Kinder stellen sich das manchmal vor: Eines Morgens wacht man auf und ist allein. Die Schule ist geschlossen, die Eltern sind verschwunden. Die Welt hat nur noch einen einzigen Besitzer: mich selber. BILD

Der Einfall hört sich etwas großmäulig und menschheitsparabelartig an, ist aber genial. Der 38-jährige österreichische Autor Thomas Glavinic hat den Kinderglücksalbtraum beim Wort genommen und seinen Helden Jonas einen langen, sehr beeindruckenden Roman über mutterseelenallein gelassen. Ein 400-seitiges Romanleben ohne das landläufige Drumherum des Menschlichen, ohne Sagte-sie-sagte-er, ohne jeden herzerwärmenden Firlefanz. Ein ungeheueres Wagnis. Das sich auszahlt.

Jonas erwacht an irgendeinem 4. Juli, und alle sind verschwunden. Was ist das? Irgendjemand hat sie verschluckt, oder irgendjemand hat Jonas verschluckt. Ein Fisch? Sitzt Jonas im Bauch des Wals? Vielleicht, denn immerhin heißt er ja so wie sein alttestamentlicher Vorgänger. Wir werden es nicht erfahren. Aber sollte Jonas wirklich aus unerklärlichen Gründen im Bauch eines Wals gelandet sein, handelt es sich um einen der bekannten Welt zum Verwechseln ähnlichen Bauch. Einen Bauch voller zirpender Handys, flackernder Lichter und übrig gebliebener Hochglanzmagazine, die noch ein wenig erzählen von der großen Sehnsucht des Homo sapiens nach hippen Tuchwaren, chromglänzenden Fortbewegungsmitteln und anderem Schnickschnack. Der ganze Luxus steht noch überall herum, nur ist niemand mehr da, der ihn haben will. Jonas ist vollkommen allein. So allein, wie wir es alle einmal in einem Bauch gewesen sind. So allein, wie wir es bald in einer Bretterkiste wieder sein werden. So allein, wie man es in der Ewigkeit ist.

Das hat Pascalsche Dimensionen. Die Welt mitten in Wien ist so still, dass man auf dem ausgestorbenen Heldenplatz das Schweigen der unendlichen Räume zu hören glaubt. Und irgendwo ganz klein steht ein letzter Mensch, der sich fragt: Ist da noch jemand?

Eine ungeheuerliche Frage und doch dieselbe, die wir Tag für Tag ins All funken, die wir uns Nacht für Nacht beim Blick auf den Sternenhimmel stellen. Ist da noch jemand, oder sind wir für immer und ewig allein? Machen wir das alles nur für uns, oder sieht uns irgendjemand zu? Eine hilflose, bohrende Frage. Eine Frage wie was? Wie sie die Bibel tapfer beantwortet und die Literatur stur immer wieder stellt? Wie sie jeder stellen kann, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt? Jedenfalls eine gute Frage.

Als Erstes fehlt das Frühstücksfernsehen. Flimmern auf der Mattscheibe. Dann kommt der Bus nicht. Dann hebt niemand mehr das Telefon ab. Dann hat der Computer keine Verbindung mehr. Es gibt keinen Notruf mehr, keine Feuerwehr, keine Zeitansage. Es dauert keine Stunde, bis Jonas weiß: Die Welt antwortet nicht. Er ist der letzte Mensch.

Ab Seite 17 steht fest, dass man mit diesem jungen Büroangestellten nun einige hundert Seiten lang vorliebnehmen muss. Und dass man es mit ihm in dieser Zeit nicht gut haben wird. Aber das macht nichts. Er ist durchaus keine unangenehme Gesellschaft. Das Erste, was er tut, als er weiß, dass er allein ist, beruhigt uns. Wir haben es nicht mit einem alteuropäischen Hysteriker zu tun. Im Gegenteil, der Mann ist von heute, er vergleicht sich nicht mit Orpheus in der Unterwelt oder Sisyphos auf dem Berg, nicht mit Diogenes in der Tonne oder Christus auf dem leeren Weltengebäude. Er sieht sich erst mal ein paar Videos an, Komödien. Solange der Strom noch fließt, das Benzin nicht versiegt, wird nach vorn gelebt.

