Pop: Oha, ein Kultbuchautor
Chuck Klosterman hat "Eine zu 85 % wahre Geschichte" geschrieben. Dafür hat er viel gelesen und noch mehr Musik gehört. Aber leider hat er die falschen Bücher gelesen, die falschen Platten gehört
Das Buch fühlte sich gut an, als ich ihm aus dem engen Zellophan half. Nicht zu dick. Vorn drauf ein guter Titel: Eine zu 85 % wahre Geschichte. Das klingt nach einer Geschichte, die ich gern lesen würde. Dachte ich. Es sah auch gut aus, das Buch. Trug Schmutzumschlag, schick, vorn drauf kein blödes Bild, sondern nur Typografie, beruhigend. Ich klappte es auf. Las den Klappentext. Und: Auf der Innenseite, dort tauchte das erste Problem auf. Dort nämlich war ein Bild des Autors. Eine Fotografie. Da blickte mich ein Typ an, und ich dachte, oh Scheiße, der sieht ja aus wie eine Mischung aus Roger Willemsen und HP Baxter. (Ersterer sollte ja sattsam bekannt sein, Letzterer ist der »Sänger« der Band Scooter.) Blondierte Strähnen hingen ihm in die Stirn bis hinunter auf den Rand seiner klugen Brille. Und er trug ein Lächeln, das Lächeln sagte: Ich verstehe die Frauen, und ich weiß, wie ich sie ins Bett bekomme, auf sanfte Art, mit Quatschen, ich quatsch sie auf die Pritsche, aber dann, dann gibt’s Po-Liebe all night long – außerdem bin ich so was von smart. Tja. Und dann stand da auch noch, wer der Mann war, mit wem man es auf 280 Seiten zu tun bekommen würde. Es stand: »Chuck Klosterman ist Musikjournalist und Kultbuchautor.« Kultbuchautor. Okay, wenn die Frauenzeitschriften in ihren fingernagelgroßen Besprechungen jemanden als Kultbuchautor bezeichnen, dann ist das okay. Aber wenn der Verlag das selbst in die Bücher druckt, dann heißt das, man rechnet mit der Zielgruppe »kranke Kuttner-Kinderschar«.
Dabei hatte ich mich auf das Buch gefreut. Und wie. Als die Anfrage für diese Besprechung kam, da saß ich im Auto. Das Auto fuhr auf einem Zug durch einen schnurgeraden Tunnel mit dem schönen Namen Vereina. Es war stockdunkel. Ich staunte, dass man in diesem Tunnel Handy-Empfang hatte, aber: man hatte. Ich saß im Auto und dachte eben darüber nach, wie schön das Bücherlesen doch ist, denn ich hatte in den Ferien endlich wieder einmal ein gutes Buch gelesen. Der Traum des Jakob Hersch von Mordecai Richler, das ich nach langem Suchen – es ist natürlich auf Deutsch seit langem vergriffen – in einem Antiquariat fand. Vor ein paar Monaten war ich Vater geworden, und die Leidenschaft für das Lesen erstarb vorübergehend, verständlicherweise, wie die Leidenschaft für manch anderes auch, respektive: Ich besorgte es mir mit Fachliteratur, und deshalb war Richler ein glorioser Empfang bei meiner Rückkehr ins Reich der Romangeschichten, denn Richler ist ein Gott, also: war.
Von Klosterman hatte ich noch nie gehört, außer von einem Kollegen, der, als er das Buch später auf meinem Bürotisch liegen sah, sagte: »He, Klosterman, von dem habe ich schon viel gehört!« Allerdings wusste der Kollege nicht mehr, was genau er von ihm gehört hatte. Was ich erfuhr: Klosterman ist Journalist und schrieb bis vor kurzem für die US-amerikanische Musikzeitschrift Spin. Ich hatte mir Spin mal gekauft, als ich noch im Alter war, in dem man Musikzeitschriften kauft, also sehr jung. Ich fand Spin schlecht. Was ich auch noch herausfand: Spin wurde von seinem Gründer Bob Guccione junior (der Sohn des Penthouse-Gründers Bob Guccione senior) 1997 an das Vibe Magazine verkauft, für 45 Millionen Dollar. Unlängst wurde Spin schon wieder verkauft. Für fünf Millionen. So viel zum Thema »Was ist eine Rockmusik-Zeitschrift wert, heute?«
Kultbuchautor. Okay, dachte ich, dafür kann Klosterman ja nichts. Das ist Verlagsbeklopptheit. Und sein Aussehen, sein Lächeln: Vielleicht hatte er ja einen Schlaganfall erlitten und konnte nicht anders lächeln. Außerdem sehen viele Autoren behämmert aus und schreiben trotzdem gut. Also stürzte ich mich in das Buch.
