HeimateposKrieg der Religionen

Vikram Chandra hat seiner Heimatstadt Bombay ein gewaltiges Epos gewidmet. von Tobias Gohlis

Don Ganesh, mit 27 bereits Witwer, sitzt im Gefängnis, freiwillig. Nur hier ist er vor den Killern Suleiman Isas sicher, die bereits seine Frau und seinen kleinen Sohn getötet haben. »Ich will einen Fernseher. Und einen richtigen Schrein.«

In Bombay ist das Leben zwischen zwei Polen gespannt. Zwischen Film und Religion, zwischen Schein und Sein. Ein Disput über die Qualitäten eines Filmstars kann nicht ausarten, ein Streit über den Glauben immer. Angelpunkt von Vikram Chandras 1400-Seiten-Epos Sacred Games über seine Heimatstadt ist der Krieg der Religionen und Ethnien, das »Hindu-Moslem-Aufruhrsystem«, wie es Ilija Trojanow nennt. Dort: Bombay, oder wie es seit der hinduistischen Parlamentsmajorität seit 1995 heißt, Mumbai, ist mit 12 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Etwa 200 Sprachen werden hier gesprochen, und einen winzigen Teil dieses Wirrwarrs bildet das Glossar fremdsprachiger Ausdrücke ab, das der Verlag Chandras Roman beigegeben hat. Auf die Frage einer indischen Leserin, warum er seine preisgekrönten in Englisch geschriebenen Erzählungen oft mit Einworttiteln in Hindi versehe, antwortete Chandra: »Ich habe sie wegen ihrer inneren Energie verwendet, wegen der elektrischen Spannung zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten.«

Chandras »Victorian-Indian-Gangster-Spy-Family-Saga« erzählt eine Geschichte, deren Ingredienzien für seine Landsleute täglich erlebte blutige Realität sind. In Don Ganesh, der einen Schrein verlangt, um seine rituellen Gebete sprechen zu können, und ganze Stadtviertel kontrolliert, erkennen die Einwohner Bombays den »Daddy« Arun Gawli, Parlamentsmitglied und Führer einer hindunationalistischen Partei und Gewerkschaft. Und in Suleiman Isa, dem muslimischen Waffen-, Drogen- und Menschenhändler des Romans, gegen den der aufstrebende Ganesh sein Imperium errichten will, erkennen sie leicht den weltweit gesuchten Superverbrecher Dawood Ibrahim. Sieben Jahre hat der in den USA lebende und lehrende Vikram Chandra mit Politikern, Gangstern, Polizisten gesprochen und die Details der blutigen Geschichte recherchiert. Gerade wenn man Chandras weit gespanntes Epos mit einem Blick auf diese Hintergründe liest, wächst die Begeisterung über die Konzentration seiner Erzählung. Nichts an ihr ist literarisch umstürzend neu, Salman Rushdie ist bewundertes, nicht eingeholtes Vorbild. Doch Chandra versteht sich auf weit ausholende Erzählbögen. Eingeschobene Lebensgeschichten und plastische Details lassen ein eindringliches Bild vom täglichen Lebenskampf entstehen. Im ersten Teil des Romans belagert Inspektor Sartaj Singh die bunkerähnliche Villa, in der Don Ganesh sich verbirgt. Über die Gegensprechanlage entfaltet sich ein großer Disput über Gott, die Welt und Bombay. Das Gespräch wird in Rückblenden über den Selbstmord Ganeshs hinaus fortgesetzt. Der Inspektor muss herausfinden, ob Ganeshs Tod eine Bedrohung für den Organismus Bombay bedeutet. Für uns Zaungäste ist das ein Lesevergnügen von Bollywood-Format.

Der 2. Band: »Bombay Paradise« erscheint im November

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    • Schlagworte Krieg | Salman Rushdie | Erzählung | Religion | Bombay | Polen
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