Erzählung Eine Welt für sich
Mit ihren Erzählungen »Die Katze« beweist Fabrizia Ramondino erneut ihre Meisterschaft.
Die italienische Erzählerin Fabrizia Ramondino gehört zu jenen Originalgenies, die sich keiner literarischen Tradition zuordnen lassen und sich gleichsam selbst ihre Ahnen schaffen. Bereits mit ihrem ersten Auftritt, dem Anfang der achtziger Jahre erschienenen Kindheitsroman Althenopis, hatte sie ihren Ton gefunden: ein in sich kreisendes, in Bildern, Gerüchen, Assoziationen, Träumen sich forttastendes Erzählen, das einen dichten, vorsätzlich engen und begrenzten Kosmos schafft. Die Schauplätze wechseln – aber die Welt, die Ramondino auf ihnen erschafft, ist eine reduzierte Welt, bevölkert von wenigen Personen. Man hat ihre Erzählkunst mit Proust und Benjamin verglichen, aber solche Verweise führen eher in die Irre. Sie verpassen das Monadische von Ramondinos Kosmos, das unruhige Zittern ihres Erzählverfahrens, das den Figuren immer nur satz- und absatzweise sicheren Halt in Raum und Zeit verschafft. »Vincenzo schien es«, heißt es in der Erzählung Enzinos Bruder über einen Friseur, der nach langer Abwesenheit in sein heimatliches Stadtviertel in Neapel zurückkehrt, »als käme das Geflüster aus einer begrabenen Stadt, die viele Jahre zuvor, als er den Jungen beim Spielen vor seinem Laden zuschaute, eine Stufe tiefer gesunken war. Er sah all diese unterirdischen Städte unter San Lorenzo vor sich, eine über der anderen, und wusste nicht recht, auf welcher Ebene der Welt er sich befand.«
Was die Welt bewegt, bleibt den Helden verborgen
Vincenzos Rückkehr führt uns ins Herz Neapels; wer sich dort gut auskennt, kann dank verstreuter Hinweise auch ungefähr die Zeit dieser Rückkehr erraten, aber der Versuch einer zuverlässigen Datierung verpasst die Passion von Ramondinos Schreiben. Sie umkreist in immer neuen Anläufen gerade die Unfähigkeit ihrer Figuren, sich in ihrer Umgebung und in ihrer Zeit zurechtzufinden, das Scheitern ihrer Versuche, einer unheilbaren, immer nur augenblicksweise überwundenen Einsamkeit zu entrinnen. So kommt es zu einem Paradox: Eine Schriftstellerin, die sich als junge Frau mit großer Tatkraft in der Neuen Linken engagierte, als Lehrerin in Neapel eine Einrichtung für arme Kinder mitbegründete und sich auch heute noch bei jedem Wahlkampf in ihrer neuen Heimat Itri (Latium) unüberhörbar einmischt, schreibt Geschichten, die gegen die große, die politische Geschichte fast hermetisch abgedichtet sind. Was in den Zeitungen steht und in den Medien zu sehen ist, bleibt den Helden ihrer Erzählungen fremd, es erreicht sie gar nicht.
Wie schon in früheren Büchern Ramondinos sind es Gestrandete, Trinker, leicht oder ganz Verrückte, Verfemte, Ausgestoßene, die ihren Erzählungsband Die Katze und andere Erzählungen bevölkern. Dabei bleibt ihre Vorliebe für die Außenseiter gleichgültig gegenüber deren Herkunft. Was im politischen Vokabular von Fabrizia Ramondino einmal »Klassenzugehörigkeit« geheißen hat, interessiert sie als Erzählerin nur am Rande. Sie kennt sich in beiden Welten aus und kann den Altersdelirien eines Fischers mit ebenso viel Sympathie und Distanz nachgehen wie der Verzweiflung einer verarmten Adligen, die sich kurz vor dem Tod ihr Erbe erstritten hat und in ihrem Palazzo körperlich und seelisch erfriert. Was sie an ihren Figuren wirklich interessiert, ist der Augenblick der Verirrung, des Herausfallens aus der Welt.
