Dies wird ein Verriss, leider. Denn wenn es auch nicht das erste Mal ist, dass Mario Vargas Llosa seinen Leser bitter enttäuscht – hier tut er es obendrein, indem er eine glänzende Idee verschenkt. »Ob wahr oder nicht, es ist eine tolle Geschichte.« Der so nach zwei Dritteln des Romans dessen Plot resümiert, ist zwar nur ein biederer Belgier, der schon in Begeisterung verfällt, wenn er nur hört, dass jemand einen falschen Pass hat, aber Unrecht hat er deswegen ja nicht.

Zu Beginn des Buches sind wir in Lima, man schreibt das Jahr 1950, es ist Sommer, und Ricardo, unser schwacher Held, verknallt (so das Wort im Buch) sich mit seinen aufgeregten fünfzehn Jahren in ein ebenso altes Mädchen, das behauptet, Chilenin zu sein. Ihr Benehmen erweist sich als entschieden lockerer und frecher als das der gleichaltrigen Mädchen aus Miraflores, einem Vorort von Lima, und bringt die Jungen ganz schön durcheinander. Vor allem Ricardo, »verliebt wie ein Mondkalb«, scheint tief ins Herz getroffen. Als dann der ganze Chile-Zauber als Schwindel auffliegt und die kleine Chilenin gar keine Chilenin ist, da weiß er schon, dass er sie nicht vergessen wird, obwohl – oder eben weil – sie immer spröder geblieben ist, als ihr Verhalten erhoffen ließ.

Nein, an Vergessen ist sozusagen nicht zu denken, denn das ist der Nukleus des Romans, die Idee: Jemand verliebt sich in eine Frau, die ihn die längste Zeit belügt und betrügt, und obwohl er es sich selbstverständlich immer wieder anders vorgenommen hat, kann er sie sich nicht aus dem Kopf schlagen; er trifft sie nach vielen Jahren dort, nach weiteren da und nach wieder weiteren in jener Stadt, wird neuerlich belogen und betrogen und kann sich doch nicht entziehen, sondern nur hingeben.

Ganz neu ist die Geschichte einer Leidenschaft zu einer belle dame sans merci, die so viel Hingabe und verlorene Herzlichkeit nicht verdient hat, zwar keineswegs, aber immer noch könnte sie geeignet sein, uns das ewige Geheimnis düpierter und doch nicht nachlassender Liebe ein wenig zu lüften. Das erste Kunststück eines großen Erzählers wird es in einem solchen Fall sein, uns das Besondere dieser Frau so zu schildern, dass wir ihr am liebsten gern selbst begegnet wären. Und hier? Hier wird uns gesagt – und von da an im Takt wiederholt –, dass sie klein und zierlich ist, eine unglaublich schmale Taille hat, ein enges Geschlecht und Augen wie dunkler Honig.

Viel ist das nicht, vor allem nicht, wenn auf 400 Seiten kaum etwas hinzukommt, aber in einem solchen Fall geht es ja auch nicht um das Objekt der Liebe, sondern um den so leidenschaftlich Liebenden. Und der wird uns so verdeutlicht, dass er »verrückt vor Liebe und Verlangen« ist, dass er »viele schlaflose Nächte im Zustand fiebriger Erregung« verbringt, die sein »Herz wie rasend schlagen ließ«, und zwar »bis hin zu einer heftigen Erektion«.

Nun gut, wer kennt das nicht; dann aber, kaum dass er sein böses Mädchen wiedersieht, spürt er, »wie mir der Hals austrocknete und meine Finger- und Fußnägel zu schmerzen begannen«. Das ist uns weniger geläufig, macht aber auch nicht nachvollziehbarer, warum er nicht von ihr lassen kann. Wir müssen und sollen diese Liebe hinnehmen, sie und ihr immergleiches Bettritual, an dessen Ende dem Dichter leider nichts anderes einfällt, als dass »sie zum Höhepunkt gekommen war«, und ein paar Zeilen später, dass er, Gott sei Dank, »schließlich ejakulierte«. Ejakulierte! Und wehe, Sie wollen das jetzt der tüchtigen Übersetzerin Elke Wehr anlasten: Im Original steht spanisch ejakulierte, ich wette.