Sid Vicious, Kurt Cobain und all die anderen legendären Leichen
Die Geschichte handelt von einem Rockmusikjournalisten namens Chuck Klosterman, der für eine Zeitschrift namens Spin schreibt. Von seinem Boss bei Spin (»eine attraktive Blondine namens Sia Michael«) erhält er den Auftrag für eine epische Geschichte, in der es um Tod und Rockmusik geht. Chuck soll Orte aufsuchen, an denen Rockberühmtheiten ums Leben kamen, freiwillig, bei Unfällen, wie auch immer, auf jeden Fall frühzeitig, und durch ihren Tod noch viel berühmter wurden, als sie es zu Lebzeiten waren, also unsterblich. Also packt der gute Chuck seine 600 Lieblings-CDs in seinen Ford Taurus (er besitzt zwar einen iPod, kann ihn aber nicht mit der Autoanlage in Verbindung bringen) und fährt los auf eine Reise, die 18 Tage dauern wird. Die 600 CDs bilden den Soundtrack des Roadmovies. Nur muss man wissen: Es sind 600 schlechte Platten, die Chuck sich da ins Auto geladen hat. Chuck hat einen schlechten Geschmack. Oder nein, nicht schlecht, aber mindestens stinklangweilig. Fleetwood Mac. The Eagles. Michael Jackson. Shania Twain. Boston. Kiss. So tönend, geht es durch die USA an die Orte des Todes, ins Chelsea Hotel, wo Sid Vicious erst seine Freundin Nancy Spungen abstoch und sich kurz darauf selbst mit Heroin zum Heroen spritzte, zum Sumpf, wo die Band Lynyrd Skynyrd in einem Flugzeug vom Himmel fiel, quer durchs Land, bis, natürlich, nach Seattle, wo sich Kurt Cobain die Birne wegblies mit einer Flinte. Zwischen den Stationen denkt Chuck über viele Dinge nach. Man hat ja Zeit, so allein unterwegs in einem Auto in einem ach so großen Land. Jugend. Drogen. Liebe. Das Leben als solches. Und natürlich Musik. Am vierzehnten Tag etwa erklärt der gute Chuck lange, das »Rod Stewarts whiskeygetränkte Kehle ergreifender klingt als die von Frank Sinatra«. Das Schlimmste im Buch: eine Langstrecken-Ausführung über Chucks Erkenntnis, dass die Songs der Platte Kid A von Radiohead die Ereignisse des 11. Septembers vorwegnahmen. »Je häufiger ich das Album spielte, desto greifbarer wurde der Zusammenhang. Das Album wird immer symbolischer, seine Bilderwelt immer klarer – gleichgültig, wie oft ich es höre.« Und: »Bei Kid A gibt es keine Lücken in der Logik, vielleicht, weil es keine Logik gibt; es kommt einem fast vor wie ein musikalisches Storyboard, speziell für diesen Tag.« Chuck ist sich sicher, dass Kid A der offizielle Soundtrack des 11. September 2001 ist, obwohl es am 3. Oktober 2000 herauskam.
Auf Seite 191, wir sind mittlerweile in Minneapolis, wirft Klosterman wieder einmal seine Reflexionsmaschine an, morgens um fünf nach neun. »Mir fällt auf, dass ich – seit ich unterwegs bin – nichts gelesen habe, außer ab und zu die Zeitung (und da meistens nur den Sportteil). Erstaunlicherweise fehlt mir nichts. Ich bin schon immer neidisch auf Freunde, die behaupten, dass sie ein tiefes, erotisches Verhältnis zur Literatur haben, weil das bei mir nicht so ist.«
Ich bin schon immer neidisch auf Freunde? Oje. Aber Klosterman hat noch nicht zu Ende gedacht. »Meine Wohnung ist gestopft voll mit Büchern, aber insgeheim habe ich den Verdacht, dass ich nicht gern lese; manchmal fühlt es sich an wie etwas, wozu ich mich zwingen muss (und das aus Gründen, die ich nie ganz verstehe).«
Wenn Sie nun finden, diese Buchbesprechung sei geschwätzig, dann haben Sie Recht. Ja, sie ist geschwätzig. Sie ist so was von geschwätzig. Aber wissen Sie was? Das Buch, von dem diese Besprechung handelt, das ist noch vieeeeeeeeeeel geschwätziger. Das Buch ist in etwa so geschwätzig wie meine Tante auf Speed. Aber ehrlich gesagt, ich stelle mir meine Tante auf Speed interessanter und amüsanter vor als Klostermans Werk.
Was ist der Soundtrack von 9/11? Und wie klingt Amerika?
Damit wäre eigentlich auch schon alles gesagt: Eine zu 85 % wahre Geschichte ist ein zu mehr als 85 Prozent schlechtes Buch. Es ist langweilig. Es ist unwichtig. Es handelt von beschissener Musik. Und es fühlt sich an wie etwas, wozu ich mich zwingen muss (und das aus Gründen, die ich absolut und ganz verstehe).
PS: Tipp an den Fischer Verlag, Frankfurt: Sie haben doch die Taschenbuchrechte für den Richler, oder? Stampfen Sie Klosterman ein. Bringen Sie das vergriffene Der Traum des Jakob Hersch wieder heraus. Bei Amazon werden dafür stolze 84,50 € verlangt. Für ein gebrauchtes Taschenbuch! Und wissen Sie was? Es ist das Geld wert. Klosterman hingegen: Nicht einen Penny, also Cent. Darauf einen (randvoll gefüllten Becher) Klosterfrau Melissengeist.








Hi,
das mit dem Melissengeist habe ich nicht sofort verstanden, aber dann, nach zwei Minuten - oooops - bingo. Anyway - die Kritik ist hervoragend und ich hätte noch gerne ein paar Zeilen mehr gelesen. Kultbuchautor Klosterman - da fällt mir nur R.D. Brinkman(n)ein und der hatte einen guten Musikgeschmack. Z.B. Loudon Wainwright III mit DEAD SKUNK "Crossin' the highway late last night....the skunk got squashed and there you are!
Gruß
Wray
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