Diese Modern-Style-Gelassenheit macht die Sache nicht besser, das Buch allerdings durchaus. Der Widerspruch, der sich zwischen der metaphysischen Tragödie von alttestamentarischer Wucht und ihrer nüchternen, überwiegend technischen Erkundung durch den Helden auftut, muss dem Roman als Spannung und wachsende Irritation gutgeschrieben werden. Als wohlerzogenes Kind seiner verstorbenen Dienstleistungsgesellschaft checkt der letzte Mensch zunächst die wichtigsten Anbieter durch, Internet tot, Bahnhof leer, Geldautomat okay, Flughafen tot, Supermarkt okay, Restaurants okay und so weiter und so kontrollwahnhaft immer fort. Das voraussehbare Ergebnis: Das Konsumparadies hat weiterhin vierundzwanzig Stunden geöffnet. Was fehlt, ist einzig das große unbeantwortbare Wozu.

Schon bei herkömmlicher Massenmenschhaltung gehört diese Frage zu einem der unlösbaren Welträtseln. In der leeren Welt hat der Fetisch Ware seine Kraft endgültig verloren, der altbewährte Herzschrittmacher der westlichen Welt steht still. Die einzige Währung, die in dieser Leere noch Gültigkeit hat, ist die des Sentimentalen. Was zählt, sind die Sedimente der Emotion und der Erinnerung. Die alten, abgetragenen Schuhe, das alte Auto, die vertrauten Möbel, die Wohnung der Eltern, der Koffer der Geliebten. Anders als sein prähistorischer Namensvetter wendet Jonas sich nicht an Gott, sondern hält sich an die zurückgelassenen Reliquien seiner Gefühlsgeschichte. Marie, die Geliebte, steht im Zentrum seiner Erlösungswünsche. Auf der Suche nach ihr wird er sogar den Eisenbahntunnel nach England passieren, sich bis nach Schottland durchschlagen, nur, um am Ende die Trophäe ihres zurückgelassenen Urlaubskoffers nach Hause zu bringen.

»Die Tiefe umringte mich«, erzählt der Jonas des Alten Testamentes, als er von seiner Einsamkeit im Bauch des Fisches berichtet, »ich schrie«, schreibt er, »aus dem Rachen des Todes«. Der moderne Jonas schreit auch, aber nicht zu Gott, sondern in sein Handy. Er spricht mit sich. Er fragt sich, ob er gut geschlafen habe. Er installiert in der Wohnung eine Videokamera und bewacht seinen Schlaf. Am Tage sieht er sich den nächtlichen Jonas im Fernsehen an. Und was er da sieht, erschreckt ihn bald noch mehr als die Verlassenheit. Was er sieht, ist, dass er sich des Nachts vollkommen fremd ist. Ein Wesen mit kalten Augen, einem unkontrollierbaren Eigenleben und unauslotbaren Trieben.

Mehr und mehr zieht Jonas etwas auf die andere, die Nachtseite des Lebens. Nicht aufdringlich und mit erhobenem erzählmoralischem Zeigefinger, sondern sanft, beinahe unmerklich zieht Thomas Glavinic seinen Probanden hinüber in die Dunkelheit des nicht begreifbaren Teils menschlicher Existenz. Wunderbar ist der Einfall, dass es nicht nur die bis auf weiteres unaufhebbare kosmische Verlassenheit des Menschen ist, die ihn zu Fall bringt, sondern seine hilflosen Strategien ihrer Bewältigung.

Mit Psychopharmaka versucht er den Schlaf und jenen Fremden, der er selbst ist, auszuschalten. Mit Videokameras, die er auf seinem Weg durch Europa willkürlich verteilt, versucht er, Herr über die Zeit zu werden. Was, will er wissen, gibt es da, wo ich nicht bin? Und gibt es überhaupt etwas da, wo niemand mehr ist? Gibt es noch ein Jetzt, wenn keiner mehr zuschaut?

Alles sehr vernünftige Fragen, allesamt gut geeignet, jemanden um den Verstand zu bringen oder endgültig zur höheren Vernunft. Als Jonas dort angelangt ist, verlässt er uns, verständlicherweise. Er springt vom Stephansdom hinab, Maries Koffer in der Hand. Die Zeit, so viel verrät er uns auf seinem letzten Flug, ist kein Nacheinander, sie ist ein Nebeneinander. Die Jahrtausende sind Nachbarn. Schwer zu sagen, ob das eine gute Nachricht ist. Sicher ist: Sie steht in einem sehr guten Buch.

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