Karl Mickel entstammte eher ärmlichen, proletarischen Lebensverhältnissen im Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegs-Dresden. Mit dem ihm eigenen unbändigen Wissensdurst, im Vollbesitz seiner Männlichkeit und mit burleskem Eifer durchschritt er als Antipode des Zeitgeists verschiedene Habitate, um doch immer wieder darauf zurückzukommen, woher er stammte: aus dem proletarischen Dresden.

Als junger Mann ging er nach Berlin, um dort Wirtschaftsgeschichte zu studieren, und dass er sich für Wirtschaftsgeschichte entschied, hatte sicher damit zu tun, dass er mit 17 in die SED eingetreten war, sehr jung, sehr idealistisch.

Nach dem Studium arbeitete er bei einer Wirtschaftszeitung, Der deutsche Außenhandel, und als Redakteur der Zeitschrift Junge Kunst. Bald kam es zu einem Quasiberufsverbot von Mitte der sechziger Jahre bis 1970. Er konnte einer redaktionellen Arbeit weiter nachgehen, durfte aber selbst nicht publizieren. Harte Zeiten für die Familie Mickel, die erst endeten, als ihn Helene Weigel als wissenschaftlichen Mitarbeiter und Dramaturgen ans Berliner Ensemble berief. Er blieb dort bis zum Ende der späteren Ruth-Berghaus-Intendanz und ging danach an die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, um Versmaß und Diktion zu unterrichten. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zum Professor berufen.

Der erste Teil des Romans Lachmunds Freunde, bis auf einzelne Passagen geschrieben zwischen 1965 und 1983, erschien 1991. Nun hat Klaus Völker als Nachlassverwalter den zweiten Teil ediert, ergänzt um die so genannte Lachmund-Novelle und verschiedene Paralipomena, die bis in den Todesmonat Juni 2000 hineinreichen. Der mäandernde Mickelsche Lebensstrom geht hier hinüber in ein altersweises Delta, dem eine gewisse Sanftheit eignet: Ursachen seines Vergnügens wie seines Missvergnügens, Fabelkonstrukte, Auf-Gelesenes werden mit moribunder Gelassenheit artikuliert, die um ihr Ende weiß und einfach abwartet.

Mickel selbst, so Völker in seinem Nachwort, habe stets Wert darauf gelegt, »daß Band II als Fortsetzung von Band I gedacht ist und kein Fragment darstellt«. Er bricht kurz vor dem Ende des fünften Kapitels ab, und in der Tat reichen seine Tentakel tief in die Höhlungen von Band I hinein. Dort begegnen einander drei Freunde, »der eine heißt Bär, der andere Günter Hammer, der dritte Eckart Immanuel Lachmund«, im 53er-Jahr. So geradlinig, wie es eben geht, werden ihre Wege durch Frauenbetten, Kartoffeläcker, Boxringe und Bücher erzählt. Die Körperertüchtigung nimmt einen ebenbürtigen Platz neben der Geistesschulung ein. Dass Lachmund einen Boxgegner wie den deutschen Meister Schugaschwilli niederkämpft, mag im Angedenken an Iossif Wissarionowich Dshugashwili alias Stalin aus heutiger Sicht wie eine etwas platt geratene Pointe anmuten. Dass er aber ausgerechnet am Tage des Sieges über Schugaschwilli zusammenbricht, schließlich seine Träume von einer Olympiateilnahme begraben muss, stattdessen als Tuberkulosekranker in ein Rekonvaleszenzheim eingewiesen wird und sich Studien über Goethe wie eigenen Gedichten widmet, gibt, mit den Augen Mickels gesehen, dem Zufälligen im Notwendigen Raum und bringt es auf den Punkt: Auch Mickels Studienwahl war die Unsicherheit, was man denn nun am besten studieren solle, vorausgegangen.

Hermann Kant, in den späten siebziger und in den achtziger Jahren, in den Jahren also meiner Bewusstwerdung in der DDR, als Gegenspieler Mickels wahrgenommen, schrieb darüber den flockigen Roman Die Aula. Ein Anekdötchen jagt das nächste. Die junge Frau, die in Kants Roman zur Sinologin wird, glaube ich persönlich zu kennen, und der angehende Förster aus der Aula war der Vater einer Kommilitonin. Man kannte sich halt in der kleinen DDR.

In den Anfangsjahren, da eine Elite kaum zur Verfügung stand, ging es um gottgleiche Erschaffung derselben aus den vorhandenen Ressourcen an Arbeitskräften. Dass, wer einmal zum Intellektuellen aufgestiegen war, für seine Kinder unter Umständen weit schlechtere Bildungsmöglichkeiten in Kauf nehmen musste, wusste man damals noch nicht. Und so stiefelten die Arbeiter und Bauern zum Studieren, die einen stolz, die anderen skeptisch. Darüber schreibt auch Karl Mickel. Aber er schreibt nicht »von unten«, sich um Typisierungen, Fallschilderungen und eine Fabel kümmernd, die ohne große Mühen zu lesen wäre. Karl Mickel schreibt »von oben«, aus der zeitlichen und intellektuellen Distanz.