Die Kanzlerin ist zu Besuch in der Wirklichkeit. Bethel, Bielefeld am vergangenen Montag: kleine Kinder, die unter stündlichen epileptischen Anfällen leiden, Eltern, die sich aufreiben zwischen ihren kranken und gesunden Kindern – und ein Krankenhaus, das für die kleinen Patienten offenbar alles Menschenmögliche tut. Weniger als alles, denkt man, wäre hier auch nicht genug. Hat das Leben in Bethel irgendetwas mit der Gesundheitsreform im fernen Berlin zu tun?

Vermutlich schon. Als Angela Merkel ins Freie tritt, wedelt eine Frau mit den Armen und schreit: "Frau Merkel, hauen Sie endlich auf den Tisch, das erwarten wir von Ihnen!" Es schwingt Verzweiflung mit, das Gefühl, nicht mehr gehört zu werden von der Politik.

Wundern darf das niemanden in Berlin. Immerhin hat das Volk noch vor kurzem versucht, per Stimmzettel eine Botschaft an die Politik zu senden. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin vor 14 Tagen gewannen die Wahlverweigerer, die braunen und sonstwie abwegigen Parteien, während die Volksparteien erbärmlich abschnitten. Was seitdem passiert ist, muss als ein schwerer Fall von Autismus gelten: Erst sagten Vertreter von SPD und CDU, wie erschüttert sie über den Erfolg der NPD und das mangelnde Zutrauen in die Demokratie seien. Als Nächstes erklärten sich alle trotz herber Stimmverluste zu Siegern. Am Ende der Woche schließlich hatten sich die Fachpolitiker beider Parteien in den Verhandlungen zur Gesundheitsreform so weit zermürbt, dass die Vorsitzenden Beck und Merkel vor die Presse traten, um zu erklären, man hole das Ganze jetzt "auf die politische Ebene", um "keinen Zweifel an Zusammenhalt und Lösungsfähigkeit der Großen Koalition entstehen zu lassen". So viel Chaos war selten.

Sind die noch ganz bei Trost?, fragt sich der Bürger. Ja und nein, lautet die Antwort. Viele einzelne Politiker verhalten sich zumeist verantwortungsbewusst und vernünftig, alle zusammen drehen immer öfter durch. Wie kommt das? Der Grund liegt in dem gigantischen Experiment, das in Berlin derzeit durchgeführt wird. Was so routiniert Gesundheitsreform genannt wird, ist in Wahrheit etwas gänzlich Neues. Es ist der Versuch, eine maximal komplizierte, systemverändernde Reform mit der größtmöglichen Zahl Einspruchberechtigter bei absoluter Simultaneität unter der Bedingung knappster Kassen durchzuführen. Hier wird die Belastungsgrenze des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland getestet. Gerät es aus den Fugen?

Schuld sind die Medien, sagen Politiker gern. Tatsächlich heizen fragwürdige Meldungen die Situation an. Doch anders als Politiker vermuten, steckt dahinter keine Strategie. Die Journalisten stehen genauso unter Stress wie die Politiker, wenn auch aus anderen Gründen. So entsteht Politik als Produkt einer Jagd von Gejagten, zufällig, unfallträchtig. Zu dieser Art von Unfall-Politik gehört die vermeintliche Entlassung der Gesundheitsministerin oder der angebliche Abschied Angela Merkels vom Gesundheitsfonds. Wenn solche Enten zu Wasser gelassen werden, dann kostet das die wichtigsten Männer und Frauen der Koalition zwei wertvolle Stunden: eine zum prophylaktischen Dementieren – und eine zweite, um herauszufinden, ob die Meldung nicht vielleicht doch stimmt.