So viel zur Liebe. Man sieht schon, dass sie den Autor nicht wirklich interessiert hat, dass hier vielmehr ein Meister der Innung Farbiges Erzählen aus der Erfahrung einer ins Leere gelaufenen Jugendverliebtheit einen Lebensroman zu drechseln versucht, ohne sich dafür entsprechend ins Zeug zu legen. Er führt sich stattdessen auf als Reiseführer durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ricardo trifft sein böses Mädchen, das er in Lima verloren hat, in Paris wieder, dann in London, dann in Tokyo, dann wieder in Paris und schließlich in Madrid, und fast immer liegen Jahre dazwischen. So lässt sich – man ahnt das Reißbrett über dem Schreibtisch des Autors – aufs beste und also schlechteste die Gelegenheit nutzen, uns im Paris der sechziger Jahre darüber aufzuklären, dass damals »Filme der Nouvelle Vague, von Godard, Truffaut oder Louis Malle«, zu sehen sind, »die gerade ihre Blütezeit erlebten«. Man trifft sich im Cluny oder in der Coupole, dem Deux Magots, dem Procope, und wenn grad nicht gegessen werden muss, gibt es auf jeden Fall Gelegenheit, Pariser Metro-Stationen zu erwähnen oder, zufällig, Neruda, Malraux, Cocteau und Marais zu treffen.

Dann geht es von Georges Brassens zu Cliff Richard, wir sind, so steht’s tatsächlich zu lesen, im Swinging London, die Revolution in Kuba liegt hinter uns, die in Peru geht gerade in die Binsen, da sind wir schon in Japan, wo man sich zwar im Politischen nicht so gut auskennt, aber die Folklore und das Essen geben ja auch was her. All das hat die Erkenntniskraft einer Klassenfahrt und ist auch ähnlich faszinierend. Keinem literarischen Anfänger würde man diese Art Geschichtsgespachtel durchgehen lassen.

An jedem dieser Orte taucht also das böse Mädchen wieder auf, und wer nun meint: wie das?, und gar denkt, dass das aber klug eingefädelt sein muss, um zu überzeugen, der ahnt nicht, wie wenig erzählerische Skrupel dieser Autor hat. »Durch eine jener seltsamen Fügungen des Zufalls ergab es sich…«, und schon schickt uns der Joker an den nächsten gewünschten Ort: »Die Dinge geschehen selten so, wie wir armen Teufel sie planen.« So wird es wohl sein, den reichen Teufeln ergeht es ja auch nicht anders. Und wenn wir etwas Wichtiges erfahren müssen, das uns anders nicht verraten werden kann, dann versetzen wir die Person eben in Hypnose, und siehe da, der Roman kann weitermachen.

Wenn also Vargas Llosa uns über die letzten Jahrzehnte und ihre Metropolen nicht mehr als Schulbuchwissen sagen kann, wenn er sich von den Verwicklungen einer vertrackten Liebe nicht herausfordern lässt und wenn er selbst die Lust am virtuos verknüpfenden Erzählen bequem dem Zufall überlässt, dann bleiben nur noch Tod und Katastrophe, um der Geschichte den Respekt zu zollen, den sie verdient.

War in den ersten Kapiteln das Sterben nur ein Teil der historischen Kolorierung – ein früher Fall von Aids, der Tod des Revolutionärs et cetera –, so scheint es anders zu werden, als wir erfahren, dass das böse Mädchen in Tokyo seinen Meister gefunden hat in einem brutalen Liebhaber, der sie mit ihrer eigenen verqueren Sexualität auf eine Weise konfrontiert, die ihren braven Ricardo und auch den Leser für ein paar Seiten wirklich irritiert und ahnen lässt, was der schreckliche Kern der Geschichte ist oder jedenfalls hätte sein können. Dann aber heißt es schon wieder: »Ich wurde nicht müde, den Duft ihrer depilierten Achseln einzuatmen.« Wer da an Vargas Llosas glänzendes Buch über Flaubert denkt und sich erinnert, was er einst von Unterwerfung und Fetischisierung wusste, kann bei der elenden Sentimentalisierung, die die langen letzten Kapitel verdirbt, nur den Kopf hängen lassen: »Ihre Augen hatten den Glanz verloren, und etwas Verschrecktes lag in ihnen, das an ein scheues Tier erinnerte.«

Man muss es leider sagen: Dies Buch zeigt einen ehemaligen Könner, der, wenn man es freundlich formulieren will, diesmal einfach zu faul war, seine außerordentlichen Talente auszuspielen. Auf diese Weise kann er jener so oft gescholtenen Autorin, die wirklich eine Chilenin ist, nichts vormachen. Die große Zeit des südamerikanischen Romans kommt mit solchen Konstrukten sicherlich nicht zurück.