: Ach… Ich bin doch kein Feindbild, ich leide nicht an Verfolgungswahn. Ich habe etwas Neues riskiert, viermal wöchentlich einen Talk im Fernsehen, und das in einem relativ seriösen Umfeld. Es hat funktioniert, und dieser Erfolg erzeugt Neid. Hinzu kommt, dass es auch seriösen Journalisten, die ich bei der ZEIT vermutet habe, leichter fällt, uralte Ressentiments aufzuwärmen als inhaltlich über meine Sendung zu reden, wie dieses Gespräch zeigt.

ZEIT: Aber wir reden doch die ganze Zeit über Ihre Sendungen.

Kerner: Lassen Sie mich noch eines klarstellen: Ich arbeite seit zehn Jahren beim ZDF und bin ein treuer Mitarbeiter. Ich halte auch meinen Kopf dafür hin, wenn bei einem Länderspielabend nach dem Match eine Indien-Reportage platziert wurde und wir erst danach wieder Fußball senden konnten. Natürlich sind die Fußballfans da durchgedreht. Oder das Thema Robo-Cup, Roboter spielen Fußball, das haben wir im ZDF ganz groß gemacht, also stand ich vor der Kamera und musste mich plötzlich ernsthaft über Roboter unterhalten. Ich will mich über all das nicht beklagen. Ich hätte mir deshalb gewünscht, aus diesem Bereich des Senders etwas mehr Rückhalt zu bekommen.

ZEIT: Sie meinen die Äußerung von Herrn Brender, ein Journalist werbe nicht?

Kerner: Sie können vermuten, was Sie möchten.

ZEIT: Er könnte einfach Recht haben, finden Sie nicht?

Kerner: Diese Frage ist bereits beantwortet.

ZEIT: Eine These von uns über Ihren Arbeitgeber: Könnte es nicht sein, dass Sender wie das ZDF ganz froh sind, dass Ihre Moderatoren auch mit Werbung Geld verdienen, weil ihnen das die Gehaltsverhandlungen mit den Stars erleichtert?

Kerner: Es gibt noch einen Gedanken darüber hinaus. Die Rezipienten von Fernsehwerbung sind ja hauptsächlich jüngere Leute, ein Publikum, das sich traditionell beim ZDF nicht gerade zuhauf versammelt. Thomas Gottschalk hat mir mal gesagt, dass Kinder auf ihn zukommen und sagen, das ist doch der von Haribo. Es gibt die Theorie: Solange unsere Moderatoren für Werbung interessant sind, sind sie das auch für ein jüngeres Fernsehpublikum. Und auf mich kommen Kids zu, die sagen: "Der Bonaqa-Spot, echt cool, ey!" Insofern kann man durch Werbung auch neues Publikum finden.

ZEIT: Was macht Sie für die Werbung so interessant?

Kerner: Diese Frage sollten Sie besser meinen Werbepartnern stellen.

ZEIT: Wir fragen aber Sie.

Kerner: Und ich beantworte sie Ihnen nicht.

ZEIT: Der Mediensendung Zapp vom NDR haben Sie einmal untersagt, einen Ausschnitt aus einer Talksendung auszustrahlen, in der Sie Ihre Wirkung als Werbefigur erklärt haben.

Kerner: Das ist mein gutes Recht. Wenn ich irgendwo zu Gast bin, lasse ich mir in die Verträge schreiben, dass das Material nur über einen Zeitraum von einem Jahr ausgestrahlt werden darf.

ZEIT: Würde Ihre Sendung dem deutschen Fernsehen fehlen?

Kerner: Das muss der Zuschauer entscheiden. Mir würde sie fehlen, weil es mir auch im neunten Jahr noch großen Spaß macht.

ZEIT: Die Talkshows von Beckmann und Kerner würden fehlen?

Kerner: Wie gesagt, über Kollegen äußere ich mich nicht.

ZEIT: Herr Kerner, Sie sind 41 Jahre alt, arbeiten seit 20 Jahren und machen 140 Sendungen im Jahr. Sie sind einer der erfolgreichsten Moderatoren im deutschen Fernsehen. Wachen Sie manchmal nachts auf und denken: Was soll jetzt noch kommen?

Kerner: Nein. Ich bin völlig schlafsicher.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Susanne Gaschke

Johannes Baptist Kerner, 41, ist in Berlin aufgewachsen und arbeitete zunächst für den SFB, bevor er von 1992 an Sportsendungen und Talkshows für Sat.1 moderierte. Fünf Jahre später wechselte er zum ZDF, wo er heute die "Johannes B. Kerner Show" präsentiert. Zahlreichen Werbeengagements, etwa für Wurst oder Tafelwasser, folgten in diesem Jahr Werbeauftritte für den Börsengang der Fluglinie Air Berlin, wofür er heftig kritisiert wurde

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