Er ist der Mann mit den Manteltaschentricks. Er nimmt die Nelke aus dem Knopfloch, und während er sie überreicht, wird daraus plötzlich ein ganzer Blumenstrauß. Er kommt mit einem Sack voller Instrumente, Synthesizer, Drum Machine, Hallgeräte, Stimmenverzerrer, Sequenzer, Keyboard, Piano, Bambusflöten, einer japanischen Koto und dem Tam-Tam-Gong. Und natürlich mit einem Saxofon, denn er nennt sich nicht ohne Grund Jimi Tenor. Er ist Finne und bekannt als ein Quertreiber zwischen Funk, Techno, Jazz, zuletzt hat er eine Platte mit Big-Band-Musik gemacht. Er liebt melodische Klischees, die sich kurz an die Cocktailbar setzen, Paradiesvögel der Popmusikgeschichte auf der Durchreise. BILD

Doch diese Geschichte hier hätte schief gehen können. Die ehrwürdige Deutsche Grammophon sucht die Jugend, öffnet ihre Archive und sagt zu ausgewählten Musikern jenseits von ernster Musik mit großem »E«: Macht mal neu. Oder anders. Oder wie ihr wollt. ReComposed by heißt die Serie, und der Erste am Start, Matthias Arfmann, hat es prompt versiebt. Hat in die Puderperücken von Wagner bis Schumann ein paar elektronisch korrekte Rastalocken reingezwirbelt und gehofft, dass die Köpfe im Club den Dub dazu nicken … Schwamm drüber, ebenso über all die Malheurs von Klassik im Popgewand in den vergangenen 40 Jahren – hier kommt Maestro Tenor. Ihm gehen die Knopflochwunder nicht aus.

Dabei hat er es sich nicht leicht gemacht. Die Komponisten der Moderne, deren Werke er für ReComposed zum »Zurückzersetzen« ausspähte, waren selbst die schrägsten Vögel ihrer Zeit: Edgar Varèse, Erik Satie, Pierre Boulez. Ein riskantes Vorhaben: Das Schräge schrägen? Und was macht der Jimi? Kaum sind die ersten Töne von Steve Reichs Music for Mallet Instruments, Voices and Organ erklungen, schmeißt er uns eine Bananenschale hin! In Form eines glitschigen Synthesizer-Glissandos und, hoppla, mitten hinein in eine von Bläsern und eitel schnalzenden Bassläufen umschmeichelten Space Is The Place –Orgie. Tatsächlich scheint es zunächst, als würde die minimalistische Holzklöppelstudie Reichs von Tenor unter der Tarnkappe des Jazz-Astronauten Sun Ra in den Äther geblasen, doch geht es ihm nicht um Ironie. Er macht sich keinen Spaß mit ernster Musik, vielmehr nimmt er heitere Motive zum Anlass, den tieferen Ernst wiederzufinden. So fangen die legeren Dub-Beats die Ausreißer von Synthesizer und Bläsern lässig, fast zärtlich, wieder ein, und treffen beim Abwärts-Chillen genau den Nerv der feinen Naturtonverschiebungen von Reichs Schlaghölzern.

Hinreißend auch, wie Tenor die elektroakustischen Grübelfalten von Pierre Boulez in einem hibbeligen Technodrama reanimiert und mit WahWah-Effekten und repetitivem Marimba-Blubbern zur Krimi-Musikkulisse umschminkt. Im zweiten Stück Messagesquisse wird daraus eine wilde Verfolgungsjagd mit funky verzerrten Drum-&-Bass-Rhythmen. Boulez als Dr. Mabuse der Musique concrète, albgeträumt von Ennio Morricone. Auch Edgar Varèses Deserts, ohnehin ein Skandalstück, das seinerzeit mit Alltagsgeräuschen den Kanon der klassischen Musikwahrnehmung durchbrach, gerät zu einem famosen Horror-Hörspiel, Free-Jazz-Schreie, Schritte auf der Treppe, Schüsse.

Es hat Stil und Struktur: Zu sphärischen Orgelschleifen verweht, durchziehen Erik Saties Vexations gleich dreifach die CD. Satie, der Softie unter den Genies der Neuen Musik? Nix da, Tenor bohrt nach und setzt noch einmal den Jazzhobel an. Umso sanfter dagen der Umgang mit Nikolaj Rimskij-Korsakows Symphony Nr. 2: Ganz zart bettet er die melodramatische Dynamik der Orchesterklänge in die Schwingen elektronischer Hallverzögerungen ein. Zum ultimativen Pop-Hit gekürt sei jedoch der Remix von Steve Reichs Six Pianos, mit perlendem Swing und Doobdoob-Beedoo lässt Tenor – religiös gesprochen – die Orthodoxie der Minimal Music ins Jiddische kippen.

Von einigen Wunschkandidaten blieb dem Finnen das Material verwehrt, doch dafür rückt er relativ Unbekanntes wie das Chorwerk des Russen Georgij Swiridow ins Licht. Er legt eine kleine falsche Fährte aus Elektrobässen und eleganten Lounge-Bläserriffs, dann folgt ein gewaltiger Tusch auf dem Tam-Tam, und aus der Unterwelt taucht ein Sirenenchor auf. Vielleicht ist es auch eine in der Kirchenkuppel verhallende russische Liturgie, mit solch dunkler Emphase rauscht zum Schluss der CD nochmals das Blut in den Adern. Es wirkt wie Zauberei, dieser warme, schaukelnde Walking Groove, als seien die Gefangenen aus Nabucco unterwegs in einen Nachtclub, und dann, im Abgang, im letzten Beben, doch wieder monumentale Ergriffenheit, klirrende Ketten, letzte Vokalakkorde, himmelwärts.

Welch ein erhebender Unterschied zu den Versuchen, die jüngst in umgekehrter Richtung erfolgten. Einige Pioniere des Techno zieht es neuerdings zum orchestralen Spektakel, in die geweihten Hallen der Klassik. Der kanadische Rhythmusstrukturalist Richie Hawtin produzierte Bombastisches für die Eröffnungsfeier der Winterolympiade, und der Hüter des Detroiter Techno-Grals, Jeff Mills, ließ seine Tracks vom französischen Montpellier Philharmonic Orchestra nachspielen. Doch beiden fehlt leider, was Jimi Tenors ReComposed ausmacht: das Verhältnis zwischen der großen Intellektuellenbrille und der Nelke im Knopfloch.