Die Welt für Kinder erzähltNichts ist so, wie es scheint

Die Reihe Baobab erzählt »Menschengeschichten« aus Angola und Mexiko. von Birgit Dankert

Luanda, Hauptstadt von Angola, Ende der achtziger Jahre, ein großes Gewirr: Die kubanischen Hilfslehrer wirken rührend in ihrem revolutionären Pathos, bei ihrem Abschied fließen Tränen. Die Tante aus Portugal, dem Staat, der Angola bis 1975 als Kolonie unterdrückt hat, wird zum Risiko, denn offensichtlich kommt sie aus einem verrückten Land, in dem es weder Lebensmittelkarten noch Angst vor der Leibgarde des Präsidenten gibt. Jeder Lügengeschichte von Schulüberfällen paramilitärischer Banden glaubt man, weil Gewalt zur Alltagserfahrung gehört.

Von einem Roman mit Kindheitserinnerungen aus Angola erwarten wir möglicherweise aufrüttelnde Schilderungen blutiger Straßenkämpfe, nachkolonialer Grausamkeiten und millionenfacher Verstümmelung junger Menschen – doch nichts davon steht in Ondjakis autobiografischer Rückschau auf ein paar Monate, die er mit zwölf Jahren erlebte, neugierig, cool und gleichzeitig gefangen in seiner naiv-kindlichen Weltsicht. Der Autor wählt die traditionsreiche Form des Schelmenromans, und die beschränkte Perspektive »von unten« verstärkt dessen Wirkung. Ndalu lebt in einer für angolanische Verhältnisse wohlsituierten Beamtenfamilie, Armut, marode Infrastruktur, Bespitzelung und Gewalt zählt er zum normalen revolutionären Leben. Defizite spürt er nur, wenn sie seine Schuljungen-Freiheit einengen: wenn der Schweißgeruch zu penetrant wird, wenn immer mehr gute Freunde nach Portugal ausreisen, wenn er zu Hause mitarbeiten muss, weil der Koch gestorben ist.

Nach einiger Zeit begreift man das Buch als »nachgetragene Liebe« für den Koch und väterlichen Freund António. Er schien nur ein Relikt aus der Kolonialzeit, in Wirklichkeit aber war er viel mehr als ein Hausangestellter: ein Beschützer der Familie, im Untergrund aktiv, schließlich ein Opfer der Machtkämpfe zwischen den Bürgerkriegsparteien. Vor den Augen des Jungen verändert sich das Land, er spürt und sieht, aber erkennt und begreift es nicht. Für dieses Phänomen hat Ondjaki ein wunderbar eindringliches Bild gefunden: Der duftende Avocadobaum vor dem Haus streckt sich, ist Freund und Schutz. Seine Schönheit, sein Grün verdecken und enthüllen zugleich, was in seinem Umkreis vor sich geht. Aber der hungrige Junge ist vor allem an einem interessiert – an den herunterfallenden Früchten.

Ondjaki ist der Künstlername für den 1977 geborenen angolanischen Autor Ndalu de Almeida, der heute in Portugal lebt. Wie Diktaturen in Afrika funktionieren, was Sozialismus in Uganda für Kinder bedeutete, hat er in Bom dia camaradas beschrieben, voller Sehnsucht nach der Magie seiner Heimat und Kindheit, voll von Gerüchen, von Gefühlen des Glücks, der Geborgenheit und Sehnsucht mitten in Elend und Gefahr.

»Zu Hause« erlebt, in Europa geschrieben – so sieht heute in den meisten Fällen die literarische Authentizität afrikanischer Kinder- und Jugendliteratur aus. Die engagierte Kinderbuchreihe Baobab (Affenbrotbaum), die seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbücher aus anderen Kulturen unterstützt und in den deutschen Sprachraum bringt, trägt diesen literarischen Wanderbewegungen Rechnung und sucht nicht mehr nur nach genuin afrikanischen Texten. Ähnlich verhält es sich mit der Übernahme von Eine Pinata zum Geburtstag, einem ursprünglich in San Francisco publizierten Bilderbuch von Carmen Lomas Garza. Die 1948 in Texas geborene Malerin mexikanischer Abstammung kommt aus der Chicano-Bewegung, die seit Ende der sechziger Jahre für die bürgerlichen Rechte der in den USA lebenden Mexikaner kämpft. Sie führt ihren Kampf mit Bildern naiver Malerei, in den USA wurde sie damit durch Ausstellungen, Literaturpreise und eine große Zahl erfolgreicher Bücher populär.

Auf zwölf bunten Farbtafeln aus den Jahren 1985 bis 2000 stellt sie den mexikanischen Alltag detailreich dar: eine Geburtstagsfeier, bei der eine Pinata voller Geschenke aufgeschlagen wird, der Besuch einer Naturheilerin, Jahrmarkt, Hochzeit, ein Fünfzehn-Jahre-Fest für Mädchen ganz in Rosa und schließlich Weihnachten. Bilder aus der Welt der Chicanos in den fünfziger und sechziger Jahren, und sie strahlen bis heute das aus, was Lomas Garzas Kunst verkünden will: Würde, Heimat, Respekt vor einem Kulturraum, der zwar arm, aber nicht wertlos ist. Es gibt viel zu entdecken auf den eingängigen Tableaus, jede Einzelheit erzählt eine kleine Geschichte und transportiert die besondere Atmosphäre halb indianischer, halb hispanischer Kultur, die sich mit der industriellen Weltmacht USA konfrontiert sieht. Das »sanfte Gesetz« der naiven Malerei versöhnt Kinder farbenreich und fröhlich mit einer Situation, die politisch unvermindert brisant bleibt.

Der Text des querformatigen Bilderbuches – lose aneinander gereihte Erinnerungen zu den Bildsituationen – ist in deutscher und spanischer Sprache abgedruckt. Damit wird das Buch auch für Integrationsprogramme in Sprachkursen und Schulen tauglich. Im Anhang finden sich einfache Rezepte typischer mexikanischer Gerichte, wie sie auf den Farbtafeln auftauchen – Tacos, Empanadas oder Tamales. Auch daraus speist sich die Hoffnung, dass das Bilderbuch nicht nur pädagogisch Appetit macht. Birgit Dankert

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    • Schlagworte Angola | Bilderbuch | Jugendbuch | Jugendliteratur | Kolonialzeit | Malerei
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