Das hatten wir auch noch nicht, dass eine Literaturbeilage einen Roman erzählt, zumindest zur Hälfte. Und die andere Hälfte ein Wolf Haas, der vorher Krimis geschrieben hat mit dem Privatdetektiv Simon Brenner als Helden. Die beiden, Literaturbeilage und Haas, reden über einen Roman und darüber, wie er gemacht ist. Dieses Reden wiederum ist der Roman Das Wetter vor 15 Jahren. Alles klar?

Will man es genauer wissen? Am Ende sogar lesen? Nun ja, der passionierte Wolf-Haas-Leser sicherlich. Der ist brennend daran interessiert, wie es nach sechs erfolgreichen, x-mal als Film und Hörspiel verarbeiteten Brenner-Krimis weitergeht, ob Wolf Haas, von dessen Kämpfen um eine post-Brennersche Schriftstellerexistenz man immer wieder hören konnte, ob dieser Wolf Haas die Kurve gekriegt hat, raus aus der uneigentlichen Quasi- und »Was glaubst du«-Welt seiner Krimiparodien und rein in eine andere Literatur, die trotzdem nicht die richtige, hohe, literaturbeilagenapprobierte potenzielle Büchnerpreisliteratur ist. Für diese halböffentlich ausgetragene literarische Raus-und-rein-Aktion hat sich Wolf Haas die Latte ziemlich hoch gelegt, obwohl sein Ansinnen auf den ersten Blick bescheiden klingt. Er wollte, so hat er es schön gesagt, nur die Oberflächentextur seiner Romane ändern, die Struktur aber beibehalten. Im Bild alter Schallplatten gesagt: Er wollte eine Spur, eine Rille finden genau zwischen dem alten Brenner-Roman-Jargon, der ja sehr österreichisch eigen ist, und dem Hochsprachenliteraturidiom à la Literaturbeilage.

Den Haas-Fans also ist das alles natürlich hochspannend und wahrscheinlich auch hochkomisch schon mit der ersten Zeile. Die anderen aber, die kalauerabstinenten Quasi-Normalleser, was machen die mit dieser so komplexen wie aberwitzigen Erzählkonstruktion des neuen Romans? Und: Warum sollen die etwas damit machen?

Sie sollen, weil Das Wetter vor 15 Jahren auch eine sich langsam aufschaukelnde Screwball-Komödie ist, in der alles, was geredet wird, über Schreiben, Autorschaft und Roman und so weiter, nach und nach in immer turbulentere Handlung übersetzt wird, bis am Ende Dauerreflexion und Handlungsexzess explosionsartig im grande finale zusammenfallen – mit einem Bang und einem Jauchzer.

Zugegeben, es dauert, bis der Roman in Fahrt kommt. Haas hat eine Dramaturgie der Verlangsamung, der Retardierung gewählt, doch aus dem einzigen Grund, wie man nachher wissen wird, um den Höhepunkt zu einem rauschhaften Erlebnis zu machen, bei dem einem Hören und Sehen und Heiraten vergehen. Es ist die Dramaturgie eines könnerhaft inszenierten Geschlechtsaktes. Wir steigern noch ein bisschen, dann gehen wir den Berg ein Stück hinunter und wieder hinauf, dann ist da schon die Stromautobahn und der Schmugglerkeller und das Waffenmagazin … und bevor es knallt, gehen wir wie in amerikanischen Wedding-Komödien noch in die Kirche und lassen alles auf das Jawort zurollen, während aus dem nahen Berg der Donner der Explosion zu rollen beginnt. Ja, am Ende ist man, der Leser zumal, glücklich aufgeputscht, aber auch ein bisschen postkoital erschöpft.

Also, die Sache läuft so im Roman von Wolf Haas: Ein Schriftsteller namens Wolf Haas hat einen Roman geschrieben über einen Gast bei Gottschalks »Wetten dass…?«. Diese Kurzzeitberühmtheit, auch noch der Wettgewinner des Abends, heißt Vittorio Kowalski und kann alle täglichen Wetterlagen der letzten 15 Jahre in einem alpinen österreichischen Ferienort auswendig. Das fand der Erzähler Wolf Haas so interessant, dass er den dreißigjährigen Kowalski nach der TV-Show in Essen-Kupferdreh besuchen will, in dem Moment ausgerechnet, als dieser sich zum ersten Mal nach 15 Jahren in sein alpines Feriendorf auf den Weg gemacht hat.

Doch Haas erfährt auch so einiges über den stillen und etwas scheuen Wetterwetter. Dass der nämlich ein Mädchen liebte alldort, vor über 15 Jahren, und dass er dieses Mädchen, die Anni, fast schon vergessen hat, dafür aber 15 Jahre lang jeden Tag in ihrem Dorf angerufen hat, um sich nach dem Wetter zu erkundigen. Dann kommt naturgemäß eine Menge in Bewegung, als Vittorio bei Anni ankommt und diese ihn mit ihrem Verlobten Lukki im Arm – »als Kind eine brutale Sau« – überaus herzlich begrüßt. In Bewegung kommt zum Beispiel der gesamte Hausberg des Ortes, und zwar heftig, um es gleich auf den Punkt zu bringen, doch vorher haben wir schon eine solche genaue Lektion über Vulkanismus und seine Auswirkungen auf das weltweite Wetter gelernt, dass es von dort zur Sexualität und mit Foucault weiter zu politisch-historischen Histörchen (sprich Diskursen) und weiter zur amerikanischen Slapstick-Komödie und von dort zur Erlösung von allen Übeln – im Roman konventionellerweise Happy End genannt – nur noch kleine Schritte sind, die der ungläubig staunende Leser wie in Trance bereitwillig mitgeht.