Ein wunderbares Beispiel für Ramondinos Fähigkeit, mit Hilfe von winzigen Ereignissen existenzielle Brüche im Leben ihrer Heldinnen sichtbar zu machen, liefert die Titelerzählung. Ramondino zeichnet mit wenigen Strichen die reduzierte Welt einer Rentnerin, die nach einem langen Arbeitsleben ihre Vormittage in einem alten Sessel auf der Loggia genießt. In die Nebenwohnung ziehen neue Leute ein, mit ihnen ein kleines Mädchen namens Rosa. Rasch stellt sich heraus, dass Rosas Mutter ihre Tochter meist sich selbst überlässt und getrennt von ihrem Ehegatten lebt. Die kleine Rosa hat eigentlich nur die Nachbarin und einen jungen Kater zur Gesellschaft. Aus den sporadischen Begegnungen der drei Protagonisten entwickelt sich unversehens ein Beziehungsgeflecht, das für die Alte und für das Kind lebenswichtig wird. »Ich merkte, daß ich Rosa mehr liebte als meine Enkel, vielleicht weil ich merkte, sie brauchte mich mehr…oder weil meine Liebe zu Rosa keine Pflicht war.« Für Rosa wiederum sind der Kater und die Besuche bei der Nachbarin aufregender als die »großen Ereignisse« in ihrem jungen Leben – etwa die Sommerwochen am Meer oder die Einlieferung ihres Vaters in die Psychiatrie. Als die Katze verschwindet, zerbricht das Gleichgewicht, das die kleine Gemeinschaft zusammenhält.
Eine andere meisterhafte Geschichte mit dem Titel Wärme erzählt vom Nachhauseweg einer Lehrerin im winterlichen Neapel. Es ist Zahltag, und die Lehrerin spürt die Wärme des Geldes unter dem Mantel und die Angst vor dem Diebstahl, die Angst vor der Kälte, vor dem Krankenhaus, vor dem Tod und vor dem Kind, das seit vielen Stunden zu Hause auf sie wartet – eine Angst, die erst von ihr weicht, als sie den Schlüssel ins Schloss des Eingangsportals steckt. Aber der Schrecken und die Beklemmung holen sie auf der Treppe wieder ein. Das Kind öffnet mit verschlossenem Gesicht die Tür, die Mutter ist zu spät gekommen und fühlt sich unfähig, sich zu entschuldigen, mit dem Kind zu kommunizieren – allein in ihrem Zimmer, erinnert sie sich ihrer Furcht, eine Schere anzufassen, seit sie einmal die Versuchung empfunden hat, sie ihm (dem Kind) in den Hals zu rammen. Bis es schließlich – in einer Art Übersprunghandlung – zu einem Augenblick der Nähe kommt und sich die Spannung löst.
Nicht alle Geschichten dieses Bändchens sind so bezwingend. Die Colombaia verherrlicht eine von Mythen umwehte Gestalt, eine Obdachlose, die sich in jungen Jahren entschied, auf der Straße zu leben. Vielleicht geht Ramondino dieser sonderbaren Heiligen, die in ihrem Stadtviertel eine fast religiöse Verehrung genießt, mit zu viel Anteilnahme nach. Zwar wird man angesteckt von der Faszination der Erzählerin für die Taubenfütterin, neugierig folgt man ihren Versuchen, das innere Gesetz dieser Landstreicherin aus gutem Hause zu entschlüsseln, aber Ramondinos Identifikation mit der »Madonna aus Ägypten« lässt die Figur dann doch etwas zu »heilig« geraten.
Vor allem dann, wenn Ramondino wie in der Geschichte Die Fremde eine größere Gruppe beschreibt, werden gewisse Grenzen ihres Erzählverfahrens sichtbar. Die bei weitem eindrucksvollste Figur dieser Geschichte ist die schöne Französin Arlette, die von zwei tief verwirrten Carabinieri nackt – mit unzähligen Ringen und Armreifen geschmückt – im Zuge einer Anti-Nudismus-Kampagne am Strand verhaftet wird. Die anderen Mitglieder der Wohngemeinschaft, in deren Mitte die unbekümmerte Arlette wie ein Meteorit eingeschlagen ist, nehmen kaum Gestalt an, man hat Mühe, sich für ihr weiteres Schicksal zu interessieren.
Solche Kritteleien ändern nichts daran, dass Fabrizia Ramondino die europäische Literatur mit einer unverwechselbaren Stimme bereichert. Es ist eine (von Maja Pflug kongenial übersetzte) Stimme, von der man schon beim ersten Hören denkt, man habe sie eigentlich schon immer vermisst.
- Datum 27.09.2006 - 04:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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