Auftakt ist eine Annullierung. Eine Boeing 747 sitzt im Schneesturm fest. 13 Passagiere müssen eine Nacht lang auf Anschluss warten. In den Duty-free-Shops des Tokyoter Flughafengebäudes gehen langsam die Lichter aus. Der Schnellimbiss schließt. Jemand schaltet CNN ab. Das Flimmern der Gegenwart: erloschen.

Der Schriftsteller Rana Dasgupta hat einen Stillstand erfunden, der zu seiner Biografie der Unruhe passt. Er ist 1971 in Canterbury geboren, in Cambridge aufgewachsen, er studierte in Oxford französische Literatur, um in Aix-en-Provence Musikunterricht zu nehmen. Seinen Studienabschluss machte er in Wisconsin, USA. Rana Dasgupta wollte eigentlich Dokumentarfilmer werden, stattdessen zog er als urbaner Nomade im Dienst eines Marketingunternehmens herum. Heute lebt er in Delhi. Sein Debüt Die geschenkte Nacht hat mit einem üblichen Erstling wenig zu tun. Das Autobiografische ist darin fantastisch verdichtet. Der Roman ist in Delhi entstanden, dem grellen Schauplatz der Globalisierung. Und es ist ein märchenhaftes Buch darüber geworden, wie diese sich anfühlt.

Einer der wartenden Passagiere schlägt vor, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Um schweigend dazusitzen, kennt man sich nun wirklich nicht genug. Die Rahmenhandlung lässt den Flughafen zur Feuerstelle mutieren, die Figuren bleiben unsichtbar. Es geht nur darum, die reale Welt für ein paar Stunden lahm zu legen, erzählerisch entwickelt sich dafür umso größere Dynamik.

Ein Frankfurter Kartograf, der einen Index der Geschwindigkeit erstellt hat, mit dem jeder Ort auf der Welt Gewinne abwirft, geht in Anatolien verloren. Ein Schneider kommt vom Dorf in die Stadt. Der reiche Inder lässt sich auf den Bahamas klonen. Ein flügelloser Vogel läuft von Marseille nach Odessa. Die Pariser Finanzwelt wird von unsterblichen Wechselbälgern regiert. Eine Heilerin aus Bytom, Oberschlesien, isst in Warschau Sushi und begibt sich auf eine tragische Seelenwanderung. Die Erzählbewegung dieses erfindungstollen Romans ist die einer Satellitenübertragung, die das Verwunschene an realen Orten einfängt.

Die Schauplätze sind London, Delhi, Detroit, Lagos, Tokyo, New York oder Buenos Aires, das Buch spielt überall und also irgendwo – und die ödesten Örtlichkeiten sind die Schauplätze des schillerndsten Geschehens. Ein Kosmos des »Es war einmal« ist hier auf die Beine gestellt, eine Welt des »Am nächsten Tag passierte…«, wo der CEO König ist, Filmstars für Gottheiten stehen und die Technik Magie ausstrahlt. In einer der Geschichten redigiert ein Erinnerungsredakteur das Gedächtnis der Menschheit, das im Überborden der Speichermedien verloren gegangen ist. Ein anderes Mal ist ein Mann in die Liebesgeschichte mit einer sprechenden Puppe verstrickt. Oder: Zwei Männer verbringen in Paris ihre letzten Tage damit, ein Wort zu suchen. In der letzten der 13 Storys schließlich, die durch vielfältige Verflechtungen einen Roman ergeben, paraphrasiert sich Rana Dasgupta selbst. Sie heißt Der Traumrecycler.

Das Buch, das seinen Aufbau von den mittelalterlichen Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer oder Boccaccios Decamerone (1348 bis 1351) abgepaust hat, ist eine Übertragung: Volksmärchen im Jetzt-Ton haben sich in die Daten- und Informationsströme eingeloggt. Die wiederum führen in die griechische Vorzeit zurück. »Seine Gedanken schlingerten hin und her wie Börsenkurse.« – »Das Universum war nicht dazu bestimmt, Neologismen wie Jetlag zu verstehen.« – »Man muss nur sein Neonlicht finden, dachte er, dann kommt alles von selbst.« – So hören sich die von Barbara Heller klug übersetzten Sounds des pan- wie popkulturellen Prosawerks an, das Geschichten über Geschichten legt und wie eine Anverwandlung von Borges und Calvino, Murakami und Garcia Márquez, Cyperpunk-Literatur und Comic funktioniert. In seinem Aufsatz Der Erzähler hat Walter Benjamin für die Moderne den Niedergang des Erzählens als kollektiven Erfahrungsaustauschs beklagt, »weil nicht mehr gewebt und gesponnen wird«. Von Rana Dasguptas globalisiertem Erwachsenenmärchen jedenfalls wird diese Verfallsthese grandios widerlegt.

Erzählparadigma ist der Reisende, der in Parabeln berichtet. Psychologisiert wird nicht. Die Transaktionen des Mythologischen erfolgen in diesem Buch weltweit. Typisch ist darin die neue Geschäftsidee, das Wissen traditioneller Medizin in systematischen Datenbanken abzuspeichern. Auf den Visitenkarten der Helden steht: »Jorge Ruiz. Heiler der argentinischen Seele«. Oder: »Syntime AG. Ein Zeiterleben, in dem vergangene und zukünftige Momente gleichzeitig in der Gegenwart existieren«.