Das alles, und die vielen Winkelzüge dazwischen, ist nun schwer zu fassen und zu glauben, wenn man nichts über die Erzählstrategie des Romans weiß. Die ist einerseits so außergewöhnlich, dass man den Glauben an neue Formen des Erzählens wiedergewinnen mag, der einem von der Modernekritik ausgeredet wurde; andererseits so vertraut, dass man in ihrem Kern das Postmoderne-Exerzitium schlechthin entdecken kann. Das lautet, an einem Beispiel: Der Satz »Ich liebe dich« ist nicht mehr möglich, deshalb sagt der trotzdem liebende Held: »Wenn wir in einem alten Liebesroman wären, würde ich sagen…« Übertragen auf Das Wetter vor 15 Jahren heißt das: Da ich keinen Roman mehr über die wahnwitzige Liebe eines Ruhrpottknaben zu einem fernen Alpenmädchen schreiben kann, schreibe ich einen Roman über das Schreiben dieses Romans. Am Anfang von Das Wetter vor 15 Jahren liegt dieser Roman schon vor, die Kritik hat geurteilt, und jetzt besucht eine Mitarbeiterin einer deutschen Literaturbeilage den Autor Wolf Haas und redet mit ihm über den Roman, den wir auf diese Weise nicht zu lesen bekommen, wohl aber das Gespräch über ihn. Und zwar vollständig in der Form des Dialogs. Die beiden Redenden sind also »Literaturbeilage« und »Wolf Haas«. Und dann beginnt es ganz langsam:

»Literaturbeilage: Herr Haas, ich habe lange hin und her überlegt, wo ich anfangen soll.

Wolf Haas: Ja, ich auch.

Literaturbeilage: Im Gegensatz zu Ihnen möchte ich nicht mit dem Ende beginnen, sondern –

Wolf Haas: Mit dem Ende beginne ich streng genommen ja auch nicht. Sondern mit dem ersten Kuss.«

Für den Autor des Romans, jenen Wolf Haas, der auf dem Umschlag steht, hat dieses Verfahren leicht ersichtliche Vorteile: Er kann alle Überlegungen zu einer neuen Form, alle Skrupel, alles Selbstmisstrauen, alle vorweggenommenen Einwände und so weiter zum Teil seines Romans selbst machen und den Leser zum Zeugen seiner Wandlung. Für diesen könnte das Exerzitium allerdings langweilig sein, wenn dabei nicht die alte Stärke des Wolf Haas wieder zum Vorschein käme, nämlich in immer neuen ironischen Brechungen sowohl die wirkliche Handlung zu enthüllen, was schlicht Spannung erzeugt, und andererseits diese krimimäßige Plot-Wahrheit selbst zum Bild zu machen für etwas anderes. In den Brenner-Romanen gibt es immer eine Zeile aus einem Lied, sei es ein Kirchenlied (Komm, süßer Tod) oder ein Schlager wie Heintjes Mama, die als Ohrwurm funktioniert. In dieser wiederholten melodiösen Formel enthüllt sich das Geheimnis des jeweiligen Kriminalfalles. Hinterrücks, unbewusst. Früher hätte man gesagt, die Logik der Signifikanten enthüllt das unbewusste Motiv des Subjekts. Im Roman Das Wetter vor 15 Jahren heißt es, mit Lichtenberg, schlichter: »Die Metapher ist klüger als ihr Verfasser.«

Und so funktioniert der ganze Roman: Jedes ausgefächerte Bild, jede Szene, der ganze Plot kann für etwas anderes stehen: das Wetter am Urlaubsort für die Liebe zwischen Kowalski und Anni. Deren Liebe für die Liebe zwischen ihrer Mutter und seinem Vater damals vor über 15 Jahren. Das Liebesnest der beiden für eine Nazi-Waffenschmuggelaktion während des Zweiten Weltkriegs. Die Explosion des Liebesnestes für eine Offenbarung der ganzen Wahrheit; diese Offenbarung für einen Liebeswunsch; der Liebeswunsch für einen Orgasmus »mit silbernem Sternchen«…Man sieht quasi beim Häuten der Zwiebel zu, und man nimmt daran teil. Man ist draußen und drinnen. Und am Ende wird man vor lauter Tränen in den Augen nicht mehr sehen, was zu enthüllen war. Außer dass da jemand ein wirklich lustiges Romanlabyrinth gebaut hat, das über weit mehr verborgene Gänge verfügt, als nachzuerzählen sind.

Ein tolles Stück Prosa hat Wolf Haas damit hingelegt, im Wortsinn. Erstaunlich, wie dicht er die philologisch aufgezäumte Redesituation und die dramatische Geschichte zusammenhält, wie er rafft und zuspitzt und wieder loslässt. Am Anfang ist noch viel österreichische Experimentierlust im Spiel, dann wird’s Billy-Wilder-haft turbulent, gegen Ende ein farbiger Action-Comic, der Schlusspunkt gesetzt von einer Wahnsinnsexplosion und einem zarten Märchenkuss.

Schon in den Brenner-Romanen hat Haas alles aus der haltlosen Suada des Erzählers entwickelt, den Brenner und seine ganze Geschichte. Jetzt entwickelt er alles aus einem Dialog über Literatur. Das ist, wenn jemand danach fragen sollte, ein hochliterarisches Verfahren, weil es ganz der weltschöpfenden Kraft der Form vertraut. Anders als Moritz Basler meint, der Wolf Haas als Kronzeugen einer neuen Pop-Literatur in Anspruch genommen hat, ist Haas ein fein- und eigensinniger Schriftsteller, wie wir wenige haben.